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Neue Wege durch eine alte Landschaft

Tour du Lubéron - mit dem Fahrrad in der Provence

Text und Fotos: Judith Weibrecht

Die Provence. Wohl in jedem weckt sie Bilder und Fantasien: betörende Lavendeldüfte und endloses Violett, knorrige Olivenbäume in Silbergrau, das Land des magischen Lichts und der Maler. Doch so kennen wir die Provence nicht: Die langgestreckte Gebirgskette des Lubéron liegt zwischen Cavaillon und Manosque und ist am Mourre Nègre, dem höchsten Punkt, 1.124 Meter hoch. 235 Kilometer rund um das Kalksteinmassiv des Lubéron führt nun eine Radtour mit teilweise kräftigen Steigungen: die reizvolle und sportliche „Tour du Lubéron“.

Frankreich Luberon Schautafel

Diese Landschaft! An schroffen, eigenwilligen Felshängen vorbei geht es durch jäh wechselnde Landstriche: Bergwiesen, Zedernwälder, Ockerfelsen. Und dazu diese aromatischen Düfte, die wir als Radfahrer ausgiebig genießen können! Lavendel, Thymian, Rosmarin und eine leichte Brise vom Mittelmeer her. Oder ist es gar der Mistral? Auf wenig befahrenen Land- und Dorfstraßen dahinradeln, auf der Terrasse eines französischen Bistros die Boulespieler beobachten, einen Café au lait trinken oder lieber ein Glas Lubéron-Wein, Museen besuchen. Einfach die provenzalische Lebensart genießen! All dies ist hier entlang der Strecke möglich.

Die Hauptstadt der Melone

Beginnen wir im Provinzstädtchen Cavaillon an der römischen „Via Domitia“ und damit in der Ebene. Große Schautafeln informieren schon am Bahnhof der „Hauptstadt der Melone“. Doch auch andere provenzalische Früchte kann man hier beim Bummel auf dem Montags-Markt in Hülle und Fülle erstehen, denn dieses Land ist Früchteland!

Frankreich Luberon Wegweiser

Tour du Lubéron: in beide Richtungen möglich

Kirschen, Erdbeeren, Aprikosen, Trauben gibt es rund um die Kathedrale herum, neben dem Verkehrsverein Berge von Blumen, und die Kleidung wieder in einer anderen Ecke. Die Synagoge des Städtchens aus dem 18. Jahrhundert gilt als eine der schönsten Europas und ist ausgestattet wie der provenzalische Salon eines Herrenhauses.

Schnell noch Sattel und Lenker der Leihvelos eingestellt und mit Blick auf die schroffen Felsabhänge des Kleinen Lubéron geht es nun, den weißen Schildern folgend, in Begleitung der kundigen Führerin Marine Vallat los. Zunächst nach Robion. Der Ort ist still und zurückgezogen, ein echt provenzalisches Dorf mit knatternden Mopeds, flirrender Hitze auf dem Platz, im Schatten dösenden Einwohnern. Man hält Siesta im „Café de la Poste“, verscheucht gelangweilt die Fliegen und die streunenden Hunde. Wir auch!

Frankreich Luberon provenzalisches Haus

Typisch provenzalische Fassade

Denn einer begleitet uns ein Stückchen in Richtung Ménerbes, einem der schönsten Dörfer Frankreichs, das sich an einen Felsvorsprung klammert und uneinnehmbar scheint. Im 16. Jahrhundert war es letzter Zufluchtsort der Hugenotten. Und selbst Picasso suchte sich hier Inspirationen, was nicht schwer gewesen sein dürfte. Für uns ist es ein großartiger Aussichtspunkt, von dem aus eine steile Abfahrt folgt. Die Straße schraubt sich wie ein Korkenzieher hinunter, mitten hinein in ein Weinbaugebiet. Dégustation? Weinprobe? Bien sûr! Aber natürlich! In der „Domaine de la Citadelle“ bei Ménerbes probieren wir Wein aus Grenache- und Syrah-Trauben und besuchen das originelle Korkenziehermuseum mit seinen 1.100 Exponaten. Mechanische, kombinierte, dekorative Korkenzieher, Taschenkorkenzieher... Mir schwirrt schon der Kopf! Der Wein wird sein übriges dazu getan haben!

