Reisemagazin schwarzaufweiss

Von Schmugglerdörfern, Stonehenge und König Arthus

Cornwall mit dem Wohnmobil

Text und Fotos: Dirk Schröder

Cornwall ist ein Reiseziel für Individualisten. Ein Land der Steine und Sagen, uriger Dörfer und zahlloser Ruinen. Dirk Schröder hat es für uns erkundet.

Während sich über uns die Wellen bei Windstärke sechs überschlagen und die Fähren auf dem Meer tanzen lassen, fahren wir behaglich im Shuttel unter dem Wasser. Gerade mal 35 Minuten sind es von Calais nach Dover. Problemlos und schnell haben wir unser Wohnmobil in die geschlossenen Waggons der Bahn gefahren, das Radio eingeschaltet und es uns im Auto gemütlich gemacht.

England / Wohnmobil im Zug

Bahnentladung des Wohnmobils

Anfänglich etwas ungewohnt geht es auf der linken Straßenseite weiter. Umsichtig steuern wir unser mobiles Heim zunächst entlang der Südküste über Folkstone nach Rye. Der beschauliche Ort verleitet zu einer ersten „tea-time“. Das Meer dringt hier einige Kilometer ins Landesinnere vor und bildet so einen geschützten Hafen, in dem es überall von Möwen nur so wimmelt.

England / Rye

Im Ort Rye an der Südküste

Bei einem Bummel über Kopfsteinpflaster tauchen wir in eine mittelalterliche Kulisse ein, streifen vorbei an Fachwerkfassaden, die durch bunte Blumen liebevoll geschmückt sind. Einen Drink in der einstigen Spelunke der Schmuggler wollen wir uns nicht entgehen lassen. Der bekannteste Gasthof der Stadt heißt „Mermaid Inn“, im 15. Jahrhundert eine beliebte Piratenabsteige,die noch viel von ihrem Flair bewahrt hat: wuchtige Balken über geschnitzten Holzbänken, über dem offenen Feuer dreht sich Fleisch am Spieß.

Gewaltige Kreideklippen am Ufer des Ärmelkanals

England / Kreideküste

Blick auf die Kreideklippen bei Dover

In Newhaven finden wir ungetrübt von Verbotstafeln neben der rauschenden Brandung einen idyllischer Stellplatz am Fuße der Kreidefelsen. Nach einem Spaziergang über die Klippen, beim Anblick der geschickten Flugmanöver der Möwen im Aufwind, beim Sammeln von Muscheln zwischen den Steinen und nicht zuletzt beim Genuß eines Glases Portwein kommt schnell Urlaubsstimmung auf. Seebäder wie Brighton, Portsmouth und Southampton mit breiten Promenaden, vielen Badegästen, prächtigen Hotelpalästen aus der Frühzeit des Tourismus (Foto rechts: Norfolk Hotel in Brighton) und zäh fließendem Verkehr sind nicht nach unserem Geschmack. Wir begnügen uns mit dem, was wir aus unserem Wohnmobilfenster sehen. „Auf dem Weg nach Stonehenge dürft Ihr die Kathedrale in Salisbury auf keinen Fall auslassen“ hatte uns ein Freund geraten, der England wie seine Westentasche kennt. „Sie gehört zu den schönsten frühgotischen Kirchen Englands und außerdem ist ihr Kirchturm nach dem Kölner Dom mit 124 Metern der höchste der Welt. Die Westfassade ist mit so vielen Figuren geschmückt, dass man Stunden davor stehen könnte um die Details zu betrachten“.

England / Hotel in Brighton

Stonehenge – ein Modell unseres Planetensystems?

Über die Landstraße 360 sind es von Salisbury nur 11 Kilometer bis Stonehenge, das unmittelbar neben der Straße liegt. Die Abendsonne taucht den berühmten Steinkreis in warme Pastellfarben und eine Gruppe weiß gekleideter Menschen, die aussehen wie Druiden, bereitet sich gerade auf ein Ritual vor. Wir können die seltene Szene nur hinter hohem Maschendraht beobachten, denn für normale Besucher sind die Tore längst geschlossen. In der nahen Umgebung stellen wir unser Wohnmobil ungehindert am Waldrand ab und lassen bei Vollmond die Eindrücke der 5000 Jahre alten Kultanlage auf uns wirken. Die halbe Nacht diskutieren wir über Sinn und Zeck des kreisförmigen Gebildes mit seinen tonnenschweren Zentralsteinen, die perfekt ineinander passten. Für den Forscher Erich von Däneken ist der Fall klar: Stonehenge ist ein exaktes Modell unseres Sonnensystems, wobei die Kreise der Anlage die mittleren Umlaufbahnen der Planeten um die Sonne widerspiegeln!

