Reisemagazin schwarzaufweiss

Am Fluss der Zeit

Radfahren entlang des Doubs im Osten Frankreichs

Text und Fotos Judith Weibrecht

Frankreich - Doubs

Die Eurovelo-Route 6 quert Europa ca. 4.000 Kilometer lang vom Atlantik bis zum Schwarzen Meer entlang großer Flüsse. 1994 wurde sie vom Europäischen Radfahrer-Verband ECF gegründet und ist eine der zwölf Strecken des Eurovelo-Netzes. 187 Kilometer führen durch die grüne und wasserreiche Region Franch Comté in Ostfrankreich entlang des Doubs.

Frankreich - in Dole, Statue der “Klatschbasen” (les commères) von Jens Böttcher

Statue der “Klatschbasen” (les commères) von Jens Böttcher

Das bräunliche Wasser des Doubs hört man hier nicht einmal schwappen oder gluckern. Es liegt im Bett und hat Zeit, genau wie die Menschen hier. „Schauen Sie“, sagt Touristenführerin Martine Beuraud, „Dole (1) ist wirklich ein ruhiges kleines Städtchen“. So ist es. Auf der Place aux fleurs neben der Statue der Klatschbasen sitzt ein Rennradfahrer auf der Mauer und starrt vor sich hin. Der Name Dole stammt aus dem Keltischen und bedeutet mäandernder Fluss. Rund um die Stiftskirche Notre Dame herum liegt die Altstadt. Der Doubs, dessen Name ebenfalls keltischen Ursprungs ist, dubs, was schwarz oder dunkel bedeutet, umarmt wiederum zusammen mit dem Rhein-Rhône-Kanal das Städtchen, das hervorragende Ausblicke bietet, die schon diverse Künstler inspiriert haben. Am romantischen Gerberkanal entlang spazieren wir zum Geburtshaus von Louis Pasteur, dem Begründer der Mikrobiologie. Auf den berühmten Sohn der Stadt ist man stolz und hat hier ein Museum eingerichtet. Eine Katze schleicht eine der Gassen entlang, die in der Franch Comté „Treiges“ heißen, und kümmert sich nicht um Doles einstige Größe. „Früher“, sagt Madame Beuraud, „gehörten die Doloiser zu Burgund und hatten ein eigenes Münzrecht. Und einst war Dole die Hauptstadt der Franch Comté.“ Das ist lange her.

Der launische Doubs

Frankreich - Yachthafen in Dole mit der Stiftskirche Notre Dame im Hintergrund und Hausboot mit Fahrrädern im Vordergrund

Yachthafen in Dole mit der Stiftskirche Notre Dame im Hintergrund und Hausboot

Vom ruhigen Doubs in Dole sollte man sich aber nicht täuschen lassen, mit der Zeit geht er um, wie er will. Er ist unbeständig und wetterwendisch. Fast könnte man meinen launisch. Mal fließt er schnell, mal langsam. Mal ist er fast 200 Meter breit und mal nur sechs. Und er windet sich: Die Richtung wechselt er ständig. So kommt es, dass der unbegradigte Flusslauf auf seiner gesamten Länge von 458 Kilometern Länge nur 90 Kilometer Luftlinie überwindet. Wir begleiten ihn und den Rhein-Rhône-Kanal ein Stück weit per Fahrrad von Dole bis Montbéliard durch die Region Franch Comté/durch Ostfrankreich. In Dole macht er Radfahrern und Bootskapitänen den Abschied schwer: Bäume scheinen ihre Kronen einander zuzuneigen und bilden einen riesigen grünen Baldachin über Fluss und Radweg. Hindurch fallen Sonnenstrahlen glitzernd auf Laub und Wasser. So kommt es, dass wir gleich nach den ersten Metern eine Pause einlegen und auf das absonderliche Schauspiel starren. Auch an den engen Schleusen lohnt eine Atempause. Gerade manövriert ein Hausbootkapitän hinein, die Eisentore krachen quietschend zu, Wasser wird eingelassen. Das dauert. Die Schiffe sind noch langsamer als die Radler, und auch wir schalten einen Gang herunter.

