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Wo Einstein sich wohl fühlte

Rund um den Schwielowsee bei Potsdam

Text und Fotos: Ferdinand Dupuis-Panther

Vor den Toren Potsdams dehnt sich eine Seenlandschaft aus - von der Havel gebildet. Ein wesentlicher Teil davon ist der mehr als 800 Hektar große und bis zu zehn Meter tiefe Schwielowsee. Ruderer und Kanuten haben ihn schon lange als Revier entdeckt. Segler kreuzen in gemächlichem Tempo auf den Gewässern. Dampfer der Weißen Flotte bringen Ausflügler nach Caputh und Werder. An seinem Ufer hatte sich einst auch Albert Einstein niedergelassen.

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Unterwegs mit der Weißen Flotte

Wer am Anleger der Weißen Flotte in Petzow von Bord geht, erreicht sogleich das ehemalige Rittergut der Familie von Kaehne. Zinnenbewehrt sind die Türme des in Ocker getauchten ehemaligen Herrenhauses; unter der Dachkante sind blinde Schießscharten als Bauschmuck zu erkennen. Umgeben ist dieser Herrensitz von einem englischen Landschaftsgarten mit bewusst gesetzten Sichtachsen. In einer solchen steht die in gelblich-grünem Backstein errichtete Petzower Kirche, deren Fensterbrüstungen und mit rotem Klinker abgesetzt sind. Einige Steine in und vor der Kirche tragen noch das Wappen derer von Kaehne: drei Kähne.

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In Caputh holt der Fährmann über

Die zum Bau verwendeten Ziegel stammen aus regionaler Produktion, waren doch Petzow und Glindow Orte, in denen sich Ziegelstreicher in Ziegeleien verdingten. Noch heute werden in Glindow Ziegel gestrichen, die bei der Restaurierung historischer Bauten Verwendung finden. Neben dieser Ziegelei gibt es im Ort auch ein Ziegeleimuseum, in dem der Besucher mehr zum Thema erfahren kann.

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Handgestrichene Ziegel wurden zum Bau der Kirche von Petzow verwendet

Im Frucht-Erlebnis-Garten von Petzow gedeihen Sonnenblumen, Rosenstöcke und Lavendel. Sie sind in ihren Blütenfarben ein Kontrast zum Grün der angebauten Kräuter. Quitten stehen am Wegrand Spalier. Silbrig-grün sind die Blätter des strauchigen Sanddorns, dessen kleine dunkelgelbe Früchte vom Blattwerk verdeckt werden. Wer im Restaurant eingekehrt, wählt vielleicht Petzower Fischsuppe mit Tomaten und Schnittknoblauch. Oder wie wäre es mit in Sanddorngeist flambierter Kaninchenleber mit Apfelspalten oder Blattsalat mit Sanddorn-Kräuter-Vinaigrette? Verführerisch ist als Nachtisch das Sanddornparfait mit dunkler Schokolade.

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Im Frucht-Elebnis-Garten widmet man sich nicht nur dem Sanddorn

Ein gelbes Früchtchen und fangfrischer Fisch

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Aus diesen Früchten gewinnt man Sanddornlikör, Sanddorngeist oder Sanddornsaft

In der »märkischen Streusandbüchse« bei Glindow und Petzow wird Sanddorn kultiviert und im September geerntet. Dabei werden die Früchte nicht etwa am Zweig gemolken, sondern die Zweige mitsamt den Früchten abgeschnitten und anschließend schockgefroren. Erst dann erfolgt das Abschütteln der Früchte und deren weitere Verarbeitung.

