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Canterbury, Englands quirliges Weltkulturerbe

 

Text und Fotos: Helga Schnehagen

“Where is the nicest place to go?“ Wen auch immer man in Kent, Englands Grafschaft im äußersten Südosten, fragt, die Antwort lautet ausnahmslos: „Canterbury.“

England - Canterbury - Westgate Towers

Blick auf die Westgate Towers

In Präzisionsarbeit schiebt sich der Linienbus durch die Westgate Towers in den mittelalterlichen Kern der heute 39.000 Einwohner zählenden Stadt. Nach dem Aussteigen beweisen die Kratzer am Lack, dass das mächtige, über 600 Jahre alte Stadttor eine wahre Herausforderung für den Fahrer ist. Den Besucher kümmert’s wenig. Ihn zieht es hinauf auf die imposanten Ecktürme – wegen des Panoramablicks.

England - Canterbury - historische Bauten in der High Street

Historische Gebäude in der High Street

Wie jede historische Altstadt ist auch die von Canterbury übersichtlich. Doch in der Fülle von geschichtsträchtigen Bauten und Museen, Restaurants, Pubs, Cafés und Geschäften kann man sich schnell verlieren. Die meisten Besucher – und das sind etwa 2,5 Millionen pro Jahr – schenken dem malerischen Kleinod nur einen Tagesausflug, etwa von London aus (Tipp: preiswertes return-ticket für Hin- und Rückfahrt lösen !). In nur einer Stunde und 45 Minuten erreicht man vom Busbahnhof Victoria sein Ziel bequem mit der britischen Busgesellschaft National Express. Am Busbahnhof Canterbury angekommen, befindet man sich bereits in der Fußgängerzone der Altstadt und nur wenige Minuten von der berühmten Kathedrale entfernt.

UNESCO – Weltkulturerbe

Von der UNESCO zum Weltkulturerbe erhoben, gibt es gleich mehrere Gründe für den ehrenvollen Status. Die Kathedrale ist die Mutterkirche Englands, von wo aus der heilige Augustinus, Apostel der Angelsachsen – nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Kirchenvater und Bischof von Hippo in Afrika – die Sachsen bekehrte und 597 Englands erster Bischof wurde. Auch ist sie der älteste gotische Bau auf britischem Boden. Von 1070 bis 1077 hatte der normannische Erzbischof Lanfranc eine Kathedrale errichtet, die – kaum war sie beendet – sein Nachfolger Anselm von Canterbury durch einen neuen Chor in der Länge verdoppelte. Die Planung war großzügig, die Ausstattung aufwendig. Bildhauerische Meisterwerke jener Epoche sind die Kapitelle der Krypta mit ihren lebensgroßen Darstellungen von kämpfenden oder musizierenden Fabeltieren.

England - Canterbury - Fassade der Kathedrale

Fassadenteil der Kathedrale

Diese Kirche erlebte am 29. Dezember 1170 auf einer Seitentreppe des Hochaltars den Mord an Thomas Becket. Das Streben nach kirchlicher Unabhängigkeit von der Krone war dem Erzbischof zum Verhängnis geworden. Ein tragisches Ereignis, das für Canterbury jedoch keineswegs schlechte Früchte trug. Im Gegenteil: Becket, dessen Grab sich als wundertätig erwies, war nach kürzester Zeit für heilig erklärt worden und die Kathedrale bald die reichste Wallfahrtskirche Europas.

1174 stand das Gotteshaus in Flammen, zerstört wurde glücklicherweise nur der Chor. Zum Wiederaufbau holte man sich Guillaume de Sens, mit dem ein Jahr später die französische Gotik Einzug in die Kathedrale hielt. Nach einem Unfall dieses William aus Frankreich, übernahm 1178 William the Englishman die Bauleitung. Zehn Jahre nach dem Feuer war der heutige Chor fertig. In der Folge blieb das Gotteshaus 200 Jahre von Bauarbeiten verschont. Erst 1391 erhielt Henry Yevele, der Meistersteinmetz des Königs, den Auftrag Lafrancs inzwischen als primitiv angesehenes normannisches Schiff umzubauen. Nochmals hundert Jahre später entwarf John Wastel um 1500 den dekorativen Vierungsturm. Bell Harry genannt, ist er der krönende Abschluss einer über 400-jährigen Baugeschichte.

England - Canterbury - Graduierung in der Kathedrale

Graduierung in der Kathedrale

Der Kunstinteressierte kann mit dem Studium aller Details viel Zeit verbringen. Trotzdem sollte er den Gottesdienst nicht versäumen, dessen traditionelles anglikanisches Zeremoniell die Bedeutung des Ortes unübersehbar vor Augen führt: Mit schwerem Amtsstab geleitet der Hauptküster die Prediger würdevoll zur Kanzel, hell ertönen die Stimmen des Knabenchors zwischen Bibellesungen und Predigt.

Sehenswürdigkeiten jenseits der Kathedrale

Ein nicht minder wichtiger Traditionsträger beschließt im Norden die Domfreiheit: die King’s School. Als einer ihrer berühmten Schüler schildert William Somerset Maugham (1874-1965) in seinem Roman „Of Human Bondage“ das Schulleben. Von Heinrich VIII. gegründet, fußt die King’s School jedoch auf wesentlich älteren Lehrstätten. Denn schon zu Zeiten von Augustinus war Canterbury ein Bildungszentrum angelsächsischer Kultur.

