Eine Insel, die sich verdoppelt
Wattwandern auf der britischen Kanalinsel Jersey
Text und Fotos: Hilke Maunder

Immer, wenn der Vollmond über der Kanalinsel Jersey
leuchtet, zieht sich das Meer besonders weit zurück. An der Ostküste
legt der zweithöchste Tidenhub der Welt eine Wattlandschaft frei,
die sich auf geführten „Moon Walks“ entdecken lässt:
dreistündigen Wanderungen durch eine Wildnis voller Wunder.
Von der Rampe des Seymour Slip, gegen die bei Flut die Wellen donnern,
springt Andrew Syvret auf den Strand, geht in die Hocke und zieht Kreise
und Quadrate in den feinen Sand. „Jersey hat sich erst vor fünftausend
Jahren vom Festland getrennt – und ist aus diesem Grund ganz anders
als die anderen Kanalinseln: Das Wasser ist flacher, drei bis vier Grad
wärmer – und wandert gegen den Uhrzeigersinn um die Insel,“ erläutert
Syvret, einst Börsenmakler, heute Meeresbiologe und Umweltexperte
aus Überzeugung.

Die Ebbe beginnt ...
Das Tempo der Tide ist beeindruckend: Drei Zentimeter pro Minute zieht sich das Meer bei Ebbe zurück. Bei Vollmond fällt die Ostküste trocken. Mehr als 32 Quadratkilometer, so weit das Auge reicht, erstreckt sich dann der Wattbereich – und sorgt dafür, dass sich Jersey zweimal täglich verdoppelt. Zweimal im Jahr – zu den Springfluten im Frühjahr und Herbst – zieht sich der Ärmelkanal sogar so weit zurück, dass er nur als schmaler Streifen am Horizont erscheint.

... und die Flut kommt zurück
An diesem Nachmittag nach Vollmond trennen Strand und See mehr als fünf Kilometer. Zerfurchte Riffe aus Granit bedecken den feinen Sand, glänzen feuchtschwarz im Gegenlicht, spiegeln sich in Wasserlöchern. Eine kräftige Brise aus Nordwest lässt das Wasser in den Prielen aufwogen. Wie Spaghetti aus Sand ringeln sich die Ausscheidungen des Wattwurms auf dem Sand. „Sucht ein P“, sagt Andrew plötzlich, und die kleine Gruppe, die in Gummistiefeln und Wetterjacken zu diesem Moon Walk erschienen ist, schaut irritiert auf. Ein P, hier, auf dem Meeresboden?
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