Reisemagazin schwarzaufweiss

REIHE ESSEN & TRINKEN UNTERWEGS

Der Siegeszug der roten Schote

Herbstreise ins französische Baskenland

Text und Fotos: Ulrich Traub

Frankreich - Baskenland - Platz satt: Impression am Strand von Hendaye

Auch im heutigen Europa ist es noch möglich, Traditionen und Regionalstolz zu pflegen, ohne auf die nationalistische Karte zu setzen. Das ist die eine gute Nachricht. Die andere lautet: In dem Landstrich, von dem die Rede sein soll, kann man auch einen schönen Urlaub verbringen, zwischen tosenden Wellen und einsamen Berglandschaften – vor allem im Herbst. Dann steht dort eine rote Schote im Mittelpunkt.

Frankreich - Baskenland - Surferparadies, auch schön von oben: die baskische Küste in der Nähe von Saint-Jean-de-Luz

Surferparadies, auch schön von oben: die baskische Küste in der Nähe von Saint-Jean-de-Luz

Wer ins französische Baskenland reist, steuert eine Region an, in der separatistische Wirrköpfe schon lange nicht mehr für Aufsehen sorgen. Doch der Besucher wird schnell feststellen, dass er eine autonome Welt mit ganz eigenem Charakter besucht. Das fängt bei der Sprache an, geht über die Traditionen und den Sport und hört beim Autokennzeichen längst nicht auf.

Frankreich - Baskenland - Aperitif unter Platanen: Nachsaison in Saint-Jean-de-Luz auf der Place Louis XIV

Aperitif unter Platanen: Nachsaison in Saint-Jean-de-Luz auf der Place Louis XIV

Die Küste zwischen dem mondänen Biarritz und der spanischen Grenze ist als Paradies für Surfer bestens eingeführt. In der Nachsaison genießt man aber die Unaufgeregtheit von Orten wie Saint-Jean-de-Luz mit seiner charmanten, zwischen Bade- und Fischerort schwankenden Atmosphäre. Am frühen Abend leeren sich die Terrassen auf der Place Louis XIV und man kann in Ruhe die Häuser des Sonnenkönigs und der spanischen Infantin bestaunen. Die beiden gaben sich 1660 in dem Ort das Ja-Wort. Hängen bleibt der Blick an einer Fassade, vor der ein knallroter Vorhang angebracht zu sein scheint. Dass es sich dabei um Hunderte Pfefferschoten handelt, erkennt man erst, wenn man vor dem Delikatessengeschäft steht.

Frankreich - Baskenland - Typisches Haus in Espelette: An der Fassade hängen Pfefferschoten - heute zur Dekoration, früher wurden sie dort getrocknet

Typisches Haus in Espelette: An der Fassade hängen Pfefferschoten - heute zur Dekoration, früher wurden sie dort getrocknet

Was hat es mit der ungewöhnlichen Deko auf sich? Die Antwort verrät – wohl nicht zum ersten Mal - eine freundliche Verkäuferin. „Die Schoten sind berühmt, aus ihnen wird das Piment d'Espelette hergestellt, das einzige Gewürz in Frankreich, das ein AOP-Label besitzt.“ Die Auszeichnung besagt, dass die Pflanzen nur in einem bestimmten Gebiet angebaut und verarbeitet werden dürfen. Und wo liegt diese Gegend? „Nur ein paar Kilometer östlich von hier“, verrät sie lächelnd.

Nach einer halben Stunde Autofahrt hat man den hübschen Ort Espelette (1) erreicht, der sich anmutig auf grünen Pyrenäenausläufern ausstreckt. Er gehört zwar nicht wie die benachbarten Dörfer Ainhoa und Sare zu den preisgekrönten, schönsten Dörfern Frankreichs, ist aber mit seiner intakten Infrastruktur beispielgebend in der Region. Und das liegt vor allem an der roten Schote.

Frankreich - Baskenland - Ramuntxo erklärt, dass die Pfefferschoten getrocknet werden – mindestens 14 Tage, um das AOP-Label zu erreichen

Ramuntxo erklärt, dass die Pfefferschoten getrocknet werden – mindestens 14 Tage, um das AOP-Label zu erreichen

Ramuntxo Pochelu ist einer von rund 180 Landwirten, die in Espelette und ein paar umliegenden Weilern Pfefferschoten-Pflanzen anbauen. „Sie gehören eigentlich schon Jahrhunderte zu unserer Gegend. Aber ihre Bedeutung ist erst vor noch nicht allzu langer Zeit erkannt worden“, erinnert sich der frühere Fischer, der mit Führungen, Kochschule, Shop mit eigenen Espelette-Produkten und einem Lehrgarten ein Pionier der Qualitäts- und Bekanntheitssteigerung ist. „Seitdem heißt das aus den Früchten der Pflanzen, den Schoten, gewonnene Gewürz nicht mehr einfach Pfeffer oder Chili, sondern trägt den Namen unseres Dorfes“ - und hat ihn zumindest in Frankreich auf die Einkaufslisten der Köche gebracht. Erst recht nach der Auszeichnung mit dem AOP-Label im Jahr 2002.

