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Alles goldgelb

Radfahren in der Region Champagne-Ardenne

Text und Fotos: Judith Weibrecht

Durch die Region Champagne-Ardenne führen viele eigens angelegte Radwege, ehemalige Treidelpfade an Kanälen entlang und ruhige Nebenstraßen. Zusammen mit „Accueil Vélo“-Betrieben (Radfahrer willkommen) will man zu einem Fahrradparadies werden und hat eine Kampagne gestartet, um die Gegend bekannter zu machen. Ein Test.

Frankreich - Champagne-Ardenne - Landschaft

Plopp! Zisch. Perl. Schlürf. „Ah!“ Hört oder liest man Champagne, so läuft ein Kopfkino ab, das auch den Hör- und Geschmackssinn mit einschließt. Und was sehen wir? Eine goldgelbe, perlende Flüssigkeit in einem schlanken Glas. Die Landschaft dazu stelle ich mir edel vor, mindestens so edel wie das Getränk: Champagner. Dort Rad fahren? Mich beschleicht der Wahn, ich könne underdressed daherkommen, dem Champagner nicht standesgemäß gewissermaßen. Und noch dazu auf einem Fahrrad, wo doch dort sicherlich alle in alten Bentleys oder Rolls Royces von Weingut zu Schlösschen schuckeln.

Frankreich - Champagne-Ardenne per Rad

Doch weit gefehlt: Die Champagne-Ardenne will sich gerade zur Fahrradregion par excellence entwickeln. Zig Kilometer an Voies vertes, grünen Wegen, beschilderten Radwegen, ehemaligen Treidelpfaden und ruhigen Nebenstraßen durchziehen die Region, die so gar nicht champagnerhaft daher kommt. Bäuerlich geht’s zu. Da haut einem schon mal einer zur Begrüßung auf die Schulter anstatt mit den dauernden französischen Küsschen anzukommen. Radfahrer willkommen. Klatsch auf die Schulter. Und plopp!

Monsieur Philippe Verrier führt allerdings mit Élégance durch die Keller des 1152 gegründeten Champagne Drappier in Urville (1), direkt an der Champagnerstraße gelegen. Alles weiß er über den Prozess der Champagnerherstellung, über aufwändige Flaschengärung, Rüttelverfahren und Vierteldrehungen bis hin zu Weinlese und Flaschengröße. „Die verschieden großen Flaschen haben auch verschiedene Namen“, erzählt Philippe. „Da gibt es die Magnum, die praktisch zwei Flaschen à 0,75 Liter fasst, Jéroboam entspricht vier Flaschen, Mathusalem acht, Nabuchodonosor 20 oder Melchisédech ganze 40!“ Bei der Verkostung im Salon beschränken wir uns aber auf kleine Schlückchen aus schlanken Flöten: Einen Carte d'Or, einen Brut nature, einen Rosé. Der Senior, André Drappier kommt hinzu, um ein wenig zu parlieren. „Mit dem Fahrrad sind Sie hier? Ich habe meine Frau per Rad kennen gelernt!“, erzählt er. Das erste Rendezvous habe so stattgefunden: 29 Kilometer einfach. „Zwei kleine Küsschen, dann musste ich schon wieder nach Hause“, lacht er. Sohn Michelle gesellt sich dazu und erzählt eine andere Geschichte: „Auch de Gaulle war hier Kunde!“, betont der und Papa nickt stolz.

Frankreich - Champagne-Ardenne - Champagne Drappier in Urville

Der Große!

