Reisemagazin schwarzaufweiss

Cocteau d’Azur

Auf den Spuren von Jean Cocteau an der Côte d‘Azur

Text und Fotos: Ralf Nestmeyer

Wer in den Abendstunden die Meerespromenade von Menton (1) entlang schlendert, könnte meinen, ein mysteriöses Ufo sei gelandet. Die hell erleuchteten Fenster erinnern an lodernde unheimliche Flammen. Doch weit gefehlt: Es ist kein Außerirdischer, der hier gelandet ist, sondern das Universalgenie Jean Cocteau.

Frankreich - Cote d'Azur - Blick auf Menton

Blick auf Menton

Am 6. November 2011 wurde in Menton das neue Cocteau-Museum eröffnet, ein futuristischer Neubau, den der Architekt Rudy Ricciotti entworfen hat. Das an eine gigantische Meeresspinne erinnernde Gebäude mit seiner arabesken Formensprache beherbergt die Cocteau-Sammlung des belgischen Mäzens Séverin Wunderman, der der Zitronenstadt mehr als 1800 Objekte in Form von Zeichnungen, Fotografien, Manuskripten, Grafiken, Ölgemälden und Skulpturen geschenkt hat.

„Zwischen Jean Cocteau und Menton gibt es schon lange eine enge Verbindung, aber jetzt wird man beide Namen in einem Atemzug nennen“, erhofft sich Patricia Mertzig vom Office de Tourisme und erzählt, dass Cocteau bereits 1957 vom damaligem Bürgermeister Francis Palmero ermuntert worden war, den Hochzeitsaal im Rathaus nach seinen Vorstellungen zu verzieren.

Der Malerpoet ließ sich nicht lange bitten und entwarf eine Alternative zu dem so kargen wie tristen Flair der französischen Standesämter. Als Motive wählte Cocteau eine allegorische Hochzeitsszene mit Anspielungen auf Orpheus und Eurydike, wobei die Stirnseite von einem jungen Paar dominiert wird, das nur Augen für sich selbst zu haben scheint. Und über allem reitet der Dichter auf dem Pegasus.

Cocteaus Hochzeitsaal erwies sich als geschickter Marketingschachzug, um das Image der als bieder geltenden Zitronenstadt aufzupeppen und er gehört bis heute zu den beliebtesten Sehenswürdigkeiten von Menton. Die Salle des Mariages ist ein faszinierendes Gesamtkunstwerk; es gibt in Frankreich wohl kaum einen schöneren Rahmen für eine Trauung, denn Jean Cocteau hat sogar die Beleuchtung und das Mobiliar bis hin zu den Spiegeln am Eingang ausgewählt. Nicht nur französische Paare geben sich hier das Jawort, sogar aus Japan reisen jedes Jahr rund 20 Touristen an, um vor dem einzigartigen Fresken-Szenario ihren Ehebund zu bestätigen.

Frankreich - Cote d'Azur - Gedenkstein an Jean Cocteau an der Hafenbastion in Menton

Gedenkstein für Jean Cocteau an der Hafenbastion in Menton

Während seiner Malarbeiten im Hochzeitssaal unternahm Jean Cocteau zahlreiche Spaziergänge durch Menton (er rühmte die Altstadthäuser als „erlesene kleine Festungen in Pastellfarben, deren asymmetrisches Äußeres an dasjenige eines menschlichen Gesichtes erinnert“), dabei entdeckte er eine leerstehende Hafenbastion, die ihm von der Stadt Menton gerne zur freien Gestaltung überlassen wurde. Mit eigens entworfenen Mosaiken, Keramiken, Zeichnungen und Bildteppichen verwandelte er die Bastion in ein ganz persönliches Museum, das durch die Sammlung Wunderman kongenial ergänzt wurde.

Frankreich - Cote d'Azur - Mosaik von Cocteau an der Bastion

Mosaik von Cocteau an der Bastion

Wer an der Côte d'Azur auf Cocteaus Spuren wandeln will, darf sich aber keinesfalls auf Menton beschränken. Wie Matisse und Picasso gehörte auch Jean Cocteau zu jenen Künstlern, deren Leben und Werk eng mit der französischen Mittelmeerküste verbunden ist.

Bereits 1922 hatte Cocteau die Ferien mit seinem früh verstorbenen Schriftsteller-Freund Raymond Radiguet in Le Lavandou verbracht, um sich aber schon bald in Richtung Villefranche-sur-Mer (2) zu orientieren, denn das stufenförmig an einen Hang gebaute Villefranche galt damals als „der“ Treffpunkt für Homosexuelle an der Côte d'Azur. Jean Cocteau verweilte mehrere Sommer mit seinen Freunden im damals noch recht einfachen Hôtel Welcome, feilte an seinem Orpheus und vergnügte sich mit jungen Matrosen. „Wir malten, wir schrieben, wir besuchten einander von Zimmer zu Zimmer.“

Für Cocteau müssen es herrliche Zeiten gewesen sein, der Geruch von Opium strömte durch die Flure des "verwunschenen Hotels", das berühmte Künstlermodell Kiki de Montparnasse stritt sich mit ortsansässigen Huren und wurde an der Bar verhaftet, nachdem sie einen Polizisten geschlagen hatte, der sich in ihre Auseinandersetzung eingemischt hatte. Großzügig übernahm Man Ray die Strafe und Kiki wurde wieder auf freien Fuß gesetzt.

