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Sportliches Schleusen unter südlicher Sonne

Mit dem Hausboot auf dem Canal du Midi

Text und Fotos: Hilke Maunder

Er ist der Weg des Sommers unter der warmen Sonne des Südens, die Sehnsuchtsstrecke der Hausbootfahrer in Frankreich: der Canal du Midi. Auf 240 km verbindet er Toulouse mit dem Mittelmeer – als technisches Wunderwerk, das Freizeitskippern staunen und schwitzen lässt.

Frankreich - Canal du Midi

Ein Verbindungskanal zwischen den Meeren

Seine Schleusen, 98 an der Zahl, bringen immer wieder Abwechslung und Aufregung in die Ruhe des Dahingleitens, die Muße auf dem Wasser. Hochbetrieb herrscht auch auf der höchstgelegenen Schleuse der Strecke, der „Ecluse Océan" auf der Wasserscheide zwischen Mittelmeer und Atlantik westlich von Castelnaudary. Wo sich heute ein Obelisk in Erinnerung an den Erbauer erhebt, hatte Pierre Paul Riquets in der Mitte des 17. Jahrhunderts die Lösung für eine Vision gefunden, die seit Römertagen die Gedanken der Könige und Kaufleute beflügelte: einen Verbindungskanal zwischen den beiden Meere auszuheben. Auf diese Weise bräuchten die Schiffe nicht mehr den gefährlichen und kostspieligen Umweg über die Meerenge von Gibraltar zu machen. 1666 unterschrieb Ludwig XIV. das königliche Edikt zum Bau der damals „Canal Royal“ genannten Schifffahrtsstraße. Die Frage, wie der Kanal, der auf seinem Weg 194 Höhenmeter überwindet, ständig mit Wasser versorgt werden könne, meisterte der Baron aus Béziers mit einem Geniestreich: Er ließ am höchsten Punkt der Strecke ein riesiges Staubecken anlegen, in dem das Wasser der Montagne Noire gesammelt werden konnte. Von dort aus sorgt ein genau berechnetes System aus unterirdischen Wasserrinnen und Zuflüssen bis heute dafür, dass er das ganze Jahr hindurch schiffbar ist.

Frankreich - Canal du Midi

15 Jahre lang, nur mit Schaufel und Schubkarren, wurde das Kanalbett ausgehoben; mehr als sieben Millionen Kubiktonnen Erde und Gestein räumten 12.000 Arbeiter, darunter 600 Frauen, fort. 450.000 Platanen, Pappeln und Zypressen wurden entlang der Treidelpfade gepflanzt, 328 Brücken, Dämme, Aquädukte und Schleusen gebaut – allein auf der nur 35 km langen Strecke zwischen Castelnaudary und Carcassonne 18. Und nicht, wie in anderen Revieren, gerade, kurze Schleusen mit einer Kammer und gelb markierten Schleusenbereichen, sondern mehrere hundert Meter lange Schleusentreppen mit vier, fünf, sechs, sieben, acht, sogar neun ovalen Kammern, die mehr als 20 Höhenmeter überwinden.

Ausgangspunkt Castelnaudary

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„Pas de soucis“, keine Sorge, meint Pierre nur, der eine Stunde lang die Freizeitskipper in die Technik und das Handling der „Tango“ einführt, die im Grand Bassin von Castelnaudary bei der Crown Blue Line-Marina vertäut liegt. Gut zwölf Meter misst das schwimmende Ferienheim für die nächsten Tage. Das Heck birgt zwei Doppelkabinen mit 80 cm breiten Betten, wenig Staufläche, aber Blick aufs Wasser. Dusche, Waschbecken und WC sind im Gang zur Galley untergebracht, wo Innen-Steuerstand und Kombüse sich einen hellen, geräumigen Raum am Bug teilen. Der Kühlschrank nimmt die Einkäufe vom Markt auf, der jeden Montagvormittag Castelnaudary in ein Schlemmerparadies verwandelt.

Eine kleine, steile Treppe führt an Deck mit Außensteuerstand und Panoramasitzecke, die rasch zum Lieblingsplatz wird: beim Frühstück in der Kühle des Morgens wie beim abendlichen Apéritif.

Frankreich - Canal du Midi

Am sommerlichen Himmel ballen sich Gewitterwolken und lassen die Altstadt dramatisch im Licht leuchten, als das Dreimädelstrio ablegt. Zwei Frauen und ein Kind. O lala! Mit sichtlicher Neugier schauen die Passanten zu. Bis zur ersten Schleuse sind es 170 m. „Kommt mal hoch in den Turm“, ruft Schleusenwärter Jacques aus der geöffneten Fensterklappe, „dann könnt ihr sehen, was ihr vor euch habt!“ Die Écluse St-Roch, vier riesige Staustufen, zwölfeinhalb Höhenmeter, und zig Hausboote, die gleichzeitig auf und ab geschleust werden. Trotz Bootsführerschein hat Claudia kleine Sorgenfalten auf der Stirn, als sie die nasse, schmale Leiter hinauf klettert, die Taue über die Schulter gelegt. Lara springt sicherheitshalber an Land, nur der Skipper bleibt am Außenstand an Bord. Mit ungeheurer Kraft schießt das Wasser durch die geöffneten Schleusentore, will das Boot von der Wand wegdrücken, das an beiden Pollern beschlagen ist, vorn und hinten mit Leinen gehalten wird. Minuten später ist der Spuk vorbei, liegt die Tango wieder träge im Wasser und wird mit den Leinen per Hand über alte, gusseiserne Schleusenräder und Armaturen zur nächsten Schleusenkammer gezogen. Nach 30 Minuten Anspannung die Erleichterung: Welch ein erhebendes Gefühl, die erste Schleuse gemeistert zu haben! Ernüchterung bringt ein Blick auf das Emailleschild am Schleusenwärterhäuschen: 1.533 m sind es bis zur nächsten Herausforderung, der doppelten Écluse de Gay, 1.653 m bis zur dreistufigen Écluse de Vivier. Danach bleibt kaum noch Zeit, einmal den Schweiß von der Stirn zu wischen. 418 m weiter folgt die Écluse de Guillermin, nur 523 m sind es danach bis zur Écluse de Saint-Sernin, die den Beginn entspannteren Schleusens markiert. Die nächsten elf Schleusen haben nur eine einzige Schleusenkammer.

