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Liebe im Polarlicht

Im Norden Finnlands 

Text und Fotos: Jutta Lemcke 

Lappland, hoch im Norden Finnlands weit jenseits des Polarkreises, scheint nicht von dieser Welt. Hier traben Rentiere gemächlich über tief verschneite Straßen, hier düsen vermummte Menschen auf Snowmobiles zum Brötchen holen und Japaner machen bei Polarlicht im Glasiglu Liebe, weil das angeblich der Fruchtbarkeit dient.

Finnland - Snowmobile

Im eisigen Norden geht alles ganz pragmatisch zu. Anu Huusko fährt mit ihrem Kleinwagen knirschend durch den Schnee, hält irgendwo mitten im Wald und verkündet: „So, da sind wir!“ Dann weist sie ins weiße Niemandsland auf eine Blockhütte, die sich zwischen die Tannen duckt. „Morgen hole ich euch wieder ab“, erklärt sie und fährt davon. Wir hoffen das Beste und tapsen schicksalergeben durch den tiefen Schnee zu unserem einsamen Cottage am vereisten Solojärvi See (1).

Finnland - Blockhütte

Erst einmal müssen wir die Veranda vom Schnee befreien, damit sich die Holztür öffnen lässt. Doch die Mühe lohnt. Drinnen ist es wohlig warm, das blau karierte Bettzeug liegt bereit und ein helfender Geist hat bereits die Sauna vorgeheizt. Draußen fallen langsam die Flocken nieder. In der einbrechenden Dämmerung fliegt ein Schneehuhn auf und gleitet gemächlich über den verschneiten See. Dann ist es still. Wir sind angekommen im hohen einsamen Norden Finnlands, in der verzauberten Wildnis Lapplands.

Land der Samen

Dieses Land gehörte einst den Samen, den Ureinwohnern im Norden Europas, die hier seit Beginn unserer Zeitrechnung als Nomaden und Halbnomaden von Rentierwirtschaft, Fischfang und Jagd lebten. Heute werden etwa 70.000 Samen in Norwegen, Schweden, Finnland und Russland gezählt. Same ist, zumindest in Finnland, wer sich dafür hält, samisch spricht oder einen Samen in der Eltern- oder Großelternschaft vorweisen kann. Wer in Finnisch-Lappland Samen entdecken will, muss schon fragen. Auch unser finnischer Guide Anu erkundigt sich auf unser Drängen immer direkt: „Bist du Same?“ Im Alltagsleben, so erklären Samen wie Nicht-Samen, habe die Zugehörigkeit heute keine Bedeutung mehr.

Seit einigen Jahren wird alles getan, um die Kultur, die Joiku-Gesänge und die verschiedenen Sprachen der Samen, die häufig gegen ihren Willen als „Lappen“ bezeichnet werden, zu pflegen. Ein eigenes Museum in Inari (2) erklärt eindrucksvoll ihre Geschichte und gibt Einblicke in ihr Leben. In den Schulen wird Samisch gelehrt und ein Samenparlament übernimmt Aufgaben der kommunalen Selbstverwaltung. Ihre typischen Trachten aus blauem, gelbem und rotem Tuch mit den regional unterschiedlich verzierten Metallbroschen legen die Samen allerdings nur noch zu besonderen Ereignissen an.

Finnland -Same in typischer Tracht

Und so stellt Anu wieder die übliche Frage: „Petri, bist du Same?“ Ja, Petri Mattus ist Same und lebt wie die meisten seiner Vorfahren von seinen Rentieren. Im Winter fährt der 34jährige aus Menesjärvi jeden Tag bis zu dreimal hinaus in den Wald, um die Tiere zu füttern. Gemeinsam mit seiner Frau Kirsi lädt er die hölzernen Schlitten voll mit Heu und spannt sie hinter die Snowmobile. Dann geht es in rasender Geschwindigkeit durch die Wälder mit den tief verschneiten Birken und Tannen, über zugefrorene Seen und über Flussläufe. „Ho, ho“, ruft er schon während der Fahrt seine Tiere, die nach und nach in Scharen aus dem Wald hervoreilen. Auf einer Lichtung stoppt Petri die Schlitten, schüttet das Heu in den Schnee und macht sich dann Feuer, um Tee zu kochen.

