REIHE ESSEN & TRINKEN UNTERWEGS

Kulinarische Landpartie im Gers

 

Text und Fotos: Hilke Maunder

Bei Toulouse versteckt sich hinter der Ordnungsnummer 32 Frankreichs Schlemmerwinkel: der Gers. Sonnenblumenfelder, große Gehöfte und Taubenhäuser säumen die sanft gewellte Landschaft im Pyrenäenvorland des Südwestens. Foie Gras und Armagnac sind die berühmtesten Köstlichkeiten aus der Heimat der vier Musketiere, die alle Sinne berührt.

Frankreich - Gers - Altstadt von Auch

In der Altstadt von Auch

Hauptstadt des Gers ist die 22.000-Einwohner-Stadt Auch (1), durch die der Namensgeber des Départements fließt. Der Gers entspringt auf dem Plateau von Lannemazan und mündet nach 176 km bei Agen in die Garonne. Am rechten Ufer erstreckt sich die moderne Unterstadt, am linken Ufer die alte Oberstadt. Über ihr Gassengewirr erhebt sich die Kathedrale Sainte-Marie, die zum Welterbe Jakobswege in Frankreich gehört. Hinauf zu dem spätgotischen Gotteshaus führt eine wahrhaft monumentale Treppenanlage, in deren Mitte das Denkmal von d’Artagnan an den berühmtesten der vier Musketiere erinnert. Oben erhebt sich, gleich neben der Kirche, 40 m hoch die Tour d’Armagnac, die im 14. Jahrhundert als Gefängnisturm errichte wurde. Den schönsten Blick auf die Kirche hat man von einem Panoramaraum, den das Office de Tourisme im dritten Stock eingerichtet hat. Hier gibt es auch kostenlose, saubere Toiletten…. Hinab zum Fluss, der dem Département den Namen gab, führen schmalen Gassen, Pousterle genannt. Abends wird die Stadt beleuchtet – ein herrlicher Anblick von den Flussbrücken. Bei klarer Sicht bilden die Zacken der Pyrenäen eine eindrucksvoll glitzernde Kette am Horizont!

Frankreich - Gers - Jakobsweg und Kathedrale in Condom

Wegweiser für einen der Jakobswege, im Hintergrund die gotische Kathedrale Saint-Pierre

Rund 45 Kilometer nördlich von Auch liegt an einem der vier Jakobswege durch Frankreich – der Via Podiensis von Puy-le-Velay nach Santiago de Compostela – die Bischofsstadt Condom (2) an einem Fluss, der – falsch ausgesprochen – wie das französische Wort „baiser“ klingt, einem doppeldeutigen erotischen Begriff... Doch Condom kommt vom Lateinischen „Condatomagnus“ (Markt am Zusammenfluss), und bei der Aussprache von Baïse werden a und i deutlich getrennt. Auf dem Fluss, auf dem sich heute Hausbootfahrer und Paddler tummeln, wurde einst der Branntwein nach Bordeaux transportiert.

Frankreich - Gers - früher Palais, heute Hôtel Les Trois Lys in Condom

Früher Stadtpalais, heute Hôtel Les Trois Lys

Im Herzen der Altstadt erhebt sich die gotische Kathedrale Saint-Pierre über einem Gewirr idyllischer Gassen, in denen Bürgerhäuser vom Wohlstand der Hauptstadt des Armagnac zeugen. In einem besonders prachtvollen Palais residiert heute das charmante Hôtel Les Trois Lys. Sehr schön ist auch das Hôtel de Cugnac mit seinem alten Weinlager (chai) und seiner Brennerei. Sonntag ist Markttag im Bouquerie-Viertel. Setzt euch in eines der Terrassencafés und schaut bei einem Floc de Gascogne, der aus Traubensaft und Armagnac gemixt wird, dem Treiben zu! Oder kostet den prickelnden Cocktail der Region – einen Pousse-Rapière, den in den 1960er-Jahren der Winzer René Lassus im Château de Montluc erfunden hat.

Frankreich - Gers - Château Montluc, Pousse Rapière

Pousse Rapière im Château de Montluc

Die Stadtkapelle aus dem 14. Jahrhundert birgt seit den 1970er-Jahren das Restaurant La Table des Cordeliers, dessen Küche vor fast 40 Jahren zwei Michelinsterne schmückten. Heute funkelt wieder ein Stern – dank Eric Sampietro, der 2004 das kulinarische Comeback des Kapellenrestaurants einleitete. Zusammen mit seiner Frau Cathérine serviert der ehemalige Chocolatier im trendig aufgestylten Gotik-Ambiente Menüs zum Dahinschmelzen.

