Reisemagazin schwarzaufweiss

In Ulm, um Ulm und um Ulm herum

Die Doppelstadt Ulm/Neu-Ulm an der Donau lebt gut zwischen Tradition und Moderne

Text und Fotos: Dagmar Krappe

Blick vom Ulmer Münster auf die Doppelstadt Ulm/Neu-Ulm an der Donau

Es gibt Orte, da sagt sich der Betrachter: „Hier nagt der Zahn der Zeit.“ Verwitterte Farben an Häuserfassaden, bröckelnder Putz, leerstehende Geschäfte, verwaiste Fußgängerzonen, durch die achtlos weggeworfenes Papier flattert und zertretene Bierdosen scheppern. Und dann kommt der Besucher in die baden-württembergisch-bayerische Doppelstadt Ulm/Neu-Ulm. Er trifft auf ausgelassene Jugendliche, die auf dem Münsterplatz feiern, auf fröhliche Familien, die sich durch die zahlreichen Geschäfte und Boutiquen rund um den höchsten Kirchturm der Welt drängen. Ein Handelszentrum ist Ulm schließlich schon seit dem Mittelalter.

Ulm - Hotel Schiefes Haus im Fischerviertel

Ulm - Hotel Schiefes Haus im Fischerviertel

Der Besucher sieht innovative Architektur in Ulms „Neuer Mitte“, prächtige, restaurierte Fachwerkhäuser im Fischer- und Gerberviertel entlang des Flüsschens Blau. Hört Stimmengewirr und freudiges Lachen aus traditionellen, kultigen und kreativen Restaurants, Cafés und Bars in der Altstadt. „In Ulm, um Ulm und um Ulm herum geht es uns gut“, bestätigt Gästeführerin Claudia Steinle: „Wir haben praktisch Vollbeschäftigung. Es gibt einige namhafte Industriebetriebe im Umland. Der größte Arbeitgeber im Bereich Forschung und Entwicklung ist die Universität.“

Ulmer Museum - Tierplastiken

Tierplastiken im Ulmer Museum

40.000 Jahre vor unserer Zeitrechnung streiften die steinzeitlichen „Ur-Schwaben“ noch nicht durch eine elegante Stadt mit der gepflegtesten Tiefgarage Deutschlands, in der man über einen roten Teppich schreitet, sondern sie lebten von der Jagd und in Karst-Höhlen in der Schwäbischen Alb. Dort fanden sie Zeit zum Schnitzen von Werkzeugen, Waffen, Schmuck und verschiedenen Tierplastiken. „Bereits 1931 entdeckten Forscher im Lone- und Achtal kleine, geschnitzte Mammuts, Wildpferde und Höhlenlöwen aus der jüngeren Altsteinzeit“, erklärt Archäologe und Kurator Kurt Wehrberger vom Ulmer Museum (1): „Kurz vor Ausbruch des zweiten Weltkriegs fand ein Tübinger Team dann erste Elfenbein-Bruchstücke des 31 Zentimeter großen „Löwenmenschen“, einer Tier-Mensch-Figur. Gefertigt aus dem rechten Stoßzahn eines Mammuts.“ 2009 wurde in der Stadel-Höhle im Lonetal erneut erfolgreich gegraben. Man barg weitere Splitter, die zur Gestalt passten. „Die größte Plastik der Eiszeit-Kunst besteht seit 2013 aus 300 Einzelstücken, und sie ist eindeutig männlich“, berichtet der Archäologe: „Ob es sich um ein Kultobjekt, einen Talisman, oder ein Spielzeug handelt, ist schwer zu sagen. Für das Ulmer Museum ist der Fund jedenfalls wie ein Sechser im Lotto.“

Ulmer Museum - Löwenmensch

"Löwenmensch" im Ulmer Museum

Das Ulmer Münster (2) hingegen ist erst 125 Jahre alt. Auch wenn sich heutzutage viele Gemüter über langwierige Großbaustellen erhitzen, so stehen diese Bauzeiten in keinem Verhältnis zu denen vieler alter Gotteshäuser. Bis zur Fertigstellung des Münsters vergingen 513 Jahre. „Nachdem der Bau nach der Reformation 300 Jahre lang ruhte, konnte die größte evangelische Kirche Deutschlands mit dem höchsten Kirchturm der Welt erst 1890 vollendet werden“, sagt Claudia Steinle: „Richtig fertig ist das Gebäude nie. An irgendeiner Stelle steht immer ein Gerüst.“ 768 Wendeltreppenstufen schlängeln sich zu drei unterschiedlich hohen Aussichtsplattformen. Schwindelfrei sollte man auf den letzten 208 Stufen sein, die sich mit freier Sicht auf Stadt und Donau durch die neugotischen Turmelemente winden.

