Reisemagazin schwarzaufweiss

Wo der Schlangenadler über'm Krater fliegt

In den Vulkanbergen der Auvergne

Text und Fotos: Dirk Schröder

Vulkane mitten in Europa? – Kein Problem, im französischen Zentralmassiv gibt es gleich eine ganze Reihe davon. Die bizarre Lava-Landschaft lädt ein zu Wanderungen, Kletterpartien und Gleitschirmflügen. Und natürlich kommt, wie überall in Frankreich, auch das leibliche Wohl nicht zu kurz.

Frankreich / Auvergne / Krater

In der Ferne sehen wir ihn schon, den grünen Vulkankegel Puy de Dôme; mit seinen 1428 Metern erhebt er sich wie ein Zuckerhut am Horizont. Laut Reiseführer werden in der Auvergne noch weitere Vulkane Puy genannt: Der Puy Mary zum Beispiel oder der höchste der Vulkane, der Puy de Sancy, weiter der Puy de la Vache, Puy de la Coquille und wie sie alle heißen.

Gipfelfahrt auf der Asphalt-Spirale

Wir entscheiden uns erst einmal für die Gipfelfahrt: Eine gute, aber mautpflichtige Asphaltstraße ersetzt den alten gewundenen Maultierpfad und bringt uns bequem zum Gipfel des Puy de Dôme. Wie eine Spirale wurde die Straße mit zwölf Prozent Steigung um den Kegel gelegt. Sportlich Ambitionierte lassen ihr Fahrzeug unten auf dem Parkplatz stehen und benutzen den Serpentinenweg. Oben angekommen, sitzen wir in der Panorama-Bar, lassen uns den ersten Pernod schmecken und genießen den weiten Blick über die Vulkankette der Puys und die riesige Limagne-Ebene. Im Besucherzentrum mit Ausstellungen zum Thema Vulkankunde holen wir das nach, was wir auf der Schulbank bereits pauken sollten und erfahren noch allerlei Spezielles über den Puy de Dôme.

Frankreich / Auvergne / Gleitflieger

Als wir wieder ins Sonnenlicht treten, trauen wir unseren Augen nicht, zieht da doch gerade ein Gleitschirm auf, und zwei Drachen fliegen schon weit über uns. Das Schauspiel wollen sich auch die anderen Besucher nicht entgehen lassen und drängen sich um den Startplatz. „Ob ich hier auch fliegen darf oder ist es vielleicht schon zu spät?“ schießen mir die Gedanken durch den Kopf. Zum Glück sind die Franzosen sehr unbürokratisch, wollen keinen Flugschein sehen und weisen mich geduldig auf die Besonderheiten bei der Landung hin. In Rekordzeit steht mein Flieger startbereit, ein letzter Check, ein Blick zum Himmel zu den Kollegen dort oben und rein in die Aufwinde

Im Gleitflug über die Krater

„ Das gibt es doch nicht, wie im Fahrstuhl geht es hier aufwärts“, rede ich mit mir selbst, während ich versuche, die Thermik zu zentrieren. Schon nach wenigen Kreisen sehe ich unser Reisemobil von oben, der Sendemast, die bunten Gleitschirme, alles wird im Nu kleiner. In aller Ruhe kann man die Kraterlandschaft von oben betrachten. Mit ordentlicher Startüberhöhung riskiere ich dann einen Ausflug zum Puy de Côme. Schmale Wanderwege durchziehen wie Fäden die satt-grünen Wiesenmatten der erloschenen Vulkane. Mit den Gedanken an eine gemeinsame Wanderung genieße ich den außergewöhnlichen Flug über den historischen Gipfel. Historisch deshalb, weil am 7. März 1911 Eugenène Renaux als erster Mensch auf dem Gipfelplateau mit seinem Doppeldecker landete. Mit dem Passagierflug von Paris in die Auvergne in weniger als sechs Stunden hatte er den mit hunderttausend Francs ausgeschriebenen „Grand Prix Michelin“ gewonnen. Als Sonderaufgabe war eine Schleife um die Kathedrale von Clermont gefordert. Auch das war für den erfahrenen Piloten kein Problem.

Frankreich / Auvergne / Gleitflieger

Auch ohne Fluglizenz können Urlauber als Passagier mit in die Luft gehen, so wie die beiden unter mir in der Thermik mit dem roten Gleitschirm. Etwas teurer sind die Fahrten mit dem Heißluftballon, doch dafür kann man in aller Ruhe die Vulkanlandschaft unter sich vorbeiziehen lassen und außergewöhnliche Fotos schießen.

