Reisemagazin schwarzaufweiss

Auf Schmugglerspuren im Schnee

Im Skigebiet von Châtel / Portes du Soleil

Text und Fotos: Hilke Maunder

Bis zum Zweiten Weltkrieg war Châtel die Schmuggelhauptstadt der Savoyer Berge: Über die grüne Grenze  wurde Jahrhunderte lang alles Überlebenswichtige geschafft: Lebensmittel, Kleidung, Tabak, Schuhe und Schnaps. Die guten Verbindungen halfen sichtlich, als Châtel in den 1960er Jahren zum Sattelpunkt des grenzübergreifenden Skiverbundes der Portes du Soleil mit 650 Pistenkilometern auf Schweizer und französischer Seite aufstieg. 

Frankreich / Schweiz - Skigebiet Châtel

Was für eine Kulisse zum Schmuggeln: Im Osten wird das Vallée de l’Abondance von der Bergkette mit Tête du Géant (2.232 m) und Crête de Linge (2.158 m), dem Pas de Morgins (1.369 m) und dem Morclan (1.970 m) flankiert. Westlich des Tals wird mit dem 2.433 m hohen Mont de Grange mit den Dent d’Oche und Cornettes Bise die höchste Erhebung von Châtel erreicht wird. Im Süden klettert Châtel zum Col du Bassachaux hinauf. Und über allem thront eindrucksvoll die zwei Kilometer lange Bergkette der Dents du Midi mit ihren sieben fast gleich hohen Felsgipfeln –  von West nach Ost: Haute Cime (3.258 m), Doigt de Salanfe (3.210 m), Doigt de Champéry (3.200 m), Dent Jaune (3.186 m), Eperon (3.114 m), Cathédrale (3.160 m) und Cime de l’Est (3.178 m) – zumindest, wenn man wie ich mit Ski auf der Piste des Contrebandiers unterwegs ist.

„Da Châtel nur zwei Kilometer von der Schweizer Grenze entfernt liegt, blühte einst der Schmuggel“, erzählt mir mein Ski-Guide Patrice (45). Schinken, Käse und Eier brachten die Franzosen, Kaffee, Pfeffer und Zucker sowie Kleidung und Schuhe schmuggelten die Schweizer während des  Krieges ins Nachbarland. Und sicherlich waren auch Zigaretten und selbst gebrannte Schnäpse mit im Rucksack  beim illegalen Handel am Massiv du Chablais. Illustrationen und Anekdoten zum Jahrhunderte langen Katz und Maus-Spiel der Zöllner (douanier) und Schmuggler (contrebandier), das erst in den 1950er Jahre endete, gibt es dazu viele. Ausgestellt werden sie in der ehemalige Zollstelle an der Route de Vonne 1277 von Châtel.

Abfahren auf 66 aussichtsreichen Pisten

Frankreich / Schweiz - Skigebiet Châtel - Bergkäse im Vallee de l'Abondance

Zwei Tage lang bin ich mit Patrice unterwegs im Skigebiet von Châtel im Vallée de l’Abondance, der Heimat des gleichnamigen berühmten Bergkäses, und fast scheint es mir, dass ich in dieser kurzen Zeit sämtliche 66 Pisten mit einer Gesamtlänge  von 130 Kilometern abfahren soll. Zeit zum Fotografieren bleibt nur im Lift, 58 dieser „remontées mécaniques“ erschließen das Terrain im Herzen der Portes du Soleil – auf französischer Seite meist moderne Sessellifte, auf Schweizer Seite oft alte Tellerlifte, die so ruckartig anziehen, dass es mich schmerzhaft fast aus den Skistiefeln haut. Die Verbindung zur größten Skischaukel Frankreichs mit 650 Pistenkilometern schafft seit der Saison 2015/6 die Verbindungspiste La Forestière, die als einfache Autobahn durch tief verschneiten Tannenwald führt, hin nach Vonnes mit dem „Portes du Soleil“-Sessellift.

Frankreich / Schweiz - Skigebiet Châtel - Stehgondel

Ich brauchte ein wenig, um mich bei diesem Angebot zu orientieren. Zumal Châtel sich lang hinstreckt in drei Talrichtungen – nach Abondance, Morgins und Pré la Joux. Im Ortszentrum mit seine liebevoll restaurierten, stattlichen Chalets schwebt eine Stehgondel hinauf nach Super-Châtel mit seinem Snowpark und Start der Abfahrten nach Morgins, Chapelle d’Abondance und Torgon. Das Schweizer Dorf liegt auf dem letzten Bergrücken vor dem Rhônetal. Doch man braucht nicht ganz hinab zu fahren, um einen Blick auf das Tal und den Genfer See zu erhaschen: Direkt an der Piste von Châtel nach Torgon bietet ein Aussichtslokal diese Fernsicht. Nach Linga-Pré-la-Joux-Plaine-Dranse schwebt seit der Saison 2015/6 der neue Gabelou-Sessellift. Unterhalb der dortigen Tête de Linga konzentrieren sich vorwiegend rote Abfahrten.

