Reisemagazin schwarzaufweiss

Zeitreise ins Mittelalter

Burgen und Klosterbaukunst im Département Aude (Südfrankreich)

Text und Fotos:  Andreas Drouve

Frankreich - Aufstieg auf die Burg von Quéribus

Aufstieg auf die Burg von Quéribus

Geisterhaft zeichnet sich die Silhouette der Burg von Quéribus hoch oben im Gebirge der Corbières ab. Türme und Mauern scheinen mit der Felsenlandschaft verwachsen, die unwirtlich wirkt, schroff, menschenfeindlich. Ab dem Parkplatz führt der steile, beschwerliche Pfad an Thymian und Buchs vorbei, kaum jemand, der nicht außer Atem gerät. Eine Rast gibt Gelegenheit, den Blick bis zur Ebene von Perpignan und hinüber auf die Pyrenäen zu genießen. Majestätisch wirft sich die Bergkette auf, angeführt vom Pic du Canigou, 2784 Meter hoch. Für derlei spektakuläres Panorama dürften die Katharer im Mittelalter kein Auge gehabt haben. In dieser Region war die Festung von Quéribus das letzte Widerstandsnest jener kirchenkritischen Bewegung, der sich der König von Frankreich entschlossen entgegen stellte. Auf der Festung hielten sich die Aufrührer verschanzt, ernährten sich von eingesalzenem Fisch und Fleisch. "Oft mussten sie Wein statt Wasser trinken", weiß Burgführerin Véronique und liefert die Erklärung gleich mit: "Die Belagerer schossen mit Katapulten Aas auf die Zisternen ab, um das Wasser zu verseuchen. Dann blieb eben nur der Wein." Die Opfer waren vergebens, 1255 fiel Quéribus und verlor fortan an Bedeutung. Geblieben ist ein mehrstufiges Ruinenareal auf dem Bergkamm, zu dem sich eine Schwindel erregende Treppe hinauf zieht. Die einstigen Vorratslager, die Gewölbe, der säulengestützte Hauptsaal wecken die Neugier. Auf Höhen um 700 Meter fährt ein kühler Wind durch den Innenhof und die düsteren Fensterhöhlen. "Überall ist Vorsicht geboten", mahnt Véronique und setzt hinzu: "Bei Sturm ist das Kastell aus Sicherheitsgründen geschlossen."

Frankreich -  In der Burg von Quéribus

In der Burg von Quéribus

113-Einwohner-Dorf Cucugnan

Burgen, Kirchen, Klöster, urige Dörfer - "hineinspaziert ins Mittelalter" heißt es im südfranzösischen Département Aude, dessen Hauptstadt Carcassonne als Dreh- und Angelpunkt fungiert. Oft sind die geschichtsträchtigen Pfade unausgetreten, so wie im tiefen Südosten von Carcassonne in den Corbières. Die Felsenfestung von Peyrepertuse liegt in Sichtweite der Burg von Quéribus, in den Tiefen des Tals wartet Cucugnan auf seine Entdecker. Das 113-Einwohner-Dorf wurde Mitte des 10. Jahrhunderts erstmals erwähnt und bewahrt seinen alten Charme. In den Gassen steht die Stille, ein Spaziergang führt zur Kirche Saint-Julien et Sainte-Basilisse. Rühriges Kuriosum ist das nach dem Dichter Achille Mir benannte Theater mit seinen plüschig rot gepolsterten Sitzreihen. Ein 20minütiges virtuelles Schauspiel mit Lichteffekten und Lesepassagen vom Band macht die Geschichte des Abbé Marti lebendig, die schon Achille Mir im 19. Jahrhundert literarisch festhielt.

