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Weltmeister lassen hier die Puppen tanzen

Französische Ardennen, Land der Sagen, Märchen und Mythen

Text und Fotos: Christoph Wendt

Hoch über den Tälern der unten in der Tiefe bei Monthermé zusammen treffenden Flüsse Maas (Meuse) und Semoy ragt der Roc de la Tour als einer der schönsten Aussichtspunkte aus den Waldbergen der südlichen zu Frankreich gehörenden Ardennen heraus. Von hier oben offenbaren sich die Ardennen als eine Landschaft endlos erscheinender Bergwälder, in die die Flüsse Maas und Semoy ihre Mäander wie Fieberkurven gezogen haben. Als schönster Ardennenfluss gilt dabei die Semoy, die unten in Monthermé in die Maas fließt. Hier, wo die Wälder am dichtesten und die Flusswindungen am verschlungensten erscheinen, sind die Hinweise auf  Sagen und Legenden nicht zu übersehen.

Frankreich - Ardennen - Roc de la Tour
Roc de la Tour

Das wilde Blockgewirr von Felsen und Steinen auf dem Roc de la Tour wurde von der Sage schon früh als Ruine einer Burg gedeutet, die der Teufel für einen verliebten Grafen bauen wollte. Weil er sein Werk aber nicht fertig bekam zerstörte er es. Sogar der um seine Burg betrogene Graf ist zu erkennen. Als gebrochener Mann lehnt er versteinert an der Ruine.

Kein Wunder, dass man schon vor Jahren hier eine „Route des legendes de Meuse et Semoy“ ausschilderte.

Das sagenhafte Pferd Bayard, das die sechskantigen Hinweisschilder auf diese Route ziert, können wir im Bergwald finden. Zusammen mit seinen vier Söhnen steht dort der Ritter Haymon vor diesem Ross und schaut versonnen über Wälder und Täler. Noch heute ist die Geschichte von den vier Haymonssöhnen überall in den Ardennen lebendig. Auf ihrem Riesenpferd Bayard zogen die vier jungen Ritter durch die Ardennen. Sie kämpften gegen Karl den Großen und bauten Burgen, die es tatsächlich gegeben hat, die aber heute verschwunden sind. Schließlich wurden sie mitsamt ihrem Riesenross versteinert, und das gleich an mehreren Stellen.

Frankreich - Ardennen - Bayarddenkmal bei Montherme
Bayarddenkmal bei Montherme

So werden zum Beispiel vier markante Schieferfelsen, die aus dem Bergwald bei Bogny an der Maas herausragen, als die Söhne des Ritters Haymon gedeutet, so wie man ein wenig weiter Maas aufwärts die „Dames de Meuse“ sehen kann, die zur Strafe für ihren Ehebruch versteinerten Ritterfrauen.

Doch gerade im französischen Teil des großen, von Belgien und Luxemburg herunterkommenden Waldgebirges bedarf es kaum einer so markanten Sage, um den Besuchern vor Augen zu führen wie sehr die Ardennen ein Land der Sagen, Legenden und Erinnerungen sind. Ob man will oder nicht, wer als Reisender in die Waldtäler zwischen Sedan und Charleville- Mézières, zwischen Revin, Givet oder Les Hautes Rivières eindringt, gerät unwillkürlich auf Spurensuche. Ritter und Helden haben ihre Burgen und Schlösser hinterlassen, Grafen, Herzöge und Könige ihre Festungen. Fromme Mönche bauten Klöster und betriebsame Bürger malerische Städte.

„In meines Vaters Heimat gibt es Wälder sonder Zahl! Zuweilen lassen Wölfe dort im Schatten ihre Augen leuchten“, dichtete einst der Franzose Paul Verlaine. Er verbrachte viele Jahre als Kind und Jugendlicher seine Ferien bei einer Tante in einem Ardennendorf. Wölfe gibt es auch in den Ardennen schon lange nicht mehr, doch der Dichter begegnet uns noch immer. Ziert sein Porträt doch zusammen mit dem seines Freundes Arthur Rimbaud jene Tafeln, die die touristische „Route Rimbaud-Verlaine“ markieren.

