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Herrlich provinziell

Im Limousin, Frankreichs unbekannter Mitte

Text und Fotos: Hilke Maunder

Verträumte Marktflecken mit mittelalterlichen Mauern, wilde Wälder mit Wölfen, weite Flussauen, charmante Herbergen und Schlösser voller Historie. Das Limousin, die unbekannte Mitte Frankreichs, die viele auf dem Weg gen Süden links liegen lassen, ist seit Jahrhunderten ein Idyll für Kreative.

Frankreich Limousin Rinder

Die heiße Luft steht zwischen den Steinmauern. Geranien setzen rote Farbflecken, Katzen dösen in der Sonne. Stille. Das Bergdorf scheint verlassen, ausgestorben. Einzig Steinfiguren, mit groben Zügen in dunklen Granit gemeißelt, starren den Besucher an. Auf der Mauer eines verwilderten Gemüsegartens hockt ein Rabe, auf einem Sockel hat sich eine Schlange zusammen gerollt. Gegenüber des wuchtigen Kaiseradlers hält ein Wolf eine Natter zwischen seinen Klauen. Wächter aus Stein, stumm und starr, entsprungen der Fantasie eines Mannes: François Michaud (1810-1890). Autodidakt, Bauer und Bildhauer, verschönerte er ab 1850 das Mini-Dorf Masgot mit seltsam schönen Zeugen aus Stein. Tiere und Pflanzen, Fabelwesen, Selbstbildnisse und nationale Ikonen, mitunter ergänzt mit Sinnsprüchen oder Rebus-Rätseln.

Frankreich Limousin Markt

Auch die Märkte: herrlich provinziell

Nach seinem Tod fast hundert Jahre lang vergessen, locken die skurrilen Steinplastiken inzwischen jeden Sommer Hunderte begeisterter Hobbykünstler an. Dann wird die Wiese vor dem kleinen Museum zum Freiluftatelier, bearbeiten Kinder neben prominenten Schauspielern wie Pierre Richard („Der große Blonde mit dem schwarzen Schuh“) den harten Stein, leiten Lehrer der Nationalen Bauschule die Laien an.

Ursprünglich und einsam am westlichen Rand des Massif Central gelegen, hat das Limousin schon früh Künstler und Kreative angelockt. Seit dem 15. Jahrhundert werden in Aubusson Wandteppiche aus Seide und Wolle gewoben. Die Werke aus der „Welthauptstadt der Tapisserie“ haben längst Eingang in das Guinness-Buch der Rekorde gefunden. So stammt auch der größte Wandteppich der Welt aus den Werkstätten der Kleinstadt an der Creuse. 300 Quadratmeter groß, schmückt er die Kathedrale von Coventry. Auch die riesigen Wandbehänge, die das IOC für die Olympiade in Sydney orderte, wurden in Aubusson gefertigt.

Claude Monets Motive

Im Weberhaus, einem mehrstöckigen Steinhaus aus dem 16. Jahrhundert, zeigen alte Webstühle, Spinnräder, Stiche und Studien, wie mühsam das Handwerk war. Noch heute brauchen die rund 30 Weber und Werkstätten, die in und um Aubusson für Auftraggeber aus der Welt arbeiten, für einen Quadratmeter Bildwirkerei einen Monat. Dass der alten Handwerkskunst der Sprung in die Moderne gelang, ist den erst recht lyrischen, später zunehmend apokalyptischen Wandteppichen von Jean Lurçat zu verdanken. Seine monumentalen Werke zeigt das Departments-Museum für Teppichkunst.

Frankreich Limousin Aubusson

Ein Blick auf Aubusson

„Die Dame mit dem Einhorn“, der wohl berühmteste Bildteppich aus Aubusson, wurde per Zufall in Boussac wieder entdeckt. Das trutzige Schloss aus dem 12. Jahrhundert hoch über dem mäandrierenden Flusslauf der Kleinen Creuse war jahrzehntelang dem Verfall überlassen, bis Ehepaar Blandeau das Anwesen kaufte, Zimmer für Zimmer in Handarbeit restaurierte und mit Antiquitäten des 17. und 18. Jahrhundert dekorierte. Nur eine kleine Kammer wurde historisch getreu rekonstruiert: die Schlafstube von George Sand. Bereits Großmutter, verbrachte die Schriftstellerin hier so manchen Sommer, blickte hinaus auf die sanft gewellte Hügellandschaft, die rotbraunen Limousin-Rinder, die blühenden Apfelbäume und die alte Mühle am Fluss.

Frankreich Limousin Strandbad

Freizeit modern: noch kein Motiv für Claude Monet

Motive, die auch Claude Monet kannte. Ende des 19. Jahrhunderte begeisterte sich der Maler für die Wälder und Weiden entlang der Creuse und gründete die Malerschule von Crozant. Andere Impressionisten wie Armand Guillaumin folgten und machten die unbekannte Mitte Frankreichs für kurze Zeit landesweit berühmt.

Markttag

Wie damals prägt Landwirtschaft das Limousin. Großbetriebe sind selten. Bio-Bauern und Kleinbetriebe bestimmen das Bild, bieten auf Hofläden naturtrübe Säfte von alten Apfelsorten, die in keinem Supermarkt zu finden sind, handgemachte Rohmilchkäse, Rindfleisch und Brot. Nur mittwochs sind die Höfe wie ausgestorben. Schon früh fahren die Bauern nach Bourganeuf, stellen im Schatten Schloss, Pfarrkirche und Wehrmauer ihre Stände auf: Markttag.

Frankreich Limousin Käse

Köstlicher Käse aus der Provinz

Das Angebot an regionalen Produkten lockt Käufer selbst aus weiter entfernten Städten hierher. Am späten Vormittag pilgern sie zum halbrunden Kirchplatz, bepackt mit Tüten und Taschen, ein wenig erschöpft, ein wenig erregt, aufgelegt zu einem Plausch. Sie strömen in die Cafés, die ihre Stühle auf den Kopfsteinpflaster gestellt haben, ordern einen P‘tit Nor (Kaffee), Pastis oder Panaché aus Bier und Limonade, greifen nach einer Zeitung oder gestikulieren wild im Gespräch mit dem Nachbarn.

Frankreich Limousin Dörfliche Idylle

Eine dörfliche Idylle

Punkt zwölf ist es schlagartig still, der Platz verwaist. Zur Mittagszeit sind die Städte ausgestorben, die Landgasthöfe brechend voll. In Alleyrat serviert Patrice D‘Hiver deftige Hausmannskost, la cuisine du terroir: Le Fondu Creusois. Zu Scheiben würzigen Schinkens, Bergen von Brot oder Kartoffeln und einem opulenten Omelett reicht sie ein kleines Schälchen mit flüssigem Käse: die Soße für das sättigende Trio. Nach dem üppigen Auftakt zum Mittagsmenü kommen kulinarischen Klassiker der Creuse auf den Tisch: Cuisse de Canard, gefolgt von Creusois – Kaninchenkeulen und Nusskuchen zum Nachtisch. Und der schläfrig-satten Einsicht, die Wanderung zum neuen Wolfspark von Guéret auf morgen zu verschieben.

 

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