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Kolumbus findet keine Ruhe

Pablo weiß aber auch um grandiose Irrtümer. Beispielsweise die Geschichte um das Grab des Kolumbus. Der wurde 1544 neben Enkel Luis und seinem Sohn Diego in der Kathedrale von Santo Domingo beerdigt. 250 Jahre später drehte sich die politische Großwetterlage, Spanien musste nach einem verlorenen Krieg die Insel an Frankreich abtreten. Da wurde man schnell aktiv, der Entdecker der Neuen Welt sollte schließlich in spanischer Erde seine letzte Ruhestätte behalten. Deshalb bettete man seine Urne flugs um nach Kuba, damals noch spanische Kolonie. Ein Jahrhundert später ging auch diese Insel verloren und Kolumbus’ Urne wanderte erneut, diesmal zurück nach Spanien. Zwischenzeitlich hatte man aber entdeckt, dass seinerzeit die falsche Urne nach Kuba geschickt worden war. Die Verwirrung blieb. Denn bis zum heutigen Tag existieren zwei Gräber, eins in der Kathedrale von Sevilla und ein zweites, pompöses im eigens geschaffenen Museum ‘Faro a Colón’ in Santo Domingo. Wo der Admiral nun tatsächlich ruht, weiß keiner.

Dominikanische Republik Santo Domingo Denkmal
Kolumbus auf seinem Denkmal

All diese Anekdoten aus der Vergangenheit erzählt Pablo mit wachsender Begeisterung. Aber weiter als bis zu den gemütlichen Cafés beim Alcázar de Colón führt er seine Touristen nicht. Dabei wäre nur wenige Schritte weiter ein Blick in den dominikanischen Alltag möglich. Keine zehn Minuten Fußweg entfernt zeigt sich ein völlig anderes Santo Domingo. Rund um die Plaza Enriquillo herrscht ein quirliges, lautes, unruhiges Leben, keine museale Beschaulichkeit. Nur zehn Minuten, die aber in eine völlig andere Welt führen.

Dominikanische Republik Santo Domingo Kathedrale
Die Kathedrale: monumental

Der Platz, der den Namen des berühmtesten Taino trägt, wird schnell erreicht. Langsam weichen die historischen Gebäude, drängeln sich Häuser aus jüngerer Zeit in den Vordergrund. Aus geöffneten Fenstern plärrt Merengue, vor der Tür hocken die Bewohner, genießen die Aufführung ‘Passanten-gucken’. Noch ein paar Schritte weiter wird die Avenida México erreicht und man betritt schlagartig das 20. Jahrhundert. Wohnblocks kratzen am Himmel, Autos und Busse wälzen sich mehrspurig vorbei, Hektik, Lärm, Gehupe vermischen sich zu einer Klangkakophonie. Und dann werden die Menschenmassen immer dichter.

Je lauter, desto lieber

Rings um die Plaza Enriquillo lockt ein riesiger Straßenmarkt. Jeder Quadratzentimeter des Bürgersteiges wird zum Handelsraum. Hunderte, wahrscheinlich Tausende von Händlern breiten kleine Laken, manchmal nur Taschentücher auf dem Gehweg aus, stecken so ihr Geschäft ab. Drapieren kunstvoll ihre Ware darauf und suchen mit Kennerblick Kunden und Opfer. Vorbeikommenden werden Gürtel, Kämme, Schundromane, Kaugummis, Früchte, Nähnadeln, einfach alles unter die Nase gehalten. Aus jedem regulären Geschäft, die es natürlich auch noch gibt, dröhnt Merengue - je lauter, desto lieber.

Dominikanische Republik Santo Domingo Markt
Der Straßenmarkt: bunt und ...

Das alles wird übertönt von den Werbeslogans der Kaufhäuser, die blechern aus mannshohen Lautsprechern scheppern. Die Käufer tauchen ein in dieses Gewimmel, turnen zwischen den Händlern herum, umschiffen Hindernisse, ignorieren Angebote von „dos por cien“ (zwei für hundert Pesos) von irgendwas, bleiben dann doch stehen, begutachten eine Ware, verursachen einen Stau. Andere weichen aus, schlenkern um dieses neue Hindernis herum, geraten in den Strudel der Entgegenkommenden. Und alle müssen irgendwie aufpassen, dass sie nicht zu weit in Richtung Straße abgetrieben werden. Dort knattern haarscharf am Kantstein Autos, Taxen, Motorräder, Busse, Busse und nochmals Busse vorbei. Hupend, im Kriechgang ruckelnd, irgendwie kurbelnd, ausweichend, fluchend. An einer Kreuzung versucht ein Polizist Pfeifetrillernd und Armfuchtelnd das Knäuel zu entwirren. Und irgendwie klappt’s auch.

Dominikanische Republik Santo Domingo Straßenmarkt
... chaotisch

Wer hier als Kunde nichts findet, der sucht nichts. Angeboten wird alles, Eier und Gemüse, Fisch und Fleisch, Kassetten und Bücher, Kitsch und Kunst, Tinnef und Gammel. Wer es schafft, diese Verkaufsgalerie zu durchstöbern ohne einmal mit dem Kopf gegen eine Kioskstange geknallt zu sein, darf sich glücklich schätzen. Die ragen nämlich immer in Kopfhöhe von Gringos heraus.
Nicht leicht, sich dort zurechtzufinden. Jedenfalls für einen Außenstehenden. Dominikaner tauchen mit traumwandlerischer Sicherheit ein in dieses Labyrinth, kennen sich aus, meistern alle Verkaufsverhandlungen. Für sie ist das Alltag. Lichtjahre entfernt von kolonialer Steifheit und noch viel weiter von Alles-Inklusive-Zonen. Hier gibt’s nichts umsonst. Kein Armbändchen öffnet Tür und Tor, jedes Häppchen muss hart erkämpft werden. Dominikanischer Alltag eben. Schade eigentlich, dass Pablo davon nichts erzählt hat.



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