Reisemagazin schwarzaufweiss

Kutschenwallfahrt, „Schmerzhafte Madonna“ und ein Nobelpreisträger der Literatur

Eine Stippvisite in Telgte (Münsterland)

Text und Fotos: Ferdinand Dupuis-Panther

Wer mit dem Rad das Münsterland erkunden will, kommt auf mehreren thematisch angelegten Touren - der Ems-, der 100-Schlösser- und der Friedensroute - durch das kleine Städtchen Telgte, das jedes Jahr zu Himmelfahrt Gäste von nah und fern zur Kutschenwallfahrt begrüßt. Seit der Errichtung der Gnadenkapelle mit dem Bildnis der „Schmerzhaften Madonna“ – und dies geschah sechs Jahre nach dem Westfälischen Frieden von 1648 – steht dieses Bildnis im Mittelpunkt der Wallfahrt nach Telgte.

Münsterland - Telgte

An Himmelfahrt ist Telgte ein Anziehungspunkt der Region

Kaum einer weiß heute, dass das beschauliche Städtchen an der Ems genauso wie die Reiterhochburg Warendorf einst zum mächtigen Hansebund gehörte. Einige Literaturbewanderte mögen schon von Günter Grass Erzählung „Das Treffen in Telgte“ gehört haben, in der der Nobelpreisträger für Literatur ein fiktives Treffen der Gruppe 47 schildert. Allerdings verlegte er dieses Treffen deutscher Dichter in der Zeit des Wiederaufbaus in das Jahr vor dem Westfälischen Frieden, eine Gelegenheit für Grass, in die schwer zugängliche Barockliteratur einzuführen und die Lebensbedingungen der Jahre nach 1945 mit denen am Ende des 30-jährigen Krieges zu vergleichen.

Münsterland - Telgte - Ems

Ein gerahmter Blick auf die Ems, an der Telgte liegt

Wallfahrt und Herrentag in Telgte

Wer zu Himmelfahrt in dem Städtchen unterwegs ist, wird über die belebten Gassen rund um die Clemenskirche ein wenig staunen. Bei schönem Wetter sind die Cafés und Restaurants am Marktplatz und in der Kapellenstraße mehr als nur gut besucht. Bei herrlichem Sonnenschein genießt man tagesfrischen hiesigen Spargel – rund um Telgte ist Spargelanbau Tradition – mit und ohne Rührei und mit Sauce Hollandaise. Gebratener Spargel in Schinkenwickel mit frischem Marktsalat wird auch sehr gerne gewählt. Vor dem Bierhaus „Im Schwan“ sitzen Familienväter, die den Herrentag genießen und sich ein „Pott’s“ oder ein „Engel“ genehmigen. Kein Wunder, das Motto dieses Telgter Bierhauses lautet: „Wer bis ins hohe Alter zecht, stirbt nicht in der Jugend.“ Na dann Prost!

Neben münsterländischem Spargel serviert man im Bierhaus „Im Schwan“ auch Frühstück „Humphrey Bogart“: Eine Tasse Kaffee, Jim Beam, Lucky Strike und sonst nix ist sicherlich nicht jedermanns Geschmack. Wer lieber gebackenen Camembert oder Marktsalat Merkel oder Eskimo isst, muss nicht darben. Deftig ist die HausPfanne mit marinierten SpareRibs auf Pommes frites – man muss es halt nur mögen.

Münsterland - Telgte - "Römer"

Auch die Römer lassen sich die Telgter Wallfahrt nicht nehmen

Der Ursprung der Telgter Wallfahrt

Der Wirt des Bierhauses muss einen ganz ausgeprägten Humor haben, liest man die Speisekarte vom „Schwanen“. Für den Ursprung der Telgter Wallfahrt hat er eine ganz einfache Erklärung und die hängt mit der Telgter Bierkultur zusammen: „Als Gott am siebten oder achten Tag de Schöpfung durch unsere Lande wandelte“, so liest der Gast des Bierhauses auf der Speisekarte, „sah er/sie, dass Telgter vergessen waren. In der Höhe der Landung „Klein Borkum“ klabasterte Gott über ein Stück Eiche oder Linde, nahm dieses auf, formte den Telgter und die Telgterin, setzte nahezu gleichzeitig ein Baumtrieb und nannte diesen „telgoth“ – „erzähle von Gott“. Die Telgter und die Telgterin mehrten sich und mehrten sich, denn es gab ja noch keinen Fernseher. „Klein Borkum“ ward schnell zu klein, sodass Auswanderungen den Populationsdruck mindern mussten. Ein Teil der „Telgother“ wanderte nordwärts und gründeten Borkum, der andere Teil zog gen Süden über die Ems und braute Bier. So entstand Telgte. Einmal im Jahr nun kommen die Nordwanderer heim und trinken gutes Bier aus Telgte. So kam es also zur Telgter Wallfahrt“.

Eine schöne Geschichte jenseits der historischen Fakten. Wallfahrer zog es seit dem Ende des 30-jährigen Krieges an die Ufer der Ems, um die Madonna in der Gnadenkapelle zu Füßen der Propsteikirche St. Clemens zu verehren. Und auch die Erklärung für den Ortsnamen Telgte hat der Bierhauswirt sich wohl nur ausgedacht. Das Motiv auf dem Telgter Stadtwappen ist ohne Zweifel eine Eiche, wie sie sich in Bronze gegossen auch im Marktpflaster der Stadt wieder finden lässt. Sieben Äste hat das Bäumchen, das bereits im 13. Jahrhundert als Siegel diente. Telgte hat sich wohl aus Telgoth, Telget oder Telgith  entwickelt und meint  eine größere Anpflanzung junger Eichen. Von „Erzähl von Gott“ kann also keine Rede sein.

