Reisemagazin schwarzaufweiss

REIHE ESSEN & TRINKEN UNTERWEGS

Wo die Engel Weinbrand trinken

Ein Besuch in der Heimat des Cognac

Text und Fotos: Joel Etzold

Emmanuelle fährt mit uns durch die Weinberge und fragt: „Riecht ihr das?“ Ein zarter Cognac-Duft liegt in der Luft. „Cognac ist die einzige Stadt der Welt, die ich an ihrem Duft erkennen kann!“ Das südfranzösische Städtchen an den Ufern der Charente ist mit edlem Cognac parfümiert

Emmanuelle arbeitet im Chateau von Cognac und führt uns durch die verwinkelten Kopfsteinpflastergassen der Altstadt. An den Fassaden der uralten und schiefen Häuser entdeckt man hin und wieder die kleine Skulptur eines feuerspeienden Drachens - sind deswegen alle Mauern so schwarz? Ein Schwall Backpflaumenduft kommt uns entgegen. Seliges Cognac, hier kann man in den Gassen überall gratis den teuren Cognac inhalieren.

Frankreich Cognac Probe

Ob die Bewohner wohl alle Alkoholiker sind? Emmanuelle lacht: „Nein es gibt hier zwar viele Alkoholkenner, aber Cognac trinkt man langsam und mit Bedacht!“ Emmanuelle zeigt auf die dunklen Kreidemauern der Häuser, einige sind fast schwarz, wie mit Ruß bedeckt. Das ist keine Luftverschmutzung, das ist eine ganz spezielle Hefe, Torula Compiacensis. Ein Glückspilz, ein Alkoholiker, der sich von dem Cognac-Dunst ernährt. Dieser Pilz ist auch ein Verräter. Also heimlich oder schwarz Cognac brennen - unmöglich, denn hinter den schwärzesten Mauern verbirgt sich mit ziemlicher Sicherheit ein Chais, ein Keller, mit Cognac-Fässern.

Frankreich Cognac Weinberge

Nicht nur der Pilz lebt vom Cognac, das kleine Städtchen ist das reichste Frankreichs. Anders als beim französischen Wein gehen 95 Prozent des Cognacs in den Export. Ob in den USA oder in Japan, überall auf der ganzen Welt gilt Cognac als der feinste und kostbarste Weinbrand. Der lange Herstellungs- und Reifungsprozess ist weitaus aufwändiger als beim Whisky. Und dennoch lag die weltweite Produktion 2005 bei 135 Millionen Flaschen.

Goldene Nasen

Vom Cognac leben rund 40.000 Menschen, vom Winzer bis zum Fassmacher. Die traditionsreichen Cognac-Häuser verdienen sich mit ihrem exquisiten Branntwein goldene Nasen. Den richtigen Riecher hatten ausgerechnet die Engländer und Skandinavier, die schon im zehnten Jahrhundert eine Vorliebe für französischen Wein hatten. Der Transport auf dem Seeweg war lang und wenn man Pech hatte, hatte man in London statt leckerem Wein ein ganzes Fass sauren Essigs. So begann man den Wein zu brennen, denn Weinbrand nahm weniger Platz weg und war haltbarer.

Frankreich Cognac Geruchsprobe

Vielleicht wurden nicht alle Fässer verkauft, und nach ein paar Jahren stellte ein Neugieriger fest: was da aus dem Fass kam, schmeckte köstlich. Der gealterte Branntwein ist viel vollmundiger und so mild, dass er auch pur getrunken werden kann. Im Laufe der Jahre ging man dazu über den Branntwein in den Kellern vor Ort zu lagern. Handelshäuser mit klangvollen Namen wie Remy Martin, Martel, Hennessy und Otard ließen sich im 18. Jahrhundert in Cognac nieder und trugen den Ruf des Cognacs in die weite Welt hinaus.

Frankreich Cognac Weinlese

Insgesamt kann man in Cognac rund zehn Cognac-Häuser besichtigen. Im Prinzip ist die Besichtigung überall ähnlich, erst die Führung durch die Weinkeller und die Destillerie und als Abschluss eine Cognac-Probe. Bequem mit dem Boot überquert man die Charente, um zu den 40 Lagerhäusern von Hennessy zu gelangen. Bereits 1765 eröffnete der dem Branntwein nicht abgeneigte Ire, sein Handelskantor an den Ufern der Charente. Und, Adel verpflichtet, sogar die Führer lehnen stolz das Trinkgeld ab. Bei Rémy Martin geht's mit dem Touristenzug durch die Weinberge und danach in die größte traditionelle Fassmacherei der Welt.

Ein Schloss für den Weinbrand

Aber Emmanuelle führt uns die Gasse herunter an das Ufer der Charente ins Schloss von Cognac. Es wirkt klobig und trutzig, ein Bollwerk gegen die Normannen. Ein Zankapfel, umkämpft von Engländern und Franzosen. Hier erblickte im September 1494, Franz I., König von Frankreich das Licht der Welt. Sehr viel später 1795, kurz nach der französischen Revolution kauft der Schotte Baron Otard das Schloss, um seinen Weinbrand zu lagern. Er hatte es vor allem auf den Keller abgesehen. Ironie des Schicksals - er kaufte die Wiege der französischen Monarchie.

Frankreich Cognac Fässer

Im Chateau de Cognac entdeckt man nicht nur die Geheimnisse der Cognac-Herstellung, sondern findet überall Erinnerungen an den König von Frankreich, der in diesem Schloss rauschende Feste feierte und den glänzendsten Hofstaats Europas vereinte. Aber seit der Französischen Revolution, sind alle Menschen gleich und so stapeln sich in der Taufkapelle von Franz I., die Eichenfässer voller Cognac.