Diese Route führt durch die „Wälder sonder Zahl“, durch kleine Dörfer, in denen sich die Häuser aus grauem Schiefergestein unter schwarz-blauen Schieferdächern wie zu Verlaines Zeiten ducken, nach Charleville-Mézières, der Hauptstadt des Ardennendepartements.

Frankreich - Ardennen - Place des Vosges in Charleville Mezieres
Place des Vosges in Charleville-Mézières

Zwar gehört die Kathedrale Notre Dame de l’Esperance in Mézières zu den ganz großen spätgotischen Kirchen Frankreichs, doch die wahre Sehenswürdigkeit ist die Place Ducale in Charleville. Mit ihr verfügt die kleine Ardennenstadt beiderseits der Maas über eine der ganz großen städtebaulichen Kostbarkeiten Europas, die als Gegenstück nur noch die Place des Vosges in Paris hat. Kein Wunder, war doch der Architekt Clement Metezeau, der zwischen 1612 und 1628 für den aus Italien stammenden Gouverneur der Champagne, Charles de Monzague, die mit 23 Arkaden geschmückten Pavillons um diesen zentralen Platz der erst 1606 gegründeten Stadt setzte, ein Bruder jenes Louis Metezeau, der die Place des Vosges schuf.

Frankreich - Ardennen - Rimbaudmuseum in Charleville Mezieres
Ribaudmuseum in Charleville-Mézières

1854 wurde in Charleville Arthur Rimbaud geboren, der Dichter, der seine Heimatstadt gehasst hat und dennoch immer wieder hierher zurückkehrte. 1891 in Marseille gestorben ist Rimbaud in Charleville begraben. In der alten Stadtmühle am Ufer der Maas erinnert das Rimbaudmuseum an den Dichter des „trunkenen Schiffes“, der „Seher“, der „Illustrations“ der sich in „Jahreszeiten der Hölle“ auslebte und die Pariser Kommune bewunderte.

Frankreich - Ardennen - Grab von Arthur Rimbaud
Grab von Arthur Rimbaud

Alle drei Jahre wird Charleville-Mézières zum Treffpunkt der weltbesten Marionettenspieler, wenn hier im September das Weltfestival der Marionettentheater stattfindet. In der übrigen Zeit ist das Marionettenmuseum in Charleville eine interessante Adresse, wo man viel darüber lernen kann, wie schwierig es ist, die Fäden so zu ziehen, dass die Puppen richtig tanzen.

Frankreich - Ardennen - Marionettenmuseum in Charlevoille Mezieres
Marionettenmuseum in Charleville-Mézières

Unterhalb von Charleville-Mézières zieht die Maas bis zur belgischen Grenze durch den schönsten Abschnitt ihres ganzen Tales. Hier rücken bald die steil aufragenden Bergwälder bis ans Wasser heran, das sich sein Bett teilweise 300 Meter tief in die Schieferfelsen eingeschnitten hat. Revin, durch Georges Sands berühmtes „Malgretout“ literarisch unsterblich geworden, Fumay mit seinen uralten, an den Berghang geklebt erscheinenden Häusern sind Höhepunkte dieser Landschaft, die, wie könnte es in Frankreich anders sein, natürlich auch mit kulinarischen Kostbarkeiten lockt.

Als Europas größte Festungsanlage gilt der rund 35.000 Quadratmeter große Komplex der Festung Sedan am südlichen Rande der Ardennen. Mehr als tausend Jahre alt ist diese Festung, deren Keimzelle, eine Burg, bereits 997 in einer Urkunde Ottos III. erwähnt wurde. Traurig berühmt wurde Sedan im deutsch-französischen Krieg 1870/71, als hier die entscheidende Schlacht geschlagen, Napoleon III. gefangen und zur Abdankung gezwungen wurde.

Frankreich - Ardennen - Maastal bei Montherme
Maastal bei Montherme

Kulinarische Köstlichkeiten unter dem Zeichen des Wildschweins

Einst waren die Ardennen der keltischen Jagd- und Waldgöttin Arduinna geweiht. Deren heiliges Tier war das Wildschwein. Es ist in den Ardennen zu hohen Ehren  gekommen. Das französische Ardennendepartement dürfte die einzige politische Verwaltungseinheit zumindest in Europa sein, die ein Wildschwein als offizielles Wappentier führt.

