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Ausstellungsorte in Stuttgart: Haus der Geschichte / Kunstmuseum / Lindenmuseum / Staatsgalerie / Naturkundemuseum Schloss Rosenstein

Stuttgart
Staatsgalerie

•»Die Brücke«, »Der Blaue Reiter« und »Kubismus«

laufend

Turner - Monet - Twombly

bis 28. Mai 2012


Nächste Station: Tate, Liverpool 22.6.–28.10.2012

Ausstellungen 2012

Nicht allein »Die Brücke«, »Der Blaue Reiter« und »Kubismus«

Das Ansehen des Museums begründen nicht nur hervorragende Gemälde alter Meister, sondern auch bedeutende Werkgruppen wie „Die Brücke“, „Der Blaue Reiter“ und „Kubismus“ sowie Werkkomplexe von Künstlerpersönlichkeiten wie Pablo Picasso, Max Beckmann, Joseph Beuys und Anselm Kiefer. In der Graphischen Sammlung befinden sich über 400 000 Arbeiten, u. a. von Käthe Kollwitz, Otto Dix und Oskar Schlemmer. Neben altdeutscher Malerei verfügt die Staatsgalerie über das besondere Sammelgebiet „Schwäbischer Klassizismus“, außerdem über beispielhafte Werke der wichtigsten Kunstströmungen des 19. Jahrhunderts, von den Präraffaeliten bis zum Symbolismus, von der Romantik bis zum Impressionismus. Überaus umfangreich ist auch die Sammlung der Klassischen Moderne und der Kunst nach 1945.

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Ausstellungsansicht "Gotik": Meister des Ehinger Altars:
Ehinger Altar, vor 1481

Der im Kern chronologisch-thematischen Präsentation haben die Ausstellungsgestalter Kontrapunkte beigegeben, indem sie Werke aus anderen Kunstrichtungen und Perioden hier und da eingefügt haben. Zudem springt ins Auge, dass neben Gemälden auch vereinzelt Skulpturen gezeigt werden. Das ist in Museen in diesem Lande eher die Ausnahme, hat man sich doch der „Genrereinheit“ verschrieben. Selbst in Bildhauermuseen wie dem Lehmbruck-Museum in Duisburg werden die bildhauerischen Werken Lehmbrucks getrennt von Gemälden der klassischen Moderne gezeigt. In Stuttgart ist dank einer entsprechenden Ausstellungsrhythmik dies anders.

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Meister von Schloss Lichtenstein: Die Krönung Mariens, um 1440/50

Gegenwart und Gotik

So mag der eine oder andere Besucher sich staunend die Augen reiben, wenn er das Erdgeschoss verlässt und im ersten Obergeschoss gleich auf eine Figurengruppe von Stephan Balkenhol triff. Drei Männer auf einer Bank sind zu sehen, eine durchaus typische Arbeit Balkenhols, der sich dem Thema Mensch seit mehreren Jahrzehnten widmet. Dabei fällt beim Anblick der Arbeit auf, dass Balkenhol durch die Art der Platzierung der Männer den für die Bildhauerei typischen Sockel in ironischer Weise in sein Werk integriert. Zugleich muss man feststellen, dass die Männer wie geklont ausschauen, also weniger Individuen zu sein scheinen. Nur Schritte weiter steht der Besucher vor dem „Ordnungshüter“ von Neo Rauch, also gleichfalls Kunst des 21. Jahrhunderts. Doch dann, ja dann taucht man als Besucher in die Malerei der Gotik ein.

