Das Leben ist eine Baustelle
Im Burgund wird eine Mittelalterburg neu gebaut
Text und Fotos: Ulrich Traub
In der Scheune herrschen Lärm und Aufregung. Lehrer reden auf ihre Schüler ein. Dann darf die Gruppe eintreten in die fremde Welt, die hinter dem Scheunentor liegt. Die Aufregung ist verständlich, schließlich steht nicht alle Tage ein Ausflug ins Mittelalter auf dem Stundenplan.

Vorbild für Guédelon: Im nahen Treigny steht das Château de Ratilly
Guédelon im Burgund um fünf Minuten vor zehn morgens. Nicht nur Schulkinder, auch Erwachsene haben sich in diesem abgelegenen Winkel mitten in Frankreich eingefunden. Mit dem Glockenschlag erweist sich die Scheune als Zeitmaschine und entlässt die Wartenden an einen Ort, der von sich behaupten kann, einzigartig auf der Welt zu sein. Nach wenigen Metern findet sich der Besucher im 13. Jahrhundert wieder – auf einer Baustelle. Männer und Frauen in strapazierfähigem Drillich schwitzen im Steinbruch, schmieden Werkzeuge, errichten Gerüste und brennen Ziegel: Arbeit am Bau einer Mittelalterburg.

Handarbeit: Die Tätigkeit im Steinbruch ist mühsam und anstrengend
Es bedurfte schon einer guten Portion Leidenschaft, um dieses Projekt auf den Weg zu bringen. „Ich bin eben verrückt nach alten Steinen und Gemäuern“, gibt Initiator Michel Guyot unumwunden zu. Vor langen Jahren hatte er für einen symbolischen Preis das Château im nahen Saint-Fargeau gekauft und es vor dem Verfall bewahrt. Es sollte nicht sein einziges Schloss bleiben. Neben diesen Unternehmungen reifte in dem Kunsthistoriker eine Idee, die weit über die Restaurierung alter Bausubstanz hinausging. Der vollständige Neubau einer Burg des Mittelalters, ausgeführt in traditionellen Techniken und unter wissenschaftlicher Betreuung – das war sein neuer Traum. Er scheint in Erfüllung zu gehen.

Die Burg nimmt Formen an, aber es bleibt
noch viel Arbeit: Blick auf die Baustelle
Vor zwölf Jahren begannen die Holzfäller eine Lichtung in den Wald zwischen Saint-Sauveur und Saint-Amand im Puisaye zu schlagen, einer stillen Wald- und Wiesenlandschaft, der die touristische Entdeckung noch bevorsteht. Entstanden ist ein riesiges Areal, das man Guédelon taufte. Das klingt für französische Ohren wie reinstes Mittelalter. Und um Authentizität ist man in Guédelon sehr bemüht.
Über staubige Wege, die blökende Schafe und grunzende Hängebauchschweine kreuzen, führt der Weg vorbei am Dorf der zahlreichen Handwerkerhütten zur Baustelle, die in einer Senke liegt. Eine Brücke aus dicken Eichenbalken überspannt den tiefer liegenden Teil, wo in rund 15 Jahren, so hofft man, einmal das Wasser des Burggrabens fließen soll. Nur ein paar Meter entfernt liegt an einem Hang die Keimzelle des Projekts, der freigelegte Teil des über das Gelände verlaufenden Sandsteinflözes.

Hilfsmittel: Im hölzernen „Hamsterrad“ wird mit
Menschenkraft ein Flaschenzug angetrieben, um Steine
auf die immer höher werdenden Mauern zu transportieren
Zwei junge Männer sind damit beschäftigt, Löcher in das Gestein zu treiben. Später werden Metallkeile eingesetzt, um die Schichten zu lockern. Die herausgebrochenen Felsbrocken werden je nach Größe von einem Pferdefuhrwerk oder mittels eines Flaschenzugs zur Bauhütte der Steinmetze geschafft. Ihr Gehämmer ist der Sound von Guédelon. Mit Dorn, Schlegel und Setzhammer rücken die Handwerker dem Stein zu Leibe. Oft dauert es mehrere Tage, bis er die gewünschte Form hat.