Frankreich - Gers - Restaurant La Table des Cordeliers in Condom

Restaurant La Table des Cordeliers

Durch die Weinberge des Armagnacs geht es weiter nach Eauze (3), ebenfalls ein Pilgerort an der Via Podiensis. Und berühmt für die Tropfen der Familie Grassa vom Château de Tariquet, die es in jedem Supermarkt, in jedem Restaurant gibt – sie gehören zu den berühmtesten Weinen des Südwestens. Armagnac kam auf der Domaine bereits 1912 in die Flasche. Doch erst 70 Jahre später – 1982 – gesellten sich die leichten, unkomplizierten Weißweine hinzu – die Tropfen der Marke „Tariquet Classic“, die anfangs nur aus der Rebsorte Ugni Blanc gekeltert wurden.

Frankreich - Gers - Château de Millet, Francis Dèche - Armagnac

Château de Millet, Francis Dèche

Später pflanzte Yves Grassa als erster in der Gascogne auch Sauvignon, Chardonnay und Chenin an – und wurde in London für den Bruch mit alten Traditionen 1987 als „White Winemaker of the Year“ ausgezeichnet. Seine Rebgärten erstrecken sich heute auf 950 Hektar rund um das Château. Etwas außerhalb von Eauze versteckt sich inmitten ausgedehnter Weingärten das Château de Millet. Dort lädt Francis Dèche im Herbst Gäste zu einem mittäglichen Schaubrennen. Dazu holt Francis seinen Winzerfreund Marc Saint-Martin mit seinem mobilen Alamabic in die Scheune, stellt für rund 100 Leute Tische und Stühle auf und serviert ein rustikales Mittagessen, während die 1901 erbaute Destillerie seinen Wein in Hochprozentiges verwandelt. Ob’s ein gutes Lebenswasser wird, kontrolliert er mit dem kleinen Finger, den er in den Strahl hält. Marc nimmt lieber einen Zuckerwürfel, den er mit Eau-de-Vie vollsaugen lässt.

Das Burgschloss von Loubersan blickt seit dem 11. Jahrhundert auf die 2877 m hohe „Spitze des Südens“, den Pic du Midi. Seit 1993 ist es das wehrhafte Gemäuer das Feriendomizil eines Designers, dessen Wurzeln im Gers liegen: Jean-Charles de Castelbajac. Seit sechs Jahrhunderten, oder, genauer, seit 1420, ist seine Familie im Gers heimisch, sechs Mal pro Jahr verbringt der Designer poppig-bunter Avantgarde-Mode auf dem 420 m hoch gelegenen Schloss entspannte Tage mit seiner Frau und seinen Kindern. "J'y vis la tête dans les étoiles", verriet er 2007 dem französischen Magazin „L'Express“ in einem Interview. 1600 Rosen hat Castelbajac angepflanzt und im Garten einen 15-Meter-Pool angelegt. Im Innern seiner Burg treffen das architektonische Erbe auf Castelbajacs Liebe zu knalligen Farben und opulenten Formen.

Frankreich - Gers - Domaine Rey, Nicolas Rey, Porc Noir de Bigorre

Nicolas Rey mit Porc Noir de Bigorre

Loubersan ist auch die Heimat von halbwilden schwarzen Schweinen, die Marie und Nicolas von der Domaine Rey das ganze Jahr über die Hügel toben lassen – selbst bei Schnee und Regen. Die Strohbetten im Stall kennen nur die schwangeren Sauen und ihr Nachwuchs.

"Das Porc Noir de Bigorre ist eine alte, widerstandsfähige Rasse, das viel frisst und langsam wächst", erzählt Nicolas, der 2010 mit der Zucht begann. Das Land dazu hatte er von der Großmutter geerbt. Jetzt hält er dort pro Hektar 20 Tiere, die vor Ort geschlachtet und weiterverarbeitet werden – zu Hartwürsten und Schinken voller Aroma, Blutwurst und Rillettes mit AOC-Siegel.

Frankreich - Gers - Porc Noir de Bigorre, Schinken und Wurst

Schinken und Wurst aus dem Fleisch von Porc Noir de Bigorre

Die Liebe zu Farben gehört zu den Wurzeln des Gers, wo im Mittelalter das blaue Gold aus einer gelben Pflanze gewonnen wurde: dem Färberwaid oder Pastel, wie es im Gers genannt wird. Seine Renaissance begann mit dem Belgier Henri Lambert und seiner US-amerikanischen Frau Denise, die 1994 in der alten Gerberei von Pont de Pile ihre Firma „Bleu de Lectoure“ gründeten und gemeinsam mit der École Nationale de Chimie de Toulouse neue Verfahren der Verarbeitung und des Färbens entwickelten. Stuhlhussen, Handtücher, Schale, Kleider und Kissen werden seitdem mit der Isatis tinctoria gefärbt.

Wer ihre Präsentation anschaut, erfährt auch, woher die Redewendung "blaumachen" kommt. Nach dem Färbevorgang musste der Stoff einst einen Tag lang in der Sonne trocken – Zeit für die Färber, nicht zu arbeiten und "blau" zumachen. 2010 ist der Vater des „Bleu de Lectoure“ im Alter von 55 Jahren verstorben. Sein Lebenswerk führt nicht nur Denise weiter fort, sondern auch Thierry Patente, der bei den beiden das mittelalterliche Handwerk gelernt hat. Noch im selben Jahr gründete er TDCO, Carré Bleu de Pastel und verkauft seine Produkte vor Ort in Lectoure (4) und in den Boutiquen von La Fleurée de Pastel.

