Stets erhalte ich den besten Stuhl, stets als erster die größten Essensportionen. Die Wäsche wird mir - ob ich will oder nicht - regelmäßig gewaschen, das Wasser für die Dusche von hochschwangeren Frauen herangeschleppt - bloß keine Widerrede - und sobald ich mich erhebe, gesellt sich ein freundlicher Mensch zu mir, der jeden meiner Schritte mit fürsorglicher Anteilnahme und, wenn die Dunkelheit es nötig macht, mit einer Petroliumlampe begleitet. Jeder von uns trägt inzwischen einen vom jeweiligen Familienoberhaupt verliehenen Stammesnamen, der vorbehaltloses Vertrauen und die allumfassende Einbeziehung symbolisiert. Ganz gegen mein persönliches Empfinden nennt man mich nunmehr DjeDje Bedi, den starken Mann. Wir reagieren auf all diese Ereignisse - der eine mehr, der andere weniger - zunächst irritiert, verunsichert. Wir haben Schwierigkeiten, mit einer so bedingungslosen Offenheit umzugehen, uns rückhaltlos auf ein Leben in der Gemeinschaft ohne die in unseren Breitengraden normalen Freiräume, einzulassen. Balanceakte zwischen unbekannten Rechten und Pflichten, kleine Fluchten, Freude über kurze Spielunterbrechungen sind die Folge: Vertraute Musik aus dem abschirmenden Walkman, warmes Bier im Kreis der Freunde, Tagebücher und oder T'ai Chi. Zufluchtsorte, traumhafte Enklaven der nur vom Zirpen der Grillen unterbrochenen Stille; seltene Momente der Ruhe: minutenlang alleine in der künstlich ausgeleuchteten Lehmhütte mit Palmendach aber ohne Fenster.
Tagträume: Zwei Meter neben der Hütte wartet der gefräßige, allen Freiraum verschlingende Urwald auf neue Nahrung.
Aber gewissermaßen
unbemerkt gelingt es dann doch, sich trotz gewisser Sprach- bzw.
Verständigungsprobleme einfach hineinfallen zu lassen in diese
undurchsichtige Welt, die uns glücklicherweise gar keine Wahl
lässt.
Koudou, mein Gastgeber, nimmt mich mit auf die Jagd; diesmal sind
die Fallen leer und auch die Steinschleuder verfehlt ihr Ziel.

Was soll's, es gibt Wichtigeres: Zweimal täglich macht Koudou mit seinem Halbbruder Marc - gleicher Vater, andere Mutter - Ausflüge zur sogenannten Plantage im dichten Busch, um Palmwein (Bandji) zu gewinnen: " C'est bon travail!" Wir kosten die weiße Flüssigkeit natürlich gleich an Ort und Stelle, ausgiebig. Kurz nach dem Frühstück bleibt insbesondere bei mir die angenehme Wirkung nicht aus.
Abends sitzen
wir an der nur noch ein wenig qualmenden Feuerstelle vor unserer
Hütte; wir rauchen Pfeife, reden in gebrochenem Französisch
über unterschiedliche Götter, Gemeinsamkeiten zwischen
den Menschen und weltbewegende Probleme, oder wir schweigen und
lassen es uns gut gehen. Die wunderbaren Augenblicke, in denen es
scheinbar problemlos gelingt, alle störenden Kopfgeburten zu
vergessen, einfach nur da zu sein und es zu genießen:
Das nächtliche Duschen unter freiem Himmel, umgeben von einem
kleinen Viereck aus Palmenzweigen: "Je suis la comme ca - pas
de probleme!" Ein Meer von Lichtern, die messerscharfe Mondsichel
über mir. Koudou erklärt mir den Sternenhimmel, der plötzlich
voll funkelnder Geheimnisse und märchenhafter Geschichten zu
sein scheint: Schau nur, die von ihren Eltern verlassenen Kinder
sammeln sich an einer Stelle, damit sie nicht so alleine sind; dort
oben, die drei leuchtenden Sterne in einer Linie verheißen
Glück und Harmonie; direkt daneben erscheint die gleiche Anordnung
zerstört.
Ich denke an das herzerfrischende Lachen seiner hinter den Kulissen regierenden Frau Anne-Marie, als sie heute morgen bemerkte, dass ich sie beim Holzhacken beobachtete. Dieses Lachen geht mir nicht mehr aus dem Kopf, es kommt von ganz unten. Ich erinnere mich an die melancholischen Lieder von Solonge, einer Nachbarin; ihre Kinder, die eher Tanzen als Laufen zu können scheinen. Der Film läuft: Der Schatten des großen Baumes in unserem Hof, die beruhigenden Geräusche des stressfreien Dorflebens, die Ruhe zur Mittagszeit, die Haustiere - gackernde Hühner, ein geiler Bock, der pausenlos versucht, eine sich energisch sträubende Ziege zu besteigen - Schnitt.
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