Wo Berg und Burg verschmelzen
Der Sentier Cathare in den Corbières
Text und Fotos: Hilke Maunder

Bis heute sind die Katharer, die sich vom Papst lossagten und ein strenggläubiges, asketisches Leben führten, Geheimnis umwittert. Schreckliche Geschichten sind überliefert von den Auseinandersetzungen zwischen den päpstlichen Kreuzzüglern und den „Ketzern”.
Okzitanien im Jahr 1321. Bélibaste, der letzte Katharer, wird nach jahrelanger, abenteuerlicher Flucht auf Château Villerouge-Termenès bei lebendigem Leibe verbrannt. In seinem Schloss stimmt heute eine audiovisuelle Präsentation auf die Geschichte dieser „Ketzer“ ein und lässt die dramatische Flucht der „Parfaits“, der asketisch nach Vollkommenheit strebenden „guten Menschen“ wieder lebendig werden.

Stets auf Bergspitzen errichtet: die Burgen der Katharer
Ihre Wiege hatte die bedeutende Ketzerbewebung des Mittelalters fernab von der französischen Krone in der wilden, einsamen Hügellandschaft der Corbières, den Vorbergen der Pyrenäen. Auf steilen Bergkegeln errichteten sie Burgen, die zum Himmel strebten – und aus der Ferne fast mit dem Gestein zu verschmelzen scheinen. Jahrzehnte dauerte es, bis der machtbewussten Papst Innozenz III. und der französische König diese Bastionen des Widerstandes einnehmen konnte – und Okzitanien in den französischen Zentralstaat einverleibt wurde.
Besonders der päpstliche Gesandte Abbé Arnaud-Amary soll sich beim einzigen Kreuzzug von Christen gegen Christen durch besondere Grausamkeit hervorgetan haben. „Tötet sie alle – der Herr wird die seinen schon erkennen“, lautete sein Befehl.
Ihre Fluchtburgen verbindet heute der „Sentier Cathare“. Der Fernwanderweg beginnt an den Badestränden und Salzseen von Port-la-Nouvelle am Mittelmeer– und endet nach rund 200 Kilometern in Foix am Fuße der Pyrenäen.

Katharerburg Aguilhar
Wie ein Adlerhorst sitzt die Burg von Aguilhar auf einem Karstkegel, 400 m hoch über den Weingärten in der Ebene von Tuchan, die dort schon im Hochmittelalter jene köstlichen Tropfen aus Syrah, Mourvèdre, Grenache und Lledoner pelut lieferten, die heute als AOCs klassifiziert sind.
Tiefblau hängen die dicken Trauben zu Hunderttausenden an den Stöcken, die als einzige auf den ariden, wenig fruchtbaren Kalkböden gedeihen. In der Abendsonne zirpen Zikaden, mit jedem Höhenmeter wird die Luft würziger. Buchsbäume und Rosmarinbüsche säumen den schmalen Pfad hinauf zum Bergfried. Unterhalb öffnet sich vom kleinen Balkon vor der St. Annen-Kapelle ein unvergleichlicher Fernblick: Gen Osten zum Mittelmeer, gen Süden zum heiligen Berg der Katalanen, dem 2784 m hohen Canigou, gen Südwesten zur nächsten Glaubensfestung: Quéribus. Noch höher, noch steiler geht es diesmal hinauf. 700 m hoch thront die Burg, die erst 1255 als letzte Glaubensfestung der Katharer eingenommen wurde, auf einer Felsspitze. In ihrem Schatten duckt sich ein Dorf, das Alphonse Daudet mit seiner Erzählung „Der Pfarrer von Cucugnan“ berühmt gemacht hat – in der Saison wird sie im kleinen Dorftheater in Szene gesetzt.

