Bienvenue im Frühling
Der Süden der französischen Atlantikküste
Text und Fotos Hilke Maunder
Sonntagmorgen in Bordeaux. Im flachen Sonnenlicht leuchten die historischen Sandsteinpalais der Reeder- und Weinhändler am Quai de Chartrons. Wo vor wenigen Jahren noch graue Fassaden und verödete Hafenbereiche dominierten und rauschender Verkehr die Stadt tyrannisierte, hat sich Bordeaux in einem milliardenteuren Facelifting wieder dem Ufer der Garonne zugewandt, Promenaden angelegt, Bäume gepflanzt, Fassaden saniert und im Dezember 2003 die weltweit erste Straßenbahn ohne Oberleitung eingeweiht. Der Hafenschuppen 20 dient heute als Ausstellungshalle, davor springen Skater über Jumps und sausen durch Half Pipes. Vom Marché Colbert weht der Duft frisch gebratener Hähnchen hinüber. Eine Frau mit Kittelschürze und Wollschal schenkt am Weinstand „Lillet“ aus, den Stadt-Apéritif aus Weißwein, Kräutern und Orange. Dazu passen Austern, gezüchtet im nahen Becken von Arcachon.
Wo Austern sich in Schale werfen

Züchter Jérôme Delarue mit geernteten Austern
„Das Bassin d’Arcachon ist die Heimatstube aller französischen Austern“, sagt Jérôme Delarue – hier werden sie geboren, erst dann von der Bretagne bis nach Bouziques bis zur Reife gezüchtet. 300 Millionen Austern-Larven wimmeln im nährstoffreichen Wasser, das bei Flut 15.000 Hektar mit Wasser bedeckt, bei Ebbe nur ein Drittel. Erst nach fast 50 Monaten hat die Auster von Arcachon ihre Reife erreicht. Mit Zitrone, Baguette, Butter und einem Glas Sancerre serviert Jérôme ein halbes Dutzend in seiner Holzhütte. Ihre Wände zieren Urkunden – neun Mal erhielten Delarue’s Austern in Paris das Prädikat „exzellent“. Austernzucht ist in Arcachon Tradition. Bereits 1860 ließ Napoleon III. in der Lagune die ersten Austernparks anlegen. Zu ihrem Schutz entstanden rund um die Île aux Oiseaux mehrere „cabanes tschanquées“, Watthütten auf hohen Stelzen, von denen sich ein unverstellter Blick über das Becken bot.

Austernzüchter im Bassin d'Arcachon
Die Stadt der vier Städte
Die Hütten der Austernzüchter liegen in der Ville Automne, dem Fischerviertel des Seebades Arcachon. Am 280 Meter langen Kai des Fischereihafens werden täglich Scholle, Steinbutt, Wolfsbarsch, Seehecht und Goldbrasse angelandet; auf kleinen Werften die Fischerboote überholt; Gummistiefel und Öljacke getragen. In der Ville Printemps und Ville d’Eté dominieren Strandshorts, Sonnenbrille und Bikini. Außerhalb der Saison sind beide Viertel recht verwaist. Ausgestorben scheint auch die Ville d’Hiver, die Winterstadt, die ab 1857 auf den Hügeln hinter dem Strand entstand. Die Sommerfrischen der Bourgeoisie sind Kleinode der Belle Epoque aus hellem Stein und roten Ziegeln, überreich verziert mit Holzornamenten, Balustraden, Erkern, Türmchen, Treppen und Terrassen. Die schmalen Straßen wurden bewusst kurvenreich angelegt – um den reichen Bewohnern Spaziergänge ohne Zugluft zu ermöglichen.
Sandige Riesin
Beim Aufstieg auf die höchste Düne Europas, die sich südlich des Seebades erhebt, mischt sich der Duft von Kiefernwäldern mit der salzigen-frischen Brise des Ozeans. Vom Gipfel der 117 Meter hohen Dune de Pilat eröffnet sich ein unvergesslicher Ausblick: gen Nordwesten das Becken von Arcachon, der Leuchtturm von Cap, die Sandbank von Arguin mit ihrem Wasser, das von klarer Jade bis sattem Ultramarin schillert, und die Brandung des Atlantik. Nach Süden der sandige, windzerzauste Kamm der 2,5 Kilometer langen und 500 Meter breiten Düne, nach Osten die Kiefernwälder des Fôret des Landes. Die Orte im größten Waldgebiet Frankreichs sind deutschen Campern und Familien bestens bekannt: Biscarosse und Mimizan, Ferienorte mit Süßwasserseen und 250 Kilometer langem Sandstrand.