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Das kleine Mitbringsel aus Sanddorn

Zwölf Sorten von Obstweinen, so berichtet der Kellermeister Ulrich Landmann, werden im Petzower Gartenbaubetrieb hergestellt. Dabei orientiert man sich an der Fruchtfolge, beginnt mit Rhabarberwein und endet mit Sanddornwein. In eigener Rezeptur wird der Sanddornlikör hergestellt, der sich durch eine kräftige, leuchtende Farbe und durchgehende Trübe auszeichnet. Die im Unternehmen hergestellten Sanddornbrände  sind ebenso beliebt wie die auf Fruchtsaftbasis gewonnenen Liköre.

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Das Wahrzeichen von Werder: die Heilig-Geist-Kirche

Werder an der Havel lockt zur Obstbaumblüte Zehntausende in die Stadt und auf die umliegenden Obsthöfe. Menschen drängen sich in den mit Kopfstein gepflasterten Gassen, an denen in Rot und Lindgrün getauchte eingeschossige Fischerhäuser Spalier stehen. Wahrzeichen Werders sind die von Andreas Stüler entworfene,  neogotische Heilig-Geist-Kirche und die betriebsfähige historische Bockwindmühle, die von Klossa ihren Weg an die Havel fand.

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Der Kahn hat ausgedient

An Land gezogene Fischerkähne, zum Trocknen aufgespannte Reusen und der Geruch von geräuchertem Aal, Hecht und Zander sind untrügliche Zeichen dafür, dass in Werder noch Berufsfischer für fangfrischen Fisch sorgen, der in kleinen Rauchstuben verarbeitet wird. Wer zwischen Kitsch und Trödel eine Fischsuppe probieren möchte, kehrt nach dem Spaziergang an der Havel im »Kuddeldaddeldu« ein.

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Das Ende eines Fisches: die Räucherkammer

Wein aus dem kühlen Norden

Nur wenigen ist bekannt, dass auf dem Werderaner Wachtelberg edle Trauben gedeihen. Es eines der nördlichsten Anbaugebiete für Qualitätswein. Der auf einer Höhe von 58 Metern gelegene Weinberg befindet sich überwiegend im Besitz der Stadt und wird von der Familie Lindicke betrieben. Unterhalb der Terrasse der Wirtschaft stehen Reben der Sorte Müller-Thurgau; neben Regent die wohl wichtigste Rebe des Wachtelberger Weinbaubetriebs. Laien wundern sich, dass vor den Rebstockreihen Stockrosen stehen. Des Rätsels Lösung: Rosen sind Mehltauanzeiger.

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Gekeltert und versektet wird nicht vor Ort, sondern in Bad Kösen und in einer Sektkellerei an der Mosel, doch auf die Verkostung muss man nicht verzichten. Die Straußenwirtschaft »Weintiene« – benannt nach einem topfähnlichen Holzgefäß, das den Bauern zum Obsttransport auf die Märkte diente – ist zwischen Mitte Juni und Mitte Oktober für Weinfreunde geöffnet. Bis zu acht Weine kann man in einer kleinen Weinprobe auswählen. So hat man die Qual der Wahl nicht nur zwischen trockenen und halbtrockenen Weinen, sondern auch zwischen dem dunkelroten Regent mit seinem vollmundigen, fruchtigen Geschmack und dem in die Nähe eines Rieslings kommenden Saphira.

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Für den Secco stand ein Preußenkönig Pate

Ein preußisches Landschlösschen in Brandenburg

Wer von Caputh spricht, denkt nicht nur an die Kurfürstin Dorothea und ihr kleines Landschlösschen, sondern auch an Albert Einstein, der hier einige Jahre die Sommer verbrachte und mit seinem Segelboot über den See dümpelte. Das Schlösschen Caputh mit seiner Sichtbeziehung zum Templiner See ist ein eher bescheidener Fürstensitz. Die Anlage umschließt einen Schlosshof, in dem alle zwei Jahre sommerliche Schlosskonzerte stattfinden. Seit der Grundsteinlegung ist das in Gelbocker und Weiß getauchte Schloss nahezu unverändert geblieben.

