Reisemagazin schwarzaufweiss

Auf der Suche nach dem besten Motiv

Eine Foto-Exkursion an der Ardèche

Text und Fotos: Hilke Maunder

Naturpark, Département und Fluss: die Ardèche ist vielfältig. Und auch die landschaftliche Gestalt der Region im Südosten Frankreichs ist äußerst abwechslungsreich: Im Norden bedecken große Tannenwälder die bis zu 1.700 m hohen Monts d’Ardèche, in der Mitte säumen Esskastanienplantagen uralte Terrassen, im Süden windet sich die Ardèche als Namensgeberin des Départements durch ein karstiges Hochplateau. Motive genug also für die 16 ambitionierten Hobbyfotografen, die mit der Leica Galerie Frankfurt eine Fototour durch die Ardèche gebucht haben.

Frankreich Ardèche Wildblumen

Wolfgang aus Bad Vilbel ist mit seiner Frau Petra und Tochter Michelle bereits zum dritten Mal bei einer solchen Fotoreise durch Frankreich dabei. Nach der Provence im vergangenen Herbst jagt das Trio jetzt in der Ardèche acht Tage lang dem schönsten Motiv im perfekten Licht nach. „Mittags kann die Kamera ruhig ruhen – da macht das Licht jedes Motiv flach und ausdruckslos“, erklärt der mitgereiste Profifotograf Martin Trippen aus Wiesbaden, der abends mit Laptop und Beamer Tipps für bessere Aufnahmen gibt.

Erster Testlauf für Topbilder ist Tournon, 80 km südlich von Lyon inmitten der Weinberge der Côtes du Rhône gelegen. Doch für die Stadt und Schloss, Rhônebrücke oder Restaurants müssen wenige Minuten reichen – denn um 17 Uhr soll die Museumsbahn der „Chemin de Fer du Vivarais“, die von Mai bis Oktober entlang der Doux mit Dampfzügen und Dieseltriebwagen nach Lamastre rattert, im Bahnhof von Tournon einlaufen. Immer wieder werden Perspektiven und Positionen überprüft, Probebilder geschossen, Lichtwerte getestet, über einen schlechten Schatten missmutig die Köpfe geschüttelt – bis sich plötzlich das Klicken der Apparate mit dem Schnaufen der Lok zu einem Crescendo steigert.

Frankreich Ardèche Eisenbahn

Eisenbahn-Nostalgie

In der Papiermanufaktur Canson, die Vorfahren der Brüder Montgolfier gründeten, hat unsere jüngste Fotografin die Nase vorn: Ihr gelingt es auf Anhieb, aus einem trüben Becken Papier per Hand in einem Holzrahmen zu schöpfen. Zwischen Löschpapier mit dem Bügeleisen getrocknet, bedruckt Xavier de Montgolfier das Büttenpapier mit dem „Certificat d’Authenticité“ und setzt schwungvoll seine Unterschrift darunter. Und wieder klicken die Kameras.

Fotomotive am Vulkan

Während die Gruppe im Reisebus auf den Displays die Bildausbeute begutachtet, wird die Landschaft rauer, das Klima kühler. Aprikosenhaine gleiten am Fenster vorbei, Kirschplantagen und Erdbeerfelder, dann Schafweiden, Pferdekoppeln und dichte Tannenwälder. In Lalouvesc zeigt das Thermometer nur noch 13 Grad Celsius. 1.100 m hoch thront der frühere Badeort auf einem Bergrücken und öffnet weite Blicke über das Tal der Rhone bis zu den schneebedeckten Berggipfeln der Savoyer Alpen. Gegenüber des aussichtsreichen Kirchplatzes ruhen die Gebeine eines Heiligen, der zum lokalen Schutzheiligen der Wanderer geworden ist: St. Regis.

Frankreich Ardèche Vulkan im Grünen

Vulkanisches mitten im Grünen

Auch rund um den Mont Gerbier-de-Jonc, einen 1.553 m hohen, erloschenen Vulkan, lassen sich viele Fotomotive entdecken: Sigrid wählt eine leuchtend gelbe Königskerze als Vordergrund für ein Panorama, Werner ist mit Blitz und Stativ in einer windschiefen Hütte, die aus dem schwarzen Basalt der Vivarais-Vulkane errichtet wurden, verschwunden. Drinnen entspringt die Loire, der längste Fluss Frankreichs – und sorgt im benachbarten Souvenirshop für sprudelnden Umsatz.

