Aphrodite und Casanova
Jacques fischt ein Dutzend Austern aus seiner Claire und wir setzen uns auf den Holzsteg um das Abendlicht zu genießen. "Ich verlasse mich auf meine Intuition. Der Mond, die Gezeiten und das Wetter bestimmen meine Arbeit. Ich rieche, wann meine Austern frisches Wasser brauchen. Als einzige Landwirte benutzen wir keinerlei Chemie, denn dazu ist die Auster viel zu empfindlich und zu launisch, wie eine Frau eben.

Frische Austern
mit Zitrone, eine
Kostprobe auf dem Steg
Ob es an der Form oder am Mythos der Perle liegt, in allen Kulturen der Welt gilt die Auster als Symbol der weiblichen Fruchtbarkeit. Offiziell gilt hier der Römer Sergio Orata als erster Austernzüchter. Kein Wunder, denn zu den Orgien der römischen Kaiser wurden Austern geschlürft, die aus den Austernparks von Marennes/Oléron mit Pferdegespannen nach Rom transportiert wurden. "Wir leben von der Genusssucht der Mächtigen, das hat eine lange Tradition.", fügt Jacques an. Während er mit seinem Messer leicht drehend die Austern öffnet, erzählt er von den amourösen Abenteuern Ludwigs des XIV, der die Austern gemeinsam mit seinen Kurtisanen schlürfte, und Vatel, dem Leibkoch des Sonnenkönigs, der sich wegen einer fehlenden Austernlieferung in Chantilly das Leben nahm. Casanova und Balzac, so ist überliefert, pflegten vor dem Liebesakt, gewaltige Mengen von Austern zu verzehren. Dieser Tradition blieb das französische Bürgertum treu. So beginnt das Liebesmahl im Séparée stets mit Austern, die mit Champagner begossen werden. "Sind Austern wirklich afrodisiakisch", frage ich Jacques. Genau auf diese Frage hatte Jacques wie Luchs gelauert. "Diese Frage stellte schon damals ein Journalist dem Schriftsteller Alexandre Dumas, Auto des "Grafen von Monte Christo". Der den Freuden des Lebens nicht abgeneigte Romanautor antwortete ironisch: "Ja, aber nur wenn man die Auster zwischen den Beinen einer Frau schlürft! Jacques grinst verschwörerisch und sagt: "Das solltest Du wohl selbst ausprobieren" und reicht mir eine Auster. Auf ihrem weißen irisierendem Perlmuttbett liegt sie zartgrünlich schimmernd, wie einst Aphrodite, die Schaumgeborene, die aus dem Meer entstiegene Göttin der Liebe. Es riecht nach frischem Meer und sinnlich schlürfe ich meine erste Auster, wie einst Casanova am Busen der Donna Emila.