Immer wieder
werden neue Freundschaftsspiele angesetzt, nicht nur die schönste
Nebensache der in dieser Männerfrage weitgehend einigen Weltbevölkerung
verbindet. Gruppenbilder mit und ohne Damen. Immer wieder schwarz
und weiß bunt gemischt, nicht nur auf dem Fußballfeld.
Liebesgeschichten nehmen ihren Lauf. Schon sprechen wir uns auch
untereinander mit unseren traditionellen Stammesnamen an; Okadicki,
unsere unumstrittene Nummer 1, spielt sich mit souveränen Paraden,
unverwechselbaren Tanzdarbietungen und natürlichem Charme scheinbar
mühelos in die Herzen seiner euphorischen Fans.
Wie gesagt, das alles passiert nicht etwa tout à l'heure
oder gar tout de suite, nicht etwa sofort und schon gar nicht pünktlich
nach vorgegebenem Plan, denn hier wird nichts auf den angeblich
besonders effizienten Zeitpunkt gebracht.
Alles geschieht zu seiner Zeit, die nie mit einer bestimmten Uhr-Zeit verwechselt werden sollte. Zeitverschiebungen fallen nicht ins Gewicht: Die eingestanzten Zeiger der goldenen Armbanduhr - ein großzügiges Geschenk meiner Gastgeberfamilie - zeigen beharrlich auf die ein für allemal eingravierte 3; nunc stans oder "Was du heute kannst besorgen, das verschiebe ruhig auf übermorgen". Wer wird das schon so genau nehmen. Allzu abendländische Grenzen jeder Art werden durchbrochen, nicht nur die Linienrichter sind da eher großherzig. Selbst der Mann in Schwarz, es muss nicht unbedingt ein Schiedsrichter sein, drückt hin und wieder beide Augen zu. Dennoch bemüht sich jeder, grobe Foulspiele zu verhindern; schmerzhafte Ausnahmen bestätigen wie immer die Regel. Alles geht seinen natürlichen Gang, den Lebensrhythmus diktieren das Tageslicht und der Zufall: Auch der selten nüchtern anzutreffende Chef des Dorfes legt - außer beim sehr engagiert geführten Palaver des Ältestenrates - wie jeder Mann einen gelassenen Fatalismus an den Tag: Seinesgleichen geschieht. Fliegende Händler kommen und gehen; ihr Fahrrad trägt die Ware. Zahllose Menschen stehen tagsüber am Pistenrand und warten - jemand sagt: unter Umständen bis sie schwarz werden - auf einen freien Platz im meist überfüllten Buschtaxi. Doch niemanden scheint das ernstlich zu stören, so oder so : La vie est bonne!

Amor fati, Liebe
dein Schicksal, würde man bei uns vielleicht denken, aber hier
scheint man es täglich zu leben. Lachend und wild gestikulierend
schauen die Wartenden dem mal wieder ohne sie davonfahrenden Schrotthaufen
hinterher. Er lässt lediglich eine große Staubwolke und
ein paar verreckende Töne aus dem bis zur Schmerzgrenze aufgedrehten
Autoradio zurück.
Staub auch auf dem Fußballplatz, aufgewirbelt von unermüdlich
singend tanzenden Kindern und bildschönen Frauen. Sie begleiten
das gesamte Spiel, jede unserer Aktionen mit ihren aufmunternden
Gesängen: "Allez Sans Pitié!" Ein tropischer
Platzregen, der sich ebenso schnell verausgabt hat wie wir, unterbricht
das begeisternde Schauspiel.
Halbzeit, Atempause: Wir sind für jeden Luftzug, jede Abkühlung dankbar. Der Live-Kommentator am Spielfeldrand redet dagegen ununterbrochen; nur unsere Fotos bringen künstliche Augenblicke des Stillstands in das ständige Werden, in die dynamischen Bewegungen auf dem Spielfeld und in das lebendige Treiben drum herum. Mannschaftsbilder: Gesichter, denen die Anstrengung unschwer abzulesen ist. Keine Feuerwehr, die diesen Durst löscht. Man reicht uns triefende Schwämme, vollgesogen mit Brunnenwasser und unverarbeiteten Eindrücken. Wer wringt uns aus, damit wir wieder aufnahmefähig werden, neue Energie tanken können. Nein, ich denke jetzt nicht etwa an milchigen Palmwein aus uralten Öl- oder Benzinkanistern und noch weniger an schwarzen Bohnenkaffee, der hier für einen staatlich festgesetzten Hungerlohn zwar angebaut und geerntet, dann aber in ganz anderen Welten getrunken wird. Ich denke an die zumindest in diesem Teil des Landes - Dank Mutter Natur und trotz Vater Staat - immer gut gefüllten Kochtöpfe in unseren Familien. Ich denke an Kochbananen und Foutou, an Reis und Fisch, an wider Erwarten wohlschmeckende Buschratten, Schlangen und vergeblich gepanzerte Ameisenbären, kurz, an wohlschmeckendes Essen und geschmacklose Vergleiche.
Seite 1 / 2 / 3 / 4 / 5 / 6 / 7 / 8 / 9 / zur Startseite