Die dickwandigen Flaschen sind leider zu schwer für die Packtaschen, so dass es ohne Champagner im Gepäck weiter gehen muss. Doch auf den ehemaligen Staatspräsidenten de Gaulle trifft man nach einer Fahrt über die weit auseinander gezogenen Champagner-Weinberge der Côte des Bar wieder, in Colombey-les-Deux-Églises (2). Hier lebte er bis zu seinem Tod und im 1.600 Quadratmeter großen Mémorial Charles de Gaulle beleuchtet eine interessante, interaktive Ausstellung sein politisches, militärisches, aber auch sein privates Leben und Wirken. Wie eine Fata Morgana weist einem schon von Weitem ein Lothringer Kreuz den Weg dorthin auf den Hügel. Unten im Dorf lassen sich im „La Table du Général“ die Lieblingsgerichte de Gaulles probieren. Auffallend: Wohin auch immer man in verschwitzten Radklamotten kommt, egal wie edel das Restaurant, wie ausgesucht die Speisen oder Getränke, man wird stets äußerst zuvorkommend behandelt. Dies gilt für alle Etablissements am Wegesrand, sei es für Champagne Drappier, die Hostellerie La Chaumière in Arsonval oder die diversen Hotels und Chambres d'Hôtes. Ein Glas Champagner als Aperitif, ein petit Café nach formidablem Menü. Voilà.

Wer eher für deftige Radfahrerkost ist, kann sich mit Andouilette stärken, auch AAAAA genannt, wie die Abkürzung des Namens des Vereins, der über ihre Qualität wacht: die „Association Amicale des Amateurs d’Andouillettes Authentique“. Die Wurst aus Troyes ist mit Innereien gefüllt und kräftig gewürzt.

Das Meer?

Frankreich - Champagne-Ardenne - Museum in Sainte-Marie-du-Lac-Nuisement

Wasser ist außerdem ein Thema. Der Lac du Der (3) reguliert den Wasserstand der Marne, ist mit 4.800 Hektar Fläche riesengroß und unüberschaubar und wird auch das Meer der Champagne genannt. Seine Ufer entlang führt ein glatt asphaltierter Radweg rundherum. Früher gab es hier viele Überschwemmungen, erfährt man im Museum des Pays du Der in Sainte-Marie-du-Lac-Nuisement. Da beschlossen die Menschen, etwas dagegen zu unternehmen: Stauseen! In dem großen Wasserreservoir verschwanden drei Dörfer, einige der Gebäude wurden im Museumsdorf wieder aufgebaut und zwei Kirchen gerettet. Man kann sie am Ufer des Sees auf Landzungen sehen.

Frankreich - Champagne-Ardenne - Lac du Der

Heute ist hier Wassersport aller Art möglich und Birdwatching treibt Fans von nah und fern her, wo Myriaden von Zugvögeln, Kraniche und Seeadler rasten. Ganze 270 Vogel- und 200 Pflanzenarten soll es an den großen Seen geben. Ich warte und versuche, Vögel vor die Linse zu bekommen. Ein eleganter Schwan putzt sein Gefieder und beachtet die Radfahrerin nicht.

Neben dem Lac du Der radelt man auf dieser Route auch den Lac Amance, Lac d'Orient und den Lac du Temple entlang. Von da aus geht es weiter durch den regionalen Naturpark Forêt d’Orient (4) mit über 80.000 Hektar Wald. „Der“ stammt vom keltischen Wort „Dervos“ und bedeutet Eiche. Man findet es hier in vielen Namen wieder und so verwundert nicht, dass in dieser waldreichen Gegend tatsächlich viele Eichen zu sehen sind. Einsam ist es und wenig besiedelt. Im Märchenwald von Orient treffe ich keine Menschenseele. Vogelgezwitscher begleitet mich, das Handy hat keinen Empfang. Ein Reh bricht zwischen den Bäumen hervor, läuft mir direkt vor den Reifen und stiebt davon, dass es nur so knackt und kracht im Unterholz. Vögel stoßen Warnrufe aus. Wer von uns beiden mehr erschrocken ist, das Reh oder ich, lässt sich nur schwer einschätzen.

Fachwerk!

Frankreich - Champagne-Ardenne - Sainte-Marie-du-Lac-Nuisement

Am Waldrand treffe ich einen freundlichen Traktorfahrer, der mir den Weg weist und bis zum Abzweig vor mir her zuckelt. Dann herrscht wieder Stille und ich bin von plattem, bäuerlichen Land umgeben mit Feldern, Kühen und ab und zu Pferden. Putzige Häuschen mit filigranem Fachwerk, von Flieder berankt, säumen die Dorfstraßen. Davor nicken Tulpen im Wind.