England / Stonehenge

Stonehenge

Am nächsten Morgen stehen wir mit vielen anderen Touristen vor den riesigen Steinen und unsere Hochachtung vor den Baumeistern und ihrem Wissen wächst. Eins ist für uns nach dem Rundgang sicher: primitive Steinzeitmenschen waren die Erbauer von Stonehenge auf keinen Fall.

Engalnd / Avebury

Avebury mit Monolithen

In Avebury geht es uns nicht anders. Mitten in dem Steinkreis, der den beachtlichen Durchmesser von 430 Metern aufweist, liegt das kleine Dorf mit seinen beschaulichen Fachwerkhäusern. Obwohl 50 der 180 Monolithen erhalten sind, wirkt die Anlage nicht so anschaulich wie der Steinkreis des berühmten Nachbarn. Dafür dürfen wir uns hier frei bewegen und die Steine, die bis zu 16 Meter hoch sind und so schwer wie ein Güterwaggon, auch berühren.

Wo König Arthus und die Tafelrunde lebendig werden

Auf der Route nach Cornwall verspricht unser Reiseführer noch einige verlockende Stopps, die wir jedoch nicht alle wahrnehmen. Bath zum Beispiel: „... eine der schönsten Städte Südenglands, die viel vom Flair des 18. und 19. Jahrhunderts in die heutige Zeit übertragen konnte. Rund 500 Gebäude stehen heute unter Denkmalschutz..“. Auch die knapp 9000 Einwohner zählende Stadt Wells kann mit kulturellen Highlights aufwarten. Die Einheimischen, die sich vor dem Rasen der Kathedrale treffen, schenken der eindrucksvollen Westfassade mit den Türmen zu beiden Seiten keine Beachtung mehr. Dabei kann die Bilderwand mit rund 350 Figuren ohne weiteres mit dem berühmten Dom von Reims in Frankreich konkurrieren. Welch einen Eindruck muß die Fassade hinterlassen haben, als deren Skulpturen noch farbig und teilweise mit Gold überzogen waren. Seitlich der Kathedrale entdecken wir die ersten Reihenhäuser, die im Mittelalter für die Domschüler erbaut wurden. Heute noch werden sie von Theologiestudenten bewohnt. Durch einen Brückengang über der Straße können sie das Gotteshaus direkt betreten.

England / Kathedrale

Im Mittelschiff der Kathedrale von Wells

Etwas weiter südlich in Glastonbury entspringt eine Quelle. Der Sage nach befindet sich hier der Heilige Gral, der eng mit König Arthus verbunden ist. Zahlreiche Bücher beschäftigen sich mit der Arthus-Sage und einige Autoren wollen sogar wissen, wo Arthus kämpfte und wohnte, wo Merlin gewirkt hatte und wo die Ritter der Tafelrunde sich aufhielten. Zu dieser Zeit soll Glastonbury eine Insel im Moor gewesen sein – the Isle of Avalon. Beeindruckt sind wir von der Ruhe, die von der Chalice Well ausgeht, der heiligen Quelle, die inmitten einer üppig blühenden Gartenanlage zu finden ist.

England / Chalice Well

Chalice Well, die heilige Quelle

Die mystischen Assoziationen von den Rittern der Tafelrunde sind in Glastonbury ebenso lebendig wie die Hippie-Bewegung der 70er Jahre des letzten Jahrhunderts. In den kleinen Läden der Geschäftsstraße werden Räucherstäbchen verkauft, bunte Pluderhosen aus Indien und in den Pubs sehen wir mehr junge Menschen mit Rasterlocken und langen Haaren als in all den anderen Orten zuvor.

