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Paddeln auf dem Gardon

Text und Fotos: Hilke Maunder

Ein Spaziergang über den weltberühmten Pont du Gard gehört zum Standard. Viel spannender ist es, sich ein Kanu oder Kajak zu mieten und auf dem Gardon unter dem historischen Brückenbogen hindurch zu gleiten. Für Adrenalinkicks sorgen kleine Wirbel und Schwälle, für Abkühlung sorgt ein Sprung ins kühle Nass.

Zwei geschichtsträchtige Brücken bilden den Anfang und das Ende der Paddeltour: der romanische Pont Saint-Nicolas de Campagnac (1), der seit 1260 mit sieben 27 m hohen Bögen den Gardon überspannt, und die wohl berühmteste Wasserleitung der Antike, der Pont du Gard. Berühmt als Einsatzort für Kanuten ist zwar Collias, das nur zwei Paddelstunden oder acht Kilometer vom Pont du Gard ist – aber so überlaufen und betriebsam ist, dass es mitunter Warteschlangen trotz der Hunderte Leihboote gibt, die auf dem grobem Kieselstrand ruhen. Der Einsatzort Pont St-Nicholas passt viel besser zum ruhigen Charakter des Flusses. „Anders als der l’Hérault fließt der Gardon ganz gemächlich hinab zur Rhône, nur der junge Fluss der Hochcevennen ist wild.“ Als Jean-Pierre unseren etwas enttäuschten Blick sieht, ergänzt er lachend: „Aber es gibt durchaus einige Schwälle – die nehmen aber einen Teil des Flussbettes ein... ihr könnt also wählen: Adrenalinkicks oder ganz ruhig.“

Gardon

Doch als wir in die Leihboote steigen, überlegen wir uns, ob wir uns mit ihnen wirklich in die Wildwasserzonen wagen wollen: Anders als in den uns bekannten Kajaks, in denen man tief sitzt und zum Stabilisieren des Bootes die Beine gegen die Bordwand drückt, hocken wir ungewohnt hoch in den Plastikschalen... anfangs eine recht ungewohnt kippelige Angelegenheit. Doch nach einigen Schlägen entdecken wir den Vorteil der behäbigen Einer- und Zweier: Sie liegen wie Blei im Wasser und fahren auch ohne Ruderanlage bei gleichmäßigen Paddelschlägen schön gerade aus.

Gardon

Der Pont Saint-Nicolas de Campagnac, über den seit 800 Jahren die Haupthandelsstraße zwischen Uzès und Nîmes verläuft, bildet das nördliche Ende der Gorges du Gardon. Im Laufe von Jahrmillion hat sich der 127 km lange Fluss hier in vielen Kehren tief in den hellweißen Urgon-Kalk geschliffen. Steineichenwälder klammern sich an die zerfurchten Felsen; Weiden, Erlen und riesige Weiß- und Schwarzpappeln säumen als eindrucksvolle Solitäre die Ufer. Immer wieder führen schmale Saumpfade vorbei an Höhlen und Felsüberhängen hinauf auf das 150 m höher gelegene Plateau, auf dem in der Hitze des Sommers die Düfte Südfrankreichs verströmt – Rosmarin, Thymian und wilder Majoran. Und tief im Tal schimmert blau das Band des Gardon, der zwischen hellen Felsbänken hindurch fließt. In den Klang des eintauchenden Paddels mischt sich das Zirpen der Zikaden, mal verhalten, mal ein Crescendo.

Gardon

Die Schlucht fängt die Wärme. Schweißperlen bilden sich auf der Stirn. Claudia steuert das Boot auf eine Kieselbucht, schwimmt zu einem Felsblock und springt mit Schwung in den Fluss: „Einfach herrlich. Kommt auch hinein!“ Und wirklich, wie anders ist das Wasser: unglaublich weich, kühl und klar. Und voller Karpfen, die sich uns neugierig nähern. Seitdem der untere Flusslauf renaturiert wurde, sind auch die Lachse und andere Wanderfische zurück gekommen. Auf einem Felsblock mitten im Fluss verschränke ich die Arme und lasse meine Augen am Himmel wandern. Weißbäuchige Mauersegler und Felsenschwalben sausen an den Felswänden entlang. „Guck mal, da, ein Adler!“ unterbricht Claudia meine Tagträumerei. Und wirklich: Majestätisch kreist ein Adler hoch am Himmel über seinem Revier. „Kommt, lass uns weiter paddeln“! So ganz geheuer ist der eindrucksvolle Vogel meiner neunjährigen Tochter Lara nicht....

In der Mitte der Schlucht ziehen wir neben der Ruine einer Mühle die Boote auf den Strand und steigen die Steilwand hinauf zur einem Ort, der nur zu Fuß erreichbar ist: La Baume, ein längst von seinen Bewohnern aufgegebenes Bergnest, bekannt für seine kleine Chapelle St-Vérédème (2) – und als Drehort von „Le salaire de la peur“ (Lohn der Angst, 1953) mit dem jungen Yves Montand.

Frankreich - Pont Du Gard

Pont du Gard

Richtung Collias verengt sich die Schlucht, schießt der Fluss über die Felsen, spielt mit dem Kajak. Paddeln ist kaum möglich, zu dicht liegen die Steine und Felsen beieinander. Lara ergreift das Stahlseil, das an einem Fels angebracht ist, und lässt sich sicher durch die schwierigste Passage gleiten. Immer mehr Paddler begleiten uns, die Paddeltour wird zur Pilgerfahrt, die nach zwei Stunden ihr Ziel erreicht hat: den Pont du Gard (3). In drei übereinander gelagerten, immer engeren Bögen überspannt der Bau 49 Meter hoch das Flusstal. Seine bis zu sechs Tonnen schweren Muschelkalkquader wurden ohne Mörtel oder Zement zusammen gefügt. Allein der Druck und die dadurch entstehenden Reibekräfte genügen, um seine 50.0000 Steine zusammen zu halten.

Seit 1985 gehört der 49 m Pont du Gard zum UNESCO-Weltkulturerbe und damit zu den meistbesuchten Sehenswürdigkeiten Südfrankreichs. Seinen Bau dokumentiert das Museum; im Kino verschmelzen Geschichte und Fiktion beim 25-minütigen Film „Le Vaisseau du Gardon“ (Das Schiff auf dem Gardon) von Robert Pansard-Besson. „Die Seele sieht sich in ein langes und tiefes Erstaunen versetzt,“ schrieb der Essayist und Romancier Stendhal (1783 – 1842) nach einem Besuch des Pont du Gard und notierte, tief beeindruckt, in seinem Reisetagebuch: „Mir scheint, als wirke dieser Bau wie erhabene Musik." Völlig gefangen lassen wir uns unter der Brücke hindurch gleiten, gebannt von der Harmonie und Erhabenheit der Brücke, die im Licht der späten Sonne tiefgolden leuchtet. 

 

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