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Meister von Meßkirch Titel: Wildensteiner Altar: Madonna mit den vierzehn Heiligen des Zimmernschen Hauses Datierung: 1536

So ist unter anderem die „Verkündigung an Maria mit der Stifterfamilie“ von Hans Strigel ausgestellt. Es ist eine Tafelmalerei über zwei Flügelseiten, die zum Monfort-Werdenberg-Altar gehört. Typisch für die gotische Sakralkunst ist der Goldgrund, auf dem die Figuren platziert sind, so auch bei der „Krönung Mariens“ - Tempera und Öl auf Nadelholz. Diese fragmentarische Arbeit wird dem Meister von Schloss Lichtenstein (bei Reutlingen) zugeschrieben. Am goldenen Firmament schweben Engelsfiguren und eine weiße Taube. Maria im blauen Umhang und betend erhält die mächtige Krone auf ihr Haupt gesetzt. Zu sehen ist aber auch der Mühlhauser Altar, der aus der Veitskapelle in Mühlhausen stammt und bisweilen auch Prager Altar genannt wird.

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Bernhardo Strozzi, gen. Cappuccino:
Die hl. Katharina von Alexandrien, vor 1630 (Detail)

Ein florentinischer Präsentierteller tritt Klees Engel

Ein außergewöhnliches Ausstellungsstück ist der ehemalige Präsentierteller, ein Holztablett mit gemalten Szenen aus Boccaccios „Teseida“, die Mariotto di Nardo zu verdanken sind. Überreicht wurden derartige Teller in Florenz anlässlich der Geburt eines Kindes, erst unbemalt und dann nach der Zeit des Kindbetts mit Malerei verziert. Wie bereits oben erwähnt, stößt man hier und da auf Kontraste, so auch an dieser Stelle, wenn man Paul Klees „Angelus Militans“ gegenübersteht, der 1940 gemalt wurde, also kein Kind der Gotik ist, aber sich inhaltlich in die sakrale Kunst der Gotik einfügt. Starke kontrastierende Farbflächen in Rosa, Hellblau, Gelb, Orange, Feuerrot, Petrolgrün und Lila, die durch schwarze Konturen gefasst sind, ergeben die Figur eines Engels mit rosa Kopf und riesigen Augen und einer weiteren Figur am Bildrand links.

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Osias Beert: Stillleben mit Austern, Konfekt und Früchten

Joseph Beuys und ein Heiliger

Haben wir in einem Moment noch den Ehninger Altar bewundert, so müssen wir uns im nächsten Moment mit Joseph Beuys und dessen Arbeiten „Vitrine“ und „Showcase“(1972) auseinandersetzen. Bei dieser Auseinandersetzung spielen die Materialien, die der Künstler verwendet – Fett, Eisen, Filz und Gummi – ebenso eine Rolle, wie dessen These „Jeder Mensch ist ein Künstler in dem Sinne, dass er etwas gestalten kann.“ Doch dieses Intermezzo ist kurz, denn weitere Altarbilder fordern unsere Aufmerksamkeit, so auch die Darstellung des hl. Florians von Noricum, der als Rittersmann vor der Architektur einer brennenden Burg zu sehen ist. Doch nicht allein sakrale Kunst präsentiert man, sondern auch Porträtmalerei jener Zeit, u. a. das Bildnis des kursächsischen Rats Jobst van Hayn von Lucas Cranach dem Jüngeren. Doch auch die von Wilhelm Lehmbruck geschaffenen Steingussfigur des „Gestürzten“ zeigt man im Kontext von mittelalterlicher Malerei und unterstreicht dabei auch die formalen Unterschiede in der Darstellung des Menschen damals und im frühen 20. Jahrhundert. Lehmbruck reflektiert mit seiner Skulptur die Leiden des Krieges, zeigt einen gebrochenen, ausgemergelten Mann, der zu Boden gegangen ist. Passend dazu schrieb Lehmbruck: „Der Glaube, Liebe, alles hin/Und Tod, er liegt auf allen Wegen (…).“

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Salomon van Ruysdael: Strandansicht mit Egmond aan Zee,
um 1645-50

