Reisemagazin schwarzaufweiss

Austern, Alkohol und Achterbahn

Brighton ist viel mehr als die "Badewanne von London"

Text: Axel Pinck / Fotos: Peter Frischmuth, agentur argus

England Brighton Welcome

Andy Durr lächelt verschmitzt. Mit seinem abgetragenen Jeans-Outfit sieht der Leiter des kleinen Fischerei-Museums von Brighton selbst aus wie der Kapitän eines Fischkutters. „Das hier mache ich freiwillig, unentgeltlich. Es macht mir einfach Spaß, den Besuchern die Geschichte von Brighton zu zeigen.“

Dabei ist Andys Lebensgeschichte selbst schon interessant genug. Vor gut 40 Jahren, als Hippie mit schulterlangen Haaren, zog es ihn von London erstmals in das traditionelle südenglische Seebad. Und er blieb hier, die Atmosphäre in Brighton mit ihrer Mischung aus nostalgischer Eleganz vergangener viktorianischer Zeiten, aus lebhaftem Kleinstadtbetrieb und als Fluchtpunkt stressgeplagter Hauptstadtbewohner faszinierte ihn von Anfang an. Lange Jahre gehörte Andy Durr dem Stadtrat an, vor einigen Jahren war er sogar Bürgermeister von Brighton. Der anerkannte Historiker ist „Fellow“ der Universität von Sussex und kümmert sich als Vorsitzender einer Sozialinitiative um Hilfen für behinderte Mitbürger.

England Brighton Schwimmer

Baden zu jeder Jahreszeit, das ist hier "cool"

Und Andy steckt voller Geschichten. Er erinnert sich noch an den Anschlag der nordirischen IRA auf das Kabinett der britischen Premierministerin Maggie Thatcher 1984 im örtlichen Grand Hotel, aber auch an angenehmere Ereignisse aus seiner Amtszeit als Bürgermeister: „Das Konzert des Rappers Fatboy Slim, der hier in Brighton wohnt, werde ich nicht vergessen. 40.000 Zuschauer waren im Jahr zuvor an die Promenade und den Strand zwischen unseren beiden Piers gekommen und wir dachten, okay, vielleicht werden es diesmal doppelt so viel. Tatsächlich kamen eine viertel Million Zuschauer. Unglaublich!“

Vom Flipperautomaten zum Strand

Von den beiden viktorianischen Seepiers aus dem 19. Jahrhundert ragt noch der Palace Pier über 500 Meter ins Meer hinaus. Hier drängen sich Cafés, Fish & Chips Buden, dazu der „Rock Shop“, wo das Brightoner Original Charlie schon seit jeher Brighton Rock, zuckersüße Lutschstangen verkauft. Dann Losverkäufer, bei denen es riesige Plüschschweine zu gewinnen gibt, Kinderkarussells mit angemalten Holzpferden, eine kleine Achterbahn und vor allem abgedunkelte Computer- und Videospielarkaden, in denen Jugendliche versuchen, sich zu neuen Punkterekorden zu schießen. Die Hi-Tech Spielzeuge haben die meisten der früheren Flipperautomaten, die einst Pete Townsend von der Rockgruppe „The Who“ im Song „Pinball Wizard“ besang („I played the silverball, from SoHo down to Brighton, I must have played them all“) längst verdrängt. Vom Westpier, der früher einige hundert Meter weiter ein eleganteres Publikum anzog, ragen nach jahrelangem Verfall und einem Brand vor einigen Jahren nur noch Teile des einstigen Metallgerippes gespenstisch aus dem Wasser.

England Brighton Brautpaar

Origineller Abschied vom Junggesellen-Dasein

Im Frühjahr, vor Beginn der Hauptsaison, sind zwischen den Piers Planierraupen im Einsatz, die den von den Winterstürmen zusammen geschobenen Kiesstrand wieder gleichmäßig verteilen. Und sobald die Sonne einige Strahlen auf den Strand und an die Promenade schickt, lassen sich schon die ersten Ausflügler zum Sonnenbad nieder, schauen von einer Decke aufs Meer oder genießen einen Tee im Freien.