Der älteste Saal im Schloss, aus dem 13. Jahrhundert, ist der Helmsaal, mit dem Relief von Helm und Lilie, dem Wappen der Valois. Im Ständesaal empfing der König von Frankreich anlässlich der „Heiligen Liga“ die Großen Englands, des Papsttums und Venedigs, die mit Frankreich gegen Karl V. verbündet waren. Fresken und Reliefs zeigen die Siege und Niederlagen des Königs und an einigen Wänden ist das unbesiegbare Wappentier von Franz I. eingraviert, ein feuerspeiender Salamander.

Das Herz des Destillats

Ja, den Cognac, diesen Genuss, hat Franz I. nie kennen gelernt, denn erst im Jahre 1598 hat der Ritter vom Braunen Kreuz den Cognac entdeckt, indem er, mit einer Brennblase den Weißwein „à la Charentaise“ zweimal brannte. Beim ersten Brennen erhält man den sogenannten Brouillis, beim zweiten Brennen, entfernt man den „Kopf“ und den „Schwanz“ des Destillats und erhält dadurch das „Herz“. Die im Schloss ausgestellte Destille, ist zwar erst hundert Jahre alt, aber das Prinzip ist uralt. Es wurde nach antikem Vorbild von den Arabern entwickelt. Aber es waren die Mönche die wie Alchimisten den Wein veredeln wollten, um den Geist des Weines durch Feuer zu reinigen. Noch heute sind die Brennblasen aus Kupfer, denn das rote Metall neutralisiert gewisse Fettsäuren im Weinbrand. Jedes Jahr beginnt das Brennen des Branntweines am 1. November und muss gesetzlich Ende des Winters am 31. März abgeschlossen sein.

Frankreich Cognac Destille

Emmanuelle führt uns weiter in die gewaltigen Gewölbekeller, wo der wahre Schatz von Cognac ruht. Unzählige Reihen dunkler Eichenfässer gefüllt mit Weinbrand lagern hier. Nach der Destillation ist der Branntwein klar und farblos. Hier in den Eichenfässern färbt sich der Weinbrand im Laufe der Jahre bernsteingelb und nimmt den Geschmack des Holzes an. Um eine hohe Qualität zu gewährleisten, verwendet man nur Eichenfässer aus den Wäldern von Limoges oder aus dem Troncais. Cognac muss mindestens zwei Jahre reifen und höchstens 60 Jahre, danach wird er nicht mehr besser.

Das Geheimnis des Cognacs liegt vor allem in der harmonischen Mischung. Hierbei muss man wissen, dass die Weinberge je nach Lage vollkommen unterschiedliche Weinbrände hervorbringen, die sich hervorragend ergänzen. Emmanuelle spricht von der weiblichen Finesse der Champagne, die nach männlichen Kraft der „Fins Bois“ verlangt. Und lässt uns einige Jahrgänge probieren. Ein Kellermeister hat eine beeindruckende Sammlung von Weinbrandproben. Mit Engelsgeduld verfolgt er die Reifung und kennt den idealen Zeitpunkt für die "Coupes", den Verschnitt der Weinbrände. Der Kellermeister, widmet sich sein ganzes Leben dem Ausbau eines Cognacs, dessen vollkommenen Geschmack er vielleicht nie erleben wird. Cognac braucht Zeit, viel Zeit.

Der Anteil der Engel

Ein dunkler Gang führt zu einem kleinen Verlies. Emmanuelle öffnet mit dem schweren Eisenschlüssel das rostige Eisentor. „Hier ist das Paradies!“ Es war nicht ironisch gemeint, denn hier ruhen die ältesten Cognacs der Welt, in denen die ganze Liebe und Weisheit der Kellermeister versammelt ist.

Frankreich Cognac Keller

Es ist angenehm kühl und feucht, denn wir befinden uns auf gleichem Niveau mit der Charente. Drei Meter dicke Mauern, 95 Prozent Luftfeuchtigkeit und das ganze Jahr über Temperaturen von 15 Grad. Ideale Bedingungen für das Reifen des Cognacs. Auch der schwarze Pilz Torula Compiacensis fühlt sich hier wohl. Es verdunstet sehr viel Alkohol pro Jahr, rund 5 Prozent pro Fass. Immerhin, der frische Hochprozentige aus der Destille muss auf rund 40 Prozent abspecken. Rund 23 Millionen Flaschen des legendären Likörs verdunsten pro Jahr aus den "Chais", den Cognac-Kellern, und hüllen den kleinen Ort Cognac in seinen aromatischen alkoholischen Dunst.

Emmanuelle sagt: „C'est la part des anges“, das ist der Anteil für die Engel! Und gießt uns ein Gläschen Cognac ein. Vor uns ruht ein Meer aus dunklen Eichenfässern friedlich in den Kellergewölben, mit vielen Litern bernsteinfarbigem Cognac und irgendwo in der Finsternis über den Fässern müssen die Engel schweben, die den Cognac sanft veredeln und ihren Anteil heimlich, still und leise genießen.

Informationen zu Cognac

Cognac-Häuser:
Otard, Chateau de Cognac, 16100 Cognac, Tel.: 0033-545-36 88 86, www.otard.com
Hennessy, Quai Richard Hennessy, 16100 Cognac, Tel.: 0033-545-35 72 68
Remy Martin, Domaine de Merpins, 16100 Cognac, Tel.: 0033-545-35 76 66, www.remy.com

Shopping:
La Cognathèque, 10 place Jean Monnet.
Dieses Cognacgeschäft bietet die größte Auswahl an Cognacs und Pineaus in Frankreich vom unbezahlbaren 100 Jährigen bis zu jungen Cognacs.

Auskunft:
Office de Tourisme, 16, rue du 14 juillet, 16100 Cognac
0033-545-82 10 71, www.tourism-cognac.com

 

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