Dune de Pilat, die höchste Düne Europas
Hotspot der Wellenreiter
Napoléon III. und seine Gattin Eugenie zog es weiter nach Süden, hinter den Phare de Biarritz. Der Leuchtturm markiert den Beginn der baskischen Felsenküste. Auf einem Strandhügel errichteten sie 1854 ihren kaiserlichen Palast. Bis 1868 verbrachte das Imperatoren-Paar hier jährlich seine Ferien. In seinem Gefolge kamen gekrönte Häupter aus ganz Europa sowie gut betuchte Bürger. Später betteten sich Filmgrößen wie Rita Hayworth und Gary Cooper im mittlerweile zum Hôtel du Palais umgebauten Palast, der Mitglied der Leading Hotels of the World ist. Der amerikanische Drehbuchautor Peter Viertel, der seine Ehefrau Deborah Kerr zu Dreharbeiten begleitete, gegründet 1957 Biarritz‘ Ruf als Surferhauptstadt Frankreichs: Er schien mit einem Brett über die Wellen zu gleiten. Zwei Jahre später wurde der erste französische Surfclub gegründet. Der Grand Plage gehört bis heute zu den besten Surf-Spots Europas. Englische Lords legten am Leuchtturm den ersten Golfplatz an. Heute ziehen sich die Greens der zehn Parcours bis an den Strand hin. Auch das baskische Ballspiel Pelota hat bis heute nichts von seiner Faszination verloren. In Sare schlagen Kinder mit einem Schläger aus Weidengeflecht einen harten Ball gegen die Spielwand auf dem Dorfplatz. Wer keine Chistera hält, spielt mit der bloßen Hand.
Wo der Pfeffer wächst
Das baskische Hinterland fügt dem Meerblau der Küste das Farbentrio grün, weiß, rot hinzu – grün wie die Täler und Wiesen, auf denen Lämmer mit schwarzen Köpfen weiden, weiß wie die hohen Häuser und die Anzüge der Pelota-Spieler, rot wie das Fachwerk und die Pfefferschoten von Espelette. Aufgezogen auf langen Schnüren, trocknen die feurigen Schoten vor den Hauswänden in der Sonne. Gehackt und gemahlen, eingelegt oder gefüllt, peppt der „Piment“ die baskische Küche auf – „Axoa“, gehacktes Kalbfleisch, oder Tripox, eine Grützwurst aus Lamm.

Fachwerkhaus mit Pfefferschoten in Espelette
Authentisch baskisch präsentiert sich auch St-Jean-de-Luz. Im Fischereihafen landet die größte Thun-fischflotte Frankreichs frühmorgens ihren Fang an; in der Altstadt säumen rot-weiße Fachwerkhäuser die Gassen und die Place Louis XIV, deren Name an das einzige Großereignis der Stadtgeschichte erinnert: 1660 hat der Sonnenkönig Ludwig XIV in der nahen Kirche St-Jean-Baptiste die spanische Infantin Maria-Theresa geheiratet. Wer heute einen Euro in einen kleinen Kasten wirft, ahnt für wenige Minuten den Glanz des dunklen Gotteshauses. Hell funkelt der Hochaltar in üppigem Gold.