Ulmer Münster

Ulmer Münster und Löwenbrunnen

Für Menschen mit Höhenangst hat auch das Innere der Kirche Interessantes zu bieten: schweres Eichenholzchorgestühl, eine Kanzel mit Schalldeckel, im dem eine Wendeltreppe zu einer weiteren Kanzel führt oder einen Glasfenster-Zyklus in der Bessererkapelle. „Im Zweiten Weltkrieg wurde die Innenstadt zu 85 Prozent in Schutt und Asche gelegt. Nur das Münster überstand die Bombardierungen fast unbeschadet“, weiß die Gästeführerin: „Glockenstuhl und Hauptturm bestehen statt aus Holz- aus Eisenträgern. Sie verhinderten einen Brand, als eine Bombe einschlug.“

Ulmer Münster Chorgestühl von Kunstschreiner Jörg Syrlin 1469-74

Ulmer Münster Chorgestühl von Kunstschreiner Jörg Syrlin 1469-74

Bereits ein Jahrhundert vorher wurde Ulm zur Festungsstadt ausgebaut. Nach negativen Erfahrungen mit napoleonischen Feldzügen veranlasste der 1815 gegründete Deutsche Bund (ein lockerer Staatenbund aus Österreich, Preußen, den Königreichen Bayern, Württemberg, Sachsen, Hannover, Fürsten-, Herzogtümern und freien Städten), seine südwestlichen Grenzen gegen französische Angriffe zunächst durch Festungen in Luxemburg, Mainz, Landau und Rastatt zu sichern. Zwischen 1842 und 1859 entstand die Bundesfestung Ulm.

Ulm Bundesfestung - Erhaltenes Memminger Tor auf der bayerischen Seite

Bundesfestung - erhaltenes Memminger Tor auf der bayerischen Seite

Auf einem 12,5 Kilometer langen Festungsweg rund um die Doppelstadt begegnet man noch vielen Forts, Bastionen, Toren und Türmen, die längst in friedlicher Form genutzt werden. „Auch die damalige Festung war nie in Kriegshandlungen verwickelt“, erzählt Jörg Zenker, Theaterpädagoge, Stadtführer und Mitglied im Verein Förderkreis Bundesfestung: „Als die Anlage fertig war, war sie bereits veraltet, da sich die Geschütztechnik längst weiter entwickelt hatte. 1938 wurde der Status „Festung Ulm“ aufgehoben.“

Während der Bauphase strömten tausende Handwerker in die Region, was einen Wirtschaftsboom auslöste. „Auf der Ulmer Seite war der verantwortliche Direktor Moritz Karl Ernst von Prittwitz und Gaffron, der die Festung aus Kalkstein errichten ließ“, erläutert Jörg Zenker: „Major Theodor Ritter von Hildebrandt leitete den Bau auf der Neu-Ulmer Seite und wählte roten Backstein.“ Im zweiten Weltkrieg dienten Teile der Festung als Luftschutzbunker. Danach bis in die 1960er Jahre ausgebombten Ulmern als Notunterkunft. Einige Firmen begannen hier mit dem Neuanfang.

Ulm - Fort Oberer Kuhberg - Festungsmuseum

„Fort Oberer Kuhberg“, das das Festungsmuseum beherbergt

Auf dem „Fort Oberer Kuhberg“ führt Jörg Zenker durch das Festungsmuseum (3), in dem die Aufgabe eines Forts dargestellt ist. 32 rostbraune, mit einem „F“ gekennzeichnete Stelen markieren den Festungsweg und informieren vor markanten Werken, Bastionen und Kaponnieren über Entstehung, Funktion und nachmilitärische Nutzung dieser Kulturdenkmäler. Die „Wilhelmsburg“ bildete die Zitadelle der Anlage. Bisher ist in dem riesigen Komplex nur eine Solarfirma ansässig. Hin und wieder finden im Sommer kulturelle Aufführungen statt. Auch die Bundeswehr nutzte das Gelände einst als Kaserne: „Doch im Winter ist es sehr feucht. Mein Vater und Onkel haben während ihrer Bundeswehrzeit hier ziemlich gefroren“, meint Jörg Zenker. Die „Obere Donaubastion“ beherbergt heute das Donauschwäbische Zentralmuseum: Im 18. und 19. Jahrhundert brachten Ulmer Schiffer Emigranten, die „Donauschwaben“, in Einweg-Booten, den „Ulmer Schachteln“, nach Ungarn.

Ulm - Wilhelmsburg - ehemalige Zitadelle der Bundesfestung

"Wilhelmsburg", die ehemalige Zitadelle der Bundesfestung

Im selben Gebäude wird für die nächste Aufführung des Theaters Ulüm geprobt. „Seit 1998 gibt es dieses türkische Theater“, sagt Laienschauspielerin Hatice Onar: „Inzwischen führen wir sieben Fortsetzungsstücke auf. Es sind Komödien, die zum Nachdenken anregen sollen.“ Sie handeln von der Familie Das (gesprochen Dasch) und ihre Integration in Deutschland, von ihren Problemen mit der Zweisprachigkeit und von Generationskonflikten. „Die Szenen werden überwiegend in türkischer Sprache, aber teilweise auch auf Deutsch gespielt. Wir treten nicht nur hier in der „Oberen Donaubastion“ auf, sondern touren durch Deutschland, Österreich, die Schweiz, Holland und Frankreich.“

Ulm - Theater Ulüm in der "Oberen Donaubastion" Hatice Onar als Fikriye Das

Theater Ulüm in der "Oberen Donaubastion": Hatice Onar als Fikriye Das

Das Wahrzeichen Neu-Ulms ist der Wasserturm (4) von 1898. Er wurde auf dem Fundament ehemaliger Pulvermagazine errichtet. Hinter den Kurtinen (Festungswällen) gelangt man in den Glacis-Stadtpark mit Wasserspielen, Freilichtbühne und Biergarten, aus dem Musik und herzhaftes Lachen schallen. So fröhlich geht es in einer ehemaligen Festungsstadt zu.

Ulm - Wasserturm von 1898

Wasserturm von 1898

 

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