Sterne-Köche im Schnee

Doch Patrice schwingt hinab zu einem großen, weißen Zelt, das direkt neben der Talstation liegt. „Neiges Étoilées“ verraten große Banner. Im Innern kämpfen gerade Bürgermeister der Region um die Ehre des besten Crêpes-Bäckers. Am nächsten Tag konkurrieren Nachwuchsköche um Punkte, Ansehen und Trophäen. Schirmherr des Kochevents, das 2011 aus der Taufe gehoben wurde, ist der französische Dreissternekoch Marc Peyrat (65/2016), der sonst meist im Elysée für Staatschefs kocht, seitdem in Annecy sein Schlemmertempel vor gut zwei Jahren abgebrannt ist. Ihm assistieren Georges Paccard vom Sternelokal La Ciboulette in Annecy und die anderen Jurymitglieder Jean Pierre Jacob vom Zweisternelokal Le Bateau Ivre, Moderator Alexis Olivier von „Cuisinez-moi“ auf TV8 Mont-Blanc, TV-Köchin Carinne Teyssandier, Küchenchef Franck Miglierini vom Casino Évian und die junge Masterchef-Finalistin Nathalie Nguyen, die heute als kulinarische Beraterin ungeheuer erfolgreich ist. Nach den Kochwettbewerben wurde im Festzelt mit Organisatoren und Helfern gefeiert. An Ständen entlang der Längsseiten gab es Champagner und Weine aus Savoyen, Charcuterie, Käse und warme Gerichte aus der Region. Und auf einigen runden Hochtischen im Saal köchelte sogar Fondue – zubereitet aus einem Käse, der im Tal seine Heimat hat: der Abondance. Der nussige Hartkäse, der ein wenig dem Appenzeller ähnelt, wird heute von rund 60 örtlichen Bauern und Kleinbetrieben erzeugt, die ihre Milch von eigenen Kühen oder Molkereigenossenschaften vor Ort, den fruitières, beziehen. Seit 1990 trägt der Käse, der 1381 bei der Papstwahl in Avignon gereicht wurde, das AOC-Siegel. In dünne Stifte geschnitten, serviert Corinne David, die ihre Kühe im Sommer auf der Barbossine-Alm weiden lässt, den köstlichen Hartkäse in dem Laden ihres Hofes – umgeben von Kuhglocken und Urkunden: Gold und Silber gab es auf der Landwirtschaftsmesse „Salon d’Agriculture“ in Paris in den letzten Jahren reichlich.

Frankreich / Schweiz - Skigebiet Châtel - Bergkäse

Abends schlafen fast alle Köche des Kochfestivals im grundsoliden Gasthof Belalp mit 25 Zimmern, von denen die ersten renoviert sind. Der Mitgliedsbetrieb von Tables & Auberges de France, der mit drei Sternen klassifiziert ist,  bietet vom Speisesaal eine traumhafte Aussicht auf das Tal, die nur noch von der Kochkunst des Patrons überboten wird: Jacky Trincaz. Doch jetzt steht Jacky mit an der hölzernen Bar und trinkt als einem kleinen Weinglas eine Galopine – ein frisch gezapftes Minibier.

Frankreich / Schweiz - Skigebiet Châtel - Gasthof Belalp

Vom 1957 eröffneten Gasthof, der derzeit in Etappen modernisiert und ausgebaut wird, läuft man in rund fünf Minuten zum Bade- und Wellnesszentrum „Centre Forme d’Ô“ mit seinem 33 Grad warmen Außenpool. Oder hinab ins Dorfzentrum mit seinen alten Chalets und der überraschend großen Pfarrkirche. Der Baldachin auf dem Kirchvorplatz bietet eine kleine Überraschung: Die Heilige, die dort auf den Friedhof blickt, trägt an ihren Füßen Ski. Und nur wenige Schritte entfernt, schwingt sich wieder die Stehgondel nach Super-Châtel hinauf.

Frankreich / Schweiz - Skigebiet Châtel - Super-Chatel

 

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