Meilen, inch und feet

Der Linksverkehr ist inzwischen zur Gewohnheit geworden, doch die englischen Maßeinheiten bereiten uns noch Kopfzerbrechen. Die Umrechnung der Entfernung von Kilometer in Meilen ist uns vomMathematikunterreicht her noch vertraut, bei Yards sind wir großzügig und setzen sie mit Metern gleich. Gefährlich wird es allerdings bei den Höhenangaben: was bitte schön bedeutet auf dem Schild vor der Brückenunterführung 6‘ 8‘‘? Passen wir da durch? So schnell wie erforderlich finden wir des Rätsels Lösung auch in unserem doch so geschätzten Reiseführer nicht. Da hilft nur der kurz entschlossene Stopp links am Straßenrand und ein Nachhilfeunterricht in englischen Maßeinheiten. Unser elektronisches Wörterbuch macht es uns da leicht: Inch werden schnell zu Zentimetern und feet zu Metern. Als Fazit der Lektion klebt nun ein Spickzettel mit den wichtigsten Maßen am Armaturenbrett.

Schmugglerdörfer und rauschende Brandung

Endlich haben wir den lang ersehnten Badestrand gefunden: feinster Sand in einer weiten Bucht am Atlantik. Zur Zeit scheinen wir Ebbe zu haben, denn der feste braune Sandstreifen hat sich zu einer Fußballfeld breiten Fläche ausgedehnt. Unser gemütliches Heim stellen wir gegen eine geringe Gebühr gleich am Hang mit weitem Blick übers Meer ab. „But you can not stay here overnight“ hatte der Parkwächter uns energisch mit auf den Weg gegeben und uns auf den nächsten Campingplatz hingewiesen. Schnell in die Badesachen geschlüpft, die Handtücher über die Schulter geworfen und das Board unter den Arm geklemmt. Die Brandung ist gewaltig und draußen lauern schon einige Surfer auf die nächste große Welle.

England / Eiswagen

Eisverkauf am Strand

Etwas schnatternd ins Handtuch eingewickelt versuchen wir uns auszumalen, wie die Strandpiraten vor 200 oder 300 Jahren die in Seenot geratenen Schiffe ausraubten und alles, was irgendwie verwertbar war in einer Blitzaktion beiseite schafften. Im Grunde war es legal, weil nach altem Strandrecht die Küstenbewohner die am Strand gefundenen Gegenstände behalten durften. Doch kriminell wurde es, wenn den Schiffsbrüchigen die Hilfe untersagt wurde und womöglich in einer stürmischen Nacht die Schiffe durch falsche Lichter bewusst in Gefahr gerieten. Als Kavaliersdelikt dagegen wurde das Schmuggeln betrachtet. Mit dem abgekarteten Spiel verdienten sich die Küstenbewohner im 17. und 18. Jahrhundert eine goldene Nase. Da jeder irgendwie daran beteiligt war, selbst der Pfarrer und der Dorfpolizist die Hand aufhielten, war es ein fast risikoloses Geschäft.

Nicht weit von hier liegt ein solches Schmugglerdorf: Die Hauptstraße von Clovelly führt über steile Stiegen von der Klippe hinunter zur Küste. Nach wie vor werden die Waren mit Packeseln zu den Bewohnern gebracht. Die Häuser kleben förmlich am Fels, dazwischen Kopfsteinpflaster, die Hauseingänge bunt bemalt und liebevoll mit Blumen geschmückt. Dass hier die Kontrolleure auf Granit stießen, wenn sie einer Schmugglerbande auf der Spur waren, können wir uns nun lebhaft vorstellen.

Die wilde Seite Cornwalls ganz im Westen

Immer enger werden die Straßen Cornwalls und die Hecken sind zu beiden Seiten manchmal so hoch, dass unser Wohnmobil kaum darüber hinaus schaut. Wir nutzen jede Gelegenheit, um dicht an die Küste zu fahren. Immer wieder zieht uns die wilde Landschaft in ihren Bann. Weite Wiesen mit Kühen bis dicht ans Meer, dahinter die Steilklippe, an der die Brandung schäumt. Zwischendrin herrliche Sandstrände, an denen Surfer auf den Wellen reiten. Steinmäuerchen wurden gegen den Wind aufgeschichtet, der hier eigentlich immer zu wehen scheint. Unglaublich schnell wechselt das Wetter zwischen Nebel, Regen und blauem Himmel. Einem riesigen Scheinwerfer gleich schwenken dann die Sonnenstrahlen über die Landschaft und tauchen die Küste in ein malerisches Licht.

