Reisemagazin schwarzaufweiss

Ein Hase namens Peter

Auf den Spuren Beatrix Potters durch den Lake District

Text und Fotos: Rainer Heubeck

England - Lake District

Wie viele Lakes es wohl im Lake District, dem sagenumwobenen Seengebiet im Nordwesten Englands gibt, will Roger, unser Fahrer, beiläufig wissen, als wir am Windermere-See vorbeifahren. Doch Vorsicht, hinter der Frage verbirgt sich eine Falle.  Denn einen See, der tatsächlich die Bezeichnung Lake im Namen trägt, gibt es in dem rund fünfzig mal fünfzig Kilometer großen Seengebiet nur einen einzigen – den Bassenthwaite Lake.  Die restlichen knapp 300 stehenden Gewässer nennen sich „tarn“ oder „mere“. Diese Bezeichnungen stammen aus der Sprache der Wikinger, die den Nordosten Englands vor gut 1000 Jahren beherrschten und die die Kultur dieser Region weit stärker geprägt haben als die Römer, die vor gut 2000 Jahren insgesamt 22 Forts hier errichtet hatten. „Neueste DNA-Untersuchungen haben ergeben, dass 78 Prozent der Menschen hier zumindest teilweise von den Wikinger abstammen“, berichtet Graham Wilkinson, ein Kollege Rogers. Beide sind Fremdenführer und Busfahrer in einem – eine Geschäftsidee, die gut ankommt. „Nur für japanische Touristen setzen wir gesonderte Führer ein, denn die sprechen meist nicht sonderlich gut englisch“, berichtet Graham.

England - Lake District

Von tarns und fells

Das Wort „tarn“ bedeutet kleiner See, die Bezeichnung „mere“ hingegen kann man mit „Wasser im Tal“ übersetzten. Doch nicht nur die Namen der Gewässer, auch die Bezeichnungen für Berge sind hier, im gebirgigsten Teil Englands, von der Wikingersprache geprägt: ein „fell“ ist ein über 2000 Fuß hoher Berg, ein „howe“ ein niedriger Hügel. Der Lake District ist nicht nur Englands schönster und größter Nationalpark, er ist auch ein Gebiet der Superlative. In der von Vulkanen geformten Landschaft findet sich mit dem über 17 Kilometer langen Windermere See, über den man bequem mit dem Personenboot tuckern kann, nicht nur der größte See Englands, sondern mit dem 978 Meter hohen Scafell Pike auch der höchste Berg des Landes. Und noch eine Besonderheit zeichnet das Gebiet aus: hier gibt es viermal so viele Schafe wie Menschen. Weidefläche finden die Tiere reichlich, denn die Wikinger hatten die einstmals bewaldeten Hügel des Lake Districts fast alle abgeholzt, um Material für den Bootsbau zu bekommen.

England - Lake District - Schafe auf einer Weide

Lange Zeit galt der Lake District, heute eine der beliebtesten Ferienregionen Großbritanniens, in England eher als eine Art Verbannungsgebiet. „Dieser Teil des Landes gibt wenig oder gar nichts her“, schrieb Daniel Defoe, der Autor des Robinson Cursoe-Romans, im Jahr 1725. Etwa ein Jahrhundert später brach über das rohstoffreiche Seengebiet nicht nur die Industrialisierung herein, sondern auch ein erster Fremdenverkehrsboom, der vor allem von William Wordsworth ausgelöst wurde, einem begeisterten Naturfreund und Dichter, der seit 1799 in Grasmere lebte und im Lake District angeblich rund 17500 Meilen zu Fuß zurücklegte. Heute ist Dove Cottage, sein ehemaliges Wohnhaus, eine der wichtigsten Sehenswürdigkeiten Grasmeres, eines beschaulichen Städtchens, das am Rande des Grasmere-Sees liegt - einer der malerischsten Seen des gesamten Lake District. Hier betreiben Joanne Wilson und Andrew Hunter eine kleine Feinkosthandlung und überraschen die Gaumen ihrer Besucher mit hervorragenden Lebkuchen sowie mit selbst gemachter Rum-Butter. Zwei Leckereien, mit denen der „Grasmere Gingerbread Shop“ selbst Gäste wie Tom Cruise und Nicole Kidman begeistern konnte.

England - Lake District - Blick auf den Grasmere-See

Blick auf den Grasmere-See

Wie zu William Wordsworths Zeiten kommen auch heute noch die meisten Besucher in den Lake District, weil es hier mit die schönsten Wandermöglichkeiten ganz Englands gibt. Sei es ein Abstecher zum Loughrigg Tarn oder ein Spaziergang um den idyllisch gelegenen Tarn Hows – hinter nahezu hinter jedem „howe“ oder „fell“ bieten sich dem Auge des Wanderers neue, bezaubernde Eindrücke. Ein Idyll, nahezu ohne Kratzer, wäre da nicht eine Sache, auf die sich Besucher einstellen sollten: Eine Schönwettergarantie gibt es bei einem Urlaub im Lake District leider keineswegs, die Region gehört zu den regenreichsten Gebieten ganz Englands. Doch auch Regentage können ihren Reiz haben, sei es, weil der Abstecher in die Natur mit der richtigen Kleidung dann doch noch stattfindet, sei es, dass die Tage genutzt werden, um den Lake District weitgehend im Trockenen auf den Spuren Beatrix Potters zu entdecken.

