Reisemagazin schwarzaufweiss

Im Land des Pumpernickel

Im Weserbergland unterwegs

In Westfalen liebt man deftige Hausmannskost, aber auch die Kultur kommt mit 80 Burgen und 25 Klöstern im Kreis Höxter im Weserbergland nicht zu kurz.

Text und Fotos: Dagmar Krappe

Weserbergland

Ansgar Westerwelle kann ausschlafen. Jeden Morgen. Obwohl er Bäcker ist. Sein Arbeitstag beginnt erst um acht. Das war nicht immer so. Aber die Zeiten, als er wie seine Kollegen mitten in der Nacht aufstehen musste, sind lange vorbei. Seit fünf Jahren knetet er Brotlaibe und Kuchenteige, formt Schnecken und Keksgebäck für die Besucher des Westfälischen Brotmuseums in Nieheim. Der Tag beginnt mit dem Anheizen des Steinbackofens auf 380 Grad. „Die Schamottsteine geben die Wärme an den Teig ab“, erklärt Westerwelle: „Durch die kurze Backzeit bei hoher Temperatur bleiben die Brote schön saftig.“ Nur Pumpernickel, das traditionelle schwarze Roggenschrotbrot der Westfalen, kann er nicht herstellen. „Dieser Teig gart 16 bis 24 Stunden in 110 Grad heißen Dampfkammern oder geschlossenen Kästen. So lange kann ein Steinbackofen die Wärme nicht halten.“ Durch diese Backmethode entsteht keine Kruste, aber die typische schwarz-braune Farbe, und es entwickelt sich der malzig-süße Geschmack.

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Mehrere Legenden ranken sich um den Namen „Pumpernickel“. Napoleons Soldaten sollen das westfälischste aller Brote gerade mal gut genug für dessen Pferd Nickel befunden haben. Es war „bon pour Nickel“. Diese und andere Anekdoten, aber auch viel Wissenswertes rund ums Brot erfährt der Besucher beim Rundgang durchs Museum. So gab es früher in vielen Dörfern Gemeinschaftsbackhäuser. Alle Bewohnern konnten sie nutzen. Wer sein Brot lieber alleine zu Hause backte, der galt als „Eigenbrötler“.

Das Westfalen Culinarium

Das Westfalen Culinarium

Westfalen Culinarium

Das Brotmuseum ist eines von vier Museen des Westfalen Culinariums. Es widmet sich den westfälischen Delikatessen: Brot, Käse, Schinken und Bier. Jede hat ihr eigenes Museum in einem Fachwerkhaus in der „Kulinarik-Meile“. „Seit 1998 findet in Nieheim an jedem ersten September-Wochenende ein Käsemarkt statt, auf dem rund 80 europäische Käsereien und 20 deutsche Winzer ihre Kreationen vorstellen“, sagt Besucherführer Gerhard Schütze: „Der Nieheimer Sauermilch-Käse wird bereits seit über 100 Jahren produziert.“ Um nicht nur für ein Wochenende die Welt des Käses Menschen näher zu bringen, reifte die Idee, ein Käsemuseum einzurichten. 2006 öffnete das Culinarium in der Langen Straße. Jedes der vier Museen hat ein ähnliches Konzept: Hintergründiges und Kurioses erfährt der Besucher auf Schautafeln, in Filmen, bei Spielen und Vorführungen. Es darf natürlich auch probiert und im Museumsladen gekauft werden.

Käse im Käsemuseum im Westfalen Culinarium

Käse im Käsemuseum im Westfalen Culinarium

Löwenzahn und Huflattich

Der Landkreis Höxter gehört zum Weserbergland. Er ist eingerahmt vom Teutoburgerwald, Eggegebirge, Vogler und Solling. Es ist der flächengrößte Kreis Nordrhein-Westfalens mit nur neun Kilometern Autobahn. Vom neu errichteten Weser-Skywalk auf den Hannoverschen Klippen kann man bestens beobachten, wie sich die Weser zwischen den nur 300 bis 500 Meter hohen Bergrücken hindurchwindet. Vorbei an herausgeputzten Fachwerkstädtchen und –dörfern, umgeben von schmalen Feldern und Wiesen.