England - Canterbury - King's College

King’s School

Jeder noch so sorgfältige Rundgang durch die Kathedrale wird eines nicht offenbaren: Thomas Beckets vor Edelsteinen und Gold strotzenden Reliquienschrein. Dieser wurde bereits während der englischen Reformation 1538 zerstört. Eine etwaige Vorstellung gibt die Nachbildung in der nahen ehemaligen Pfarrkirche St. Margaret. Heute zur Visitor Attraction umfunktioniert, entführt das Museum den Besucher in die Welt der Canterbury Tales, der berühmten Geschichten von Geoffrey Chaucer (um 1340-1400), mit denen sich die Pilger auf ihrer Reise zu überbieten suchten. Fünf von ihnen werden in allen Touristensprachen erzählt und anschaulich vor Augen geführt.

England - Canterbury - Thomas Beckets Reliquienschrein

Thomas Beckets vor Edelsteinen und Gold strotzenden Reliquienschrein

Zurück in der Wirklichkeit, ist das Leben genauso aufregend. Dafür sorgen die Studenten der Universität von Kent, deren Strom nie abzureißen scheint. Denn nach der feierlicher Überreichung der Diplome in der Kathedrale – ein Rahmen, von dem viele Akademiker nur träumen können –, nehmen Studenten aus der ganzen Welt Wohnheime und Seminarräume in Beschlag. Die Kurse während der Semesterferien sind fast immer ausgebucht.

England - Canterbury - Old Buttermarket

„The Old Buttermarket“

Spätestens nach diesem „Pflichtprogramm“ ist den Verlockungen der Cafés nicht mehr zu widerstehen. Der malerischste Platz ist „The Old Buttermarket“ mit direktem Blick auf Canterburys romantischste Herberge. Im historischen Cathedral Gate Hotel (36 Burgate) mit seinen 27 Zimmern im Tudorstil haben schon Pilger übernachtet, als es die angrenzende Pilgerpforte noch gar nicht gab. Die dekorative Christ Church Gate von 1517 gibt mit ihren schlanken, in die Höhe strebenden Stabformen an den Türmen ein hübsches Beispiel des Perpendicular Style. Übrigens: Schräg gegenüber liegt die Tourist-Information, das Visitor Information Centre (12/13 Sun Street), wo man nach dem aktuellen Visitor Guide mit allen Adressen und Öffnungszeiten fragen sollte.

England - Canterbury - Pilgerpforte

Pilgerpforte

Für größeren Hunger empfehlen sich die pittoresken „Alten Weberhäuser“ anno 1500 in der High Street, deren dunkelbraunes Fachwerk im weißen Gemäuer Erinnerungen an die Normandie aufkommen lässt. Ihren Namen verdanken sie den Hugenotten, die hier im 16. Jahrhundert Einzug gehalten hatten. Heute beherbergt das Ensemble ein italienisches Restaurant. Nicht minder gemütlich ist das Ristorante Italiano „Olive Grove“ (12 Best Lane) gleich um die Ecke. Von den Fensterplätzen im ersten Stock hat man alle Kathedraltürme vor Augen. Ein unvergesslicher Anblick, besonders bei nächtlicher Beleuchtung. Ob mexikanisch, arabisch, indisch, chinesisch oder auch englisch, die Küche der über 50 im Visitor Guide verzeichneten Lokalitäten in Canterbury ist international.

England - Canterbury - Alte Weberhäuser

Die pittoresken „Alten Weberhäuser“

Doch auch sonst hat Canterbury noch so einiges zu bieten. Da gibt es etwa historische Bootstouren und andere River Trips auf dem Stour (Abfahrt The Old Weavers und Westgate Towers) entlang der blühenden Westgate Gardens, den Resten der alten Stadtmauer und versteckter Gassen. Ein Hauch Venedig mitten in England für dreißig Minuten und mehr.

England - Canterbury - River Stour

Boote auf dem Stour

Ein interaktives Geschichtsmuseum für die ganze Familie ist das Museum of Canterbury (Stour Street), in dem es unter anderem das Geheimnis um Leben und Tod von Christopher Marlowe zu entdecken gilt. Der 1564 geborene Sohn der Stadt hat als bedeutendster englischer Dramatiker vor Shakespeare nicht nur spannende Dramen geschrieben, auch sein eigenes Leben war äußerst bewegt. 1593 wurde er in Deptford im Streit erstochen. Den tiefsten Einstieg in die Geschichte ermöglicht das Roman Museum (Butchery Lane) mit originalen Resten, vor allem Mosaiken, und Rekonstruktionen aus der Römerzeit.

Und schließlich besitzt Canterbury noch zwei weitere Weltkulturerbe-Stätten außerhalb der Stadtmauern. Nicht weit östlich der Kathedrale liegen die Ruinen von St Augustine’s Abbey (Longport) mit Museum, Shop und kostenlosem Audioguide sowie ganz in ihrer Nähe St Martin’s Church (Northern Holmes Road), Englands älteste Pfarrkirche, wohin Augustinus und die anderen Mönche zum Gottesdienst gingen, bevor Abtei und Kathedrale errichtet waren.

 

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