Stillleben und Götterwelten

Die Malerei der Renaissance und des Manierismus ist auf der Reise durch die Epochen der Kunstgeschichte auch zu sehen. Insbesondere Stillleben, auch Blumenstillleben, ziehen den Blick des Besuchers auf sich, so Clara Peeters „Blumenstrauß“ , der streng arrangiert erscheint. Aber auch ein Stillleben mit Austern, Früchten wie Feigen und Rosinen und Konfekt – von Osias Beert in Öl auf Kupfer gemalt – ist beim Rundgang zu entdecken. Allerdings werden auch Themen der antiken Mythologie in der sehenswerten Sammlung behandelt, wie „Jupiter und Juno“ von Frans Wouters oder Giorgio Vasaris „Die Toilette der Venus“ unterstreichen. Sehenswert ist die italienische Malerei von Jacopo Palma, Vitorre Carpaccio und Francesco Granacci, die da im „Einklang“ mit der informellen, gestisch-spontanen Malerei von Wols präsentiert werden. Welch ein Gegensatz ist dazu die Ansicht einer Operation, bei der der Schmerz sich im Gesicht des Patienten niederschlägt. Geschaffen hat dieses Gemälde der italienische Meister der Genremalerei Gaspare Traversi um 1753/54. Humor und versteckte Ironie vereinen sich in diesem Werk, in dem die Anfänge der praktizierten Heilkunde bildlich festgehalten werden.

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Giovanni Battista Tiepolo: Die Ruhe auf der Flucht nach Ägypten

Goldene Zeiten

Tauchen wir nun ein in Malerei der Goldenen Zeit des 17. Jahrhunderts. Wer sich für das Licht des Nordens und die Landschaft zwischen Marsch und Geest begeistert, der wird nicht nur beim Anblick von Salomon van Ruysdaels „Strandansicht mit Egmond aan Zee“ ins Schwärmen kommen. Zu sehen ist eine typische niederländische Dünenlandschaft, an deren Rand mehrere Reiter und ein Mann mit Pferdekarren unterwegs sind, während sich allmählich der Himmel bezieht. Neben Jan van Goyens „Überfahrt über den Rhein bei Rhenen“ sei auch auf Rembrandts „Paulus im Gefängnis“ als Highlight verwiesen.

Tiepolo und andere

Neben der niederländischen Malerei ist es die italienische Barockmalerei eines Giovanni Battista Tiepolo, die die Herzen von Kunstliebhabern höherschlagen lässt. Zu sehen ist unter anderem „Die Ruhe auf der Flucht nach Ägypten“. Dabei scheint die Szenerie eher in den alpinen Regionen Europas als in Nordafrika zu spielen, betrachtet man die Kulisse der Bergwelt. Nein, nicht nur in der Gemäldegalerie Alter Meister Dresden zeigt man Canaletto, sondern auch in Stuttgart. Hier ist der bekannte venezianische Vedutenmaler mit „Ansicht der Mühlen von Dolo an der Brenta“ vertreten. Zu den italienischen Malern des 18. Jahrhunderts, die man in Stuttgart zu Gesicht bekommt, gehört auch Alessandro Magnasco, der seine Gesellschaft von Spielern, Soldaten und Vagabunden in ein düsteres Ambiente setzte.

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Gaspar van Wittel, gen. Vanvitelli:
Die Tiberinsel in Rom, um 1691/1700

Stolpersteine und ...

Gleichsam ein Stolperstein im Bildkanon des 18. Jahrhunderts ist die skulpturale Arbeit von Richard Deacon mit dem Titel „Red Sea Crossing“, ein skulpturales Gewirr aus Holz und Stahl.

Der nächste Augenschmaus wartet dann schon: Alberto Giacometti und Jean Dubuffet geben sich die Ehre. Der Erstere präsentiert „Die Frau auf dem Wagen“ aus Bronze, aber auch ein „Stillleben mit Flasche“, in Ocker, Grau und Schwarz gehalten und eher skizzenhaft anmutend. Dubuffet hingegen ist mit einer tonigen Arbeit namens „Bäuerliche Tür“ in der Ausstellung vertreten.

