Käse, Honig, wilde Schweine
Eine kulinarische Expedition durch Korsika
Text und Fotos: Volker Mehnert

Korsika, die Insel seiner Jugend, könnte er mit verbundenen Augen an ihrem Duft erkennen, behauptete Napoleon Bonaparte, als er auf St. Helena verbannt war. Da mochte eine gehörige Portion Heimweh des gescheiterten Imperators mitklingen, doch so ganz unrecht hatte er nicht. Der korsischen Landschaft entströmt tatsächlich ein eindringlicher, unverwechselbarer Geruch, denn mehr als ein Viertel der Insel ist vom dichten Buschwald der Macchia überwachsen, einem oft undurchdringlichen Dickicht aus Gräsern, Bäumen und Farnen, aus Ginster, Zistrosen, Baumheide, Wacholder, Rosmarin, Lavendel und Myrte.
Um unter der mediterranen Sonne eine Austrocknung zu vermeiden, sondern viele dieser Pflanzen ätherische Öle ab, die sich in einer einzigartigen Duftexplosion entladen und anschließend zum ausgeprägten Macchia-Aroma vereinen. „Le maquis“, die Macchia, konnte sich einen großen Teil von Korsika zurückerobern; ihre Ausdehnung hat sich durch die Landflucht der Bevölkerung in den vergangenen hundert Jahren beinahe verdoppelt. Der Exodus begann bereits mit Napoleon, der Zehntausende seiner Landsleute rekrutierte und gefallen auf den Schlachtfeldern Europas zurückließ. Industrielle Revolution und zwei Weltkriege führten zur weiteren Ausblutung der Bergregionen. Deshalb präsentiert sich ein großer Teil der Insel jetzt als struppiges, wildes und vor allem verwildertes Land, eine vormalige Kulturlandschaft, deren verwehte Spuren manchmal noch zu erkennen, oft nur noch zu erahnen sind.

Verwehte Spuren einer Kulturlandschaft
An Steilhängen verfallen die Terrassen, die von vielen Generationen einmal mühselig errichtet wurden, um darauf eine wenig einträgliche Landwirtschaft zu betreiben. Jetzt wälzen sich Brombeersträucher unaufhaltsam über Zäune und Grenzmauern. „Mögen doch die Brombeeren deine Tür überwuchern“, ist nicht von ungefähr eine der übelsten Verwünschungen auf Korsika. Auch auf ehemaligen Viehweiden wachsen wieder Bäume, und in deren Schatten entsteht zunächst ein Wildwuchs von Gräsern und Büschen, bevor sich das mediterrane Strauchwerk endgültig durchsetzt. Hier und da scheint ein verbliebener Bauer noch dagegen anzumähen, doch die Macchia breitet sich beharrlich über dieses menschenleere Land aus, in dem durchschnittlich nur fünf Einwohner pro Quadratkilometer leben.