Katharerburg Aguilhar
Kurze, steile anstrengende Aufstiege zu den Burgen und lange, fast ebene Zwischenstrecken, dieser Rhythmus prägt auch die nächsten Tage der zwölf bis 28 km langen Etappen. 800 m hinauf sind es bis zur Doppel-Festung Peyrepetuse. Wie ein Schiff thront sie bei Duilhac auf einem Felsgrat. Den alten Begfried und die Burg San Jordi verbinden 60 in den Fels gehauene Stufen, daneben gähnt der Abgrund. Doch auch diesmal entschädigt das Panorama für die Anstrengungen des Aufstiegs: kleine, gewundene Schluchten, karge Hochebenen, dichte Wälder, Bergkämme und eine „magische“ Bergspitze: Pech de Bugarach. „Lichterberg“ nennen die Einheimischen den mit 1231 m höchsten Gipfel der Corbières, und manch einer hält den markant abrupten Kalksteinwall für einen Landeplatz von Außerirdischen. 1978 hatten angeblich 200 Zeugen strahlende, scheibenförmige Objekte über dem Berg gesehen, später seien auch dreieckige und trapezförmige Flugkörper beobachtet worden. Die lokale Gendarmerie wurde flugs aktiv und stellt damals „Landespuren“ in Form von Bodenverfärbungen in geometrischen Mustern und kreisrunden verbrannten Grasflächen sicher.... Die Meteorologen haben längst ihre Erklärung für die Lichtphänomene gefunden. Für sie handelt es sich um elektromagnetische Entladungen natürlichen Ursprungs. Am Pech de Bugarach stoßen immer wieder Tiefdruckgebiete vom Atlantik auf Hochdruckgebiete aus dem Süden. In der Atmosphäre kann es dann gerade in den Herbstmonaten zu starken elektrostatischen Entladungen kommen, die sich in eindrucksvollen Lichterscheinungen zeigen.

Kunstmesser von Jean-Pierre Tisseyre
Allmählich weichen die Weingärten Wäldern und Weiden, erste kleine Schluchten säumen den Pfad. In Puivert mischen sich neue Töne in das allgegenwärtige Zirpen der Zikaden. Im 12. Jahrhundert war die Katharer-Festung die Hochburg der Troubadore –– heute treten Schauspieler und Sänger im Freilichttheater in ihre Fußstapfen. Ihre Sackpfeifen, Tamburine, Rebecs und anderen Instrumente zeigt das Musée du Quercorb unten im Dorf. Ein anderes altes Handwerk hält Jean-Pierre Tisseyre lebendig. In La Bastide-sur-l’Hers fertigt der 47-Jährige als „Meilleur Ouvrier de France“, einer der besten (Kunst-)Handwerker Frankreichs, kunstvolle Klingen. „Mein Markenzeichen ist das traditionelle Messer der Pyrenäenschäfer – der Couteau Montségur“, erzählt Tisseyre, während er in das Material für den Griff begutachtet: Mispelholz, Pappel, Olive, Horn – oder doch lieber ein Giraffenknochen? Schließlich entscheidet er sich für „buis“, Buchsbaum. Dicht an dicht gedeihen seine Büsche am Felsdorn der berühmtesten Burg am „Sentier Cathare“: Monségur, bis heute Symbol des katharischen Holocaust.

Katharerburg Montségur
Die 1204 auf dem 1216 m hohen Pog erbaute Burg war die „Hauptstadt“ der Katharer, Sitz der treuesten Anhänger und bekannter Wallfahrtsort. Im Juli 1243 begann die Belagerung der Burgfelsen durch 10.000 Kreuzritter und Soldaten des Seneschalls von Carcassonne. Im Frühjahr des folgenden Jahres fiel die Festung, geschwächt durch ständige Angriffe und Nahrungsmangel. Den Bewohnern von Montségur sollte nichts geschehen, doch die Katharer weigerten sich, ihren Glauben zu verraten, und wählten das Martyrium: Am 16. März 1244 wurde 225 Glaubensbrüder auf dem Prats des Cramats verbrannt. Ein Gedenkstein markiert heute die Stelle des Scheiterhaufens. Die wenigen, die auf die Burg Puilaurens flüchten konnten, wurden dort bereits erwartet und ermordet. 1321 starb mit Guillaume Bélibaste der letzte Katharer.

Diese Stele in Montségur erinnert an Massenverbrennung der Katharer