Ja, beim Besuch der Staatsgalerie muss man auf Marcs bunte Pferdchen ebenso wenig verzichten wie auf Feiningers kristalline Barfüßerkirche in Erfurt. Von Jawlenski ist mit dem Bildnis des für Travestierollen bekannten Tänzers Alexander Sacharoff – Titel des Werks ist „Die weiße Feder“ – in der Staatsgalerie zugegen. Auch das Bauhaus und Oskar Schlemmers Spuren kann man nachfolgend entdecken. Dem Selbstporträt der Moderne ist gar ein eigenes Kapitel gewidmet, Gleiches gilt für den Konstruktivismus, für den unter anderem Piet Mondrian steht.

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Gustave Courbet: Meeresküste mit Segelboot bei aufziehendem Gewitter, um 1869

Nicht allein klassische Moderne

Wer sich für die klassische Moderne interessiert, wird Georg Grosz „Widmung an Oskar Panizza“ ebenso in Augenschein nehmen wie das futuristische Gemälde Giacomo Ballas mit dem Titel „Plastizität von Lichtern – Geschwindigkeit“, das 1913 entstand. Die „Brücke-Maler“ Kirchner und Schmidt-Rottluff – Letzterer ist mit seiner Ansicht von Oppedal (Sogne-Fjord) vertreten – und der eigenwillige Emil Nolde mit seinen „Tänzerinnen“ sind fester Bestandteil der Dauerausstellung. Skurriles von Max Ernst und von Juan Miró stehen für Dada und Surrealismus. Otto Freundlich mit seiner Bronzekomposition von 1933 drängt sich dem Betrachter schon aufgrund des Volumens der Arbeit auf. Sie gleicht einer prähistorischen Kultfigur, könnte gar motivisch eine Anlehnung an die Figuren aus Tierradentro in Kolumbien sein.

Welchen Kunstschätzen des 19. und 20. Jahrhunderts man in Stuttgart begegnet, wird deutlich, wenn man Monets „Felder im Frühling“ und Munchs „Vier Mädchen in Aasgaardstrand“ gegenübersteht. Schließlich fordert auch ein Vertreter der Arte Povera, Mario Merz, Aufmerksamkeit, ganz zu schweigen von der „Farbfeldmalerei“ eines Mark Rothko und Barnett Newman.

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Vor der Staatsgalerie: Henry Moore Titel: Draped Reclining Woman (Bekleidete liegende Frau) Datierung: 1957-1958

Picasso in Stuttgart

Von herausragender Bedeutung für die Staatsgalerie ist gewiss der Werkkomplex mit Arbeiten Picassos. Die Exponate spannen einen Bogen vom Früh- bis zum Alterswerk: monochrome Blautonigkeit unterstreicht eine elegische Stimmung in dem Gemälde „Kauernde“. Verzweifelt erscheinen die blassen „Artisten“, die in „durchscheinenden“ Pastelltönen zum Leben erweckt wurden. Zu sehen ist zudem die dralle „Sitzenden Frau“ (1921) mit ihrem klassischen Profil. Zu den plastischen Hauptwerken Picassos gehören „Die Badenden“ (1956), aus Fundholz zusammengefügte „Strichmännchen“. Die Sammlung ist so divers und umfänglich, das ein einziger Besuch nicht ausreicht, um sie wirklich wertzuschätzen. Also muss man wiederkommen oder aber im digitalen Katalog des Museums blättern. Jährlich werden 500 Werke aus der Sammlung neu in diesen Katalog eingestellt. Unter http://www.staatsgalerie.de/digitalerkatalog/ kann man sich vor und nach seinem Besuch einen sehr guten Überblick über die Sammlungsvielfalt verschaffen. © text und fotos fdp


