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Mit dem Wind um die Wette

Strandsegeln in St. Peter-Ording

Text und Fotos: Adrienne Friedlaender

Fast mystisch lösen sich die hochbeinigen Pfahlbauten mit ihren Restaurants und Cafés aus dem Morgendunst. Langsam lichten sich die Nebelfelder und machen der Sonne Platz. Ein kühler Morgenwind weht und die Luft schmeckt nach Salz, Meer und Abenteuer. Die Segelleine in der Hand, beide Füße fest auf die Steuerpedale und los geht´s. Der Wind pfeift um die Nase, ergreift das Segel und setzt den Wagen kraftvoll in Bewegung. Der Adrenalinspiegel steigt ebenso schnell wie der Wagen beschleunigt. Lautlos gleiten die Strandsegelpiloten über den Strand.

St. Peter-Ording - Strandsegeln

Strandsegeln ist eines der bekanntesten Markenzeichen St. Peter-Ordings. Denn für das Gleiten über den Sand braucht es vor allem Platz und den gibt es hier im Überfluss. Kaum anderswo findet man in Deutschland vergleichbare Strände. Zwölf Kilometer lang und bis zu einem Kilometer breit erstrecken sich bei Niedrigwasser die Strände an der Westküste der Halbinsel Eiderstedt in Schleswig-Holstein. Ein besseres Gebiet für die Landsegler ist kaum zu finden!

So hat Peter Kaufmann vor einigen Jahren seine Strandsegelschule Nordwind in St. Peter- Ording eröffnet. Rund um das Jahr bietet er seitdem Abenteuerlustigen das Erlebnis Natur, Meer und Wind auf eine ganz besondere Art. Und zwar in seinen eigens für die Schule angefertigten Segelwagen. Die Gefährte mit ihren drei breiten Gummireifen gleichen einem Kajak mit Segel und werden über das lenkbare Vorderrad mit den Füßen gesteuert.

St. Peter-Ording - Strandsegeln

Nicht nur für Segler ist dieser spannende Sport geeignet – unter Anleitung der Lehrer kann jeder, auch ohne jegliche Vorkenntnisse, über Strand und Sandbänke in die endlose Weite fliegen. Was allerdings nicht ganz wörtlich zu nehmen ist, denn die windschnittigen Segelwagen verlieren nur ab und zu in den Kurven die Bodenhaftung. Dennoch fühlt man sich beim rasanten Gleiten über den Strand ein wenig, als würde man schweben – vielleicht ist das auch der Grund, warum die Strandsegler sich Piloten nennen.

„Es ist ordentlich Wind. In einer Stunde werden alle von euch bereits mit 60 Stundenkilometern über den Strand fegen“, verspricht Segellehrer Martin Kaufmann seinen Schülern. Was für eine Vorstellung! Die Teilnehmer schlüpfen in Thermoanzüge und Handschuhe und setzten die Schutzhelme auf. Dann geht es an den Strand!

St. Peter-Ording - Strandsegeln

Zunächst werden die Piloten in ihren aneinander gebundenen Wagen mit einem Bus in das abgegrenzte Revier zum Übungsparcours der Schule gezogen. Das Bild erinnert ein wenig an eine Entenmutter, die ihre Küken zum ersten Bad begleitet. Und genauso aufmerksam wachen Martin Kaufmann und seine Kollegen über die Gruppe. Großer Wert wird auf eine gründliche Vorbereitung gelegt und das mit vollem Erfolg. Rund 1.000 Strandsegelschüler starten jährlich, einen Unfall gab es dabei bislang noch nie.

St. Peter-Ording - Strandsegeln

Um auch von weitem für alle Schüler sichtbar zu sein, trägt Martin Kaufmann über der dicken Windjacke eine gelbe Leuchtweste. Hoch über seinem Kopf schwenkt er eine grüne Flagge: Zeichen für das erste Briefing. In wenigen verständlichen Schritten vermittelt er Sicherheitsregeln, Materialkunde und die wichtigsten Manöver. „Gelenkt wird über die beiden Fußpedale und wie im Straßenverkehr gilt die Vorfahrtsregel: Rechts vor links. Und wenn’s gefährlich wird: anhalten.“ Hier allerdings unterschieden sich die Strandsegler deutlich von Autos, denn Bremsen gibt es nicht! Einzige Möglichkeit, den Wagen zum Halten zu bringen, ist das so genannte „Aufschießen“. Dabei wird der Wagen gegen den Wind gesteuert und so zum Halten gebracht.