Blick vom Weser-Skywalk auf den Hannoverschen Klippen

Blick vom Weser-Skywalk auf den Hannoverschen Klippen

Über diese hügelige Landschaft zieht Verena Arendes bei ihren Kräuterwanderungen. Die Naturführerin und Phytotherapeutin weiß bestens Bescheid, gegen welches Zipperlein welches Kraut gewachsen ist. „Löwenzahnblüten eignen sich nicht unbedingt für Salat. Sie werden schnell zu Pusteblumen. Legt man hingegen die Knospen in Essig ein, werden daraus Kapern“, meint die muntere Sächsin und lässt ein Glas Selbsteingemachtes kreisen.

Im Wald duftet es nach Bärlauch. Ein Specht hämmert. Verena Arendes, die vor Jahren der Liebe wegen ins Weserbergland kam, hält ein samtenes, großes, grünes Blatt in die Luft. Huflattich - das Klopapier des Wanderers. „Wer vom Wandern müde ist oder Blasen bekommen hat, der legt sich einfach Breitwegerich in die Schuhe, dann geht es wieder. Spitzwegerich hilft bei Insektenstichen“. Auch zur Heilwirkung von Giersch, Taubnessel, Bärenklau, Zinn-, Schöll- und Gänsefingerkraut gibt Verena jede Menge Tipps.

Kräuterfrau Verena Arendes mit Huflattich

Kräuterfrau Verena Arendes mit Huflattich

Zwar hat der hügelige Kreis Höxter viel Natur zu bieten hat, aber er nennt sich auch Kulturland, denn er kann mit 80 Burgen und 25 Klöstern aufwarten. Eines davon ist das Kloster Corvey direkt an der Weser gelegen. 822 stellte Kaiser Ludwig der Fromme sein Land Benediktiner Mönchen zur Verfügung. Aus dieser Zeit stammt das karolingische Westwerk mit den beiden Sandstein-Türmen. Alle anderen Klosterteile wurden im 30-jährigen Krieg zerstört und erst 1667 als barocke schlossartige Anlage wieder errichtet. Nachdem er 1841 auf Helgoland das „Lied der Deutschen“ verfasst hatte, verschlug es August Heinrich Hoffmann von Fallersleben 1860 als Schlossbibliothekar nach Corvey. In 15 Sälen der Fürstlichen Bibliothek sind sein ehemaliges Arbeitszimmer und 75.000 Bücher hinter Glas zu bewundern.

Kloster Corvey mit Westwerk

Kloster Corvey mit Westwerk

Bei so viel geballter Kultur- und Hausmannskost darf es zum Abschluss noch etwas zum Entschlacken sein? Kein Problem. In Bad Driburg, im einzigen Privatheilbad Deutschlands namens Gräflicher Park, setzt man schon seit 1782 auf die Kraft des Wassers. Drei Heilquellen dienen in der fast 65 Hektar großen Anlage zur Erfrischung und Entgiftung. 1796 verbrachte der Dichter Friedrich Hölderlin die sechs glücklichsten Wochen seines Lebens mit seiner großen Liebe, der Bankiersgattin Susette Gontard, im Gräflichen Park. „Ich trank das köstliche, stärkende und reinigende Mineralwasser und befinde mich ungewöhnlich gut davon“, notierte Hölderlin damals. So gesund ist Westfalen!

Ehemaliges Arbeitszimmer von August Heinrich Hoffmann von Fallersleben im Kloster Corvey

Ehemaliges Arbeitszimmer von August Heinrich Hoffmann von Fallersleben im Kloster Corvey

 

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