Reisemagazin schwarzaufweiss

Zarte Spitzen, braune Knollen und ein Flug ins All

Das Vogtland als buntes Urlaubsmosaik

Text und Fotos: Axel Scheibe

Im Westen Sachsens, dort wo es mit Bayern und Thüringen ein Länderdreieck bildet, liegt das Vogtland. Natürlich gibt es keine Grenzbäume für die Besucher. Auch der Übergang der Landschaft erfolgt fließend und der Dialekt verändert sich von Ost nach West ebenfalls nur allmählich. Doch kommt man ins zentrale Vogtland, besonders in der Region um Auerbach und Reichbach, wird es manch „Fremder“ schwer haben, die Vogtländer zu verstehen. Und das manchmal nicht nur rein sprachlich. Unter der jahrhundertelangen Herrschaft der Vögte hat sich schon ein spezieller Menschenschlag entwickelt. Nicht ganz ernst gemeint, doch mit Hintersinn, sprechen manche von der Autonomen Republik Vogtland. Freundlich sind die Menschen, gastfreundlich im Besonderen. Auch wenn das nicht immer auf den ersten Blick ins Auge fällt. Und die Traditionen der Region rund um Musikinstrumente und Spitzen sorgen für abwechslungsreiche Urlaubstage. Von der so wunderbar wanderbaren Landschaft ganz zu schweigen.

Spitzen-Stadt Plauen

Vogtland - Blick vom Neuen Rathaus auf die Altstadt mit der Johanniskirche

Blick vom Neuen Rathaus auf die Altstadt mit der Johanniskirche

Anlaufpunkt Nummer 1 ist zweifellos Plauen (1). Rund 68 000 Einwohner zählt die Stadt im Tal der Weißen Elster. Nicht ohne Grund spricht man von der Spitzenstadt. Denn ohne diese filigranen Teile sind weder ihre Vergangenheit noch ihre Gegenwart zu verstehen. Dafür sollte man sich Zeit nehmen.

Es war die Handstickerei, die Anfang des 19. Jh. allmählich Verbreitung fand und die zum Ausgangspunkt dessen wurde, was in und um Plauen in der zweiten Hälfte des 19. Jh. begann: der große Boom der Plauener Spitzen. In der Schaustickerei (etwas abseits der Innenstadt im Stadtteil Reusa gelegen), erfährt man in chronologischer Abfolge, wie sich die Technik der ehemaligen Handarbeit annahm. Zumeist ist es Ingrid Eichert, die die Gäste durch die alten Fabrikräume führt. Während bei den weiblichen Besuchern das Interesse an Mustern und Formen überwiegt, werden die Männer (in der Mehrzahl wohl mehr oder weniger liebevoll von ihren Frauen zur Tour auf Spitzenpfaden überredet) schnell von der Faszination der Technik in Beschlag genommen.

Vogtland - Ingrid Eichert zeigt Besuchern in der Schaustickerei im Ortsteil Reusa die Technik der Stickereimaschinen

Ingrid Eichert zeigt Besuchern in der Schaustickerei im Ortsteil Reusa die Technik der Stickereimaschinen

Technik aus den Anfangsjahren kann Ingrid Eichert ebenso zeigen wie die Nachfolger, Pantographenstickmaschinen, von denen die Schaustickerei einige natürlich voll funktionsfähige Exemplare vorführen kann. Noch etwas später war es dann nicht mehr der Sticker, der das Musterbild Stich für Stich abtastete, Lochkartenbänder übernahmen diese Arbeit. Plauener Spitze hat viele Gesichter – von der duftigen Tülle, über fantasievolle Luftspitzen bis hin zu zarten Stoffstickereien. So ist es auch das Spitzenmuseum im Alten Rathaus, das unbedingt nach einem Besuch verlangt. Das historische Gewölbe des ehrwürdigen Hauses bildet einen guten Rahmen für die filigranen Stickereien. Die Fenster sind durch Vorhänge abgedunkelt und die romantische Beleuchtung verstärkt die Wirkung. Doch die Verdunklung hat auch einen anderen guten Grund, wie Museumschef Jürgen Fritzlar gleich am Anfang seiner Führung betont. Spitze, so der ausgewiesene Fachmann, mag Sonnenlicht nicht. Sie wird spröde und zerfällt wie Papier. In einer Abteilung werden die Geschichte und die technische Entwicklung der Spitzenproduktion erläutert. Andere Räume glänzen mit besonderen Schaustücken, etwa dem hoch dekorierten Spitzenkleid der Pariser Weltausstellung von 1900.

