Reisemagazin schwarzaufweiss

Einmal im Leben durch Wuppertal schweben

Vom verborgenen Charme der Hauptstadt des Bergischen Landes

Text und Fotos: Felix Neubüser

Deutschland Wuppertel Bahn über der Wupper

Wuppertal führt ein seltsames Schattendasein. Nur wenige internationale Reiseführer verweisen auf die Stadt, in der Friedrich Engels geboren wurde und die der ehemalige Bundespräsident Johannes Rau seine Heimat nannte. Trotz beachtlicher Medienpräsenz – allein die elf Autobahnabfahrten finden eigentlich täglich ihren Weg in die Verkehrsnachrichten – erscheint die „Hauptstadt des Bergischen Landes“ hinter ihren größeren Nachbarn Köln, Düsseldorf und Essen oft etwas blass. Zu unrecht, wie zumindest die Filmschaffenden mittlerweile eingesehen haben.

Der junge Wim Wenders drehte schon 1973 sein Roadmovie „Alice in den Städten“ teilweise in Wuppertal. Knapp zwei Jahrzehnte später durften Till Schweiger und Co in „Manta Manta“ durch die Straßen der 370.000-Einwohner-Stadt rasen. In der Bergischen Universität auf dem Johannesberg entstand Regisseur Oliver Hirschbiegels „Das Experiment“ und in „Nichts Bereuen“ darf Hauptdarsteller Daniel Brühl gleich mehrmals in der Schwebebahn der Wupper hinterher gleiten.

Ein Tausendfüßler aus Stahl

Die Schwebebahn! Sie spielt nicht nur im Film eine Rolle, sondern ist zugleich das Wahrzeichen der Stadt – und ein wichtiges Nahverkehrsmittel. Zur Überraschung vieler Besucher sind die an einem Stahlgerüst hängenden Gelenkwagen nämlich weit mehr als eine Touristenattraktion. Im Schnitt fahren etwa 75.000 Menschen täglich auf den 13,3 Kilometern zwischen den Endhaltestellen Vohwinkel und Oberbarmen durchs Tal.

Deutschaldn Wuppertal Schwebebahn über der Straße

Sie schwebt tatsächlich

Die Schwebebahn bewältigt damit gut ein Viertel des öffentlichen Personennahverkehrs. Und das, obwohl der „stählerne Tausendfüßler“ bei seiner Einweihung im Jahre 1901 zunächst eher skeptisch beäugt wurde. Ein falsch herum aufgehängter Zug, der sich mit lautem Quietschen und Kreischen in die Kurven legte und auf gerader Strecke unverschämte 50 Stundenkilometer schnell fuhr? Religiöse Gruppierungen im Tal titulierten das neue Verkehrsmittel sogar als „Teufelswerk“!

Deutschland Wuppertal Schwebebahnwaggon

Die Bürgermeister der damals noch unabhängigen Städte Elberfeld und Barmen sahen das anders. Als Folge der Industrialisierung war das Verkehrsaufkommen zwischen den späteren Stadtteilen Wuppertals enorm gestiegen. Nun galt es, eine möglichst platzsparende Methode zu finden, um diese Hochburgen der Chemie- und Textilindustrie im engen Tal der Wupper miteinander zu verbinden. Dass diese sich letzten Endes als weltweit einzigartig behaupten würde, war eigentlich gar nicht Teil des Planes. Im Gegenteil: Nachdem die Stadtväter sich für das „System der hängenden Wagen“ des Kölner Zuckerfabrikanten Eugen Langen entschieden hatten, versuchte man zunächst, das Projekt mit zum Teil aufwendig inszenierten Bildern als zukunftsträchtiges Verkehrsmittel auch für andere Städte interessant zu machen. Erfolglos.

Den Elberfeldern und Barmern wuchs ihre Bahn jedoch schnell ans Herz. Und auch heute sei eine Fahrt jedem Wuppertal-Besucher wärmstens empfohlen. Viele Sehenswürdigkeiten der Stadt liegen in der Nähe der zwanzig Haltestellen. Eine sogar direkt darunter: In Vohwinkel, wo die Bahn ausnahmsweise nicht über der Wupper, sondern in acht Metern Höhe über der Straße entlang gleitet, findet einmal im Jahr der größte Eintagesflohmarkt der Welt statt. Ein Trödelvergnügen, dass bis zu einer halben Millionen Besucher anzieht und damit sogar im Guinness-Buch der Rekorde steht. Wahre Schnäppchenjäger stürmen daher schon um Mitternacht auf die Kaiserstraße, um sich rechtzeitig die besten Stücke zu sichern.