Frankreich - An der Eurovelo 6 hinter Rochefort-sur-Nenon, blumengeschmückte Häuschen

An der Eurovelo 6 hinter Rochefort-sur-Nenon, blumengeschmückte Häuschen

Schließlich ist der Radweg glatt asphaltiert und perfekt ausgeschildert. Es ist eine wahre Freude, hier dahinzurollen. Und gegrüßt wird, was das Zeug hält: „Bonjour!“, „Bonjour!“, so geht es in einem fort, wenn wir auf die wenigen Tourenradler, Bootskapitäne, Kajakfahrer oder Kletterer treffen. Letztere versuchen sich an den steil aufragenden Jurafelsen hinter dem blumengeschmückten Rochefort (2). Geranien nicken im Wind, links und recht in den Gärten wachsen Tomatenpflanzen, Pfirsich- und Aprikosenbäume und sogar Bananenstauden. Durch den Forêt de Chaux, ein riesiges Waldgebiet mit Eichen und Buchen, führt ein lohnender Abstecher zur königlichen Saline von Arc-et-Senans (3), UNESCO-Weltkulturerbe, in der man auch übernachten kann. Die Führung dazu lässt sich auf Deutsch aus dem Internet herunterladen auf ein Smartphone oder einen MP3-Player. Wir leihen uns den Audioguide und erfahren alles über die Geschichte des weißen Goldes und die Technik der Salzgewinnung. Die zehn Pavillons mit ihren bestechend klaren Formen, mit Gewölben, Gängen und Säulen sind halbkreisförmig angeordnet. Zur Mitte und somit zum einstigen Haus des Direktors hin verlaufen Wege wie die Speichen eines Laufrades. Sie führen zum einstigen Machtzentrum hin, eine Verdeutlichung des zur damaligen Zeit herrschenden Absolutismus. Heute befindet sich darin das Salzmuseum. Die architektonische Perle wurde vom Architekten Claude-Nicolas Ledoux im 18. Jahrhundert erbaut, dem auf dem Gelände ebenfalls ein Museum gewidmet ist.

Frankreich - Die Saline von Arc et Senans, UNESCO-Weltkulturerbe

Die Saline von Arc et Senans, UNESCO-Weltkulturerbe

Zeitlos in Besançon

Zurück an den Doubs und an die Eurovelo 6 geht es über die Dörfer, die im ganzjährigen Weihnachten zu leben scheinen: „Joyeux fêtes“-Schilder und Elchdekorationen finden sich an so manchem Bauernhof. Aber was ist schon Zeit. In Osselle (4) gibt es neben seinen berühmten Grotten sogar einen Strand mit Baywatch und Campingplatzbar. Der große Milchkaffee, der grand café au lait des gastfreundlichen Barkeepers ist stark, fast fliegen wir bis zum „Relais Velo“ kurz vor Besançon (5). Eine weitere tolle Einrichtung direkt am Radweg: Fahrradverleih, -geschäft, -reparaturwerkstatt und Café mit Terrasse. Was auch immer das Problem sein sollte, hier wird Radfahrern mit Blick auf die Besançon überragende Zitadelle und die Stadtmauern geholfen. Einst vom Baumeister Vauban (1633 – 1707) errichtet gehört die Festung heute zum UNESCO-Weltkulturerbe und beherbergt mehrere Museen. In der Altstadt der einstigen Uhrmacherhauptstadt Frankreichs und heutigen Hauptstadt der Franch Comté liegt, wen wundert’s, das Zeitmuseum im Renaissancepalast Granvelle. Das Uhrmacherhandwerk hat hier eine lange Tradition. 1650 wurde z. B. die Comtoiser Standuhr erfunden. Im Museum lässt sich Zeit auf interaktive Weise erkunden. Dabei hat man hier doch so viel davon. Die Einwohner der Franch-Comté, die Francs-Comtois, gelten als naturverbunden, authentisch, ursprünglich und gemütlich.

