Reisemagazin schwarzaufweiss

Zwischen Dichtung und Wahrheit

Unterwegs auf dem Weserbergland-Weg zwischen Bodenwerder und Porta Westfalica

Text und Fotos: Dagmar Krappe

Blick auf Bodenwerder im Weserbergland

Nein, das ist keine Lüge. Der fantastische Fabulierer Baron Hieronymus von Münchhausen hat wirklich in Bodenwerder (1) an der Weser gelebt. Im heutigen Rathaus, das einst das Herrenhaus des Gutes Münchhausen war, wurde er 1720 geboren und starb dort 77 Jahre später.

Bodenwerder - Münchhausen Museum

„Dazwischen führte er viele Jahre ein aufregendes Leben in Russland, später ein eher beschauliches in Bodenwerder“, erzählt Museumsführerin Karin Beißner im Münchhausen Museum, das sich im ältesten Gebäude des ehemaligen Gutshofes, der „Schulenburg“, befindet: „Mit 18 Jahren wurde er als Page an den Hof in St. Petersburg berufen. 1750 kehrte er nach Bodenwerder zurück und erzählte in trauter Runde von seinen Kriegs- und Jagd-Abenteuern. Von seinem Ritt auf der Kanonenkugel, dem Hasen mit acht Läufen, der ihm aus diesem Grund permanent entwischte, dem Hirsch, den er mit Kirschkernen beschoss und dem Jahre später ein Kirschbaum zwischen dem Geweih wuchs. „Überall im Ort sind Denkmäler oder Requisiten zu sehen, die seine Geschichten dokumentieren“, sagt Karin Beißner: „Seit 1997 verleiht die Stadt den Münchhausen-Preis an Personen mit besonderer Begabung in Satire, Darstellungs- und Redekunst.“ Zu den Preisträgern gehören unter anderem Dieter Hildebrandt, Evelyn Hamann, Wolfgang Stumph, Rudi Carrell und seit 2013 Frank Elstner.

Bodenwerder - Münchhausenbrunnen vor dem Wohnhaus des Lügenbarons

Vor seinem ehemaligen Wohnhaus thront der Baron auf dem Vorderteil seines Pferdes, das beim Durchreiten eines Tores durch eine Falltür in zwei Hälften geteilt wurde. Das Hinterteil steht am Weserufer. Dort entlang führt streckenweise auch der Weserbergland-Weg. Er beginnt in Hannoversch-Münden am alten Weserstein, wo „Werra sich und Fulda küssen und ihren Namen büßen müssen“. 225 Kilometer oder 13 Etappen später endet die Tour am Tor zu Westfalen, in Porta Westfalica. Seit 2012 trägt der Weg das Qualitätssiegel „Wanderbares Deutschland“. Ein blaues „XW“ auf grünem Grund ist das Routenlogo.

Schloss Hämelschenburg am Weserwander-Weg

Im Tal der Emmer erhebt sich die Hämelschenburg (2). Seit 1588 wird sie von der Familie von Klencke bewohnt. „25 Jahre dauerte es, bis das Wasserschloss fertig war“, erklärt Christine von Klencke während des Rundgangs durch die historischen Räume. Sie sind ausgestattet mit wertvollen Möbeln, Kaminen, Kachelöfen, Gemälden, Porzellan- und Waffensammlungen. „Die Weserrenaissance hat italienischen, französischen und holländischen Einfluss. Da nach dem Dreißigjährigen Krieg die Mittel zur barocken Umgestaltung fehlten, blieben in der Weserbergland-Region viele Schlösser, Rat- und Bürgerhäuser im Renaissance-Stil erhalten.“ Zum Rittergut gehören 380 Hektar Ackerland, Wald und Wiesen, das Schloss, Wirtschaftsgebäude, eine Wassermühle, die für den gesamten Ort Strom erzeugt, und die Sankt Marienkirche, die 1563 als eine der ersten protestantischen Kirchenneubauten entstand.

Um die ausgedehnte und sehr gepflegte Schlossanlage zu erhalten, lebt die Familie von Klencke längst nicht mehr von der Hämelschenburg, sondern für ihren Erhalt. „Nur aus den Erträgen von Land- und Forstwirtschaft lässt sich das nicht bewältigen“, sagt die Hausherrin: „Deshalb bieten wir seit den 1970er Jahren Führungen an, und hinter den alten Renaissancefassaden haben ein Besucherzentrum mit Café, eine Kunstgalerie, eine Holzspielzeugwerkstatt und ein Trakehner-Gestüt Einzug gehalten.“ Nachhaltiges Wirtschaften war und ist oberstes Gebot des Hauses. Wer sich traut, kann auch auf dem Schloss heiraten. Vorbeiziehende Wanderer und Pilger waren auf der Hämelschenburg von jeher willkommen. Bis Ende des 19. Jahrhunderts erhielten sie Speis und Trank in der mit Jacobsmuscheln geschmückten Pilgerhalle.

