„Der Bürgermeister kriegt ein Feuerwerk!“
Doch die tosende Brandung der Großstadt verschluckt immer größere Stücke des Eilands. Nur noch drei Stunden brauchen die Pariser mit dem Schnellzug TGV zum nahen Bahnhof Saint Charles. So drängt es immer mehr Hauptstädter in die Sonne, dorthin wo das Leben ihrer Vorstellung vom Süden am nächsten kommt: In den Panier mit seinen alten, verwitterten Häusern, lauschigen Plätzen unter Platanen, wo es Läden gibt wie den von Madame Laurier. In der vierten Generation stellt die Familie 180 verschiedene Sorten Schokolade her. „Alles handgemacht, nach den Rezepten vom Urgroßvater“, schwört Madame, die bis heute keine Sahne und keine Butter verwendet. Darum schmeckt Madame Lauriers Schokolade auch heute noch ein wenig trocken und leicht bitter, aber dafür nach Rosmarin, Rose, Lavendel oder Ingwer und Zwiebel.

Einfahrt in den Alten Hafen
Es ist diese Art Humor und Beschaulichkeit, die die Großstädter aus dem Norden unter der Sonne des Midi lieben. „Sie richten sich in den alten Wohnungen ihre Zweitwohnsitze ein und verdrängen uns. Wir sind hier geboren, das lassen wir uns nicht gefallen“, schimpft Zéphora. Die kleine, kugelrunde Frau mit dem Lockenkopf ist im Panier geboren und aufgewachsen. Sie hat nie anderswo gelebt und will hier bleiben. Um die Armen zu vertreiben, erhöhe die Stadt die Grundsteuern, bis sich nur noch gut Betuchte die Wohnungen im Panier leisten könnten. „Die wollen uns in die Nordstadt stecken.“ Das sind die grauen Plattenbauviertel, wo es keine Arbeit und wenig Perspektive gibt, wo die Einwanderer aus Nordafrika angeblich ihre Schafe auf dem Balkon schlachten und wo die rassistische Nationale Front ihre Stimmen holt. „Aber wir wehren uns“, verspricht Zéphora und droht dem Bürgermeister und seinem Stadtrat „ein Feuerwerk“ an.

Marseille und das Meer gehören zusammen
Noch erscheint der Panier, das höchstens zwei mal zwei Kilometer
kleine Altbauviertel hinter dem Rathaus über dem Alten Hafen, wie
ein idyllisches Dorf in der lärmenden Millionenstadt. Auf den engen
Straßen, durch die höchstens ein Kleinwagen passt, spielen die
Kinder Fußball. Nachbarn unterhalten sich von Fenster zu Fenster über
die Gassen hinweg und am Sonntag trifft man sich draußen zum Grillen. „Jeder
bringt was mit und dann feiern wir hier zusammen, jeden Sonntag, wenn das
Wetter mitmacht.“ Die Einnahmen gehen an den Verein „Kinder,
Eltern und Institutionen“, der sich um Jugendliche und Familien in
Schwierigkeiten kümmert. Zéphora ist die Vorsitzende.