DAS PORTAL DEUTSCHSPRACHIGER REISEJOURNALISTEN

Ein letztes Mal stellen sich die vielköpfigen Großfamilien stolz zur Schau, setzen sich und uns fein herausgeputzt ins gewünschte Licht, rücken noch schnell traditionelle Schmuckgegenstände und das Radio ohne Batterien ins eindrucksvolle Schlussbild, eine Aufnahme, die wir wohl so bald nicht vergessen werden. Schnell noch einen Schnappschuss von der winkenden Dorfgemeinschaft aus dem bereits fahrenden Auto heraus, aber das Foto verwackelt.

Zurück nach Abidjan: Diesmal bleibt der große Schock aus. Wir reagieren wesentlich gelassener auf die zum Himmel schreienden Gegensätze der Metropole und wie der Zuflucht bietende Zufall so spielt, können wir auch unsere letzten Stunden an der Elfenbeinküste ganz im Zeichen des roten Lederballs verbringen. Die beliebteste Mannschaft der Millionenstadt schlägt vor begeisternder Kulisse den chancenlosen Aufsteiger mit 3:0; wir sind bis kurz vor dem Abpfiff dabei, vergessen beinahe die Zeit und müssen uns schließlich beeilen, um unserer Flugzeug nicht doch noch zu verpassen. Ein Zitat geht mir auf dem Rückflug nach Berlin nicht aus dem Sinn: "Ich kehre heim/gebeugt von der Last meiner Dürftigkeit". Diesen Vers schrieb ein aus Europa heimkehrender Dichter der Côte d'Ivoire. Verkehrte Welt.

Wir kommen mit übervollem Kopf zurück in die überfüllte Stadt der durchbrochenen Mauern; Wiedervereinigungswehgeschrei: Eindringliche Trommelrhythmen im Ohr, noch immer ekstatisch tanzende Kinder vor Augen, den merkwürdigen Geruch des berauschenden Bandjis in der Nase. Dann der bewusst herbeigeführte Schock: Waren Sie schon einmal an einem verkaufsoffenen Vorweihnachtssamstag im KaDeWe oder in den Arkaden am Potsdamer Platz? Nicht enden wollende Vergleiche...!? - die ich Ihnen und mir ersparen möchte.

Zugegeben: Der Rhythmus des grauen Alltags versucht sich schon sehr bald wieder einzuschleichen, doch noch hält die faszinierende Beunruhigung an: Es kommt mir so vor, als müsste ich auch die vermeintlich bekannten Wirklichkeiten meiner hiesigen Umgebung, wieder gänzlich neu entdecken. Noch immer entzündete Fußwunden und regelmäßig zu schluckende Malariatabletten dienen als verlässliche Gedächtnisstützen. Ich bilde mir ein, mit den gleichen Augen, plötzlich andere Zusammenhänge zu sehen, allerdings ohne dadurch mehr zu verstehen: Schwarzweiß-Filme oder die längst anachronistischen Grenzen des europäischen Wahrnehmungshorizontes: die Kakaoernte oder der Nutellakonsum; das Preis-Leistungs-Genie unserer Rüstungsindustrie oder die Deutsche Welthungerhilfe; melancholische Klagelieder mit anschließenden Freudentänzen oder endlose Psychotherapien mit anschließend präsentierter Rechnung; nach Differenzierungen schreiende Rundumschläge, aus denen bemerkenswerter Weise nichts hervorgeht als Verwirrung über zwei für mich noch näher zusammengerückte Seiten einer Medaille.

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