Im Postfach von Nia-Dia - es befindet sich im 35 Kilometer entfernten Lakota und wird einmal in der Woche geleert - liegt diesmal ein Kicker-Sportmagazin, das jemand von uns sich nachschicken ließ (peinlich aber wahr). Da es nun schon mal da ist, studieren wir Tabellen und Statistiken: Ballkontakte werden gezählt und Fehlpassquoten errechnet; natürlich findet sich in dieser Zeitschrift kein Sterbenswörtchen über illegale Rüstungsexporte in Krisengebiete, über skrupellose Ausbeutung billiger Arbeitskräfte oder Schuldenkrisen in der sogenannten Dritten Welt. In diesem Heft geht es - wie immer im besten Fußballdeutsch - um Preise auf dem Transfermarkt, Bombentore, Fernschüsse, Granaten aus der zweiten Reihe und erfolgreiche Blitzangriffe (PS: Mit dem bestenfalls selbstironisch zu verstehenden Namen unserer Mannschaft habe ich nichts zu tun!). Mit anderen Worten: Es geht also mal wieder um die angeblich beste Liga der Welt und unsere Nationalspieler, die fast jedem männlichen Bewohner des Dorfes namentlich bekannt sind. Die Siegesserie unserer kämpferischen Fußballkultur reißt einfach nicht ab, oder - wie es im titelgebenden Lied der deutschen Nationalmannschaft heißt - König Fußball regiert die Welt. Fragezeichen.
Im Nachbardorf betreibt der einzige Stromgenerator der Gegend keinen Schwarzweiß-, sondern einen Farbfernseher, das Gütezeichen der Zivilisation, - was sonst. Bilder und Nachrichten aus einer fremden Welt: momentan täglich die geöffnete Mauer in Berlin, über die sich hier jeder freut, unter der sich aber niemand etwas vorstellen kann; Militärparaden; der greise Präsident auf dem roten Teppich; Vertreter der kapitalistischen Wirtschaftsverbände mit Schlips und Kragen; schlecht inszenierte Spielfilme für das Volk; Sportreportagen und immer wieder bunte Werbespots. Wir meinen spontan: verhängnisvolle Wunschträume vom materiellen Glück werden geweckt. Das aus unserer Sicht noch relativ unberührte Selbstversorgerparadies, das noch weitgehend natürliche Gleichgewicht einer sozialen Lebensgemeinschaft wird durch diese fatalen Einflüsse zunehmend in Frage gestellt.

Wir übersehen allerdings - weil auch wir sofort in die Glotze starren - die begeisterten Gesichter, die sehnsüchtigen Blicke der Jugendlichen, vor dem alles versprechenden Wunderkasten. Wir vergessen, dass auch uns die Fußballwiese, die bisweilen die Welt bedeutet, im Grunde nie grün genug sein kann. Kein Ende in Sicht, kein Schlusspfiff ertönt. Im Moment des vermeintlichen Sieges, vergisst man in der Regel, was man gleichzeitig verliert: Nia-Dia - ein afrikanisches Dorf im Wandel. In welche Richtung geht die Entwicklung?
Fototermin:
Das Rad der Geschichte, dokumentiert in Einzelbildern die beschreiben,
nicht analysieren, scheint sich plötzlich zurückzudrehen.
Schon klassische Kolonialfotografien stehen Pate; der Hut des Großvaters
aus dem Ersten Weltkrieg, das stets in Ehren gehaltene Fotoalbum
der Familie; historische Aufnahmen werden neu belebt, immer wieder
kopiert; Standbilder, konservierte Vergangenheit, die nach wie vor
Schatten auf die Gegenwart und die Zukunft zu werfen scheinen.
Dann die unvermeidliche Fortsetzung der unendlichen Geschichte;
eine Verlängerung, die erneut unentschieden ausgehen wird;
nein, kein abschließendes Elfmeterschießen, die Entscheidung
wird vorerst vertagt. Les jeux sont faits, unser Gastspiel ist fast
aus. Doch schon werden mögliche Termine für ein Wiederholungsspiel
ins Auge gefasst: Herzliche Umarmungen, vereinzelte Tränen;
nicht nur Adressen wollen ausgetauscht und Stammesnamen hinübergerettet
werden; nur vorläufig wird Abschied genommen, da sind sich
alle einig.
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