England / Surfer

Cornwall ist dünn besiedelt. Nur ab und zu taucht ein kleines Dorf auf. In Tintagel soll die Burg von König Arthus gestanden haben. Die Ruinen sind vom Meer umtost und es bleibt uns ein Rätsel, wie man diesen unwirtlichen Ort jemals einnehmen konnte. Museum, Hotel und Souvenirs tragen hier den Namen des edlen Ritters.

Der Hafenort Padstow hat sich in einem geschützten Mündungstrichter ausgedehnt und blickt auf eine 1400-jährige Vergangenheit zurück. Direkt vom Kutter bekommen wir den Fisch für unser Abendessen. Besser noch gefällt es uns in St. Ives, dem letzten größeren Ort auf der Halbinsel vor Land’s End. Die Häuser des Bilderbuch-Städtchens gruppieren sich um türkisfarbenes Wasser, am Kai dümpeln die Boote und das Gekreische der Möwen begleitet uns bis in die Fußgängerzone. Straßenmusikanten versuchen durch ihre typisch cornischen Instrumente die Aufmerksamkeit der Passanten zu erlangen. Wir sind mit unseren Rädern unterwegs und haben das Wohnmobil auf dem großen Parkplatz am Ortsrand abgestellt.

England / St. Ives

St.Ives

Cornwall wird auch das Land der Steine und Gräber genannt. In dieser abgelegenen Ecke Englands gibt es immer wieder kuschelige Stellplätze für unser Wohnmobil, sei es an einem langen Sandstrand oder auf einer Wiese mit Blick über die Küstenlandschaft.

Am Nachmittag erhalten wir im Süden vor dem St. Michels Mont unerwartet für unser Reisegefährt einen Logenplatz in erster Reihe mit Blick auf die Kirche. Im Gegensatz zu dem berühmten Pendant auf der anderen Seite des Ärmelkanals, dem Mt. St. Michel in Frankreich, ist der Berg im Meer täglich von der Flut umspült und Boote verbinden ihn mit dem Festland.

England / St.Michels Mont

St. Michels Mont

Über die Landstraße Nummer 30 rollen wir zügig Richtung Bodmin Moor und Dartmoor, das für Alfred Hitchcock Schauplatz seiner Krimiszenen war. In Bolventor suchen wir sofort das „Jamaica Inn“, um uns bei einem Bier die Filmszenen des Bestsellers „Riffpiraten“ ins Gedächtnis zu rufen. Die Spelunke war Jahrzehnte lang Treffpunkt der Schmuggler auf dem Weg zu ihrem „Arbeitsplatz“. Als wir zu später Stunde die schmalen Straßen durch die „Filmkulisse“ fahren, kommt uns wirklich das Gruseln. In der Dämmerung steigt aus den Senken der Heidelandschaft langsam der Nebel auf, Baumgerippe werden zu Monsterfiguren und der Wind rüttelt an unserem Gefährt. Jetzt fehlt nur noch das Heulen streunender Hunde. „Sollen wir hier wirklich übernachten?“ kommt uns fast gleichzeitig die Frage über die Lippen. Geht mit uns jetzt die Phantasie durch? Haben wir zu viele Krimis gelesen? Während wir etwas unschlüssig dem Abendrot entgegen schleichen taucht links ein offener Rastplatz auf, ein kleiner See, einige Bänke und noch ein Wohnmobil. Allgemeines Aufatmen! Hier können wir ruhig schlafen.

England / Chessrings

Für unsere Rückfahrt wählen wir den schnellsten Weg Richtung London, fahren am Nordrand des Dartmoors vorbei, durch Exeter über die gut ausgebaute 303 nach Osten. Noch einige Male sehen wir die Schafweiden am Wegesrand, die uns auf der Reise so vertraut geworden sind. Auf dem Autobahnring im Süden Londons fädeln wir uns in den hektischen Berufsverkehr ein und nehmen uns fest vor, bei der nächsten Reise mit der Metropole zu beginnen.

 

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