Max Liebermann: Karren in den Dünen, 1889

Ausstellungen 2012

TO THE MUSEUM OF MODERN DREAMS
23.6. bis 30.9.2012

Die Ausstellung zeigt Werke aus der Sammlung, dem »Vermächtnis Günther und Renate Hauff« sowie der »Konrad Kohlhammer-Stiftung«: Das hohe Niveau und die Vielfalt der Staatsgalerie Stuttgart erlauben einen umfassenden Blick auf die eigene Sammlung. Die Arbeiten aus unterschiedlichen Sammlungsbereichen mit einem Schwerpunkt auf die 1960er bis 1980er Jahre werden gemeinsam präsentiert. Den außergewöhnlichen Stiftern ist diese Ausstellung gewidmet: Mit dem »Vermächtnis Günther und Renate Hauff« im Jahr 2003 kamen rund 800 Radierungen sowie mit der 1986 ins Leben gerufenen »Konrad Kohlhammer-Stiftung« bislang etwa 1.750 Graphiken in verschiedensten Drucktechniken als Leihgaben der »Freunde der Staatsgalerie Stuttgart« an die Graphische Sammlung.

Mythos Atelier
Von Caspar David Friedrich bis Bruce Nauman
27.10.2012 bis 20.2.2013

Die Staatsgalerie Stuttgart präsentiert in einer bisher einzigartigen und umfassenden Schau das Künstleratelier und seine Darstellung in der Moderne. Caspar David Friedrich, Carl Spitzweg und Edouard Manet, in der Klassischen Moderne Picasso, Henri Matisse, Ernst Ludwig Kirchner und Max Beckmann, in der Gegenwart so populäre Künstler wie Neo Rauch und Georg Baselitz schaffen programmatische Atelierbilder, die ihr Werk nicht nur erläutern, sondern regelrecht mit ihm verschmelzen. Künstler wie Constantin Brancusi, Kurt Schwitters, Piet Mondrian und Alberto Giacometti machen ihr Atelier selbst zum Kunstwerk. Die Rekonstruktion des Pariser Ateliers von Mondrian gewährt dem Besucher der Ausstellung einen ungewöhnlichen Blick auf den Schaffensort des niederländischen Meisters des Konstruktivismus. Multimediale Arbeiten jüngerer Künstler zeigen die erstaunliche Aktua- lität des Themas. Atelierszenen sind seit der Renaissance bekannt, doch erst seit dem frühen 19. Jahrhundert wird das Atelier als Ausdruck des künstlerischen Schöpfungsmythos ein zentrales Thema. So gibt die Ausstellung mit hochrangigen Leihgaben aus aller Welt Einsicht in das Denken und Wirken der großen Meister von der Romantik bis heute.

 

Turner - Monet - Twombly

Der englische Maler William Turner (1775-1851) begründete mit seinen stürmischen Seestücken eine abstrakte Bildsprache, die von den Impressionisten aufgegriffen wurde. Claude Monet (1840-1926) setzte Motive, wie zum Beispiel die berühmten Seerosen, in Serien um und studiert dabei verschiedene Lichtstimmungen. Cy Twombly (1928-2011) regte zu einem neuen Blick auf Turner wie auf Monet an: Der Amerikaner, bedeutender Vertreter des „Abstrakten Expressionismus“, entwickelte deren poetische Bildsprache in seinen mythologischen Gemälden weiter. Die Ausstellung in der Staatsgalerie Stuttgart vereint nicht nur drei große Maler, sie ermöglicht den Besuchern auch neue Perspektiven auf das Werk jedes einzelnen Künstlers .

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Claude Monet, Nymphéas, 1916-1919,
Öl auf Leinwand, 200.00 x 180.00 cm,
Fondation Beyeler, Riehen/Basel
Foto: Robert Bayer, Basel