Dieses einzige wehrhafte Tier, das aus den Zeiten der Göttin Arduinna blieb, ist heute noch allgegenwärtig. Wo immer es in den französischen Ardennen um gutes Essen geht ist es dabei, wurde es doch als Markenzeichen der Organisation „Ardennes de France“ zum Qualitätssymbol.

Ein paar Dutzend Erzeuger landwirtschaftlicher Erzeugnisse jeglicher Art vermarkten inzwischen ihre besten Produkte unter dem Zeichen des Wildschweins. Das regionale Gütesiegel „Ardennes de France“ mit dem unverkennbaren Schwarzkittel soll überall im Departement die Gewähr dafür geben, dass die Produkte unverfälscht und nach originalen, überlieferten Rezepten hergestellt sind.

Ob im Gourmetlokal oder unterwegs beim Picknick, beim Camping oder der Einkehr im kleinen Ausflugslokal im Wald ist das Wildschwein als Markenzeichen immer dabei und garantiert höchste Qualität.

Frankreich - Ardennen - Straßenschild
Straßenschild

Das beginnt bei ihm selber. Ob die beliebte Wildschweinpastete, die von manchen Ardenner Metzgern unnachahmlich köstlich her gestellt wird, Wildschweinwurst oder Wildschweinschinken, all das wird nach Ardenner Tradition als Markenartikel vertrieben.

Natürlich gilt das erst  recht für das wohl bekannteste kulinarische Produkt der Ardennen, den Schinken. Anders als im benachbarten Belgien wird er in den französischen Ardennen vor allem luftgetrocknet angeboten. Dabei ist es ein weiter Weg, bis solch eine Delikatesse ihren Weg aus dem Stall des Bauern, nicht etwa vom großen Mastbetrieb, auf den Vorspeisenteller oder in die Hände eines Küchenchefs gefunden hat. Je nach Größe des Schinkens kann es bis zu neun Monaten dauern, bis er reif ist und aufgeschnitten sein köstliches Aroma entfaltet.

Auch über die andere, weit über die Grenzen hinaus bekannte kulinarische Spezialität der Ardennen wacht das Wildschwein, über den Boudin Blanc, die Weißwurst von Rethel. Angeblich soll sie auf Verlangen von Kardinal Richelieu von einem Metzger in Rethel erstmals aus Schweinefleisch, Eiern und Milch hergestellt worden sein. Dabei blieb es bis heute, ganz gleich ob der Boudin Blanc in einem Gourmetrestaurant auf den Tisch kommt oder beim großen Weißwurstfest in Rethel angeboten wird.

Ob Schweinebraten, Kalbfleisch oder Lamm, Kaninchen, der typische Ardenner Truthahn oder Wildpasteten, alles, was lecker ist, trägt heute das Gütesiegel Wildschwein, sofern es nach dessen strengen Kriterien hergestellt ist. Und da das Essen nicht mundet, wenn es allzu trocken genossen wird, lieben die ans gute Speisen gewöhnten Ardenner seit jeher den Cidre. Auch seine Produzenten haben sich dem Wildschwein unterworfen, ebenso wie übrigens Käsehersteller. Käse ist in den Ardennen wie überall in Frankreich nicht irgendetwas zum Essen, Käse in reicher Auswahl nach dem Essen angeboten und mit Bedacht genossen rundet die Mahlzeit ab, krönt den Genuss. Manchmal fällt da die Wahl schwer: Soll es ein Rocroy sein, ein Grand Condé, ein Carré des Remparts oder ein Ziegenkäse?

Einfacher ist es beim süßen Dessert: Die Tarte au Sucre ist einfach unabdingbar, allenfalls kann noch der Gateau Mollet, eine Art Guglhupf, in Betracht kommen. Vielleicht wird auch ganz zum Schluss noch ein kleines Wildschwein aus dunkler Schokolade serviert? Wie könnte es anders sein in diesem Lande, in dem das Wildschwein immer dabei ist?



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