Münsterland - Telgte - Clemenskirche und Pastoratsscheune

Unweit der Ems Clemenskirche und Pastoratsscheune

Sehenswertes in Telgte

Dicht an der Ems erhebt sich die spätgotische Propsteikirche St. Clemens, eine westfälische Hallenkirche von 1522. Besonders hinzuweisen ist auf die zehn Apostelfiguren aus Baumberger Sandstein, die an den Stirnwänden der Seitenschiffe und zwischen den Chorfenstern zu finden sind. Hinweise auf die Telgter Wallfahrt finden sich in diesem Gotteshaus auch: In den unteren Feldern der Kirchenfenster des Langhauses sieht man Namen und Wappen verschiedener Gemeinden, aus denen Pilger an Himmelfahrt traditionell nach Telgte kamen. Ihr Ziel ist die Madonna im ackteckigen Zentralbau der Gnadenkapelle, für die der mächtige Fürstbischof von Münster, Christoph Bernhard von Galen, den Grundstein gelegt hatte. Das bis heute verehrte Gnadenbild der schmerzhaften Muttergottes entstand um 1370 und wurde aus Pappelholz geschnitzt.

Münsterland - Telgte - Gnadenkapelle

Eine Gnadenkapelle für eine Madonna

Ebenfalls an der Ems liegt die 1754 erbaute Große Mühle, an der auch der Emsradweg vorbeiführt. Auftraggeber war der Kurfürst und Fürstbischof Clemens August. Die Pläne stammen von Generalmajor Johann Conrad Schlaun, kein Unbekannter im Münsterland, denkt man ans Rüschhaus oder die Clemenskirche in Münster.

Münsterland - Telgte - Wassermühle

Die Große Mühle am Ufer der Ems

Die Parade der Kutschen

Jenseits der Ems versammeln sich an Himmelfahrt die Kutschen aus Ost- und Westbevern, Dülmen und anderen Orten der Umgebung, ehe sie unter den Augen ungezählter Zuschauer durch die Gassen von Telgte fahren. Für die schönsten Kutschen winken jedes Jahr zahlreiche Preise. Ein Sauerländer Jagdwagen von 1930 rollt ebenso durch die Stadt wie Franz Holz mit seinen Trakehnern, die eine Kutsche von 1940 ziehen. Kaltblüter sind vor einen Marathonwagen gespannt. Auch einen Riesen unter den Pferden bekommen die Zuschauer zu sehen, eine Kreuzung aus Belgischem Kaltblüter und Shirehorse.

Münsterland - Telgte - Kutschen

Die Kreuzung aus Shirehorse und belgischem Kaltblüter ist der Riese unter den Pferden der Wallfahrt

Selbst eine Horde Römer ist mit ihrem Streitwagen nach Telgte gekommen und lässt sich die Wallfahrt nicht entgehen – merkwürdige Zeiten! Kaleschen und Lindauer wird man allerdings nicht zu Gesicht bekommen, dafür aber einen Gig aus der Zeit um 1900 mit einem vorgespannten schwarzen Westfalen. Ein Planwagen rollt vorbei, gefolgt von einem Zweispänner mit Rheinischen Vollblütern. Eine kleine Gruppe von Mädchen, die sich als Hochzeitspaar und Brautjungfern verkleidet haben und anspannen ließen, sind ebenso zu sehen. Ob sie sich wohl über den Gutschein für Eis im Wert von 50 Euro freuen, der ihnen  für eine der schönsten Kutschen zugesprochen wurde?

Münsterland - Telgte - Kutsche mit Schimmeln

Im flotten Tempo geht es an den Zuschauern vorbei

Einspännersulkys werden von Shetlandponys in Fahrt gebracht und dahinter sieht man einen reinrassigen Friesen vor einer Wagonette. In rascher Abfolge fahren eine Victoria-Kutsche mit Haflingergespann und eine Westernwagonette mit Friesengespann an den Zuschauern vorbei. Deutsche Reitponys ziehen derweil eine Dressurkutsche durch die Parkanlage jenseits der Ems.

Münsterland - Telgte - Kutsche mit Shetlandpony

Auch kleine Shetlandponys legen sich mächtig ins (Zaum)zeug

Wer noch ein wenig Zeit hat, dem sei der Besuch im Museum Heimathaus Münsterland angeraten – untergebracht in der Pastoratsscheune und in einem Museumsneubau der 1930er Jahre nach Plänen des modernen Kirchenbaumeisters Dominikus Böhm. Das Juwel des Museums ist das berühmte Telgter Hungertuch von 1623 mit 33 Bilderfeldern, die in Filetstopfarbeit hergestellt wurden. An die Zeiten als man in Telgte noch Korn brannte, erinnert das Kornbrennerei-Museum Telgte. Bis 1979 wurde in Telgte Kornbranntwein hergestellt, ehe dann in das Brennereigebäude ein Museum mit „Probierstube“ einzog.

 

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