Krater-Wanderungen mit Kind und Kegel

Für einige Tage wollen wir nun die vielen Möglichkeiten der Auvergne genießen. Von unserem Wohnmobilnachbarn erhalten wir detaillierte Wanderinformationen: „Eine lohnende mehrstündige Wanderung führt ab dem Gipfel des Puy de Dôme zu zwei bis drei weiteren Puys. Auf ausgetretenen Pfaden über Wiesen voller gelber Enziane und Flügelginster erreicht man ohne große Anstrengung die Krater Puy de Pariou und Puy de Côme, jeweils nur hundert oder zweihundert Meter hoch. Die bis zu zwanzig Meter tiefen Trichter sind schön mit Gras gepolstert und werden besonders von Familien mit kleinen Kindern zum Picknicken bevorzugt“, weiß er zu berichten. „Ihre Kinder können dort gefahrlos rumtoben“, fügt er an. „Langstreckenwanderer finden in dem GR 4 eine gut markierte Tour durch den Parc Régional des Volcans; insgesamt eine schöne, wenn auch nicht allzu spektakuläre Strecke“. Unser Wohnmobil-Kollege aus Hamburg ist schon das fünfte Mal im Zentralmassiv und zeigt uns auf der Karte noch einige schöne Stellplätze für die weitere Reise – „Geheimtipps!“, wie er sagt.

Frankreich / Auvergne / Kraterweg

In den höchsten Tönen schwärmt er von der „Straße der Schlösser und Burgen“ die einen zu den Perlen des Mittelalters führt. Neugierig geworden, lesen wir in der farbigen Infobroschüre mehr dazu: „Im Mittelalter erhob sich auf jedem Felsen eine Festung. Die meisten von ihnen blicken heute noch auf die Täler herab, die sie einst beschützten. Im 15. Jahrhundert, während der Renaissance, als man Wert auf Komfort und Dekoration legte, wurden viele Festungen umgebaut. Vielerorts entstanden schöne Parkanlagen. Fast fünfzig Burgen und Schlösser können auf der Rundfahrt besichtigt werden“. Wir wählen uns einige aus, die auf unserer weiteren Strecke liegen und präparieren uns für einen Besuch der Hauptstadt der Auvergne.

Verführerische Konfekte in Clermonts Altstadt

Frankreich / Auvergne / Kathedrale

Den wohl schönsten Blick über die Doppelstadt und die Umgebung bis zum Puy de Dôme genießt man von der Terrasse der Kathedrale, die für ihre Glasfenster berühmt ist. Das beliebte Foto durch die Kathedraltürme zum Vulkankegel ist nur etwas für Frühaufsteher – jetzt am Nachmittag steht die Sonne dagegen. Verborgen bleiben uns aus dieser Perspektive auch nicht die Hochhäuser an der Peripherie, die Werke des Reifengiganten Michelin, dem wichtigsten Arbeitgeber der Stadt. Fast schwarz ist die Kathedrale und dunkel sind auch die Häuser ringsherum. Auf dem Überbleibsel eines Vulkankegels wurde die Altstadt aus dem leicht zu bearbeitenden Lavagestein errichtet. Bereits im 2. Jahrhundert zählte die wohlhabende Kaufmannsstadt am Schnittpunkt wichtiger Handelsstraßen 30.000 Bürger. Inzwischen sind es hunderttausend Einwohner mehr und Clermont ist mit Montferrand zu einem großen Ballungszentrum namens Clermont-Ferrand zusammengewachsen.

Im Altstadtviertel von Clermont entdecken wir rund um die Kathedrale verführerische Geschäfte mit Porzellan, Andenken und Spezialitäten der Region. Bei den „Volkanias“, einem Konfekt aus erlesener Schokolade, können wir nicht widerstehen. Auch die „Pascalines“ aus Bitterschokolade mit Himbeeraroma sind ein Gedicht. Wer in die Gegend kommt, sollte sich den süßen Abstecher zu Trianon in der 26, rue du 11-Novembre gut überlegen. In den Fußgängerzonen findet man auch diverse Feinschmeckerlokale und Bistros, in denen regionale Küche serviert wird.

Franreich / Auvergne / Haus

Kunstvoll bemalte Hauswand

Türme aus einem Baukasten für Riesen

Das Gebiet der heutigen Auvergne war vor über zwanzig Millionen Jahren ein riesiger Berg. Lava und Schlackeschichten hatten ihn bis zu einer Höhe von etwa 3000 Metern aufgetürmt. Der Puy de Dôme gehört zu dem Typ Vulkan mit einer kraterlosen Kuppel, weil die dickflüssige Lava so schnell fest wurde, dass sie den Schlot verstopfte. Um einiges jünger, doch immer noch drei Millionen Jahre alt, ist der Mont Dore. Dem Vulkanismus sind auch viele Seen zu verdanken, auf denen sich im Sommer die Surfer tummeln, und in denen man gut angeln und baden kann. Der Lac Chambon ist ein Paradebeispiel für einen Vulkanausbruch mitten im Flusstal. Der Lac Pavin dagegen ist in einem Maar entstanden, was die steilen Ufer erklärt.