Künstler und ihre späten Arbeiten zu vereinen, die 200 Jahre auseinander gelebt haben, ist kein leichtes Unterfangen, da Bindeglieder zwischen Turner, Monet und Twombly gefunden werden müssen. Gewiss, ein Bindeglied ist sicherlich, dass alle drei zu ihren Lebzeiten durchaus umstritten und von der Kritik nicht gerade mit Lob bedacht wurden. Begreift man Monet als Vorreiter der Moderne, dann kann man Twombly als Vertreter einer Gegenwartsmoderne ins Feld führen, sprich Twombly wird als jemand verstanden, der in seinem abstrakten Expressionismus und seinem Sinn für das Atmosphärische in die Fußstapfen von Tuner und Monet getreten ist. Monet, in den 1950er Jahren erst wiederentdeckt, schätzte Turner sehr, dessen Gemälde bisweilen nichts als Licht scheinen. Auch thematisch-motivische Übereinstimmungen lassen sich finden, wie man der gekonnten Hängung in den Räumen der Alten Staatsgalerie entnehmen kann.

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Claude Monet (1840-1926) Das Meer bei Fécamp, 1881 Öl auf Leinwand 65,5 cm x 82 cm Staatsgalerie Stuttgart

Doch irgendwie bleiben Zweifel an dem „Dreigestirn“. Warum gerade Twombly und nicht ein Vertreter des Informel wie Schumacher als Vertreter der Kunst des 20. Jahrhunderts ausgewählt wurden, ist mit dem Begriff der Affinität, den Lewison ins Feld führt, m. E. nicht hinreichend erläutert. Es beschleicht den Berichterstatter der Eindruck, dass der Kurator der Schau nach seinen Vorstellungen – und damit willkürlich – das „Dreigestirn“ ausgewählt hat. Anfänglich war sogar Rothko im Gespräch. In einem ausführlichen Beitrag von Jeremy Lewison wird im Ausstellungskatalog der Versuch unternommen, den Brückenschlag zwischen den drei Künstlern theoretisch zu unterfüttern. Doch der Eindruck einer Kopfgeburt bleibt. Dass es eine enge Beziehung von Monet zum Werke Turners gab und Monet auch motivisch – zum Beispiel in den Venedig-Ansichten – Turner gefolgt ist, scheint unstrittig. Doch die Beschäftigung mit klassisch-antiken Themen als Bindeglied zwischen Turner und Twombly anzuführen, erscheint doch ein wenig gekünstelt. Da wäre doch eher das Atmosphärische, was beide Künstler verbindet, wenn auch in anderem Duktus und in anderen Motiven.

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Cy Twombly Wilder Shores of Love, 1985 Ölfarbe und ölhaltige Fassadenfarbe (Farbroller), Buntstift, Bleistift auf Holz 140 x 120 cm Privatsammlung, Courtesy Thomas Ammann Fine Art AG, Zürich © Cy Twombly Foundation

Eine unnütze Debatte über Twombly

Nun gut, eine solche Debatte ist für das Publikum eh müßig und befriedigt nur die Halbgebildeten und tatsächlich Gebildeten, also eine kleine Minderheit. Völlig abwegig erscheint der auch nach der Eröffnung der Stuttgarter Schau erhobene Vorwurf, Lewison habe ein kommerzielles Interesse an der Präsentation Twomblys. Dem widersprach der Ausstellungskurator auf Nachfragen ganz energisch. Im Übrigen, finden sich Twomblys Arbeiten in der Sammlung Marx im Hamburger Bahnhof (Berlin) ebenso wie im Museum Brandhorst (München) – und dort in einem beachtlichen Umfang. Zur Wertsteigerung bedarf es also wohl keiner Schau in dem doch eher im Vergleich mit Berlin und München provinziellen Stuttgart!

Dialog und Konfrontation

Während der Katalog durch seine Bildreproduktionen und das Nachzeichnen der sieben Kapitel der Schau besticht und sicherlich als Nachbereitung der Schau für einen kleinen Kreis auch interessant ist, bewegt sich der gemeine Besucher mit dem zweisprachigen blau eingebundenen Begleitheftchen als Orientierungshilfe durch die Schau – und das ist auch gut so. Nicht nur in diesem Begleitheftchen, sondern beim Gang durch die Schau wird deutlich, dass die Gegenüberstellung der drei Künstler und ihrer Werke im Fokus der Ausstellungsmacher stand. Nach einem Monet-Saal, einem Turner-Saal oder einem Twombly-Saal muss man also nicht Ausschau halten. Konfrontation und Dialog der Werke, das steht im Vordergrund, ob die Arbeiten nun dem Begriff „Die Jahreszeiten“, „Eine schwebende Welt“ oder „Atmosphäre“ zugeordnet wurden.