In das imaginäre Gästebuch des Hotel Welcome haben sich auch Oscar Wilde, Charles Baudelaire, Isadora Duncan, Albert Einstein, André Gide und Klaus Mann eingetragen. Noch heute gilt: Die Lage des Hotels ist phantastisch, nur ist alles längst ein wenig schnieker, die teuersten Zimmer begeistern gar mit einem Schiffskabinenflair.

Frankreich - Cote d'Azur - Hotel Welcome

Hotel Welcome

Nur einen Steinwurf weit vom Hotel Welcome entfernt, steht die Chapelle Saint-Pierre. In der kleinen, lange Zeit nur für die Aufbewahrung von Fischernetzen genutzten Kapelle hat Cocteau seine eigene Interpretation des Apostellebens in zarten Pastelltönen an die Wand gemalt. Eine poetische Verbeugung mit Fischer- und Zigeunermotiven, eingerahmt von Engeln und Aposteln, deren Augen Fischen ähneln. Zu seiner eigenen Gläubigkeit befragt, antwortete Cocteau kokett: „Ich glaube an den Gott, der an meine Kapelle glaubt.“ Zudem habe er „die Poesie betreten wie man in eine Religion eintritt. Daher ist die Kapelle von Villefranche religiös.“

Pablo Picasso, der zu den ersten Betrachtern der Fresken zählte und zuvor schon im nahen Vallauris selbst eine Kirche ausgemalt hatte, lästerte über den malenden Dichter: „Jean ist dermaßen versessen darauf, dass über ihn geredet wird, dass er sogar imstande wäre, den Bahnhof Saint Lazare auszumalen.“ Und als der Schauspieler Noël Coward zusammen mit Greta Garbo die Kapelle besichtigte, wunderte er sich, dass alle Apostel Jean Marais so ähnlich sahen...

Die Stadtväter ehrten Cocteau 1989 mit einer Büste, die sie gegenüber dem Hotel Welcome aufstellten. „Wenn ich Villefranche betrachte, sehe ich meine Jugend“, wird der Dichter zitiert, doch würde sich Cocteau hier heute nicht mehr wohl fühlen. Die 6. US Flotte mit ihren schmucken Matrosen wurde längst ins italienische Gaeta verlegt und seine Stammkneipe, die ehemalige Bar des Marins, hat sich dem weltumspannenden Lounge-Prinzip unterworfen. Tugend statt Laster.

Von Villefranche hinüber nach Cap Ferrat (3) ist es damals wie heute nur ein Katzensprung. Die Halbinsel gehört zu den nobelsten Ecken an der Côte d'Azur. Distinguiertes Flair zwischen hohen abweisenden Mauern. Auf dem schmalen, nur wenige hundert Meter breiten Isthmus steht die Villa Ephrussi de Rothschild mit ihren berühmten Gartenanlagen. Während sich vor den Toren die Reisenden drängen, interessieren sich nur die wenigsten Touristen für die versteckt gelegene Villa Santo Sospir.

In diesem unbekannten Kleinod am südwestlichen Rand der Halbinsel lebte die Mäzenatin Francine Weisweiller, die Jean Cocteau wiederholt bei seinen Filmprojekten unterstützt hatte. Nachdem Cocteau die anstrengenden Dreharbeiten für Die schrecklichen Kinder beendet hatte, lud sie ihn im Mai 1950 in ihre Villa auf Cap Ferrat ein, damit er sich erholen könne. Man genoss einen unbeschwerten Sommer, Jean Marais kam vorbei und bei schönem Wetter segelten sie die Küste entlang.

Um seine Dankbarkeit zu bekunden, begann Cocteau die Wand über dem Kamin zu bemalen. Durch die Begeisterung seiner Gastgeberin angespornt, ließ er seiner Mallust freien Lauf und gestaltete fast sämtliche Wände der Villa mit einem Potpourri aus Fresken, Mosaiken und erotisch aufgeladenen Interieurs. Sichtlich zufrieden befand Cocteau: „Santo Sospir ist eine tätowierte Villa.“ Bis zu seinem Tod im Jahre 1963 verbrachte Jean Cocteau nicht nur die Sommermonate auf Cap Ferrat, er drehte hier auch den Film La Villa Santo Sospir sowie Szenen für Le Testament d’Orphée.

Die Villa Santo Sospir wurde längst unter Denkmalschutz gestellt und zum Monument historique erklärt, aber erst seit dem Sommer 2010 ist das Anwesen, das sich noch immer im Besitz der Familie Weisweiller befindet, zu besichtigen. Im Rahmen einer Führung kann man in das Cocteausche Universum eintauchen: eine mediterrane Phantasiewelt mit mythologischen Szenen und Figuren, deren Reiz man sich schwerlich entziehen kann.

Frankreich - Cote d'Azur - Kathedrale von Frejus

Kathedrale von Fréjus

Doch es gibt an der Côte d'Azur noch weitere Stationen für Cocteau-Verehrer. So gibt es in dem im Hinterland gelegenen Bergdorf Coaraze (4) eine Keramiksonnenuhr zu bewundern und oberhalb von Cap d’Ail (5) hat der Tausendsassa 1962 im Centre Méditerranéen ein an griechische Vorbilder erinnerndes Amphitheater entworfen und mit Mosaiken verziert. Sein letztes Werk, die mit Fresken ausgeschmückte Chapelle Notre-Dame-de-Jérusalem, liegt einsam in einem lichten Wäldchen oberhalb von Fréjus (6). Da Cocteau vor der Fertigstellung verstarb, hat sein Adoptivsohn Édouard Dermit das Werk vollendet. Profane und sakrale Darstellungen sind hier auf erstaunliche Weise nebeneinander gestellt. Von der Licht- und Farbfülle wird der Besucher regelrecht geblendet.

 

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