Der legendäre Marti war Pfarrer in Cucugnan und verzweifelte daran, dass seine Kirche sonntags leer war. Da blieb ihm nur eine List. Er versprach allen Dörflern, die am nächsten Sonntag zur Messe kommen würden, den Standort eines Schatzes zu verraten. Wie zu erwarten, war das Gotteshaus bis auf den letzten Platz gefüllt. Dann setzte er zu seiner volkstümlich aufbereiteten Predigt an: "Meine lieben Brüder und Schwestern, letzte Woche träumte ich, ich käme ins Paradies und würde an die Pforte klopfen. Der heilige Petrus fragte nach dem Grund meines Besuches. Ich gab ihm zur Antwort, dass ich gerne ein paar Neuigkeiten über die verstorbenen Bewohner von Cucugnan hätte. Nachdem er sein Register durchgesehen hatte, antwortete Petrus: 'Bei uns gibt es keine Cucugnaner! Wenn sie nicht im Paradies sind, müssen sie sicher noch einige Zeit im Purgatorium verbringen.' Im Purgatorium gab der schwarze Erzengel auf dieselbe Frage eine ähnliche Antwort: 'Bei uns gibt es keine Cucugnaner! Wenn sie weder im Paradies noch im Purgatorium sind, schmoren sie sicherlich in der Hölle!' " Im selben Moment setzte ein Gewitter ein. Donner grollte, Blitze zuckten über dem Gebirge - untrügliche Zeichen des Himmels. Abbé Marti nutzte die allgemeine Bestürzung und schlug das Programm für die kommende Woche vor: eine große Beichte sämtlicher Cucugnaner ...

Frankreich - Fassade des Theaters Achille Mir in Cucugnan

Fassade des Theaters Achille Mir in Cucugnan

Unter Ziegelgewölben trifft man sich abends in Cucugnan in der "Auberge du Vigneron". Hier liegt das Reich von Madame Fannoy, die das angegliederte Gasthaus führt und sich in der Küche mächtig ins Zeug legt: Blutwurst und Apfelscheiben, Schweinebäckchen in Rotweinsauce, ein Soufflé. Dazu serviert Monsieur Fannoy einen guten Tropfen aus den Corbières. Auf den Geschmack bringen auch die Weingärten in Richtung Carcassonne und die weiteren Monumente der Gegend, allesamt prächtige Zeugnisse des Mittelalters: die Burgen von Termes, Aguilar und Villerouge-Termenès. Während Termes und Aguilar noch heute wie uneinnehmbar wirkende Bollwerke in der Natur wirken, ragt die Festung von Villerouge-Termenès in Form eines Vierecks aus dem Ortsbild. Die Burg gehörte einst zum Besitz der Erzbischöfe von Narbonne und ist eng mit dem Ende des Katharismus verbunden. 1321 wurde Guilhem Bélibaste, der unter dem Namenszusatz des "letzten vollkommenen Katharers" im Languedoc bekannt ist, bei lebendigem Leibe verbrannt. Kühle Burgsäle und Gänge schlucken die Besucher, an den Mauern haben sich Freskenreste erhalten. "Machen Sie sich auf eine Überraschung gefasst!", sagt Regionalführerin Chantal und verspricht nicht zu viel. In einem Teil der Festung ist die "Rôtisserie Médiévale" untergebracht, das Mittelalter-Restaurant. Kulinarisch und sittlich fühlt man sich um Jahrhunderte zurückversetzt. Dicke Brotscheiben dienen als Teller, man trinkt eine Weinmixtur mit Gewürzen und Honig, man isst mit den Händen ...

Frankreich - Festung im Ortskern von Villerouge-Termenès

Festung im Ortskern von Villerouge-Termenès

Folgt man dem Flusslauf des Orbieu, rückt Lagrasse mit seinen mächtigen Abteigemäuern ins Bild. Laut Gründungslegende soll Karl der Große die Abbaye Sainte-Marie d'Orbieu persönlich ins Leben gerufen haben. Der Einfluss der Abtei, die lange in Händen von Benediktinern lag und als Bollwerk gegen die Katharer eine große politische Rolle spielte, strahlte im Mittelalter weit über die Grenzen des Languedoc aus. Der Kern von Lagrasse zeigt, weshalb man sich rühmt, in der Reihe der schönsten Dörfer Frankreichs zu stehen. Arkaden hier, Efeufassaden dort, am Ende die Teufelsbrücke.

Frankreich - Ortsbild von Lagrasse

Ortsbild von Lagrasse

Carcassonne, in einen doppelten Mauermantel geschnürt, zählt zum Weltkulturerbe der Unesco. Die Cité gilt als Europas größte, noch erhaltene Festungsanlage aus dem Mittelalter. Drei Millionen Gäste, so schätzt man, durchstreifen pro Jahr die Gassen. Spät abends kehrt die Stille zurück. Dann sind die meisten Besucher aus der Altstadt verschwunden, dann erstrahlen Türme und Zinnen in warmem Licht. Ein letzter Höhepunkt auf der Zeitreise durch die Jahrhunderte.

Frankreich - Festungsmauern von Carcassonne bei Nacht

Festungsmauern von Carcassonne bei Nacht

 

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