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Poesie in Beton

Le Havre

Text und Fotos: Hilke Maunder

„Mein Beton ist schöner als Stein“: Nicht alle teilten die Ansicht von Auguste Perret, unter dessen Federführung in den 1950er-Jahren das kriegszerstörte Le Havre im kühlen Stil der klassizistischen Moderne neu entstand. Das Wort von der „doppelten Zerstörung“ machte die Runde. Heute gehört die Stadt an der Seine-Mündung zum Weltkulturerbe – und strebt mit kühnen Visionen von Jean Nouvel in die Zukunft.

Le Havre - Bassin du Roi - Hafenbecken mit Rathaus im Hintergrund

Bassin du Roi - Hafenbecken mit Rathaus im Hintergrund

Das alte Le Havre, einst Frankreichs größter Kaffeehafen, mit großzügigen Boulevards der Belle Epoque und barocken Reederpalais, starb im Zweiten Weltkrieg. 1940 waren die deutschen Truppen in die Stadt einmarschiert und hatten Le Havre zum größten Kriegshafen am Atlantik ausgebaut. 1944 greifen die Alliierten an. 132 Bombenangriffe folgen. Bei den Attacken der Briten werden am 5./6. September 1944 während weniger Stunden 5.000 Menschen getötet und 12.500 Gebäude zerstört. 80.000 Menschen verlieren über Nacht ihr Zuhause. 133 Hektar Ruinen bedeckten bei Kriegsende das Stadtzentrum. Die französische Regierung reagiert mit einem radikalen Plan: Le Havre soll als Musterstadt der Moderne auferstehen. 1945 beauftragte sie den Architekten Auguste Perret mit dem Masterplan. Er sollte für 60.000 Menschen eine neue Stadt im Stil von Le Corbusier schaffen, mit würdigen Lebensbedingungen für eine klassenlose Gesellschaft: Licht, Luft, Strom und fließend Wasser für alle. Doch Baumaterial war knapp. Massenhaft gab es jedoch riesige Schuttberge. Perret schuf daraus einzigartige Betonvariationen: Zermahlen, nach Farben und Strukturen getrennt, mitunter wieder eingefärbt, mit feinen Glassplittern oder Kieselsteinen vermischt, schuf er völlig neue Oberflächen, grob oder fein, gefärbt, gewachst, modelliert, versehen mit Ornamenten, Zitaten griechischer Säulen oder Elementen des französischen Klassizismus. Perret konnte nicht mehr erleben, wie sein Gesamtkunstwerk vollendet wurde – und auch nicht mehr die Diskussionen, die seine Neugründung hervorrief. Als „doppelte Zerstörung“ kritisierten es viele Franzosen, doch Perret war überzeugt: „Mein Beton ist schöner als Stein, dessen Schönheit die edelsten Baumaterialien übertrifft. Er hat seine eigene Poesie“.

Weltkulturerbe Le Havre

Le Havre - Rathaus

Rathaus

Erst 50 Jahre später erhielt Perrets Vision die weltweite Anerkennung: Aufgrund der einheitlichen, zukunftsweisenden Architektur des Stadtbildes wurde die Stadt an der Seine-Mündung im Juli 2005 von der UNESCO in die Liste des Weltkulturerbes aufgenommen. Straßengestaltung und Gebäudeformationen des neuen Zentrums erinnern teilweise an Interpretationen des sozialistischen Realismus. Luftige Kuben mit großzügigen Balkons säumen die Avenue Foch, die schnurgerade auf das Meer zuläuft. Dreistöckige Gebäude mit Flachdächern und zehnstöckige Hochhäuser umgeben den Rathausplatz. Schulen, Kirchen und Hafenanlagen schuf Perret – und das bis heute höchste Gebäude von Le Havre: den 107 Meter hohe Turm der Église St-Joseph.

Le Havre - 107 Meter hoher Turm der Église St-Joseph

Blick auf den 107 Meter hohen Turm der Église St-Joseph

Durch die Fenster im achteckigen Turmhelm leuchtet ein himmlisches Licht direkt an den zentral im Herzen eines griechischen Kreuzes aufgestellten Altar; durch 12.768 Glasfenster in sieben Farben – gelb, orange, rot, lila, blau, grün, weiß – und 50 Schattierungen fällt das Sonnenlicht und lässt farbige Quadrate über die puristische Fassade gleiten – unten in satten, dunklen Tönen, zur Spitze immer heller werdend bis zum Weiß des Himmels. Erschaffen wurde der leuchtende Gegenpart zum unverkleideten Beton von Marguerite Huré, die Perret über den Nabis-Maler Maurice Denis kennengelernt hatte und mit der er bereits 1922 bei der Église Notre Dame de la Consolation von Raincy zusammengearbeitet hatte.

Le Havre - 107 Meter hoher Turm der Église St-Joseph

Blick in das Turminnere

Auch bei den Wohnungen standen für den futuristischen Stadtplaner Rationalität sowie Flexibilität im Vordergrund. So soll das Wohnzimmer, das Herzstück jeder Wohnung, auch als Empfangsraum für Gäste, Esszimmer oder Büro dienen können. Um diese unterschiedlichen Zwecke erfüllen zu können, nutzte Perret ein System von verschiebbaren Trennwänden. Der Architekt arbeitete mit den Raumausstattern René Gabriel, Marcel Gascoin und André Beaudoin zusammen, um eine an die modernen Lebensumstände der damaligen Zeit angepasste Wohnungseinrichtung zu entwerfen. Charakteristisch für dieses Mobiliar ist Funktionalität sowie die Standardisierung für die Massenherstellung. Alltagsgegenstände wie Küchengeräte oder Kinderspielzeug hauchen heutzutage der für Besucher geöffneten Musterwohnung Leben ein.

30 Jahre später hinterließ eine zweite Ikone der Moderne seine Spuren: Oscar Niemeyer, der Vater der südamerikanischen Hauptstadt Brasilia, schuf für La Havre 1972-1982 das Maison de la Culture du Havre, das rasch seinen Spitznamen ‚Le Volcan’ erhielt. Heute schreibt Star-Architekt Jean Nouvel Le Havres Avantgarde-Architektur fort. 2008 eröffneten im alten Hafenbereich seine „Bains des Docks“ als 5.000 qm große Bade- und Wellnessoase: von außen ein grauer Betonklotz, im Innern strahlend weiß und Licht durchflutet, mit klaren Formen, Vorsprüngen und Durchbrüchen. Abends betont die Fassadenbeleuchtung des berühmten Lichtplaners Yann Kersalé die horizontale Ausdehnung des Baus. Auf der anderen Seit des nicht mehr genutzten Hafenbeckens soll Nouvels zweiter Bau für Le Havre entstehen: das Meereszentrum „Centre de la Mer et du Développement durable“ – mit einem 120 m hohen Aussichtsturm als Wahrzeichen. Ob das Projekt nach der weltweiten Finanzkrise jedoch realisiert werden kann, ist ungewiss. 2012 fertig gestellt wird ein weiteres Großprojekt, mit dem Le Havre sich schon heute als Pionier nachhaltigen Bauens beweist: das Grand Stade am östlichen Stadteingang. Die leuchtend blaue Hülle, die das ufo-artige Fußballstadium umgibt, erzeugt seit Mitte 2012 mehr Solarenergie, als die Sportstätte für ihren Betrieb benötigt.

 

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