Unternehmungen bei Regen

Diese berühmte Kinderbuchautorin, die nichts mit Harry Potter, aber dafür viel mit der Kultfigur Peter Rabbit zu tun hat, ist gewissermaßen die Initiatorin des Naturschutzes im Lake District: Als sie mit dem Buch „Peter Rabbit“, das im Jahr 1903 erstmals erschien und bis heute als eines der beliebtesten englischen Kinderbücher aller Zeiten gilt, wohlhabend geworden war, kaufte sie sich die Farm Hill Top und hielt sich dort Schafe. 

England - Lake District - Farm Hill Top von Beatrix Potter

Farm Hill Top von Beatrix Potter

Beatrix Potters Leben fasziniert auch heute noch viele  Besucher des Lake Districts, darunter auffallend viele Gäste aus Japan, welche die Potter-Fabeln aus ihren ersten Englischstunden noch gut in Erinnerung haben. Sie wandeln begeistert auf Beatrix Potters Spuren: Sei es, in dem sie ihre Farm Hill Top besuchen, die Beatrix Potter 1905 erwarb, nachdem sich das Peter Rabbit-Buch 50.000 Mal verkauft hatte, sei es, dass sie die liebevoll eingerichtete kleine Beatrix Potter Gallery in Hawkshead aufsuchen, die im früheren Büro von William Heelis, des Ehemanns von Beatrix Potter, untergebracht ist, und in der rund 40 Originalzeichnungen der Künstlerin zu finden sind. Noch bunter und sehr kindgerecht präsentiert sich die World of Beatrix Potter in Bowness-on-Windermere. In dieser Erlebnisausstellung werden alle 23 Beatrix-Potter-Geschichten, darunter Mrs. Tiggy-Winkle, Jemima Puddle-Duck, Benjamin Bunny, Mrs. Moppet und natürlich auch der freche Hase Peter Rabbit, als Figurenensemble dreidimensional dargestellt.

England - Lake District - in der World of Beatrix Potter

In der World of Beatrix Potter in Bowness-on-Windermere

Wer sich weniger für Fabeltiere, sondern eher für lebendige Tiere interessiert, findet an den Ufern des Lake Windermere ebenfalls interessante Möglichkeiten, einen Regentag zu überbrücken. Im „Lakeside Aquarium“ wird die vielfältige Unterwasser-Tierwelt des Lake Districts dargestellt, empfehlenswert sind die anschaulichen Führungen, die im Eintrittspreis bereits enthalten sind. Das touristische Angebot im Lake District richtet sich an Besucher aller Altersstufen: Ideal für Familien sind „World of Beatrix Potter“, das Lakeside Aquarium und ein Ausflug mit der in der Nähe des Aquariums abfahrenden Touristen-Dampfeisenbahn von Lakeside nach Haverthwaite. Etwa eine Tonne Kohle, berichtet Lokführer Tim Servin, der mit rußgeschwärzten Händen im Führerhaus steht, verbraucht die Lokomotive pro Tag. Eine Arbeit, bei der man sich schmutzig macht, doch Tim Servin stört das nicht. „Wenn wir hier nicht wären, hätten viele Kinder gar keine Chance mehr, eine echte Dampflokomotive zu sehen.“

England - Lake District - Dampflok

Dampflokomotive

Eine weitere Familienattraktion findet sich an der Straße Richtung Kendal. Graham  und Jane Wadsworth betreiben dort das erste Maisfeld-Labyrinth im Lake District. „Es ist besser angelaufen, als wir uns das gedacht haben“, versichert Graham, „bereits in der ersten Saison hatten wir hier über 20 000 Besucher.“  Die Wadsworths, die ihren Bauernhof in der vierten Generation betreiben, hatten gemerkt, dass sie ein neues Standbein brauchen. „Früher hatten wir 140 Milchkühe, die jeden Tag gemolken werden mussten – und obwohl wir immer mehr zu tun hatten, haben wir immer weniger damit verdient.“

Inzwischen halten sie Tiere nur noch für die Fleischproduktion – und verdienen sich durch das drei Hektar große Maisfeld, in dem manche Besucher bis zu drei Stunden lang unterwegs sind, um ein vorgegebenes Rätsel zu lösen, noch etwas hinzu. Wem das Labyrinth noch zu wenig Herausforderung bietet, für den empfiehlt sich ein Abstecher in den Grizedale Forest, wo – für Besucher ab einem Mindestalter von zehn Jahren - hoch oben zwischen den Baumwipfeln Mutproben bestanden werden können, darunter ein echter Tarzansprung. „Go Ape“, nennt sich das Vergnügen, und da der Hochseilgarten Wege mit verschiedensten Schwierigkeitsstufen bietet, können sich hier auch eher untrainierte und beschränkt wagemutige Besucher einen Adrenalinkick holen.

England - Lake District - Grizedale Forest

Hochseilgarten im Grizedale Forest

 

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