Dabei entwickelt sich Brighton zunehmend zum Ganzjahresziel, mit Kongressen, Sprachschülern aus ganz Europa und vor allem Ausflüglern aus dem knapp 90 Kilometer entfernten London. Zum aktiven Nachtleben des Seebades gehören die Junggesellenpartys: „Hen Night“ für die Braut mit ihren Freundinnen oder die „Stag Night“ für den Bräutigam mit seinen Kumpels. Am Abend vor der Hochzeit wird noch einmal so richtig einer drauf gemacht, Alkohol fließt in Strömen, dazu gehören auch männliche oder weibliche Stripper, Körperkontakt zuweilen inklusive.

War Jack the Ripper auch hier?

Im „English’s Seafood Restaurant“ in der East Street geht es deutlich gesitteter zu, schließlich haben hier schon Oscar Wilde, Laurence Olivier und Vivien Leigh Austern geschlürft. Auch das Cricketers in der Black Lion Street rühmt sich eines berühmten Gastes. Im ältesten Pub der Stadt soll einst Jack the Ripper ganz unverdächtig am Tresen gesessen haben. Unübersehbar und nicht weit von der Meeresküste thront der Royal Pavilion, ein indisch anmutender Palast mit Türmchen und Kuppeln, den der Prinzregent und spätere englische König George IV Anfang des 19. Jahrhunderts seiner heimlichen Verbindung Maria Fitzherbert erbauen ließ. Heute können Besucher die Prunkgemächer besichtigen oder den ganzen Prachtbau für größere Feste anmieten.

England Brighton Rock Shop

Die berühmten Süßigkeiten

„London-by-the-sea“ nennt sich Brighton halb scherzhaft. Und in den letzten Jahren hat der Zustrom Londoner Stadtflüchtlinge deutlich zugenommen, die das ruhige Brighton der hektischen Mega-Metropole vorziehen. Inzwischen hat sich das Angebot an Geschäften und Kultur gewandelt. Edelboutiquen und vegetarische Restaurants, coole Nachtclubs und Discotheken ergänzen die traditionelle Infrastruktur. Auch eine wachsende schwule Gemeinde fühlt sich in Brighton wohl, vor allem im Bezirk von Kemptown.

England Brighton Badewanne

"Brighton Swimming Club" oder Üben fürs Bad im Meer?

Der Brighton Swimming Club scheint unberührt von allen modischen Veränderungen. Nur während des Zweiten Weltkrieges, als der Strand vermint und mit Stacheldrahtverhauen unpassierbar gemacht worden war, haben die Mitglieder des schon 1860 gegründeten, ältesten Schwimmvereins im Königreich ihr Ritual unterbrochen, sich bei Wind und Wetter in die Wellen zu stürzen. Jeden Morgen pünktlich um 7.30 Uhr trifft sich eine gut gelaunte, verschworene Gemeinde zum Badespaß, wärmende Neopren Anzüge werden geduldet, gelten aber als wenig sportlich. Meist folgt nach dem kühlen Wellengang noch ein kurzes Schwätzchen am Strand, über das Wetter und andere wichtige Dinge des Lebens.

England Brighton Shopping

Reiseinformationen zu Brighton

Auskunft:
VisitBritain
Dorotheenstrasse 54
10117 Berlin
Tel.: 01801-46 86 42 (Anruf deutschlandweit zum Ortstarif!), Website: www.visitbritain.com/de

Anreise:
Flüge zu den drei Londoner Flughäfen Gatwick, Heathrow und Stansted, ab vielen deutschen Flughäfen mit Air Berlin, bmi, British Airways, dba, easy jet, Germanwings, Hapag Lloyd Express, Lufthansa und Ryan Air.
Eine Bahnfahrt von London nach Brighton kostet bei National Rail ab ca. 35 Euro.

Unterkunft:
Das DeVere Grandhotel oder einfache Hotels lassen sich z.B. über das Fremdenverkehrsbüro von Brighton buchen, Tel. 0049-44-1273 292620, www.visitbrighton.com.

 

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