Manchmal könnte man meinen, man sei im Münsterland, vor allem, wenn noch dazu die Fachwerkbauten auftauchen. Doch wir befinden uns in der Champagne, und die Fachwerkkirchen von Puellemontier und Lentilles mit ihren schlanken, hoch aufragenden Türmen sind unbedingt sehenswert. In Piney gibt es gar eine offene Fachwerkhalle, in der heutzutage der Markt stattfindet. Und auch in Montier-en-Der (5) trifft man auf Fachwerk und auf Eichenholz. Diesmal in Form von Eichenfässern. „Wir machen hier nämlich handwerklich hergestelltes Bier!“, betont Brauer Noël Lepoix, der von allen nur Nono genannt wird. In der „Brasserie artisanale du Der“, einer kleinen Privatbrauerei, die vor sieben Jahren gegründet wurde und die er zusammen mit seiner Frau Agnès führt, kann man einstündige Führungen mit anschließender Bierprobe buchen.

Frankreich - Champagne-Ardenne - Bier in Montier-en-Der

Grandiose Architektur findet sich auch in Vignory (6) mit seiner Burgruine und seiner romanischen Kirche oder in Joinville (7). Das Städtchen nennt ein 1533 – 1546 erbautes Renaissanceschloss sein eigen. Darin finden heutzutage kulturelle Veranstaltungen statt. Beeindruckend ist der Grand Jardin, der Renaissancegarten, der ringsherum angelegt wurde mit Wandelgängen, unter denen die Damen der feinen Gesellschaft im Schatten spazieren konnten, mit Heilpflanzen und Blumenbeeten. „Alles ist quadratisch strukturiert, der Garten reflektiert quasi den Bau des Schlosses“, erklärt Lise Peter, die mich führt. „Es gibt einen Renaissancegarten, in dem die Natur geformt und klein erscheint und einen englischen Landschaftsgarten.“ Dort sei die Natur größer als wir Menschen.

Frankreich - Champagne-Ardenne - Renaissanceschloss in Joinville

Mit François vom Tourismusbüro pilgere ich hoch zu den Grundmauern des alten Schlosses. Von da aus hat man einen grandiosen Überblick über Stadt und Umland. Unten ist auch eine Pilgerherberge, denn viele Wanderer auf dem Jakobsweg kommen hier durch, und das ehemalige Gefängnis kann man besichtigen. Links und rechts der Marne, die durchs Städtchen fließt, findet man viele gusseiserne Details. Die Region war berühmt für ihre Kunstgießereien. Besonders in Saint-Dizier sind noch heute viele Jugendstilornamente an Balkonen und Geländern von Hector Guimard, einem berühmten Sohn der Stadt.  

Frankreich - Champagne-Ardenne - Joinville von oben

Zurück in die schmiedeeiserne Stadt Saint-Dizier (8), dem Ausgangspunkt der Reise, geht es entlang des von Baumriesen gesäumten Canal entre Champagne et Bourgogne. Blätter rascheln im Wind, ein Arbeiter am Kanal schreckt mich auf: “Fahren Sie weit? Sooo?”, ruft er mir mit entgeistertem Blick entgegen. Schnell drehe ich mich um und schleudere ihm ein “Oui!” entgegen. Er schiebt seine Schirmmütze ein Stück weit nach hinten und kratzt sich am Kopf. Sollte das bedeuten, dass es ungewöhnlich ist, dass hier Reiseradler vorbeikommen, kann man ihn beruhigen: Das wird sich ändern!

Frankreich - Champagne-Ardenne - Champagner im Glas

Zum Abschluss der Route gibt's ein Glas Champagner. Ob man nun „Lasst den Schaum zum Himmel spritzen, dieses Glas dem guten Geist…“ dazu singt, Schillers Worte in Beethovens Ode “An die Freude”, oder Mozarts Champagnerarie sei jedem selbst überlassen. Plopp!

 

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