„Tippen-Tappen-Tönchen“

Auch wenn man, so jahrelang der Werbeslogan der Stadt, einmal im Leben durch Wuppertal schweben sollte, vieles in dieser Stadt lässt sich nicht von der Luft aus entdecken. Denn Wuppertal hat Höhen und Tiefen – im wahrsten Sinne des Wortes. Gut 250 Höhenmeter gilt es zwischen dem niedrigsten und dem höchsten Punkt der Stadt zu überwinden. Am liebsten scheinen die Wuppertaler dies treppensteigend zu tun. Mehr als 8500 Stufen will ein penibler Geist einmal allein in den Stadtteilen Elberfeld und Barmen gezählt haben.

Deutschaldn Wuppertal Tippen Tappen Tönchen

"Tippen-Tappen-Tönchen": so liebevoll kann man Straßen benennen

Hier werden ganze Straßen, etwa die Kieselstraße nahe dem Hauptbahnhof, von Stufen unterbrochen. Viele der Treppen tragen zudem eigene, teils lautmalerische Namen. Das „Tippen-Tappen-Tönchen“ in Elberfelds Luisenviertel ist nur ein Beispiel für das liebevolle Verhältnis der Wuppertaler zu ihren Stufen. Benannt wurde diese Treppe nach dem tapsendem Geräusch, dass die Absätze von Schuhen beim Herauf- oder Heruntersteigen auf den verschlungenen Stiegen erzeugen.

Doch auch ohne viele Treppen zu steigen kann man, hat man einmal die Talachse verlassen, schnell ins Schwitzen kommen. Etwa bei einem Gang durch die Elberfelder Nordstadt und den sogenannten Ölberg. Die steilen Straßen, eingerahmt von malerischen Gründerzeit-Fassaden, haben schon manchen Besucher von San Francisco träumen lassen. Und ganz wie in der amerikanische Metropole diente auch der Ölberg schon einmal als Filmkulisse für eine rasante Verfolgungsjagd. 23 Jahre nachdem Steve McQueen alias Bullit durch San Franciscos Straßen düste, ließ Regisseur Wolfgang Büld seine Schauspieler in „Manta Manta“ unter anderem in einem schnittigen Ferrari durch das Viertel flitzen.

Deutschland Wuppertal Nordststadt

Fassaden in der Nordstadt

Aber nicht nur deswegen lohnt der steile Aufstieg in Elberfelds Norden. Längst hat sich in dem alten Arbeiterviertel eine ganz eigene Subkultur etabliert. Die bunte Mischung aus Einwanderern und Studenten verleiht den steilen Straßenzügen ein eigenes Flair. Zudem wartet eine Vielfalt von Gaststätten und Kneipen mit vielsagenden Namen wie „Wirtschaftswunder“ und „Caribe“ auf durstige Entdecker. Für jeden Geschmack ist etwas dabei. Nur wer tatsächlich nach Öl bohren möchte, der wird mit ziemlicher Sicherheit enttäuscht: Der Name „Ölberg“ deutet nämlich nicht auf vermeintlichen unterirdischen Reichtum hin. Vielmehr dauerte es bis in die 1920er Jahre, bis das Viertel an das städtisches Elektrizitätsnetz angeschlossen wurde. Bis dahin brannten Öllampen in den meist bescheidenen Wohnungen und gaben dieser Gegend ihren Namen.

Die regenreichste Stadt Europas?

Deutschland Wuppertal Luisenviertel

Ähnlich wie in der Nordstadt hat sich auch etwas abseits der Schwebebahnhöfe Ohligsmühle und Robert-Daum-Platz eine eigene, kleine Welt etabliert: das Luisenviertel (Foto). In Ermangelung einer echten Altstadt, wie sie der große Nachbar Düsseldorf vorweisen kann, wird das Viertel um Laurentiusplatz und Luisenstraße auch gerne als „Wuppertals kleine Altstadt“ bezeichnet. Sie ist einer der Hauptanziehungspunkte für alle, die ein gemütliches Restaurant suchen, in den zahlreichen kleinen Geschäften stöbern möchten oder einen Kaffee in angenehmer Atmosphäre zu schätzen wissen.

Das Publikum ist bunt gemischt und ein Querschnitt durch alle Gesellschaftsschichten. Wein- und Tapas-Bars wechseln sich mit urigen Kneipen ab, die schmalen Hinterhöfe der kleinen Häuser dienen heute vielfach als Biergärten. Im Sommer stehen vor den Cafes zudem Tische und Stühle auf dem Bürgersteig und an manchen Abenden ziehen Straßenmusiker durch das Viertel. Bei gutem Wetter weht dann fast so etwas wie mediterranes Flair durch die schmalen Gassen.