Wehrhaft: Die ersten der sechs geplanten Türme haben
schon eine stattliche Höhe erreicht
Danach ist es an den Maurern, ihn an die richtige Position zu setzen. Auf Holzgerüsten arbeiten die meisten von ihnen an den Mauern der Wachtürme. Zwei der sechs geplanten Türme haben bereits eine stattliche Höhe erreicht. Andere Maurer ziehen den Kamin für die zukünftige Küche hoch.

Wie im Mittelalter: Die Mauern des Kamins für die spätere
Küche der Burg werden mit einem Lot ausgerichtet
Aber die Arbeit geht mühsam voran. Oft werden Pausen eingelegt, die Bauarbeiter genehmigen sich einen Schluck aus ihren aus der berühmten ockerfarbenen Tonerde des Puisaye gefertigten Krügen. Immer wieder wenden sie sich den staunenden Zuschauern zu und erklären die Arbeitsschritte. Im Akkord arbeitet hier keiner.
Wurde die Anfangsphase von Guédelon aus Mitteln der EU und des französischen Staates mit 2,5 Millionen Euro unterstützt, so ist das Bauprojekt mittlerweile privatwirtschaftlich organisiert. Die Besucherzahlen liegen bei über 200.000 im Jahr. Ein Drittel sind Schüler. „Die pädagogischen und sozialen Ziele von Guédelon sind uns sehr wichtig“, betont Michel Guyot. Dass hier Arbeitslose einen neuen Job gefunden haben, ist in dieser strukturschwachen Region ein wesentlicher Pluspunkt des Projekts.
Ein wissenschaftliches Beraterkomitee, das sich aus Architektur- und Kunsthistorikern, Archäologen und Spezialisten etwa für Metallurgie zusammensetzt, sorgt dafür, dass die knapp 40 Handwerker die traditionellen Techniken beherrschen. Im Winter wird gebüffelt, danach wird das Gelernte umgesetzt.

Kein Geheimnis: Wie hier der Zimmermann zeigen die
Handwerker den Besuchern die alten Techniken
Thierry Darques ist ein kräftiger Mann, er ist der Schmied von Guédelon. Ohne die Werkzeuge, die er herstellt, geht nichts auf der Baustelle. „Ich habe in all den Jahren nie bereut, den Stift gegen den Hammer getauscht zu haben“, erklärt der frühere Journalist, der damit beschäftigt ist, die Gitter für die Fenster des Wohntrakts und der Küche, die in diesem Jahr fertig gestellt werden, zu schmieden. Auch vielen freiwilligen Helfern ist es zu verdanken, dass die Arbeiten im Plan liegen.
Guédelon um kurz vor Sechs am Nachmittag. Die Maurer setzen den letzten Stein, ein Kollege zieht sein Arbeitsgerät, das an ein Paddel erinnert, aus dem Trog mit der lehmigen Matsche, dem Zement des Mittelalters. Der Seiler verschließt seine aus Hanf gearbeiteten Produkte in einer Truhe und zündet sich ein Pfeifchen an. Währenddessen diskutieren Schüler mit ihrer Lehrerin. Es scheint ihnen gefallen zu haben. Feierabend in Guédelon.
Der Geist von Guédelon, der sich aus „einer verrückten Idee“ entwickelt habe, wie die Projektleiterin Maryline Martin betont, ist auch nach über zehn Jahren höchst vital. Das liegt wohl daran, dass Guédelon für viele von uns so etwas wie eine Lebensaufgabe ist“. Das Experiment, das auf dem Papier konzipiert wurde, ist keine seelenlose Kulisse, sondern eine weitestgehend originalgetreue Baustelle aus dem Mittelalter. Da spielt es keine Rolle, dass das Team vom Bau mit dem festen Schuhwerk unserer Tage und mit Spezialbrille zur Tat schreitet. Die Arbeitsschutzbestimmungen ließen keine Ausnahmen zu.