Frankreich Ardèche Papiermanufaktur

In der Papier-Manufaktur

Auf den „Faysses", den uralten Terrassen im Parc Naturel Régional des Monts d'Ardèche, wachsen Kastanienbäume – bis heute werden in der Ardèche mit 6.000 Tonnen jährlich die meisten Esskastanien Frankreichs geerntet. Zur Blütezeit um 1860 dehnte sich die Kastanienproduktion auf 60.000 Hektar aus, heute werden noch 34.000 Hektar von tausend Kastanienbauern bewirtschaftet. Wie vielfältig die Nutzung des „Brotbaums“ der Ardèche ist, verrät das Kastanienmuseum in Joyeuse: Ob Suppe, Ragout, Püree, Gratin oder Pudding, ob geröstet oder gekocht – die Kastanie ist aus der lokalen Küche nicht fortzudenken. Richtig salonfähig wurde sie aber erst als kandidierte Marone. 1882 industrialisierte Clément Faugier aus der Ardèche die Erzeugung der kandierten Maronen, an denen man sich bereits unter Ludwig XIV. ergötzte. Die Häuser Faugier in Privas, Sabaton in Labégude und Imbert in Aubenas bereiten bis heute die vornehme Nascherei zu.

Seidenraupen

Jeden Mittwoch stapeln sich bis mittags um zwei die Köstlichkeiten der Region auf dem großen Wochenmarkt von Joyeuse. Dauerwürste vom Wildschwein oder Schwein wie die „Rosette“ können dort ebenso gekostet werden wie der kleine, runde Ziegenkäse „Picodon“, der cremige „Caillé Doux de St-Félicien“, der Blauschimmelkäse „Coucouron“ oder die würzigen „Caillettes“, Hackbällchen mit Mangold. Ein Weinstand lädt zum Probetrunk des „Chatus“, der bereits von den Römern in der Ardèche angebaut wurde: Noten von Mispel, weißem Pfeffer und Sauerkirsche prägen den autochthonen Roten mit dem langen Abgang.

Frankreich Ardèche Wochenmarkt

Üppig: der Wochenmarkt

Nur wenige Kilometer entfernt locken zwei der schönsten Orte der südlichen Ardèche: Vogüé mit dem trutzigen Stammsitz der Marquis von Vogüé, die zu den Kreuzrittern gehörten und später als Archäologen im Nahen Osten forschten – und Balazuc. Seine übereinander geschachtelten Häuser, die um die Reste einer Burg an einem 80 m hohen Steilhange an der Ardèche kleben, sorgen besonders im Sommer für Besucherscharen, die durch die engen Gassen bummeln, die Studios der Töpfer und Kunsthandwerker besuchen, sonnenhungrig die sandigen Ufer der Ardèche bevölkern oder zwischen kleinen Stromschnellen im Fluss baden. Diese Motivflut können die Fotofreunde nicht binnen einer Stunde auf den Film oder Chip bannen – und so klingelt pünktlich zum Rückkehrtermin das Telefon des Busfahrers: Wir kommen in zwei Stunden.

Frankreich Ardèche Lalouvesc

Stadtkirche von Lalouvesc

Denn einige sind längst nicht mehr in Balazuc, sondern zum nahen Örtchen Vieil-Audon gelaufen, in dem nicht nur die historische Bausubstanz restauriert, sondern auch eine traditionelle Kulturpflanze der Ardèche wieder angepflanzt wird: der Maulbeerbaum. Er ist der „Arbre d’Or“, der „Goldbaum“ der Ardèche. Seine Blätter ernährten die gefräßigen Raupen, deren Kokons den Rohstoff für die Weber von Lyon lieferten: Seide. Doch im späten 19. Jahrhundert sorgte eine ausgedehnte Epidemie der Seidenraupen und der Bau des Suez-Kanals, durch den Europa mit billiger Seite aus Fernost überschwemmt wurden, für den Niedergang des Jahrhunderte alten Handwerks. Seinen Todesstoß erhielt es 1934 mit der Einführung der Kunstseide Rayon. Heute gibt es nur noch vier Seidenzüchtereien in der Ardèche, die die Tradition fortführen – und ein „Musée de la Soie“ im Château de Roure von La Bastide de Virac.

In der Karsthöhle

Immer karger und zerklüfteter wird die Landschaft im Süden der Ardèche. Zikaden zirpen, silbern schimmern die Blätter der Olivenbäume, Feigen und Wein wachsen in den Gärten, und oben am Himmel zieht ein Geier seine Kreise. Auf der Ardèche sind jetzt Hunderte Kanuten unterwegs. Von Vallons d’Arc starten sie zu Paddeltörns durch die Gorges d’Ardèche. Profis schaffen die 30 km lange Tour durch die Schlucht mit ihren 25 Stromschnellen in sieben Stunden, Genießer lassen sich zwei Tage Zeit, baden direkt unter dem 66 m hohen Natursteinbogen der Pont d’Arc und campieren im Reservat auf den beiden offiziellen Lagerplätzen Gaud und Gournier.