Leider scheint nicht immer die Sonne in dieser Ecke Nordrhein-Westfalens. Böse Zungen behaupten sogar miesepetrig, Wuppertal müsste mindestens die regenreichste Stadt Europas sein. Und wenn man ehrlich ist, gefühlt mag das sogar hinkommen. Es regnet wirklich viel. Doch das hat nicht nur Nachteile: Wuppertal ist nämlich grün, zumindest zu zwei Dritteln. Rund 65 Prozent des Stadtgebietes bestehen aus Wäldern, Parks oder anderen Grünflächen, die von den durchschnittlich 1200 Millimetern Niederschlag im Jahr profitieren.

Deutschland Wuppertal Treppe

Wie gehabt: die Straße endet an einer Treppe

Kein Punkt im Stadtgebiet, von dem man nicht binnen Minuten eine grüne Oase oder sogar einen ganzen Wald erreichen könnte. Selbst in den Stadtzentren stößt man immer wieder auf kleinere oder größere Parkanlagen, etwa die Hardt-Wiesen mit angrenzendem botanischem Garten, nur einen Katzensprung von der Elberfelder Innenstadt entfernt. Trotzdem, das sei an dieser Stelle festgehalten, die tatsächlich regenreichste Stadt Europas ist definitiv nicht Wuppertal, sondern das norwegische Bergen.

Eine Werkzeugkiste „em Dorp“

Ob Regen oder nicht, wer es richtig grün mag, sollte die Talachse verlassen. Vorbei an der Bergischen Universität, die kastenförmig auf halber Höhe auf dem Berg thront, und in deren Keller Moritz Bleibtreu und Christian Berkel in Oliver Hirschbiegels „Das Experiment“ zu den Häftlingen Nr. 77 und Nr. 38 mutieren durften, geht es steil bergauf. Cronenberg heißt der kleine, etwas dörflich anmutende Stadtteil inmitten der ausgedehnten Wälder auf Wuppertals Südhöhen. Während es im Tal noch regnet kann es im Winter durchaus vorkommen, dass es hier oben schon schneit, denn gut 200 Höhenmeter liegen zwischen Cronenberg und Elberfeld.

Deutschalnd Wuppertal Cronenberg

Cronenberg: das Dorf in der Stadt

Die 22.000 Cronenberger sind das gewohnt. Teilweise noch in schmucken Fachwerkhäusern mit grünen Fensterläden wohnen viele schon seit Generationen „em Dorp“. Bei einigen kann man das sogar noch hören: „Cronenberger Platt“ nennt es der Volksmund, und es bedarf schon einiger Konzentration, um den recht eigenwilligen Dialekt zu verstehen.

Doch nicht des Dialektes wegen sollte man hierher kommen. Schön sind vor allem die zahlreichen Wanderwege, die durch die umliegenden Wälder führen. Künstlich angelegte Seen am Wegesrand erinnern dabei noch heute an Cronenbergs frühindustrielle Vergangenheit, als die Luft noch erfüllt war vom metallischen Klingen der wassergetriebenen Schmiedehämmer. Auch heute gibt es in dem kleinen Stadtteil noch zahlreiche mittelständische Werkzeugfirmen. Seit 1972 findet zudem alle zwei Jahre im Frühling die „Werkzeugkiste“ statt, eine Art Werkzeugjahrmarkt mit wohltätigem Hintergrund, wo vom Schraubendreher bis zur Stichsäge alles zu haben ist, was das Heimwerkerherz höher schlagen lässt.

Versteck zwischen zwei Hügeln

Wuppertal öffne den Blick für ungewöhnliche Sichtweisen, hat ein bekannter deutscher Regisseur einmal gesagt. Die Stadt sei interessant und verführerisch, aber auch geheimnisvoll. Damit hat er recht. Denn auch wenn Wuppertal zweifelsohne viele schöne Ecken hat, nicht wenige davon müssen erst gesucht werden. So liegt der eigentliche Charme der Stadt, leider oder zum Glück, oft im Verborgenen. Und das ist, findet besagter Regisseur, eigentlich auch nur logisch. Schließlich sei Wuppertal selber so etwas wie ein „Versteck zwischen zwei Hügeln“.

Deutschland Wuppertal Wupper

Wuppertal öffnet den Blick für neue Sichtweisen

Der Name des Regisseurs ist Tom Tykwer. Er wurde in Wuppertal geboren und wuchs dort auf. In seinem Film „Der Krieger und die Kaiserin“ verschwindet der Ex-Soldat Bodo zunächst spurlos, nachdem er Sissi unter dem Lastwagen das Leben gerettet hat. Sissi muss ihren Retter suchen, um sich bei ihm zu bedanken. Sie findet ihn schließlich in einer kleinen Hütte auf einem der beiden Hügel mit Blick über die Stadt.

Das ist nicht das Ende der Geschichte, deren Ausgang hier auch nicht verraten werden soll. Wohl ist es aber das Ende dieses kleinen Stadtportraits. Wer mehr wissen sollte, der muss es dann eben doch selber tun: einmal im Leben durch Wuppertal schweben.

 

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