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Mittlerweile längst ein eingespieltes Team, ist das Trio darauf bedacht, an jeder Schleuse eine gute Vorstellung abzuliefern für die Radfahrer, Wanderer und Neugierigen, die das Schauspiel beobachten: Perfekt in der Schleusenmitte einfahren, das große Boot gaaaanz sanft zum Halt bringen, dann die zwölf Meter Stahlschiff in voller Länge an den Kai ziehen, nicht den Bug beim Abschleusen an der Schleusenwand aufhängen lassen, nicht gegen die anderen Boote stoßen… Das Interesse der Passanten ist stetig und ungebremst, an jeder Schleuse die gleichen Fragen. „Geht das wirklich ohne Führerschein?" – „…ist es denn so einfach?", „woher kommen Sie?“ – „und schaffen Sie das, so ohne Mann?“ Besonders die letzte Frage scheint auch die Schleusenwärter zu beschäftigen. Und so wirft Claudia dem Staatsdiener an der Écluse de Lalande mit einem charmanten Lächeln die beiden Taue entgegen und ruft: „Merci.“ Verdutzt und stolz zugleich zieht er den Flachkieler durch die Doppelschleuse, während Claudia in der Kombüse das Déjeuner vorbereitet: Salat, Oliven, Rosé und Käse – Mittag à la française. Vorn scheint unbarmherzig die Sonne auf das Deck, in der flimmernden Luft liegt der Duft von Kräutern. Weit schweift der Blick über das Land, über Sonnenblumen- und Weizenfelder, hin zu den schneebedeckten Bergspitzen der Pyrenäen.

Jetzt sind alle Schleusentore geschlossen. Auch die Schleusenwärter gönnen sich nun bis halb zwei eine Pause. Morgens wird von 9 bis 12.30 Uhr geschleust, nachmittags ist je nach Reisemonat zwischen 17 und 19 Uhr Schluss, Nachtfahrten auf dem Kanal sind verboten.

Nach fünf weiteren Schleusen und sieben Kilometern Fahrt tanzen die Strahlen der tief stehenden Sonne zwischen den Baumreihen, lassen die Fluten in immer neuen Formen funkeln. Wasserlilien leuchten gelb am Ufer, Frösche quaken, Stille. Die „Tango“ liegt ruhig an einem kleinen Steg vertäut. Ein verwittertes Holzschild informiert: La Boutique de l’Écluse, 1 km, artisanat, vin, pain, 9 – 21 heures. An den aufgestellten Holztischen sitzen Jean Louis Aillaud (65) und seine Frau Fréderique (44). Beide haben sich in ihrer Heimat Réunion kennen gelernt, in vielen Orten der Welt gearbeitet und hier ihre Wurzeln geschlagen: an der Écluse de Peyruque. Im Schleusenwärterhäuschen verkauft Frédérique Selbstgetöpfertes, hausgemachte Marmelade, Honig der Region, Confit, Cassoulet und Croissants. Abends genießen beide ein Glas Rotwein mit den Gästen, die mit den Pénichettes den Kanal entlang schippern. Einsamkeit oder Langeweile kennen sie nicht: „Zu uns kommt die Welt.“ Gestern zwei Japaner mit Mountain Bikes, heute morgen eine Familie aus Melbourne, die im Hausboot unterwegs war, und jetzt das deutsche Trio. Es wird gelacht und getrunken, das Kind spielt mit den Hunden, die Uhr hat Urlaub.

Frankreich - Canal du Midi

Tipps für Ausflüge

Immer neue Tipps für Ausflüge und Abstecher fallen dem Paar ein. „Nach dem dritten nächsten „bief“, so nennen die Franzosen die Strecke zwischen zwei Schleusen, müsst ihr festmachen und nach Villepinte bummeln, im einstigen Keller der Wein-Kooperative Glaskunst angucken, danach in Bram angelegen, einer kleinen Stadt mit kreisrundem Grundriss. Da gibt es ein tolles gallo-römisches Museum und eine Olivenmühle, die 25 verschiedene Bio-Öle produziert! Und wenn ihr zwischen Alzonne und Pézenas seid, radelt doch einmal durch Weingärten der Cabardès an den Hängen der Montagne Noire. Und dann sind es nur noch vier Schleusen bis zur größten Festung Europas, der Cité von Carcassonne...“ Doch wieder sind es die Schleusen, die den geplanten Reiseverlauf überraschend ändern. „Die staatlichen Schleusenwärter streiken“, flüstert es von Bord zu Bord. Donnerstag, vielleicht auch Freitag. Da heißt es dann schon Mittwoch: zurück zur Basis. Die vielen Schleusen? Pas de problème. Am ersten Streiktag fahren die Frauen per Bahn zur imposanten Burg. Als sie den Bahnhofsvorplatz überschreiten, treffen sie wieder auf den Canal du Midi. In der schmalen Schleuse drängen sich drei Boote. Lauter Männercrews, das Bier in der Hand, die Leine lässig auf der Schulter – bis sie plötzlich beim nächsten Schluck mit einem lauten Platsch ins Wasser fällt. Die drei Frauen blinzeln sich zu.

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