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Guernsey – Insel im permanenten Hugo-Fieber

Die Kanalinsel auf den Spuren von Victor Hugo

Text und Fotos: Karsten-Thilo Raab

Obschon Schriftsteller Victor Hugo nur 15 Jahre im Exil auf Guernsey gelebt hat, ist er der berühmteste Sohn der Kanalinsel, wo er noch heute allgegenwärtig scheint.

Großbritannien - Guernsey - Denkmal Victor Hugo

Ja, der Hugo. Da steht er mitten im Park. Gekrümmt, auf einen Stock gestützt und mit Hut in der Hand. Den Blick stur gen Frankreich gerichtet. Keine Frage, auf Guernsey kann sich niemand seiner Faszination entziehen. Im Gegenteil. Schriftsteller Victor Hugo scheint auch weit mehr als ein Jahrhundert nach seinem Tode im Jahre 1885 fast schon magnetische Wirkung auszuüben. Seine Spuren und Fußabdrücke hat er überall auf der Kanalinsel hinterlassen.

Kein Wunder, dass Guernsey seinem berühmtesten Sohn in den Candie Gardens im wahrsten Sinne des Wortes ein Denkmal gesetzt hat. Dabei ist der geistige Vater von weltberühmten Werken wie der „Glöckner von Notre Dame“ und „Die Elenden (Les Misérables)“ weder auf der Insel geboren, noch hat er hier das Zeitliche gesegnet. Victor Hugo verbrachte lediglich 15 Jahre im Exil auf Guernsey – und doch wurde er zu einer Art Adoptivsohn für das gerade einmal knapp 63 Quadratkilometer große Eiland im Golf von St. Malo.

Guernsey - Blick von den Constitution Steps auf St. Peter Port

Blick von den Constitution Steps auf Saint Peter Port

Saint Peter Port, die Hauptstadt des 60.000-Seelen-Islands, ist ein „Hanghuhn“ mit steilen Gassen und Stiegen. An einer eben solchen, stark abschüssigen Straße namens Hauteville fand Victor Hugo im Haus Nummer 38 für anderthalb Jahrzehnte eine Heimat. Die untere Etage von Hauteville House, das heute als Museum dient und nur im Rahmen von Führungen besichtigt werden kann, erinnert fast an eine Dunkelkammer. Die Räume werden dominiert von dunklem, fast schwarzem Holz.

„Hugo war ein Romantiker. Für ihn war es wichtig, das Licht im Leben zu finden – und dies galt auch für sein Haus“, so Laurent, der mehrmals täglich Besuchergruppen durch das dreistöckige Hauteville House führt. Viele der Zimmer wurden von Hugo selber entworfen und nach seinen Vorstellungen mit viel Liebe zum Detail sowie zum Teil eigenwilligen Dekorationen eingerichtet. Im Wandteppichzimmer beispielsweise ließ Hugo die Stuckarbeiten und Verkleidungen aus alten Holztruhen herstellen.

Guernsey - Saint Peter Port - ehemaliges Schlafzimmer von Victor Hugo

Im ehemaligen Schlafzimmer von Victor Hugo

Überall im Haus sind die Initialen VH zu finden: auf den Holzvertäfelungen, den Delfter Kacheln des Esszimmer-Kamins, im Blauen und Roten Salon, im Schlafzimmer und der Bibliothek. Ungewöhnlich ist sein Bett, dass er aus 25 Möbelstücken zimmern ließ. Allerdings soll er nur höchst selten hier genächtigt haben. Viel lieber bettete er sich auf einer einfachen Matratze in einer kleinen Dachkammer.

Guernsey - Saint Peter Port - Victor Hugo's Bett

Victor Hugo's Bett

Der unumstrittene Lieblingsraum des Schriftstellers, der 1852 von Kaiser Napoleon III. in die Verbannung geschickt wurde, war das verglaste Dachstudio, wo auf einmal auch das zitierte (und gesuchte) Licht von allen Seiten einströmt. Mit Blick auf den Hafen sowie Castle Cornet – und bei klarer Sicht bis zum 50 Kilometer entfernten Frankreich – verfasste Victor Hugo in seinem, wie er es nannte, „Kristallpalast“ an seinem Stehpult unter anderem den Roman „Les Misérables" und die auf Guernsey angesiedelte Erzählung „Les Travailleurs de la Mer" („Die Arbeiter des Meeres“).

Guernsey - Saint Peter Port - Hauteville House Dachstudio

Dachstudio

Ein Kleinod ist auch der liebevoll angelegte Garten von Hauteville House. Am 14. Juli 1870, dem Jahrestag des Sturmes auf die Bastille und Vorabend des deutsch-französischen Krieges, pflanzte er in seinem Garten die so genannte Europa-Eiche und prophezeite, dass es in hundert Jahren keine Kriege und keinen Papst mehr, dafür aber die Vereinigten Staaten von Europa geben würde.

