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Auf Trabbi-Safari durch Sachsen-Anhalt

Text und Fotos: Hilke Maunder

Deutschland Sachsen-Anhalt Trabbi Ralley

Verdammt, warum geht der Gang nicht rein? Nicht jeder, der einen Führerschein besitzt, kann problemlos damit fahren: Wer bei einer Trabbi-Safari am Steuer eines Original P 601 sitzt, braucht eine gehörige Portion Fingerspitzengefühl. Und Mut.

Mit Mühe ließen sich die Beine hinter dem Lenkrad verstauen. Den Choke rein, den Zündschlüssel irgendwo in der Tiefe umgedreht, Gas geben, und schon kann Heike deutlich riechen, was sie heute fährt: einen Original Trabant P 601. „Ich bin schon etwas aus der Übung“, lacht die junge Frau aus Berlin, als sich der Motor der „Rennpappe“ aus Zwickau nach wenigen Sekunden wieder verabschiedet. Doch Hilfe naht umgehend: Ältere Männer, die auf dem Schlossplatz von Wittenberg die kleine Gruppe bei ihren ersten Fahrversuchen im sozialistischen Straßenflitzer neugierig beäugt hatten. „Nicht die Kupplung treten! Dann geht’s.“ Und wirklich. Im Konvoi rollen die Fahrzeuge vom sicheren Terrain auf die viel befahrene Bundesstraße. 26 Pferdestärken, eingepfercht zwischen Turbo-Golf und Truck. Kleine Schweißperlen leuchten auf Heikes Stirn.

Die „Rennpappe“ aus Zwickau

Deutschland Sachsen-Anhalt Trabbitreffen

Unterwegs auf einer Trabbi-Safari durch Sachsen-Anhalt: Limousinen, Kombis und Cabrios bilden die Flotte, größtenteils noch in den Originalfarben lackiert: delfin-blau, gletscherblau, knallgelb und grau, pardon, papyrus-weiß. Unter einer Karosserie aus gepresster und lackierter Pappe brummt der Motor wie ein Rasenmäher. Ein unvergesslicher Geruch aus Öl und Benzin begleitet jeden gefahrenen Kilometer. Maximal dreißig Fahrzeuge kommen mit auf Tour. Wer den Anschluss verliert, findet im Handschuhfach ein Roadbook mit Fragen und Infos zur Strecke.

Die neue Wittenberger Elbbrücke passiert, geht es auf der B 187 stromaufwärts über Mühlanger nach Elster. Kaum eine Minute vergeht, dass nicht überholt wird: Lächelnd winken BMW- und Golf-Fahrer herüber. Ob man will oder nicht: Wer Trabi fährt, erregt Aufmerksamkeit.

Deutschland Sachsen-Anhalt Fähre

Auf der Fähre ist Zeit für liebevolle Gedanken rund um den Trabbi

Beim Warten auf die Fähre streichelt eine Passantin Gedanken verloren die Karosserie. Minuten später erbitten Radfahrer, die dem Elberadweg folgen, ein Erinnerungsfoto.

Tankanzeige? - Fehlanzeige!

Während der kurzen Fährfahrt über die Elbe werden Erfahrungen ausgetauscht. Die Männer geben sich fachmännisch, die Frauen erzählen erste Anekdoten. Auf der Weiterfahrt gen Bitterfeld zieht sich das Feld. Achtzig Stundenkilometer zeigt die Tachonadel. Den Mitfahrenden wird mulmig. Im Trabant erhält Geschwindigkeit eine ganz andere Dimension. In Kurven verstummt das Gespräch. „Hast Du auch alles gut im Griff - der Wagen schwimmt so,“ sagt schließlich die Beifahrerin. Heike nickt und hantiert nervös mit der Lenkradschaltung, murrt leise „sch...“ und legt schließlich sichtlich erleichtert die Vier-Gang-Revolver-Handschaltung in den dritten Gang.

Als sich die erste Aufregung gelegt hat, wird das Innere inspiziert. Wo ist die Tankanzeige? Gibt es nicht, lernt die Gruppe beim ersten Stopp. Ist der Tank leer, wird das Reservefach geöffnet - dann weiß man, wie viele Liter noch übrig sind.

Deutschland Sachsen-Anhalt Förderturm

Ein verwaister Riese

Noch etwas einsam stehen die Trabbis auf dem Großparkplatz vor der „Bitterfelder Wasserfront“, die seit 1992 durch die Sanierung des Braunkohletagebaus schrittweise entsteht. Wo einst 850 Millionen Kubikmeter Erde bewegt, sechs Dörfer dem Erdboden gleichgemacht und die Mulde auf sieben Kilometer Länge umgeleitet wurde, um 315 Millionen Tonnen Braunkohle zu fördern, erstreckt sich heute auf 25 Quadratkilometer ein weites Blau, gesäumt von Rad- und Wanderwegen, einzigartigen Biotopen und Orten der Kunst. Weithin sichtbar ist das Wahrzeichen der Seenlandschaft: eine schwimmende Brücke mit Pegelturm.

Wie funktioniert der Scheibenwischer?

Groß-Konzerte von Modern Talking bis zur Mailänder Oper haben „Ferropolis“ bekannt gemacht. Die „Stadt aus Eisen“ im nahen Gräfenhainichen ist nicht nur ein einzigartiges Industriemuseum, sondern gehört zu den angesagtesten Locations in Deutschland. Dicht drängen sich fünf Giganten des Braunkohleabbaus auf einer Halbinsel des gefluteten Tagebaus Golpha-Nord.

Deutschland Sachsen-Anhalt Förderschaufel

Monströse Förderschaufeln aus Stahl

Vor vier dieser monströsen Monumente aus Stahl, deren Förderschaufeln allein mehrere Meter hoch sind, legten Londoner Architekten eine Arena für 25.000 Zuschauer an. Zur Eröffnung im Jahr 2000 spielte Mikis Theodorakis vor ausverkauftem Hause; 2003 tobten Böhse Onkelz über die Bühne. Das Konzertprogramm liebt Kontraste: Im August 2004 waren die Kastelruther Spatzen, Nena, Udo Lindenberg und Helmut Lotti zu Gast.

Deutschland Sachsen-Anhalt Wittenberg

Innenstadt Wittenberg: noch sind die Trabbis nicht in Sicht

Knatternd und krachend rollt die Kolonne zurück zur Lutherstadt Wittenberg. Blaue Abgaswolken kräuseln aus dem Auspuff. Als die ersten Regentropfen fallen, beginnt Heike zu singen. „Ein himmelblauer Trabant rollte durchs Land, mitten im Regen“. Welche Probleme der Wetterumschwung bereitet, verschweigt der DDR-Schlager. Der Scheibenwischer ist so groß wie der Handteller.

 

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