Vogtland - Spitzenmuseum im Alten Rathaus Museumschef Jürgen Fritzlar weist Besucher gern auf besondere aber vielleicht nicht so auffällige Exponate hin

Spitzenmuseum im Alten Rathaus Museumschef Jürgen Fritzlar weist Besucher gern auf besondere, aber vielleicht nicht so auffällige Exponate hin

Einmal in der Altstadt angekommen, gibt es einiges zu entdecken. Zwar wurden große Teile des historischen Zentrums in den letzten Wochen des 2. Weltkrieges durch angloamerikanische Bomberverbände zerstört, doch ist es den Plauenern gelungen, ihre Innenstadt in einer Mischung aus Alt und Neu attraktiv zu gestalten. Das Alte Rathaus gehört sicher dazu, ebenso die historische Alte Brücke über die Weiße Elster. Die Johanniskirche, der Nonnenturm, das Konventsgebäude, das Malzhaus und das Weisbachsche – viel Geld wurde in die Rekonstruktion investiert. Die uralten kleinen Katen am Bach, die Weberhäuser werden erfolgreich von starken Frauen geführt, die in ihnen ihrem Kunsthandwerk nachgehen und den Gebäudekomplex mit Leben erfüllen. Kurse und Veranstaltungen finden statt. Wer ausgefallene Geschenke und Souvenirs sucht, wird sicher fündig.

Vogtland - Mit Margitta Schier im Hexenhaus, einem der Weberhäuser

Mit Margitta Schier im Hexenhaus, einem der Weberhäuser

Natürlich sollte man neben dem Spitzenmuseum auch den Weg in die neue Galerie e.o. plauen finden. Durch seine Zeichnungen rund um Vater und Sohn wurde Erich Ohser, ein Sohn der Stadt, deutschlandweit bekannt. Bis heute, mehr als 70 Jahre nach der Herausgabe, werden sie immer neu verlegt und mit einem verschmitzten Lächeln von Klein und Groß „konsumiert“. Doch Erich Ohser oder e.o. plauen, wie er sich nannte, war mehr als nur Vater und Sohn. Das Museum hat viel zu erzählen.

Vogtland - Mit seinen Geschichten rund um Vater und Sohn ist der plauener Karikaturist Erich Ohser (e.o.plauen) deutschlandweit bekannt geworden

Mit seinen Geschichten rund um Vater und Sohn ist der plauener Karikaturist Erich Ohser (e.o.plauen) deutschlandweit bekannt geworden

Übrigens - und das betrifft nicht nur den Plauenbesuch - die Vogtländische Küche ist den Versuch wert. Und das betrifft nicht nur Klöße und Bambes (Kartoffelpuffer), die in vielen Variationen auf den Speisekarten stehen. Die Matsch (beachte „die“), das älteste Gasthaus der Region. und das Alte Handelshaus sind nur zwei von vielen kulinarischen Anlaufpunkten - aber vielleicht die besten Tipps für typisch Vogtländisches.

Vogtland - Rustikale Gastronomie im ältesten Gasthaus Plauens – die Matsch

Rustikale Gastronomie im ältesten Gasthaus Plauens – die Matsch

Vogtland ist Spitze. Aber natürlich nicht nur. Besuchenswert auf jeden Fall auch der Musikwinkel rund um Markneukirchen (2) und Klingenthal (3). Es waren böhmische Handwerker, die vor Jahrhunderten den Musikinstrumentenbau über den Gebirgskamm brachten. Bis heute werden die Traditionen hoch gehalten, gehen Instrumente aus der Region in die ganze Welt, leben Familien seit Generationen davon. In Schauwerkstätten kann man manchen Meistern über die Schulter schauen und im Musikinstrumentenmuseum in Markneukirchen noch mehr über die Tradition und Geschichte erfahren.

