Reisemagazin schwarzaufweiss

Im Zickzack durch die Anden

Eisenbahnfahrt um die Teufelsnase in Ecuador

Text: Manfred Lädtke
Fotos: Manfred Lädtke und Ferrocarilles de Ecuador

Dass Ecuadors Andenbahn nicht mehr unter Dampf steht, haken Eisenbahnnostalgiker unter „Fortschritt“ ab. Dass beim Überqueren der Gebirgskette aber das alte Cabrio-Feeling auf der Strecke bleibt, bedauern nicht nur von Sicherheitsbestimmungen verwöhnte oder geplagte Westeuropäer.

Ecuador - Warten auf den Zug: Indios am Bahnhof Sibambe

Warten auf den Zug: Indios am Bahnhof Sibambe

Mit Passagieren auf dem Wagendach und auf offenen Güterwagen schnaufte das museale Vehikel zum letzten Mal 2007 das touristische Herzstück zur berüchtigten „Teufelsnase“ hinauf. Die luftigen Plätze gestatteten eine grandiose Rundumsicht in der versteinerten Andenwelt. Steinschlag oder nach Unwettern abgerissene Elektrokabel machten den halsbrecherischen Openair-Spaß aber immer öfter zum unkalkulierbaren Risiko. Als Todesopfer zu beklagen waren, stellte die staatliche Eisenbahngesellschaft La Embresa de Ferrocariles Ecuatorianos den Abenteuerzug auf das Abstellgleis und ersetzten ihn durch geschlossene Personenwagen.

Enttäuscht nehmen einige Touristen im Bahnhof von Alausí ihre Tickets für die abgespeckte Abenteuervariante der Gebirgsexpedition entgegen. Der Kartenverkäufer zeigt Verständnis für das Bedauern. Wohl auch, weil auf Bildern in einigen Reisebüchern immer noch die alte „Cabrio-Bahn“ unterwegs ist.

Ecuador - Auf dem Weg nach Sibambe: Brückenpartie über dem Bahnhofsstädtchen Alausí

Auf dem Weg nach Sibambe: Brückenpartie über dem Bahnhofsstädtchen Alausí

Die Zukunft hat den Rumpelzug aber längst überholt. Rot-weiße moderne Abteilwagen pendeln heute auf der haarsträubenden Bahnroute zwischen Alausí und dem Bergbahnhof Sibambe am Fuße der Teufelsnase. Dabei hielten Ingenieure den monströsen Felszinken in 1900 Meter Höhe einst für ein unüberwindbares Hindernis. 100 Jahre später preisen Touristiker das ehemalige Schreckgespenst als den Höhepunkt jeder Ecuador-Reise. In der Tat, selbst in der geschlossenen Reisebox mit Klimaanlage und pneumatischer Federung, taugt die aufregende Schaukelfahrt immer noch für Magenkribbeln und ein paar Schweißtropfen auf der Stirn.

In Alausí wartet eine Diesellokomotive wartet darauf, die Panoramawagen zu dem berüchtigten Berg durch die Anden zu schleppen. Seinen teuflischen Namen erhielt der scheinbar unbezwingbare Riese, weil beim Bau der insgesamt 445 Kilometer langen Bergroute durch den Andenstaat Tausende chinesische Leiharbeiter, Gefangene und jamaikanische Sklaven ihr Leben verloren. Hunderte Menschen starben allein bei den vielen Sprengarbeiten für die kühne Überwindung der „Nariz del Diablo“.

Ecuador - Kurs auf „Nariz del Diablo“  bei Sibambe

Kurs auf „Nariz del Diablo“ bei Sibambe

Als das Land 1872 in den USA und Großbritannien Investoren für eine Schienenpassage suchte, die Ecuadors Hochland mit der Pazifikküste verbinden sollte, hagelte es Absagen. Es gab lukrativere Eisenbahnprojekte, denen nicht der Ruf vorauseilte, eine technische Utopie zu sein. Ein Bauvorhaben in einer Steinwüste mit Passhöhen von bis zu 3600 Metern sei zudem ein finanzielles Harakiri. Wer an eine Eisenbahnpassage um die Teufelsnase glaube, fahre zielsicher gegen eine Wand aus Stein, kritisierten Gegner das Unternehmen.

Erst 25 Jahre später unterzeichnete Ecuadors Präsident Eloy Alfaro mit einer nordamerikanischen Firma eine Vereinbarung für den Eisenbahnbau. Bei der Vertragsunterzeichnung erklärte er: „Mein Traum, mein Programm wird konkret in einem Begriff - Eisenbahn.“ Stahl, Maschinenteile und Harthölzer für die Schienenschwellen mussten nun importiert werden. Das lateinamerikanische Land war auf üppige Kredite von den Kolonialmächten und Yankees angewiesen und türmte eine Schuldenlast auf, die bis heute „mitfährt“.

Nach elf Jahren Bauzeit verließ 1908 der erste Zug das Hafenzentrum Guayaquil und erreichte nach 40 Stunden die Hauptstadt Quito. Bevor die wochenlang gefeierte „technische Meisterleistung“ fertig war, hatten Träger, Maultiere und Lamas für Gütertransporte oft zehn Tage gebraucht oder waren im unwegsamen Gestein gar nicht an ihr Ziel gekommen.