Frankreich Ardèche Schlucht

Die Schlucht der Ardèche am Pont d´Arc

Für die Fotofreunde steht indes eine Wanderung an – eine 5 km lange Tour von der Quelle der Trioulle bis zu deren Einmündung in die Ardèche. Auf Saumpfaden, mal steil und steinig, kämpft sich die Gruppe schwitzend und schleppend von Motiv zu Motiv, entdeckt eine Verwandte der Gottesanbeterin im Gestrüpp der Garrigue, atmet tief Thymian, Lavendel und Oregano ein und bannt mit Makroobjektiven winzige Blumen auf den Chip, die leuchtend lila zwischen den niedrigen Buchsbäumen blühen. Unter der ausladenden Krone einer Steineiche hat der Guide ein kleines Picknick gerichtet: Kaffee, Tee und herzhafte Wurst.

So gestärkt, wird am Nachmittag die letzte große fotografische Herausforderung spielend gemeistert: die Aven d’Orgnac, eine riesige Karsthöhle mit unzähligen Stalaktiten und Stalagmiten, tropfenden Wänden und seltsamen Skulpturen aus Stein, die die Fantasie Kapriolen schlagen lassen. Wie groß dieses einzigartige unterirdische Universum ist, verrät eine Bergsteigerpuppe, die knapp unter dem natürlichen Einstieg baumelt – 50 m über dem Höhlenboden.

Am Abend ist es dann an der Zeit, die Kamera aus der Hand zu legen und die Ardèche auf eine ganz andere Art zu genießen: bei einem „ménu curieux“, komponiert aus der Flora der Region –mit Bibernellensalat, Brennnesselcremesuppe, Lavendel-Lamm und Kürbiseis.

 

Reisemagazin schwarzaufweiss

 

Das könnte Sie auch interessieren

.

Reiseveranstalter Frankreich bei schwarzaufweiss

 

 

Reiseführer Paris

„Paris ist alles, was Du willst“, schwärmte Fréderic Chopin, und bis heute ist die Seine-Metropole ein Schmelztiegel der Strömungen und Trends, der Kulturen und kreativen Impulse. Paris bestimmt, was Frankreich denkt, wie Europa tickt, was die Welt trägt. Kosmopolitisch und kleinstädtisch zugleich, schillernd bunt und doch urfranzösisch, hektisch und doch voller ruhiger Oasen zieht sie Bürger und Besucher in den Bann, die ihrem Mythos verfallen und ihn seit der Gründung zur Römerzeiten in immer neuen Facetten fortschreiben.

Reiseführer Paris

Mehr lesen ...

Kurzportrait Frankreich

"Ein Leben wie Gott in Frankreich", "Savoir vivre" - Sätze, die bei einem Urlaub in Frankreich keine leeren Worte bleiben müssen, vorausgesetzt, man übernimmt ein wenig die Lebensart der Franzosen, besucht Cafés, beobachtet die Menschen beim Boules-Spiel und nimmt sich Zeit für ein Schwätzchen beim Einkauf. Auf einer Reise durch Frankreich können Sie sich auch von den Raffinessen der weltberühmten Küche überzeugen und dazu noch die lokalen Spezialitäten testen.

Kurzportrait Frankreich

Mehr lesen ...

 

Die Gärten von Salagon und Thomassin. Die blühende Hochprovence

Das Frühjahr ist genau die richtige Zeit, um die Flora der Hochprovence zu genießen: gelb und blau blühenden Lein, weiß und rosa blühende Orchideen, gelb blühenden Ginster, roter Klatschmohn und gelber Rainfarn, rosaviolettes Ziströschen oder sonnengelb blühendes Etruskisches Geißblatt. Gärten wie der der Priorat von Salagon sind nicht nur ein Königreich der Düfte und Farben, sondern zugleich ein „Juwel der Botanik“, bewahren sie doch Schätze der Gartenkultur vergangener Zeiten. Vergessene Pflanzen zu erhalten ist Aufgabe des Hauses der Biodiversität am Rande von Manosque, in dessen Garten einige hundert verschiedene Obstsorten für die Nachwelt erhalten werden.

Provence

Mehr lesen ...

Via Domitia: Per Rad auf der Römerstraße durchs Geschichtsbuch

Fünf Radwege folgen dem Hinterland der französischen Mittelmeerküste und bieten römische Hinterlassenschaften satt. Auf grünen Wegen, kleinen Nebenstraßen oder Feld- und Waldwegen führen die Rundkurse um die älteste Römerstraße Via Domitia durch Languedoc-Rousillon. Im 2. Jh. v. Chr. wurde mit ihrem Bau begonnen. Einst verband sie Rom mit seinen Provinzen in Spanien und führte so auch durch Gallien, die Provinz Gallia Narbonensis. Auf den geschichtsträchtigen Routen fanden Handelsgüter, Nachrichten aber auch Truppen mit römischen Streitwagen schnell ihren Weg. Auch heute noch, über 2.100 Jahre danach, lassen sich ihre Hinterlassenschaften besichtigen, und zwar per Rad.

Frankreich - Via Domitia

Mehr lesen ...