Guernsey - Saint Peter Port - Hauteville Hause vom Garten aus

Hauteville Hause vom Garten aus

„Mit den Kriegen und den Päpsten hatte Hugo leider nicht recht, aber die Vision des vereinten Europas ist ja schon lange Wirklichkeit geworden“, würdigt Laurent die Weitsicht der Inselberühmtheit, die während ihres Exils nicht nur Bücher verfasste. Gerne brach Hugo zu ausgiebigen Wanderungen entlang der spektakulären Klippenpfade von Guernsey auf. Dabei genoss er nach eigenen Worten insbesondere „das Atmen des Meeres" und „das Atmen der Blumen". Und den Abschnitt oberhalb der Fermain Bay, wo sich zahllose Vogelarten tummeln, adelte Hugo als „a show full of magic“.

Nicht minder gerne sprang der Schriftsteller, wenn es die Wassertemperaturen im Golf von St. Malo zuließen, in der Havelet Bay, der Fermain Bay oder der Moulain Huet Bay ins Meer, um ein wenig zu schwimmen. Und dies, obwohl das feuchte Nass selbst an warmen Tagen kaum mehr als 17, 18 Grad Celsius aufweist.

Guernsey - Blick auf den Golf von St. Malo

Blick auf den Golf von St. Malo

An der Südwestküste, speziell in Pleimont, wo zahlreiche Bunker aus dem Zweiten Weltkrieg als Hinterlassenschaft der deutschen Besatzer Teile des Landschaftsbilds bestimmen, fand Hugo Inspiration. Inmitten der von gelb blühendem Ginster übersäten Klippen liegen die Reste eines Hauses, die als „Haunted Haus“, als Geisterhaus, in „Die Arbeiter des Meeres“ eingebunden wurden.

Guernsey - Hausreste in Pleimont

Ruine in Pleimont

Das markante Fort Grey, ein Martello Turm im Nordwesten von Guernsey, wurde ebenfalls literarisch von Hugo verarbeitet. Die bei Flut kaum sichtbaren Felsen im Wasser, die manchem Seemann zum Verhängnis wurden, titulierte Hugo als „midnight murderers", als Mittnachtsmörder.

In „Die Arbeiter des Meeres“ spielt auch das markante Vale Castle im Nordosten der Insel eine gewisse Rolle. In seiner Nachbarschaft wohnt in dem Roman Protagonist Gilliatt. Zudem erinnert Hugo daran, dass Guernsey hier noch im 19. Jahrhundert durch einen natürlichen Kanal zwischen St. Sampson und Grand Havre in zwei Teile getrennt war.

Im Norden von Guernsey besaß Hugo sogar eine eigene kleine Insel, die er im Jahre 1868 käuflich erwarb. Die so genannte Ile de Victor Hugo ist bei Ebbe zu Fuß erreichbar. Das Mini-Eiland begeisterte den Schriftsteller vor allem ob der üppigen Flora und der Möglichkeit, hier allein umherzuwandern.

Weniger häufig besuchte er die Gemeindekirche am Marktplatz von St. Peter Port. Gleichwohl fand diese Eingang in den Roman „Die Arbeiter des Meeres“. Hier soll Hugo auch den viel zu frühen Tod seines ersten Enkels, des einjährigen George, betrauert haben.

Guernsey - Der Hafen von St. Peter Port und Castle Cornet in der Abenddämmerung.

Der Hafen von Staint Peter Port und Castle Cornet in der Abenddämmerung

In den Abendstunden soll Hugo gerne am Hafen in Sichtweite des Castle Cornet flaniert sein. In der alt-ehrwürdigen Burg, die heute als Museum dient, finden sich auch ein Gurt und eine Boje, die Hugo im Jahre 1870 dem Hafenmeister aus Sicherheitsgründen geschenkt haben soll.

Einer der Lieblingsorte von Hugo war die an die Candie Gardens grenzende Priaulx Library. Hugo behauptete von sich, er könne nur ein einziges Wort Englisch und das sei „Christmas“. Was auch ein Grund dafür gewesen sein soll, warum er der Priaulx Library regelmäßig einen Besuch abstattete. Denn in der Bücherei fand er viele, die Französisch sprachen. Und dies schien Balsam für die Seele von Hugo, der immer eine gewisse Sehnsucht nach Frankreich verspürte und über seine „vorübergehende Heimat“ einmal sagte: „Die Kanalinseln sind ein Stück Frankreich, das ins Meer gefallen ist und von England aufgesammelt wurde.“

Guernsey - Prilaux Library in St. Peter Port, wo Victor Hugo regelmäßig zu Gast war

Prilaux Library in Saint Peter Port, wo Victor Hugo regelmäßig zu Gast war

Und daran hat sich bis heute nichts geändert. Denn Guernsey besticht durch eine Mischung aus französischer Lebensart und britischen Lifestyle. Ebenso, wie es schon Victor Hugo liebte und schätzte.

 

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