Frankreich - Gers - Croustade

Croustade

„Toskana Frankreichs“ nannte der Schriftsteller Stendhal den Gers. Für Feinschmecker ist er eher ein Schlaraffenland, das Hüftgold und runde Bäuche garantiert: mit Armagnac, Rot- und Süßweinen, köstlichen Gerichten vom Gans, der Ente und dem Schwein, der Poule au Pot, deftigen Eintöpfen wie dem Alicuit und süßen Verführern wie den Merveilles, Karnevalskrapfen aus dem Gers, oder der knusprigen Croustade, die Isabelle Ducourneau in Courties im Süden von Gers in mehreren Lagen mit Äpfeln oder Pflaumen, Camembert oder Foie gras befüllt.

Frankreich - Gers - Macaron mit Foie Gras

Macaron mit Foie Gras

Im November beginnt die Hochsaison der Stopfleber – in Samatan, Fleurance und in Gimont. Dann drängeln sich Einheimische und Gäste sonntags um zehn vor den mit rot-weißen Ketten abgesperrten Ständen des Marché au Gras und warten darauf, sich an die Stände zu stürzen, wo Gans und Ente, Stopfleber und Confit sich stapeln... für sie die schönste Vorfreude auf Fest- und Feiertage.

Frankreich - Gers - Ramajo Stopfleber

Ramajo Stopfleber

 

Reisemagazin schwarzaufweiss

 

Das könnte Sie auch interessieren

.

Reiseveranstalter Frankreich bei schwarzaufweiss

 

 

Reiseführer Paris

„Paris ist alles, was Du willst“, schwärmte Fréderic Chopin, und bis heute ist die Seine-Metropole ein Schmelztiegel der Strömungen und Trends, der Kulturen und kreativen Impulse. Paris bestimmt, was Frankreich denkt, wie Europa tickt, was die Welt trägt. Kosmopolitisch und kleinstädtisch zugleich, schillernd bunt und doch urfranzösisch, hektisch und doch voller ruhiger Oasen zieht sie Bürger und Besucher in den Bann, die ihrem Mythos verfallen und ihn seit der Gründung zur Römerzeiten in immer neuen Facetten fortschreiben.

Reiseführer Paris

Mehr lesen ...

Kurzportrait Frankreich

"Ein Leben wie Gott in Frankreich", "Savoir vivre" - Sätze, die bei einem Urlaub in Frankreich keine leeren Worte bleiben müssen, vorausgesetzt, man übernimmt ein wenig die Lebensart der Franzosen, besucht Cafés, beobachtet die Menschen beim Boules-Spiel und nimmt sich Zeit für ein Schwätzchen beim Einkauf. Auf einer Reise durch Frankreich können Sie sich auch von den Raffinessen der weltberühmten Küche überzeugen und dazu noch die lokalen Spezialitäten testen.

Kurzportrait Frankreich

Mehr lesen ...

 

Die Gärten von Salagon und Thomassin. Die blühende Hochprovence

Das Frühjahr ist genau die richtige Zeit, um die Flora der Hochprovence zu genießen: gelb und blau blühenden Lein, weiß und rosa blühende Orchideen, gelb blühenden Ginster, roter Klatschmohn und gelber Rainfarn, rosaviolettes Ziströschen oder sonnengelb blühendes Etruskisches Geißblatt. Gärten wie der der Priorat von Salagon sind nicht nur ein Königreich der Düfte und Farben, sondern zugleich ein „Juwel der Botanik“, bewahren sie doch Schätze der Gartenkultur vergangener Zeiten. Vergessene Pflanzen zu erhalten ist Aufgabe des Hauses der Biodiversität am Rande von Manosque, in dessen Garten einige hundert verschiedene Obstsorten für die Nachwelt erhalten werden.

Provence

Mehr lesen ...

Via Domitia: Per Rad auf der Römerstraße durchs Geschichtsbuch

Fünf Radwege folgen dem Hinterland der französischen Mittelmeerküste und bieten römische Hinterlassenschaften satt. Auf grünen Wegen, kleinen Nebenstraßen oder Feld- und Waldwegen führen die Rundkurse um die älteste Römerstraße Via Domitia durch Languedoc-Rousillon. Im 2. Jh. v. Chr. wurde mit ihrem Bau begonnen. Einst verband sie Rom mit seinen Provinzen in Spanien und führte so auch durch Gallien, die Provinz Gallia Narbonensis. Auf den geschichtsträchtigen Routen fanden Handelsgüter, Nachrichten aber auch Truppen mit römischen Streitwagen schnell ihren Weg. Auch heute noch, über 2.100 Jahre danach, lassen sich ihre Hinterlassenschaften besichtigen, und zwar per Rad.

Frankreich - Via Domitia

Mehr lesen ...