Tausend Gärtner pflegen einen Park
Die Wassergärten von Amiens in Nordfrankreich
Text und Fotos: Volker Mehnert

Amiens ist eine Stadt der Wasserwege und Kanäle und dennoch kein Klein-Amsterdam und kein französisches Venedig, wie es eine ebenso bescheidene wie überflüssige Tourismuswerbung suggerieren möchte. Amiens könnte seine Reputation als graue Industriestadt ohne Schwierigkeiten mit einem eigenen Profil ablegen. Denn mit den Hortillonages, den innerstädtischen Wassergärten, besitzt dieses urbane Mauerblümchen eine leuchtende Blüte: 65 Kilometer Wasserwege verzweigen sich in einem etwa dreihundert Hektar großen Grünstreifen, der nur wenige hundert Meter von der Kathedrale entfernt liegt.
Erst zehn Minuten sind wir unterwegs, aber schon haben wir uns im Labyrinth der Wasserwege heillos verirrt. Die zahlreichen Flussarme der Somme mäandern hier ohne Ziel und Plan nebeneinander her, hinter jeder Biegung kreuzen Kanäle, und immer wieder münden breite oder schmale Gräben in die zentralen Arterien. Manchmal verbreitert sich ein Kanal durch beulenartige Ausbuchtungen, oder er geht sogar in einen Teich über, auf dem sich Hunderte von Seerosen ausbreiten. Mal fließt das Wasser ein wenig schneller, mal scheint es kaum in Bewegung zu sein.
Nur selten begegnen wir einem Angler oder einem anderen Kahn. Die Ufer sind reich bestückt mit Bäumen, Büschen und sämtlichen Nutz- und Zierpflanzen, die im französischen Norden wachsen: hier ein Feld mit Möhren oder Porree, dort ein Beet mit Radieschen oder Zwiebeln, bunte Blumenrabatten, efeuumrankte Spaliere, Himbeersträucher, Kirschbäume und kleine Gewächshäuser für Tomaten und Zucchini - aber immer wieder auch naturbelassene Abschnitte, in denen seltene Pflanzen wie Knabenkraut, Binsenkraut und Sumpfblütler unter umgestürzten Bäumen ein ersprießliches Leben führen und wo gewöhnliche Enten sich den Lebensraum mit Zwergreihern, Blaukehlchen und Haubentauchern teilen

Die Kathedrale als Wegweiser
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Wir verlieren uns deshalb nicht ungern in diesem Mikrokosmos aus Land und Wasser, und nach einiger Zeit finden wir sogar die Orientierung wieder: Zwar gibt es keine brauchbare Landkarte, doch wie ein Leuchtturm für verirrte Kahnfahrer taucht zwischen den Bäumen im Hintergrund die Kathedrale von Amiens auf, die bei Bedarf den Rückweg zur Anlegestelle weist.