Um die Landschaft näher zu erkunden, rollen wir auf einer kurvigen Strecke mit unserem mobilen „Ferienhaus“ von Clermont-Ferrand durch den „Parc régional des volcans d’Auvergne“ Richtung Le Mont Dore. Für die dreißig Kilometer benötigen wir einen halben Tag – nicht, weil die Straße so schlecht ist, die Ausblicke sind es, die uns immer wieder zu einem Stopp veranlassen. Kurz vor unserem Ziel bietet sich vom Col de Guéry auf 1264 Metern ein weites Panorama. Im Blick haben wir die beiden bizarr geformten Felsen Roche Sanadoire und Roche Tuilièr: Vor etwa 2 Millionen Jahren schoss hier flüssiges Gestein aus der Erde und erstarrte schnell an der Oberfläche. Die Gesteinsmassen wirken heute wie sorgfältig aufgestellte Türme aus einem Baukasten für Riesen.

Baden wie die Gallier

Wenige Kilometer weiter scheinen am Lac de Guéry, einem der vielen Kraterseen der Auvergne, die Mountain-Bikes direkt auf uns zu warten. „Können wir nicht mal mit den Fahrrädern die Vulkanlandschaft erkunden?“, höre ich von der Beifahrerseite. Die Kinder sind schnell begeistert, wollten sie doch immer schon ein „Fulli“, ein voll gefedertes Mountain-Bike, ausprobieren und eine Übernachtung auf dem Parkplatz handeln wir für heute Abend gleich mit aus.

Frische Croissants bekommen wir am nächsten Tag früh in Le Mont Dore. Der kleine Kurort scheint zur Saison aus den Nähten zu platzen, die Hauptstraße wird für unser Gefährt zum Nadelöhr. „Schon die Gallier nutzten die warmen Thermalquellen, die heute noch bei Asthma und Rheuma verschrieben werden“, bekomme ich aus unserem Reiseführer vorgelesen. An Souvenirgeschäften und Restaurants mit verlockenden Speisekarten mangelt es nicht: Hähnchen in Weinsauce oder gefüllter Kohl, Rauchfleisch mit grünen Linsen aus Le Puy, Spezialitäten wie Forelle mit Käsesauce, Seesaibling, Hecht oder Zander in Weinsauce werden angeboten. Trotz allem zieht es uns mehr zum nahen Puy de Sancy, nicht ohne zuvor unseren Bordkühlschrank mit einigen Käse-Köstlichkeiten der Region zu füllen: ein großes Stück Bleu d‘Auvergne, den würzigen Cantal und St. Nectaire (benannt nach dem kleinen Dorf östlich von Le Mont Dore). Auch von dem Schinken und den Wurstspezialitäten lässt uns der Verkäufer am Markt kosten, bevor die Ware dann auf der Waage landet. Und was wäre Frankreich ohne einen guten Wein zum Essen? Beim Händler nebenan entdecken wir edle Tropfen die das Prädikat „Côtes d’Auvergne“ tragen.

Zu Fuß auf den höchsten Vulkankegel

Zwei altertümliche Seilbahnen schaukeln die Urlauber in die luftige Höhe des Puy de Sancy. Zu Fuß dauert unser Aufstieg eine gute Stunde (etwa 300 Höhenmeter). Von der Bergstation mit kleinem Lokal führt dann ein breiter Weg die letzten hundert Meter zum Gipfel (1886 m) mit Orientierungstafel. Das Panorama reicht von der Bergkette im Norden mit dem Puy de Dôme, den verschiedenen Vulkanseen (Lac Chauvet im Süden) bis über die weite Hochebene des Zentralmassivs. „An klaren Tagen kann man bis zum Mont Blanc sehen!“, klärt uns ein Herr mit Baskenmütze auf und teilt mit: „Vom Gipfel führen gute Wege über den breiten Grat, die auch mit Kindern problemlos zu gehen sind. Vor kurzem erst habe ich hier den Rüttelflug eines Schlangenadlers beobachten können. Vielleicht habt ihr auf eurem weiteren Weg auch Glück, diese seltenen Vögel zu beobachten.“ Dies überzeugt die Kinder endgültig. Einen Schlangenadler konnten wir auf unserer Wanderung zwar nicht vors Fernglas bekommen, doch auch der Flug des Habichts hat die Kinder fasziniert.

Frankreich / Auvergne / Bergstation

Bergstation - manchmal umgeben von den Resten alter Schlösser oder Burgen

Nach der anstrengenden Wanderung freut sich jeder von uns auf einen Badetag. Einen schönen Platz dafür finden wir schon 20 Kilometer weiter westlich am Vulkansee Lac de Chambon. „Camping de la Plage“, das klingt nach einem Platz direkt am Wasser. Nicht nur das, unsere Kinder finden hier auch noch einen schönen Spielplatz. Mitten auf dem See dümpeln einige Surfer, die von der plötzlichen Flaute überrascht worden sind. Wir beschließen, morgen ein Board auszuleihen und auch unser Glück zu versuchen.

 

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