Landschaft im Weserbergland

Über bewaldete Bergrücken geht es weiter Richtung Emmerthal und schließlich über schmale Wiesenpfade in die Rattenfängerstadt Hameln (3). Auch 730 Jahre nachdem der Sage nach ein Mann mit buntem Rock auftauchte, um die Stadt von ihrer Rattenplage zu befreien, lebt sie noch gut vom Image der kleinen Nager. Inmitten der Sandstein- und Fachwerkhäusern aus dem 16. bis 18. Jahrhundert gibt es zwei Rattenfängerbrunnen, ein Rattenfängerrelief im Bürgergarten, ein Figuren- und Glockenspiel am Hochzeitshaus. Zwischen den Kopfsteinpflastersteinen der Fußgängerzonen finden sich 250 Bronze-Platten mit Rattenemblem, die zu den wichtigsten Sehenswürdigkeiten der Stadt leiten. In der Gaststätte Rattenfängerhaus heißt die Spezialität „flambierte Rattenschwänze“. Es sind hauchdünne Schweinefilets.

Weserbergland - Hameln - Rattenrelief in der Fußgängerzone

„So wie man weiß, dass Münchhausens Lügengeschichten echt sind, so streiten sich die Historiker wie es sich mit dem Rattenfänger wirklich zugetragen hat“, meint Stadtführer Michael Boyer im farbenfrohen Gaukler-Kostüm und setzt die Flöte an. Verweigerten die Bürger dem Mann 1284 tatsächlich den Lohn? Er kam zurück und führte 130 Kinder und Jugendliche auf nimmer Wiedersehen in eine Höhle. Oder waren es junger Hamelner, die auswanderten, um sich woanders Arbeit zu suchen? Spielte die Pest eine Rolle? War der Rattenfänger nur der Sündenbock?

Weserbergland - Hameln - Stadtführer Michael Boyer im farbenfrohen Gaukler-Kostüm als Rattenfänger von Hameln

Auch ohne den bunt berockten Mann finden Wanderer am nächsten Morgen den Weg aus der Stadt Richtung Süntel. Auf seinem Kamm, der Hohen Egge, steht der steinerne Süntelturm (4), der einen Rundblick über die Höhen des Weserberglands bietet. Steil bergab geht es Richtung Baxmann-Baude. Der Baxmann ist eine Sagengestalt, die vor über 300 Jahren an die Blutbachquelle im Süntel bei Hessisch Oldendorf verbannt wurde und seitdem versucht, diese mit einem Fingerhut auszuschöpfen.

Schillat-Höhle, nördlichste Tropfsteinhöhle Deutschlands in Langenfeld im Weserbergland

Weder Sage noch Märchen noch Lügengeschichte, sondern steinharte Realität ist die nördlichste Tropfsteinhöhle Deutschlands in Langenfeld (5). „Erst 1992 wurde sie bei Sprengarbeiten im nahen Steinbruch entdeckt“, berichtet Annette Gerten, Geografin und Höhlenführerin, während der Fahrt mit der Zeitmaschine. 45 Meter geht es im gläsernen Aufzug 15 Millionen Jahre zurück in die Tiefe. Es handelt sich um eine durch Wasser geformte Flusshöhle. Auf 200 Metern ist sie begehbar. Fossilien, Stalagmiten und Stalaktiten glitzern links und rechts des Ganges wie ein steinerner Märchenwald.

Benannt wurde die Höhle nach einem Freund des Entdeckers, Bodo Schillat, der bereits 1969 die benachbarte größere Riesenberghöhle fand. „Hätte man diese für Besucher zugänglich gemacht, wären 60 Prozent der Gebilde zerstört worden“, so Annette Gerten: „Nur zweimal im Jahr wird sie für Forschungszwecke geöffnet.“ Doch am Ende der Führung durch die Schillat-Höhle gibt es eine beeindruckende 3-D-Dia-Schau über die Nachbarhöhle. Riesige, schneeweiße Stalagmiten erscheinen so plastisch, dass man den Eindruck hat, mitten in ihnen zu stehen.

Weserbergland - Porta Westfalica Kaiser Wilhelm I Denkmal

Der Weserbergland-Weg verläuft entlang der Paschenburg und Schaumburg. Auch um sie ranken sich Legenden. Weniger schaurig ist der weite Blick ins grüne Wesertal, durch das der Fluss mäandert. Hinter dem Luhdener Klippenturm führt ein breiter Forstweg steil bergab nach Rinteln (6). Ein Ensemble restaurierter Fachwerkhäuser aus dem 13. Jahrhundert rankt sich um den Marktplatz. Durch einsame Waldwege erstreckt sich die letzte Etappe bis zum Kaiser-Wilhelm-Denkmal, dem Wahrzeichen Porta Westfalicas (7). Wo die Weser das Wiehen- vom Wesergebirge trennt und in die norddeutsche Tiefebene hineinfließt. Ungelogen.

 

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