Vogtland - Musikinstrumentenmuseum in Markneukirchen

Musikinstrumentenmuseum in Markneukirchen

Historisches steht auch im Bauernmuseum Landwüst (4) im Mittelpunkt, weniger historisch dagegen in Morgenröthe-Rautenkranz (5). Dort, wo der erste deutsche Kosmonaut das Licht der Welt erblickte, wird man tief im ländlichen Vogtland, quasi „hinter den sieben Bergen“ von einem Weltraummuseum überrascht. Mit ein wenig Glück ist sogar Siegmund Jähn gerade zu Gast in seinem Heimatort. Ein ganz anderes Gesicht zeigt das Vogtland in seinen beiden Staatsbädern Bad Brambach (6) und dem fast mondänen Bad Elster (7). Auf über 160 Jahre Kurtradition blicken die beiden Moor- und Mineralienbäder zurück. Historische Kurparks, rekonstruierte Badehäuser und das König Albert Theater erinnern an Zeiten, als hier gutbetuchte Gäste Linderung ihrer Leiden suchten.

Dass das Vogtland auch eine Art Geburtshilfestation für den Kartoffelanbau in Deutschland war, ist weniger bekannt. Als Friedrich der Große 1756 seine Circular Order über den Kartoffelanbau erließ, wurden Kartoffeln im Vogtland schon über 100 Jahre als Feldfrucht angebaut. Bereits im Jahr 1647 lässt sich das nachweisen. So ist man im Vogtland bis heute stolz auf die „Knollige-Tradition“ und wen wundert’s, ganz besonders bei Gündels und ihren Freunden in Rotschau (8) am Rande von Reichenbach. Hier im Kulturstall werden alte Kartoffelsorten neu entdeckt, auch farbige Knollen auf die Teller gebracht. Rund um diese Feldfrucht zelebriert man ein lustiges Programm, das Magen- und Lachmuskeln auf Touren bringt. Die erfolgreiche Programmidee: Eine Kartoffel- und Weinverkostung umrahmt von Musik und Kabarett – „Artüffel & Quark“.

Vogtland - Die „Hauptdarsteller“ des kabarettistischen Programms – Kartoffeln nicht nur der gewöhnlichen Art

Die "Hauptdarsteller" des kabarettistischen Programms – Kartoffeln nicht nur der gewöhnlichen Art

Begann man 2005 mit einer ersten Verkostung im Familienkreis, so stehen heute auf dem kleinen, einen Hektar großen Kartoffelacker fast 50 Kartoffelsorten bereit. Bei Gündels liest man so blumige Namen wie „Rosa Tannenzapfen“, „Mayan Gold“, „Golden Wonder“ oder auch „Blauer Schwede“ auf dem Verkostungsplan. Dabei führt der „Rosa Tannenzapfen“ die Beliebtheitsskala der Gäste unangefochten an. Vier ausgewählte Kartoffelsorten, wie man sie sich unterschiedlicher kaum vorstellen kann und fünf Weine lassen die Abende im Kulturstall in Erinnerung bleiben. Natürlich ergänzt mit hausgemachten Kräuterquark, sauren Gürkchen, Leberwurst, Knoblauchbutter …Und auch der „Vuchtländer, der „Weinige Mann“ oder der Mönch im Weinkeller, alle alias Ulrich Gündel, garantieren später in familiärer Runde manch schmunzelnde Nachbetrachtung. Vielleicht der ideale „Abspann“ für eine Vogtlandtour.

Reiseinformationen zum Vogtland

Tourismusverband Vogtland
Göltzschtalstraße 16
08209 Auerbach
Tel.: 03744/188860
www.vogtlandtourist.de

www.guendels-kulturstall.de: Ein bunter Streifzug per Video und Foto durch die abwechslungsreiche Erlebniswelt von Gündels Kulturstall.

 

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