Der Wächter der Provence

Von weitem schon zu sehen ist das pittoreske Lacoste mit der an den Hang geklebten Ruine eines Schlosses, das einmal dem umstrittenen Marquis de Sade gehörte. Gleich gegenüber liegt Bonnieux mit seinen engen, steilen Gassen und es scheint, als würden die beiden Dörfer einander anblicken. Und immer wieder ist da zur Linken der mächtige, nicht zu übersehende Mont Ventoux, den man von der Tour de France her kennt, der aussieht, als wäre er auch im Sommer von Schnee bedeckt. Doch dem ist nicht so: Der „Wächter“ der Provence ist aus purem weißem Kalkstein und vom nördlichen Lubéron aus gut zu sehen!

Frankreich Luberon Oliven

Apt, die berühmte Stadt der kandierten Früchte, liegt ebenfalls im nördlichen Lubéron. Das Maison du Parc Naturel Régional du Lubéron in einem hübschen Haus aus dem 18. Jahrhundert gibt in allen den Park betreffenden Fragen Auskunft. Hier gibt es eine Ausstellung und einen Laden mit Karten und Büchern. Ein Naturpark, das ist auch für Radfahrer angenehm. Sie werden hier keine riesigen Reklametafeln finden und keine Industrie. Stattdessen wilde Mohnfelder, Lorbeer- und Zedernwälder. Und in Apt mit seinem historischen Stadtzentrum die bunten gallorömischen Fayencen im Musée archéologique, die vielen Brocantes (Antiquitätenhändler) und das liebreizende Flair auf dem Markt am Samstagmorgen. Ab Apt gäbe es auch die Möglichkeit die Tour um den 50 Kilometer langen Rundkurs „Les Ocres en Vélo“ zu verlängern. Dies ist eine beschilderte Fahrrad-Exkursion zu den prächtigen Ockerfelsen des „Colorado Provencal“ in Rustrel und Rousillon, ins Land der farbigen Erde: Weiß, sand, ocker,gold, feuerrot, zinnoberrot, blutrot, glutrot... Was für ein Leuchten!

Provenzalische Herrlichkeiten aus der Küche

Am Abend probieren wir in Saint-Martin-de-Castillon „Noix de St. Jean“, eine Art Nusswein, als Aperitif und „Côtes du Lubéron, Domaine de Mayol 1998“ im Hotel und Restaurant „Lou Caleu“ mit Fahrradabstellplätzen. Die Lubéron-Weine sind trügerisch: Sie kommen scheinbar leicht daher, doch sind sie schwerer als man denkt. Marine erzählt, dass ihr ihre Eltern im zarten Alter von zehn Jahren beibrachten, wie man Wein zu verkosten hat. Und wie man uns verwöhnt! Provenzalische Herrlichkeiten, die kein Ende nehmen, kommen aus der Küche.

Frankrich Luberon Marktstand

Und wir radeln weiter, natürlich durch viele pittoreske Bergdörfer, Forcalquier zum Beispiel mit seinen Gassen und dem Dorfplatz, über den der Radweg führt. Gut für eine Pause! Oder Manosque, nun im südlichen Lubéron, ein schmuckes Städtchen mit malerischer Altstadt. In Vitrolles übernachten wir anderntags bei Pierre Buzzo im Chambres d´hôtes „Le Domaine du Tombareau“. Pierre, ein Original, serviert erst Pastis im Garten und dann bekocht er seine Gäste meisterlich. Provenzalische Gerichte dampfen auf seinem Herd nicht weit von dem langen Holztisch, an dem alle einträchtig sitzen. Pierre schenkt Rotwein nach und redet und redet, erzählt vom Jazz, seiner Leidenschaft. Mein Französisch wird langsam besser. Doch verstehe ich auch richtig?

Keine Angst vor dem Mistral

Des Nachts schlägt der Wind gegen die Fensterscheiben meines Zimmers, das mit liebevoll zusammengetragenem Schnickschnack ausgestattet ist. Im Zimmer leise Schatten. Oh, la la! Der Mistral bläst auch tagsüber in Nord-Süd-Richtung die Rhone entlang, dem Radfahrer mitten ins Gesicht und angeblich so, als könne er einem Esel die Ohren wegblasen. Tiere und Menschen mache er verrückt und habe schon den einen oder anderen Radfahrer aus dem Sattel geschmissen. Also Vorsicht! Das sei „pas normal“ heute, erklärt man mir. Was für ein Pech! Doch alles hat eben zwei Seiten. Mindestens. Denn schließlich sorgt der Mistral auch für den azurblauen Himmel.