Finnland - Rentiere

„Wie viele Tiere hast du?“, fragen wir. Kirsi lacht, denn sie kennt die Antwort. „Ich frag´ dich doch auch nicht, wie viel Geld du auf dem Konto hast“, antwortet Petri, grinst breit und schneidet sich noch ein Stück getrocknetes Rentierfleisch ab. Immerhin erfahren wir, dass man 400 Rentiere braucht, um eine Familie zu ernähren. Im Mai werden die Kälber geboren, im Juni bei der Separation die Tiere zum Schlachten aussortiert und im Winter beginnt Tag für Tag die Fütterung. Petri und Kirsi haben sich dieses Leben freiwillig ausgesucht. „Wir brauchen keine Uhr und wir leben hier mit der Natur“, sagen sie.

Finnland - Kimiyo

„Würdest du einen Rentierhirten heiraten“, fragen wir Kimiyo. Die Japanerin ist seit einem Jahr in Lappland und betreut die Gäste im Hotel und Iglu-Village Kakslauttanen (3) nahe Saariselkä. Ja, erklärt sie kurz und bündig. Kimiyo spricht fließend finnisch und möchte am liebsten in Lappland bleiben. Sie umsorgt die japanischen Gäste, die hier vor allem zur Zeit des Polarlichts kommen, ein Glas-Iglu mit freier Sicht in den Himmel buchen und hoffen, dass diese besonderen Umstände ihnen Nachwuchs bescheren. „Manchmal bekommen wir hinterher sogar Postkarten“, sagt Kimiyo ein wenig verschämt. Wer ganz auf Nummer Sicher gehen will, kauft am besten im Shop noch schnell ein Röhrchen mit Rentierhorn-Pulver, das soll ähnliche Wirkung haben.

Der Zauber des Nordens

Auch wer nicht an die Fruchtbarkeit fördernde Wirkung des Polarlichts glaubt, wird dem Zauber des „auroras boreales“ sicher erliegen. Magisch leuchtende Lichtschleier, häufig in Grün oder Blau, selten in Rot, überziehen in klaren, kalten Nächten den Himmel. „Wie eine Kunstausstellung, die sich bewegt“, sagt Ilona Iisalo aus Saariselkä, die den Winter und die Dunkelheit liebt, „wegen des Nordlichts, wegen des Mondes und der Sterne“. Ilona zeigt den Gästen aus dem Süden gerne die Schönheiten ihrer Heimat. Sie betreibt ein Geschäft für Wintersport direkt am Urho Kekkonen Nationalpark (4), benannt nach dem populären Staatspräsidenten, der das Land bis 1981 leitete.

Finnland - Schlittenfahrt

Der Nationalpark und der Ort Saariselkä sind das touristische Zentrum Finnisch-Lapplands. In Saariselkä (5) mit seinen gut ausgestatteten Hotels, den Langlaufloipen und Skiliften treffen sich häufig die Mitarbeiter großer Firmen, um in der Abgeschiedenheit des Nordens in Klausur zu gehen und sich bei Outdoor-Aktivitäten zu entspannen. Die Angebotspalette reicht von Snowmobile-Touren über Rentier- und Husky-Safaris bis zum Eisfischen oder Goldwaschen.

Finnland - Eisfischen

Die eindrucksvollste Art, diese traumhaft schöne Winterlandschaft und die große Stille zu genießen, so erklärt uns Skiguide Saana, sei eine Schneeschuh-Wanderung durch den Urho Kekkonen Park, der Bären, Fischotter und Steinadler beheimatet. „Würdest du einen Rentierhirten heiraten?“, fragen wir sie, während wir jenseits aller Wege durch die weiße Wildnis stapfen. „Nein, nein“, sagt sie, „das ist zuviel Arbeit. Ich komme selber aus einer Hirten-Familie“. Sie lacht fröhlich, dreht sich wieder um, packt ihre Stöcke und stapft schnell den Hügel hinauf, bis sie im dichten Schneefall ganz und gar verschwunden ist.



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