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Kolumbus war hier, aber wo ist er jetzt?

Santo Domingo, die quirlige Hauptstadt der Dominikanischen Republik

Text und Fotos: Hans-Jürgen Fründt

Dominikanische Republik Santo Domingo Alcázar de Colón

Pablo gibt sich Mühe. Richtig Mühe. Erklärt jedes Detail, berichtet von Triumph und Tragödien, lässt noch einmal das spanische Weltreich aufleben. Pablo ist ein Guide, der täglich Touristen durch das koloniale Viertel von Santo Domingo führt. Er zeigt den Neugierigen, die sich vom Strand losgerissen haben, die spanische Vergangenheit. Die dominikanische Gegenwart zeigt er nicht.

Ungefähr 250.000 Deutsche reisen Jahr für Jahr an die Strände der Dominikanischen Republik. Und dort bleiben sie auch zumeist. Gehalten durch ein farbiges Armband, der Alles-Inklusive-Fessel. Gebunden an den Liegestuhl und das Hotelbuffet. Nur die wenigsten raffen sich einmal auf und besuchen die Hauptstadt Santo Domingo. Mit 2,5 Millionen Einwohnern ist sie die zweitgrößte Stadt der Karibik nach dem kubanischen Havanna und alles andere als ein idyllisches Städtchen. Über zehn Kilometer erstreckt sich die Metropole entlang der Küste, wuchernd, wachsend, mäandernd. Gut ein Viertel der dominikanischen Bevölkerung lebt mittlerweile hier.

Das klingt zunächst mal gar nicht gut. Wer sich der Stadt nähert, dessen Befürchtungen dürften sogar noch steigen. Von Osten führt eine mehrspurige Einfallstraße in die Metropole. Das Häusermeer wird immer dichter, der Verkehr ebenso. Schließlich schnauft der Bus über eine weitgeschwungene Brücke. Tief unten strömt der Río Ozama, an seinen Ufern kleben erbärmliche Hütten. Die Ärmsten der Armen hausen hier. Buchstäblich an den Rand gedrückt vom greisen Ex-Präsidenten Balaguer. Der wollte seinem Land und wohl auch sich selbst ein Denkmal setzen anlässlich des 500. Jahrestages von Kolumbus Entdeckung. Das war 1992, und mit letzter Kraft wurde noch ein gigantisches Bauwerk fertiggestellt. Eine Mischung aus Leuchtturm und Museum entstand, über die Kosten senkte sich der Schleier des Schweigens. Der ‘Faro a Colón’, der Kolumbus-Leuchtturm, wurde am Stadtrand errichtet, die damaligen Bewohner an die Seite gedrängt.

Dominikanische Republik Santo Domingo Obelisk
Monumente fürs Vaterland - oder den Machthaber?

Heute sendet der Faro abends einen Lichtstrahl in den Himmel, zaubert ein riesiges christliches Kreuz ans Firmament. Das sollte eigentlich in der ganzen Karibik zu sehen sein, wenn nicht gerade mal wieder der Strom ausfällt. Was immer noch täglich passiert. Nicht nur Pablo meint, dass die vielen Millionen Dollar, die das Bauwerk kostete, besser in die Stromversorgung hätten investiert werden sollen. Aber das bleibt auch sein einziger kritischer Kommentar zur Gegenwart. Viel lieber entführt Pablo seine Zuhörer mit Begeisterung in die koloniale Vergangenheit.

Die erste Stadt in der Neuen Welt

Er erzählt, dass die Anfänge dieser Stadt sehr bescheiden waren. Die Gründung beruht wie so oft auf Zufällen und Gier. Kolumbus war gerade zum zweiten Mal aus Spanien herübergesegelt und hatte eine erste Siedlung bauen lassen. Die lag auf der anderen Inselseite. Dort schwang sein Bruder Bartolomé das Zepter, aber es kam rasch zu Streit unter den Spaniern. Ein Gefolgsmann flüchtete, schlug sich quer durch die Insel und erreichte die Südseite. Dort nahm ihn ein Tainostamm freundlich auf, zeigte ihm sogar bereitwillig Goldfunde. Schon erwachte wieder die Gier. Der Spanier eilte sofort zurück, berichtete von den Goldfunden, vertrug sich auch prompt wieder mit Bartolomé und der ganze Tross zog auf der Stelle um. Kurze Zeit später wurde am Ufer der Flussmündung des Río Ozama eine neue Siedlung gegründet. Ihr Name: La Nueva Isabela, später umgetauft in Santo Domingo. Es war die erste dauerhafte Stadtgründung der Neuen Welt.

Dominikanische Republik Santo Domingo Panteón Nacional
Noch mehr Patriotisches im Panteón Nacional

Santo Domingo avancierte schnell zu einem wichtigen Außenposten im spanischen Kolonialreich. Alle spanischen Würdenträger und Schaltzentralen der Macht versammelten sich hier nach und nach, sie alle bauten sich eindrucksvolle Häuser. Wuchtige Steinhäuser mit dicken Mauern, groben Holztüren und Gittern vor den Fenstern entstanden. So etwas kannten die Tainos nicht.
Auch eine gewaltige Festung entstand am Hafen, außerdem ein Palast für den Statthalter, eine Universität nebst Gerichtsgebäude, auch eine Münzprägeanstalt und natürlich eine Kathedrale. Nichts durfte fehlen. Vor allem auch Residenzen für all die Wichtigen und Erfolgreichen, für Caballeros und Neureiche. Ein jeder wollte den anderen mit Prunk und Pracht übertreffen. Die Spanier bauten sich in der Neuen Welt ein getreues Abbild der Alten Welt auf. Viele historische Bauten aus jenen frühen Tagen stehen noch heute. Die wuchtigen Mauern haben Hurrikane, Piratenüberfälle und Salzwasserluft gut überlebt.

Dominikanische Republik Santo Domingo Koloniales Flair
Koloniales Flair

Aus den Häusern dringt noch heute der koloniale Atem. Verschnörkelte Gaslaternen spenden diffuses Licht in der Abenddämmerung. Die Fantasie lässt einen Caballero hoch zu Ross, nervös hufetrappelnd, gleich um die Ecke reiten. Derweil öffnen sich die tagsüber fest verschlossenen Fenster, schauen schüchterne Señoritas vorsichtig heraus, gegen alle Versuchungen durch schmiedeeiserne Gitter geschützt. Behauptet jedenfalls Pablo. Er kennt auch die anderen Histörchen, die sich mit jedem dieser Häuser verbinden. Mal erzählt er von stolzen Caballeros oder von wahnwitzigen Statthaltern, die sich Häuser bauen ließen, ohne einen einzigen Nagel verwendet zu haben. Oder auch von einem reuigen Sünder kann er berichten, der sich unter den Stufen seines Hauses beerdigen ließ, so dass alle Besucher auf ihm herumtrampeln könnten. Sozusagen als späte Strafe.



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