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Joseph Mallord William Turner (1775-1851) San Benedetto, in Richtung Fusina, ausgestellt 1843 Öl auf Leinwand 62,2 x 92,7 cm Tate, aus dem Nachlass des Künstlers, 1856 © Tate, London 2011

Schönheit, oder?

In welcher Reihenfolge man die Ausstellungsräume aufsucht, mag jeder selbst entscheiden. Beginnen wir mit den ausgewählten Arbeiten zum Thema „Schönheit, Kraft und Raum“.

Ja, das ist die klassische Antike, zumindest im Werktitel: Hero & Leandro - eine vierteilige Arbeit von Twombly. Doch Figuratives sucht man vergebens. Auch eine Erzählform kann man beim Betrachten der großformatigen Werke nicht ausmachen. Betrachtet man diese, so denkt man an eine aufbrausende See, an eine Küstenlandschaft oder an polare Impressionen. Gegenüber von diesem Gemälde mit seinen dynamisch aufgetragenen Farbschichten hat Turner seinen Platz: Gebannt vom Licht der abgeschossenen Raketen, von den Lichtspiegelungen auf der Wasseroberfläche und von dem aufsteigenden Dunst sind einige Menschen, die am Strand stehen und die Dampfschiffe beobachten, die sich durch die See schieben. Einer von ihnen hat sogar ein Fernrohr dabei, um alles genaustens zu beobachten. Menschenleer ist hingen die Felsenlandschaft der Belle-Île, die Monet uns hinterlassen hat. Das Meer, aufgewühlt und von Gischt bedeckt, nimmt etwa zwei Drittel des Bildformats an. Die ungezähmte Natur drängt sich dem Auge des Betrachters nachhaltig auf. Das gilt auch für andere Gemälde Monets wie „Die Felspyramiden von Port-Coton“. Gefesselt vom „Mahlstrom des Lichts“ ist der Besucher, der Turners „Schatten und Dunkelheit - Der Abend vor der Sinnflut“ gegenübersteht. Das Bildmotiv gleicht einem Flintenblick in die Ferne, auf das fahle Licht unter einem Wolkenbaldachin.

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Joseph Mallord William Turner (1775-1851) Sonnenuntergang über einem See, um 1840 Öl auf Leinwand 91,1 x 122,6 cm Tate, aus dem Nachlass des Künstlers, 1856 © Tate, London 2011

Atmosphäre

Obgleich bereits die genannten Arbeiten das Atmosphärische zum Bildgegenstand machen, haben sich die Kuratoren der Schau entschlossen, dazu ein eigenständiges Kapitel aufzuschlagen und dieses in einem grau ausgeschlagenen Raum zu zeigen: Twomblys „Passaggio“ in dunklen Grüntönen gehalten, lässt den Betrachter an eine alpine Berglandschaft mit in die Tiefe stürzendem Wasserfall denken. Diesem „bewegten Bildmotiv“ wurde die stimmungsvolle Flusslandschaft der Seine - ein Meisterwerk Monets - zur Seite gestellt. In zarten Lila-Rosaschattierungen erscheint die Seine im morgendlichen Dunst, den die aufgehende Sonne kaum durchdringt. Das Verschwinden des Bildmotivs und die „Unschärfe“ des Bildgegenstandes findet sich bei Monet auch in „Waterloo Bridge, London, rosa Licht“. Nur noch erahnen kann der Betrachter von Turners „Venedig mit Santa Maria della Salute“ die Stadtlandschaft, die im Licht des Himmels versinkt. Auch die Horizontlinie ist nur vage angedeutet.

