Reisemagazin schwarzaufweiss

Albi

Die schöne Rote am Tarn

Text und Fotos: Hilke Maunder

Frankreich - Blick auf Albi und den Tarn

Blick auf Albi und den Tarn

77 km nördlich von Toulouse im Département Midi-Pyrénées wurde im Sommer 2010 Frankreichs jüngstes Welterbe in die Schutzliste der UNESCO aufgenommen: die Bischofsstadt Albi am Tarn. Ihr Bauname "La Rouge" verweist auf ihre Bauweise: Ihr Zentrum wurde fast ausschließlich aus örtlichem Backstein erbaut – da die Ziegel handgetrocknet wurden, sind auch immer wieder die Fingerabdrücke der Maurer zu erkennen.

Frankreich - Kathedrale in Albi

Kathedrale in Albi

Selbst die riesige Kathedrale mit ihren bis zu sechs Meter dicken Mauern wurde in Ziegelbauweise errichtet, ein Weltrekord. Zum 20 Hektar große Bischofsviertel, dem die UNESCO den Kulturerbestatus zuerkannte, gehören neben der gotischen Cathédrale Sainte-Cécile (1) der angrenzende Bischofspalast Palais de la Berbie (2), die Stiftskirche Saint-Salvy (3) als ältestester Sakralbau der Stadt, die Brücke Pont-Vieux (4) von 1040 und ein Teil des Tarn-Ufers. Typisch für die Baukunst im Tarntal ist auch das Maison du Vieil Alby (5), das noch einen "Soleilhou" besitzt – einen offenen Dachboden, in dem einst Färberwaid getrocknet wurde. Aus seinen Blättern wurde im 16. Jahrhundert die begehrteste Farbe des Mittelalters gewonnen: Blau. Bis zur Entdeckung des Indigo im Jahr 1560 gab es nur ein einziges Verfahren, um den begehrten Rohstoff zu erhalten. Die langen, dicken Blätter des Kreuzblütlers wurden in Waidmühlen zermalmt und zu Kugeln, den "Schlaraffen" oder "cocagne", geformt, die anschließend im Waidspeicher trockneten und zu feinstem Pulver zerstoßen wurden. Den Anbau und Handel des Pastels dominierten drei Familien – die Bernuy und Assezat in Toulouse und die Reynes in Albi. Bis heute zeugen ihre prachtvollen Renaissancepaläste vom einstigen Reichtum. Kleidung, aber auch Kosmetik und Kunsthandwerk, kurzum alle Produkte mit Pigmenten des Pastels, gibt es heute wieder im L'Artisan Pastellier (5, rue Puech).

Frankreich - Albi

1864 wurde in der alten Katharerhochburg am Ufer des Tarn ein Maler geboren, der als Portraitist des leichten Lebens von Montmartre weltberühmt wurde: Henri de Toulouse-Lautrec. Als er mit 36 im Suff an Syphilis starb, wollte kein Pariser Museum seine Werke – umso schöner werden sie heute in seiner Heimatstadt Albi präsentiert. Eine Erbkrankheit – Pyknodysostose – und zwei Beinbrüche hatten Henri de Toulouse-Lautrec im Alter von 14 Jahren zum zwergwüchsigen Krüppel gemacht. Im Leid entdeckte der junge Lautrec seine Liebe zur Malerei. 1881 zog er nach Paris. Seine Bleibe fand er auf Montmartre, mitten im Milieu der Dirnen und Künstler. Das nächtliche Treiben in den Bars und Bordellen wurde seine Inspirationsquelle, der Alkohol ließ ihn sein körperliches Elend vergessen. Als er mit 36 Jahren im Schloss von Malromé in den Armen seiner geliebten Mutter starb, hinterließ er sein Œuvre seiner Geburtsstadt Albi: mehr als 500 Ölgemälde, Zeichnungen und Lithografien, die seit 1922 hinter den dicken Backsteinmauern des Palais de Berbie im Musée Toulouse-Lautrec zu bewundern sind. Zu den Fans des Malers gehört der Meisterbäcker St-Honoré, der ihm zu Ehren den Gâteau Lautrec kreiert hat: als Bananen-Karamell auf Mousse de Chocolat. Sein Laden in der Rue St-Julien liegt nur einen Steinwurf vom Museum entfernt, mitten in der jener Altstadt, die Albi wegen der hier verwendeten Mauerziegel den Beinamen "La Rouge" eingebracht hat: roter Backstein, wohin man schaut.