Frankeich Luberon Etang de la Bonde

Von nun an rollen wir erst mal genüsslich abwärts und lassen uns hinter La Motte-d´Aigues zu einem Abstecher zum L´Étang de la Bonde (Foto rechts) verführen. Eine lohnende Angelegenheit! Türkises Wasser vor dunkelgrünen Bäumen und ein Restaurant am einzigen See des Lubéron, darüber spannt sich ein strahlend blauer Himmel. Ein erfrischender Sprung ins kühle Nass? Ein Rennradfahrer, von denen es hier viele gibt, ist gerade angekommen und blickt sinnend auf den See hinaus.

Einen kleinen Teich finden wir auch im nach Rosen duftenden Cucuron, einem bezaubernden kleinen Städtchen. Riesige Platanen recken sich gen Himmel und spenden Schatten, nette Cafés und Restaurants rund ums Wasser sorgen für kühle Plätzchen während der Radpause. Oder sollten wir hier in der netten Charcuterie Pastete einkaufen, ein wenig Ziegenkäse noch dazu, eine Flasche Côtes du Lubéron und Picknick machen im friedlichen Vaguines bei vielstimmigem Vogelkonzert? Oder gleich im mystischen Lourmarin, genau zwischen dem Kleinen und dem Großen Lubéron gelegen?

Frankreich Luberon Bar

In einer Bar am Etang de la Bonde

Hier, wo man das Haus von Albert Camus und sein Grab besuchen kann oder ein Schloss mit sechseckigem Turm, wird der verwunschene, geheimnisvolle Lubéron touristisch und très chic! Ein Saxophonist spielt auf der Straße, dazu steppt eine Tänzerin in schwarzem Kleidchen. Ältere Herren mit Camcordern bewaffnet folgen ihr auf dem Fuße bis zum Markt. Dort gibt es Fougasse, merkwürdige Brote, gefüllt mit Fisch oder Tomaten, Oliven oder Käse. Oder doch lieber die Plätzchen mit Pistazien, Orangen und Mandeln?

Ein Land, feierlich und herb

Die Fahrt geht nun nach Lauris mit seinem Schloss. In dessen Garten findet man, mit herrlichem Blick auf das Tal der Durance, den Färbergarten mit Färberpflanzen aus aller Welt. Michel Garcia heißt der moderne Alchimist und leidenschaftliche Botaniker, der hier die Färberpflanzen betreut, die neuerdings eine Renaissance bei Lebensmitteln und Kosmetik erfahren.

Frankreich Luberon Kirche Maubec

Ein Land, feierlich und herb ...

Es gäbe mehr zu sehen hier. Viel. Zu viel. Doch alles hat ein Ende und leider müssen wir schließlich und endlich zurück nach Cavaillon, und damit zu den Melonen! Bleiben möchte man nun hier, unter Platanen an einem Dorfplatz oder unter einer weinüberwachsenen Laube bei einem Gläschen „Grand Lubéron 2000“. Oder zwei? Seit jeher schon hat dieser wunderbare Landstrich, das eigentliche Herz der Provence, eine besondere Anziehungskraft auf Künstler und Intellektuelle ausgeübt: „Ein Land, feierlich und herb...“ schrieb schon Albert Camus. Nun denn, neuerdings auch für Radfahrer.

Frankreich Luberon Knoblauch

... und ein Land für Genießer

Fazit: Hier hat sich jemand oder hier haben sich viele ganz außerordentlich Mühe gegeben! Eine sportliche Strecke mit steilen Anstiegen und Abfahrten, Höhen und Tiefen. Der pure Genuss ist diese Tour, auch ohne Kartenmaterial und nerviges Umblättern, denn die Beschilderung ist einfach perfekt. Folgt man den weißen Pfeilen, befährt man die Route im Uhrzeigersinn, mit den ockerfarbenen gegen den Uhrzeigersinn. Außerdem warten an jedem interessanten Punkt Hinweistafeln mit allen nötigen Informationen, die ein Fahrradtourist braucht: Wo gibt es Übernachtungsmöglichkeiten, Läden, Fahrradreparaturservice, Sehenswürdigkeiten, auch links und rechts des Wegs und, und, und... Magnifique, meine ich.

 

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