St. Peter-Ording - Strandsegeln

Schon vor etwas 1.500 Jahren wurden die ersten Segelwagen gebaut. Die Chinesen, deren windreichen Ebenen im Norden günstige Voraussetzungen boten, bauten erste Landsegler, die laut Beschreibung 30 Personen befördern konnten und viele hundert Kilometer am Tag zurücklegen. „Die Chinesen sind großartige und einfallsreiche Handwerker“, schrieb der holländische Kaufmann, Autor und Entdecker Jan Huygen van Linschoten im Jahre 1589 in seinem Buch Itinerario. „Sie bauen und benutzen Karren mit Segeln und Rädern, die auf dem Feld vom Wind vorangetrieben werden, gerade so als führen sie auf Wasser.“

In Europa reicht die Tradition der vom Wind betriebenen Wagen bis ins 17. Jahrhundert zurück. Viel Ähnlichkeit haben die modernen und aerodynamischen Strandsegler allerdings nicht mehr mit den vierrädrigen Transportwagen von damals. Auch die Geschwindigkeit unterscheidet sich erheblich von den historischen Gefährten: Profisegler können ein Tempo von 130 Stundenkilometern erreichen.

St. Peter-Ording - Strandsegeln

Im Schnupperkurs aber wird zunächst in drei Bahnen auf dem Strandparcours der Segelschule der Umgang mit dem Segelwagen als Partnerübung trainiert: Der Pilot liegt in seinem Sitz, übt sich im Steuern, Beschleunigen und Bremsen – der Partner sichert den Wagen mit einem langen Seil und läuft zunächst als Bremser hinterher. Eine gute Übung um mit dem neuartigen Gefährt vertraut zu werden, und um sich in der frischen Nordseebrise warm zu laufen. Nur ein paar Möwen kreisen über der Gruppe als wollten sie diese zum Wettflug herausfordern. Laut kreischend kommentieren sie die ersten Startversuche der Strandsegelpiloten.

Aus ganz Deutschland kommen die Schüler. Angeboten werden eintägige Schnupperkurse und Wochenend-Grundscheinkurse. Mit diesem Schein in der Tasche können Segelneulinge schon im Rahmen von Kursen allein einen Segelwagen ausleihen. Wer ganz der Flugleidenschaft verfallen ist, kann in einem weiteren Kurs den DSV-Pilotenscheines, den offiziellen „Strandsegelführerschein“ erlangen und nach Lust und Laune den Nervenkitzel des Landsegelns erfahren.

„Lenkung sauber? Schot frei?“ lauten die ultimativen Fragen zum Vorflugcheck. Dann werden die Piloten zum ersten Alleinflug von der Leine gelassen. Waagerecht liegen sie in ihren Sitzen nur wenige Zentimeter über dem brettharten Sand. Eine kräftige Böe ergreift das Segel und los geht´s auf dem harten Untergrund! Ohne Motor, nur mit der Kraft des Nordseewindes, beschleunigt der leichte Wagen in Sekundenschnelle.

St. Peter-Ording - Strandsegeln

„Der Glückshormonfaktor ist extrem groß beim Strandsegeln“ erklärt Martin Kaufmann und betrachtet lächelnd die Schüler, die begeistert mit ihren Wagen über den menschenleeren Strand flitzen - „Denn im Gegensatz zum Segeln oder anderen Sportarten erleben die Teilnehmer schnellste Erfolgserlebnisse. Und wie zur Bestätigung Kaufmanns Glücksversprechen klingen aus der Ferne die Jubelschreie der Standsegeldebütanten. 

Reiseinformationen

Nordwind Strandsegelschule St. Peter-Ording
Kontakt über Nordwind Wassersport Zentrale, Neu Revensdorf 2, 24214 Lindau, Tel. 04346-5955, www.nordwind-wassersport.de, E-Mail: info@nordwind-wasserport.de

Der eintägige Schnpperkurs (ab 12 Jahren) dauert etwa vier Stunden. Die Schule bietet auch Wochenendarrangements inklusiv Übernachtung.

Die Strandsegelstation befindet sich direkt am Strand im Vereinsgebäude des Yachtclubs St. Peter-Ording. Eine genaue Anfahrtsbeschreibung erhalten alle Kursteilnehmer mit der Anmeldebestätigung.

 

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