Frankreich - Baskenland - Landwirt und Espelette-Produzent Ramuntxo Pochelu zeigt eine Girlande mit Schoten, die im 50 Grad warmen Ofen waren und jetzt nur noch gemahlen werden müssen

Landwirt und Espelette-Produzent Ramuntxo Pochelu zeigt eine Girlande mit Schoten, die im 50 Grad warmen Ofen waren und jetzt nur noch gemahlen werden müssen

„Die Qualität des Gewürzpulvers wird jährlich von einer Jury geprüft“, erklärt Ramuntxo. Dann sitzen viele Männer mit Baskenmützen und einige Frauen an langen Tischen und schnüffeln und schmecken. Strenge Regeln gelten auch für Anbau und Ernte, beides reine Handarbeit, betont Ramuntxo. So muss etwa auf Bewässerung komplett verzichtet werden, die einjährigen Pflanzen sind dem Wetter ausgeliefert. Zudem ist eine mindestens 14-tägige Trocknungszeit der Schoten vorgeschrieben. „Danach knicken wir den Stiel ab, um die Unversehrtheit festzustellen.“ Dann folgt für drei bis fünf Tage der Aufenthalt im 50 Grad warmen Ofen. Zuletzt werden die Schoten komplett gemahlen, mit Haut, Fleisch und Kernen.

Frankreich - Baskenland - Auch die zu Girlanden gebundenen Schoten werden von einer Jury begutachtet

Auch die zu Girlanden gebundenen Schoten werden von einer Jury begutachtet

„Die Zahl der Espelette-Produzenten ist in den letzten Jahren stetig angewachsen“, weiß Ramuntxo. Das sei vor allem dem Engagement von André Darraïdou zu verdanken. Bescheiden erzählt der ehemalige Koch und heutige Hotelbesitzer über die Anfänge: „Ich habe das Gewürz in meiner Küche verwendet, damit sich die Gäste wieder an den Geschmack gewöhnten.“ Dann habe er als Bürgermeister immer mehr Bauern vom Anbau überzeugen können und sei für Qualität eingetreten – bis das AOP-Siegel erkämpft war.
Es ist eine Erfolgsgeschichte, die zeigt, wie die wirtschaftliche und soziale Entwicklung eines Gemeinwesens durch die Stärkung eines regionalen Produkts gefördert werden kann. Seit vielen Jahren ist Espelette in Frankreich ein Begriff, ein guter. Davon profitiert auch das Dorf.

„Zu unserem Fest müssen Sie unbedingt wiederkommen,“ rät André. Seit über 20 Jahren steht Espelette am letzten Oktober-Wochenende im Zeichen der roten Schote. Auch die Idee zu der Fête du Piment stammt von André. „Das Fest stärkt den Zusammenhalt im Dorf und sorgt dafür, dass Menschen von weiter her zu uns kommen“, freut sich der Senior. Der Zuspruch ist riesig. Spezialitätenstände soweit das Auge reicht: Alles aus der Region. Alle Achtung!
Auf dem Fronton, den es in Espelette wie in jedem baskischen Dorf gibt, wird das Squash-verwandte Pelota – in diesem Fall mit bloßen Händen - gespielt. Es werden baskische Lieder und Tänze aufgeführt, unter großer Anteilnahme. Man sitzt zusammen, isst und trinkt Wein aus der Region. Das baskische Irouléguy ist das wahrscheinlich kleinste Weinbaugebiet in Frankreich mit gerade mal 13 Winzerbetrieben. Aber auch ihre Zahl wächst.

Der Hauptdarsteller, die Espelette-Schote, tritt in verschiedenen Rollen auf: zu Girlanden gebunden schmückt sie die Hauswände, an die man sie früher zum Trocknen aufgehängt hatte. An den Ständen kann man sie in vielen Verarbeitungsformen kosten – vom reinen Pulver über Pasten und Senf bis zu Konfitüre und Schokolade. An seinem Stand muss Ramuntxo immer wieder erklären, dass das Gewürz nicht extrem scharf sei, aber breite Geschmacksnuancen entfalte.

Frankreich - Baskenland - Nicht bierernst: Während eines Gottesdienstes, an dem befreundete Bruderschaften teilnehmen, werden ausgewählte Pfefferschoten (vor dem Altar) getauft

Nicht bierernst: Während eines Gottesdienstes, an dem befreundete Bruderschaften teilnehmen, werden ausgewählte Pfefferschoten (vor dem Altar) getauft

Am Festsonntag wird der Schote sogar ein Gottesdienst gewidmet, bei dem ihr zahlreiche Bruderschaften aus der Nachbarschaft in bunten Gewändern und Kopfbedeckungen die Ehre erweisen – unter anderem der „Orden des gestopften Huhns“ und die „Confrérie du Gâteau Basque“. Denn natürlich hat das Baskenland auch einen eigenen Kuchen. Hier werden keine steifen Traditionen gepflegt, sondern lebendige Folklore – und das alles andere als bierernst. Und die baskischen Fahnen und Symbole, denen man überall begegnet? Sie sind ganz selbstverständlicher Ausdruck eines großen Selbstbewusstseins und Regionalstolzes.

Frankreich - Baskenland - Folklore: Nach dem Gottesdienst in der Kirche von Espelette ziehen Bruderschaften durch den Ort. Auch dabei die „Bruderschaft der Lebenskunst im Médoc“ (vorne rechts) und die „Bruderschaft des baskischen Kuchens“ (hinten links)

Folklore: Nach dem Gottesdienst in der Kirche von Espelette ziehen Bruderschaften durch den Ort. Auch dabei die „Bruderschaft der Lebenskunst im Médoc“ (vorne rechts) und die „Bruderschaft des baskischen Kuchens“ (hinten links)

Vor seinem Hotel trifft man einen zufriedenen André Darraïdou. „Wollen Sie wirklich wieder zur Küste zurück?“ Gute Frage! Das Baskenland mit seinen Besonderheiten lernt man in den grünen Hügeln des Hinterlandes besser kennen. Ongi etorri, willkommen!

 

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