Frankreich - Hier geht’s zum Zeitmuseum, Pfeile im Boden

Hier geht’s zum Zeitmuseum, Pfeile im Boden

Der Doubs macht hier die Biege und umschlingt förmlich die charmanten Altstadtgassen. Die Stadt mit ihren Häusern aus dem 16. und 17. Jahrhundert schmiegt sich in die Flussschleife. Diese entlang führt die Flusspromenade zum St. Jakob-Krankenhaus, in dem sich eine Apotheke aus dem Jahr 1680 befindet. Ob Dopingmittel für Radfahrer verkauft werden, ließ sich leider nicht recherchieren. Siesta. Öffnungszeiten waren nicht angeschlagen.

Bunte blumige Franch Comté

Die viereckigen Comtoiser Kirchtürme sind die Symbole der Franch-Comté. Bunte glasierte Ziegel leuchten auf den Zwiebeltürmen schon von weither. Noch bunter wird’s durch den Blumenschmuck, der allerorten bezaubert. Fast könnte man meinen, die Orte würden untereinander um den schönsten konkurrieren. Und das ist tatsächlich wahr, wie sich herausstellt: Jedes Jahr werden die Gemeinden mit dem schönsten Blumenschmuck prämiert. Unser erster Preis geht an die Brücke in Dampierre-sur-le-Doubs, die vor lauter Blüten als solche kaum mehr zu erkennen ist. Doch auch Baume-les-Dames (6) mit seinen mittelalterlichen Bürgerhäusern ist blütenreich und zauberhaft. Das „Dames“ im Ortsnamen bedeutet Damen, denn die Abtei, die hier um 400 gegründet worden war, nahm hauptsächlich Töchter aus Adelsfamilien auf. So entstand der Name Baume-les-Nonnes (Nonnen), aus dem später Baume-les-Dames wurde.

Gleich neben der Kirche Saint-Martin lassen sich in den Caves de L’Eglise die Juraweine probieren, auch der sonnengelbe Wein (vin jaune) darf natürlich nicht fehlen. Diese Spezialität wird aus Savagnin gekeltert und ist vielleicht am ehesten mit Sherry zu vergleichen. Kulinarisch betrachtet bietet die Gegend einiges: Den einst als Arznei verwendeten Absinth, heute 45 % stark und als Aperitif genossen, Comté-Käse, einen Rohmilchkäse aus Milch von Montbéliard-Rindern, Morteau-Wurst, eine gepökelte Wurst aus Schweinefleisch, über Nadelholzspänen geräuchert, der man im gleichnamigen Ort sogar ein Fest widmet, oder Le Kirsch de Fougerolles, Kirschwasser.

Frankreich - in Baume-les-Dames

In Baume-les-Dames

In Montbéliard (7) mit seinen farbenfrohen Häuschen in den Gassen wähnt man sich schon fast auf der anderen Seite des Rheins. Kein Wunder, das einstige Mömpelgard war vier Jahrhunderte lang deutsches Fürstentum und wird vom Schloss der Herzöge von Württemberg überragt. Zudem finden sich in der Stadt Bauwerke des württembergischen Hofbaumeisters Heinrich Schickhardt wie die evangelische Kirche Saint Martin. Des Doubs-Radwegs Ende ist hier erreicht. Und wir landen am Ende bei einem assiette regionale, einem Teller mit regionalen Spezialitäten, im Restaurant „L’Horloge“. „Zur Uhr“ würde das Lokal wohl auf Deutsch heißen. An den Wänden ticken unzählige kleiner Zeitmesser. Da haben wir sie wieder, die Zeit.

Frankreich - Spezialitätenteller (Assiette régionale) der Franch Comté mit Morteau- oder Montbeliard?-Wurst, Räucherschinken etc. im Restaurant „L’Horloge“, Montbéliard

Spezialitätenteller (Assiette régionale) der Franch Comté mit Morteau- oder Montbeliard?-Wurst, Räucherschinken etc. im Restaurant „L’Horloge“, Montbéliard

Fazit: Eine neue Flussroute mit jeder Menge Sehenswürdigkeiten und kulinarischen Genüssen am Wegesrand, perfekt ausgeschildert, fast immer auf glatt asphaltierten Radwegen verlaufend und bislang nur wenig befahren. Das fühlt sich an wie ein echter Geheimtipp. Nehmen Sie sich also… Zeit!

 

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