Ecuador - Die herausgeputzte koloniale Vergnügungsstraße La Rondo ist mit ihren Geschäften, Bars und Cafés die schönste Gasse in der ecuadorianischen Hauptstadt Quito

Die herausgeputzte koloniale Vergnügungsstraße La Rondo ist mit ihren Geschäften, Bars und Cafés die schönste Gasse in der ecuadorianischen Hauptstadt Quito

“Por favor ir allí!“, deutet ein Herr mit weißem Panamahut auf gepolsterte Stühle vor den Panoramafenstern im Andenexpress. In Fahrtrichtung rechts habe man auf der Hinfahrt die beste Aussicht! Pünktlich um acht Uhr rollt der Zug los. Knapp eine Stunde wird er auf der Strecke unterwegs sein, die früher das gefährlichste Teilstück der großen Ecuador-Route war. In seinen Erinnerungen notierte Eloy Alfaro: „Wenn ich in die schroffen Abgründe schaute, die selbst für Ziegen nicht passierbar zu sein schienen, machte ich die Augen zu und vertraute dem Himmel über mir.“

Als müsse sie sich für ihren Auftritt erst warm laufen, holpert die Bahn gemächlich über eine Stahlbrücke. Tief unten macht sich Alausí breit. Jetzt beginnt der schwindelerregende Abstieg in die Küstenregion. Der Zug umkurvt auf Serpentinen steile Felswände und lässt unter seinem Schienenbett 100 Meter tiefe Schluchten links und rechts liegen. Als er auf einem schmalen Steg den Río Chanchán überquert, scheint der Zug zu fliegen.

Dann erreicht der Berg- und Tal Express den abenteuerlichsten Part der Reise. Die olivgrüne „Haut“ der Teufelsnase aus Steppengras und kargem Gesträuch zieht zum Anfassen nah am Fenster vorbei. Scheinbar waagerecht übereinander liegende Gleistrassen winden sich wie eine Halskette um das Felsmassiv. Um die Teufelsnase zu überwinden, sind die Schienen als Doppelpack und mit Spitzkehren verbunden. Mal vorwärts mal rückwärts müht sich die Bahn auf ihrem Zick-Zack Kurs ins Tal. In Schwindel erregenden Schluchten schmiegen sich Maultierpfade an den Berghang, die hinunter in eine Senke zum Bahnhof Sibambe führen.

Ecuador - Eisenbahn - Endstation am Fuße der Teufelsnase ist die Bergstation Sibambe

Endstation am Fuße der Teufelsnase ist die Bergstation Sibambe

Auf einem Abstellgleis zu Füßen des Berges stoppt der Tren Tourístico. Fahrgäste steigen aus und nehmen mit Kameras die größte Nase von Südamerika ins Visier. Manchmal scheint es, als schäme sich der Goliath für sein markantes geologisches Aussehen. Schnell hüllt er sich in wulstige Nebelwolken und streckt nur noch seine Nasenspitze aus dem Grau. Was ihn freilich nicht daran hindert, mit ganzer Präsenz seiner Rolle als Hindernisparcours gerecht zu werden. Auf der Rückfahrt nach Alausí zwingt der Koloss der Bahn ihre finale Kletterleistung ab: 800 Meter Höhenunterschied muss der Andenzug auf dem steilsten Eisenbahnparcours der Welt überwinden.

Ecuador - Sightseeing durch das Zugfenster. Wie hier auf den Vulkan Chimborazo bieten Ecuadors Züge spektakuläre Aussichten

Sightseeing durch das Zugfenster. Wie hier auf den Vulkan Chimborazo bieten Ecuadors Züge spektakuläre Aussichten © Ferrocarilles de Ecuador

Der freundliche Senor aus dem Abteil hat seinen Panamahut abgenommen und deutet vielsagend auf das edle Teil. „Falls Sie im Süden mal nach Quenca kommen, besuchen Sie die Hutfabrik „Homero Ortega P. & Hijos“. Es sei schon komisch, dass das mit manueller Fingerfertigkeit aus Palmenstroh geflochtene ecuadorianische Original überall als „Panama“-Hut verkauft werde. Nach einem kräftigen Schluck Zuckerrohrschnaps erzählt er: „Als US-Präsident Theodore Roosevelt 1906 Arbeiter beim Bau des Panamakanals besuchte, hatte dieser den Sonnenschutz auf dem Kopf. Der Staatsmann ließ sich mit einem Exemplar fotografieren und das Bild ging als „Präsident mit Panamahut“ um die Welt.“ Das ist zwar nur eine von vielen Erklärungen, räumt der Señor ein. Garantiert richtig sei aber, dass Ecuadors Hut bis dahin „Jipijapa“ hieß. Hasta la vista.

Theodore Roosevelt soll Panama den Hut aufgesetzt haben. Hergestellt wird das edle Teil aber in Ecuador, wie hier in Cuencas Fabrik „Homero Ortega P. & Hijos

Theodore Roosevelt soll Panama den Hut aufgesetzt haben. Hergestellt wird das edle Teil aber in Ecuador, wie hier in Cuencas Fabrik „Homero Ortega P. & Hijos

 

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