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Cy Twombly Camino Real (II), 2010 Acryl auf Holz 252,4 x 185,1 cm Privatsammlung, Courtesy Gagosian Gallery © Cy Twombly Foundation

Melancholie ...

... - so lautet der nächste Themenblock, in dem Arbeiten der drei Künstler eingeordnet wurden. In einem satten Aubergineton - eigentlich wohl eher mit dem Vergänglichen in Verbindung zu bringen - ist der Ausstellungssaal ausgeschlagen, in dem sich auch einige plastische Arbeiten Twomblys befinden. Genau dank dieser Werke hebt sich der im letzten Jahr verstorbene Twombly von seinen „Mitstreitern“ ab, die sich allein der Malerei verschrieben hatten. In diesem Teil der Schau kann man sich insbesondere an den Venedig-Ansichten von Turner und Monet sattsehen und zugleich die Motivähnlichkeit konstatieren. Schattenhaft erscheint uns die Kulisse von "San Benedetto, Gondeln auf dem Wasser“ von Turner. Sattgelb überzieht das Sonnenlicht den Himmel und wirft Lichtreflexionen auf das Wasser. Auch bei Monets San Giorgio Maggiore sehen wir Gondeln, wenn auch schemenhafter als bei Turner ausgeführt. Flirrendes Licht in Rosa, Violett, Gelb, Hellgrün und Himmelblau liegt über der Kirche des hl. Georg. Gehen wir weiter, dann entdecken wir die „Jahreszeiten“, nicht allein Monets hochformatiges Gemälde malvenfarbener Iris, sondern auch den Jahreszeiten-Zyklus von Twombly, dessen „Farbexplosionen“ den Betrachter in seinen Bann ziehen.

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Cy Twombly Untitled (Blooming: A Scattering of Blossoms and Other Things), 2007 Acryl, Wachskreide, Bleistift auf Holz 252 x 552 cm Privatsammlung, Courtesy Gagosian Gallery © Cy Twombly Foundation

Sonnenuntergänge und ...

„Die Lebenskraft“ sowie „Feuer und Wasser“ sind weitere spannende Kapitel der abwechslungsreich gehängten Schau. Das gestisch angelegte Gemälde „Camino Real“ - der Titel lässt an den Königsweg in den spanischen Kolonien Südamerikas denken, über die die spanischen Konquistadoren erbeutetes Silber und Gold transportierten - ist ein Gewirr aus sich überlagernden Farbschleifen und eine Idee Twomblys. Diese farbenfrohe Arbeit steht im Dialog mit Monets „Die japanische Brücke“, einem Farbenmeer aus Gelb, Rostrot und Smaragdgrün gleichend.

Zu sehen sind zudem die fantastischen Sonnenuntergänge von Turner, das sich aus dem Nebel absetzende Rouen mit seiner markanten Kathedrale - aus der „Feder“ Monets - sowie Twomblys unbenannte Farbspuren, die an Sonnenuntergänge erinnern.

Nächste Ausstellungsstation: Tate, Liverpool 22.6.–28.10.2012

Es ist eine Schau, die Augenschmaus nicht nur verspricht. Jenseits eines verkopften Anspruchs an die Konfrontation von drei Künstlern, die sich persönlich nie begegnet sind, lassen sich die stimmungsvollen Gemälde schlicht und einfach genießen. Versenkt man sich in die Motive, so erlebt man als Betrachter Momente der Besinnung und des Entschleunigens. (c) fdp

Staatsgalerie Stuttgart
Konrad-Adenauer-Str. 30-32
70038 Stuttgart
Tel.: 07 11 / 47 04 00
info@staatsgalerie.de
http://www.staatsgalerie.de
Öffnungszeiten
Di., Mi. Fr. – So. 10 – 18 Uhr, Do. 10 – 21 Uhr,
Sammlung Mi und Sa Eintritt frei!!

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