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Ein kurfürstliches Lustschlösschen: Schloss Caputh am Templiner See

Die Küche befand sich dort, wo heute Kasse und Museumsladen untergebracht sind. Blickt man vom Vestibül in den Garten, so sind keine barocken Gartenanlagen, sondern ein englischer Landschaftspark zu sehen, der auf Ideen von Peter Joseph Lenné basiert. Ebenso wie die ausgestellten Möbel, so sind die hundert Gemälde im Schlösschen zwar dem Schlossinventar, aber eben nicht einzelnen Räumen zuzuordnen. Dennoch ergeben Möbel und Gemälde einen Eindruck vom kurfürstlichen Lebensstil um 1700. Verschwunden sind Wandbehänge und Teppiche. Keine Goldlederprägetapete schmückt die Räume, die vornehmlich in Sandfarben getaucht sind. Neben dem Schlafgemach der Kurfürstin und des Kurfürsten gehört auch eine Porzellankammer mit holländischen Fayencen zur Ausstattung.

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Neben dem Schloss Caputh lebte das einfache Volk

Das zentrale Deckengemälde der Porzellankammer zeigt die auf Wolken thronende Borussia (die Personifikation Brandenburg-Preußens) in Begleitung einer Mohrin, die als Hinweis auf die Besitzungen an der westafrikanischen Goldküste zu interpretieren ist. Reich mit Stuck ausgestaltet ist der Festsaal. Minerva als Beschützerin der Künste und Wissenschaften ziert das Deckenbild. Eine Ahnengalerie römischer Imperatoren, darunter das von Peter Paul Rubens gemalte Porträt von Julius Caesar, befindet sich im Vorgemach des Kurfürsten. Sehenswert ist im Kellergeschoss der so genannte Fliesensaal, der mit Bildmotiven von spielenden Kindern, Landschaften, Schiffen und aus dem holländischen Alltagsleben ausgekleidet ist und in den warmen Sommermonaten als Speisesaal diente.

Bei Einstein zu Hause

Ganz im Sinne Schinkels wurde Mitte des 19. Jahrhunderts die von Friedrich August Stüler entworfene Kirche unweit des Schlosses errichtet. Wer sich für das Leben Albert Einsteins und des Architekten Konrad Wachsmann – dieser entwarf das Einsteinsche Sommerhaus in Caputh – interessiert, sollte sich im Bürgerhaus die Ausstellung »Einsteins Sommer-Idyll in Caputh« anschauen.

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Die Gartenseite des Sommerhauses von Albert Einstein

Auch wenn Konrad Wachsmann nach der Emigration in die USA mit Walter Gropius, dem Bauhausgründer, zusammengearbeitet hat, so kennen ihn nur wenige als trendbestimmenden Baumeister. Dabei hat er sich besonders um den modularen Holz- und Stahl-Skelettbau Verdienste erworben. Das Sommerhaus der Familie Einstein, das an einem Hang dicht am Waldrand erbaut wurde und dem Physiker zwischen 1929 und 1932 als Refugium diente, ist wohl sein bekanntester Entwurf. Einstein war als Bauherr recht eigenwillig und so musste sich Wachsmann seinen Wünschen beugen und zur Gartenseite hin schmale, vertikale französische Fenster mit weißen Fensterläden ausführen lassen.

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Bullauge und französische Fenster im Holzhaus eines Physikers

Eher den Ideen Mies van der Rohes verbunden sind die Aufstelzung der Sonnenterrasse im ersten Geschoss und die breite Fensterfront unterhalb dieser mit Planken belegten Terrasse. Typisch für Wachsmanns Entwurf sind die schmalen Treppenaufgänge und Flure. Die Räumlichkeiten im Inneren sind mit Sperrholz aus nachdunkelnder Oregon-Pine verkleidet. Die Originalmöblierung, die nicht mehr vorhanden ist, war spartanisch, aber dennoch oder gerade deshalb hat Einstein sich in Caputh wohlgefühlt.

 

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