"Rot" war auch ein zweiter berühmter Mann aus der Tarn-Stadt: Jean Jaurès. Als 1895 die Glasbläser im nahen Örtchen Carmaux streikten, versuchte der Sozialist, den Streit zwischen den Arbeitern und dem Fabrikbesitzer Rességuier zu schlichten. Auf das Scheitern der Verhandlungen reagierte Jaurès mit einer Premiere: Er gründete mit den Glasbläsern die erste Kooperative Frankreichs, die Verrerie Ouvrière d'Albi, und sie konnten dank einer Goldspende von Madame Dembourg, die 100.000 Franc aus ihrem Privatvermögen zusteuerte, den Bau vollenden. Das Glaswerk ist bis heute in Betrieb. Jean Jaurès wurde am 31. Juli 1914 im Pariser Café du Croissant, Rue Montmartre, von Raoul Villain erschossen – zwei Tage später brach der Erste Weltkrieg aus.

Reiseinformationen zu Albi

Schlafen

16 der 56 Zimmer in der ehemaligen Mühle (1770), heute das Mercure Hotel Albi Bastides, haben Paradeblicke auf die Altstadt und den Tarn (41 bis, rue Porta, F – 81000 Albi, Tel. 05 63 47 66 66, www.accorhotels.com)

Schlemmen

In der ehemaligen Kathedralschule für Knaben serviert Le Clos St-Cécile (3, rue du Castelviel, Tel. 05 63 38 19 74) Spezialitäten der Region.

Informieren

Office de Tourisme
Palais de la Berbie
Place Sainte Cécile
F – 81000 Albi
Tel. 05 63 49 48 80
www.albi-tourisme.fr

Weiterlesen

Hilke Maunder, Journalistin aus Hamburg, berichtet seit 20 Jahren aus und über Frankreich. Aktuelles und Hintergründe gibt es auf ihrem Frankreich-Blog Bleu, Blanc, Rouge:www.meinfrankreich.com.

 

Reisemagazin schwarzaufweiss

 

Das könnte Sie auch interessieren

.

Reiseveranstalter Frankreich bei schwarzaufweiss

 

 

Reiseführer Paris

„Paris ist alles, was Du willst“, schwärmte Fréderic Chopin, und bis heute ist die Seine-Metropole ein Schmelztiegel der Strömungen und Trends, der Kulturen und kreativen Impulse. Paris bestimmt, was Frankreich denkt, wie Europa tickt, was die Welt trägt. Kosmopolitisch und kleinstädtisch zugleich, schillernd bunt und doch urfranzösisch, hektisch und doch voller ruhiger Oasen zieht sie Bürger und Besucher in den Bann, die ihrem Mythos verfallen und ihn seit der Gründung zur Römerzeiten in immer neuen Facetten fortschreiben.

Reiseführer Paris

Mehr lesen ...

Kurzportrait Frankreich

"Ein Leben wie Gott in Frankreich", "Savoir vivre" - Sätze, die bei einem Urlaub in Frankreich keine leeren Worte bleiben müssen, vorausgesetzt, man übernimmt ein wenig die Lebensart der Franzosen, besucht Cafés, beobachtet die Menschen beim Boules-Spiel und nimmt sich Zeit für ein Schwätzchen beim Einkauf. Auf einer Reise durch Frankreich können Sie sich auch von den Raffinessen der weltberühmten Küche überzeugen und dazu noch die lokalen Spezialitäten testen.

Kurzportrait Frankreich

Mehr lesen ...

 

Die Gärten von Salagon und Thomassin. Die blühende Hochprovence

Das Frühjahr ist genau die richtige Zeit, um die Flora der Hochprovence zu genießen: gelb und blau blühenden Lein, weiß und rosa blühende Orchideen, gelb blühenden Ginster, roter Klatschmohn und gelber Rainfarn, rosaviolettes Ziströschen oder sonnengelb blühendes Etruskisches Geißblatt. Gärten wie der der Priorat von Salagon sind nicht nur ein Königreich der Düfte und Farben, sondern zugleich ein „Juwel der Botanik“, bewahren sie doch Schätze der Gartenkultur vergangener Zeiten. Vergessene Pflanzen zu erhalten ist Aufgabe des Hauses der Biodiversität am Rande von Manosque, in dessen Garten einige hundert verschiedene Obstsorten für die Nachwelt erhalten werden.

Provence

Mehr lesen ...

Via Domitia: Per Rad auf der Römerstraße durchs Geschichtsbuch

Fünf Radwege folgen dem Hinterland der französischen Mittelmeerküste und bieten römische Hinterlassenschaften satt. Auf grünen Wegen, kleinen Nebenstraßen oder Feld- und Waldwegen führen die Rundkurse um die älteste Römerstraße Via Domitia durch Languedoc-Rousillon. Im 2. Jh. v. Chr. wurde mit ihrem Bau begonnen. Einst verband sie Rom mit seinen Provinzen in Spanien und führte so auch durch Gallien, die Provinz Gallia Narbonensis. Auf den geschichtsträchtigen Routen fanden Handelsgüter, Nachrichten aber auch Truppen mit römischen Streitwagen schnell ihren Weg. Auch heute noch, über 2.100 Jahre danach, lassen sich ihre Hinterlassenschaften besichtigen, und zwar per Rad.

Frankreich - Via Domitia

Mehr lesen ...