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Schwerin und das Schloss 

Text und Fotos: Beate Schümann

Am Schloss führt kein Weg vorbei. Es ist der Mittelpunkt, nicht nur optisch in der Stadt Schwerin und als Herzstück der Sieben-Seenlandschaft. Sondern auch politisch, als Sitz des Landtags Mecklenburg-Vorpommerns, und historisch als Stammhaus der mecklenburgischen Herzöge. Malerisch und ockergelb erhebt sich das Schloss mächtig am Ufer des Schweriner Sees, genauer gesagt auf der Burginsel. Bei Betrachtern löst es Ausrufe des Entzückens aus, und schnell kann man sich in fantastische Bilder versteigen, um dem Zauber verbal irgendwie Ausdruck zu verleihen: Dornröschenschloss, Schloss der Götter und Engel, Neuschwanstein des Nordens, Chambord Deutschlands.

Schwerin / Schloss

Blick auf das Schweriner Schloss

Und alles stimmt irgendwie. Man könnte Stunden träumen, sich von der glitzernden Goldkuppel blenden lassen, den fotogenen Erzengel Michael einfangen, Türme und Türmchen zählen, nicht zu vergessen die vielen Nischen, Erker und Balustraden, Fenster und Flügel, hinter denen sich manch Geheimnis einer fast 1000-jährigen Geschichte verbirgt. In der großen Nische über dem Hauptportal hat Wendenfürst Niklot und Stammvater der Mecklenburger seinen Platz, der auf einem Pferd reitend die Besucher begrüßt.

Was man heute sieht, ist 150 Jahre alt. Denn Niklots Burg wurde um 1160 von Heinrich dem Löwen, dem Stadtgründer Schwerins, in Brand gesetzt und vernichtet. Der dramatische Tod des letzten Obotriten ist zwar besser belegt als die Schweriner Stadtgründung. Doch Heinrich reitet als Stifter munter durch die Annalen und auf den Stadtwappen. Von der slawischen Burg bis zur Fürstenresidenz wurde unablässig gebaut, geändert, erweitert. Die späteren Epochen lassen sich gut ablesen, etwa die Renaissance am Terrakottafries vom Bischofshaus oder die Neogotik der Schlosskirche. Am prägendsten wirkte ab 1843 Hofbaumeister Georg Adolph Demmler, ein Schinkelschüler, der sich von Schloss Chambord an der Loire inspirieren ließ und dem Ensemble sein heutiges Gesicht gab. Vollendet wurden seine Baupläne jedoch von dem Berliner Architekten August Friedrich Stüler. Kunsthistorisch wird das Baudenkmal dem Historismus zugeordnet.

Schwerin / Schloss

Das Schloss in Schwerin

Zum Lustwandeln ist der Schlosspark da, der die herrschaftliche Pracht des alten Fürstenhauses durch die Gartenbaukunst des 18. Jahrhunderts versinnbildlicht. Vom einstigen Offizierskasino aus lässt er sich in seiner Gänze erfassen. Wie eine Wasserkaskade, die es um 1819 tatsächlich einmal gab, fließt der Rasen bis hin zum Kreuzkanal. Er bildet den Kern des Barockgartens, die symmetrische Sichtachse auf das Schloss. Gartenarchitekt Jean Legeay konzipierte die klare Grundstruktur im 18. Jahrhundert, um die fürstliche Macht und den Herrschersitz so richtig in Szene zu setzen. So war es gedacht, eine perfekte Perspektive. Doch dann kam Herzog Friedrich Franz II., der sich nach dem Vorbild seines Herrscherkollegen Marc Aurel in Rom eine Reiterstatue für den Schlossgarten machen ließ und es 1883 mitten in die zentrale Achse hineinstellte.

Doch das stört heute keinen großen Geist. Rundherum blühen die Rabatten, in denen tausende Blumenzwiebeln stecken. Freiflächen wechseln sich mit Hainen ab. Die erneuerten Lindenalleen links und rechts des Kanals mögen durch die Symmetrie erst etwas streng wirken, erscheinan aber bald doch wie ein Lustwäldchen samt der aufgereihten Nymphen-Sklupturen. Schon Mitte des 19. Jahrhunderts öffnete der Fürst den Garten fürs Volk. Seither flanieren Schweriner und Gäste zwischen Flora, Bacchus, Diana, Hermes und an anderen allegorischen Gartenplastiken, unter schattigen Alleen, Laubengängen, um sich wie einst zu zeigen, sich zu begegnen und sich an der Gartenpracht zu verlustieren. Betreten der Rasenparterren ist erlaubt. Im Burggarten auf der Schlossinsel werfen schwülstige Bronzeplastiken und Engelsskulpturen ihre Schatten. Grotte, Orangerie, Kolannadenhof und die kleine Liebesinsel offerien sich als lauschige Plätzchen.

Schwerin / Alter Garten

Alter Garten

Wer noch nicht müde ist, kann kann die verschlungenen Wege vom repräsentativen Teil in den vom preußischen Gartenkünstler Peter Joseph Lenné gestalteten englischen Garten am Südufer des Schweriner Sees gehen. In der scheinbar unberührten Natur wurden die Lennéschen Sichtachsen zum Faulen See und zum Greenhousegarten anlässlich der Bundesgartenschau in 2009 wieder freigelegt. Exotische Baumriesen ragen auf, die plötzlich Lichtungen Raum geben.

Wenn auch wenig an die BUGA 2009 erinnert, der Garten des 21. Jahrhunderts blieb. Ein Garten der Zukunft sozusagen, einer mit rosigen Aussichten und einem Versprechen: La vie en rose. Vielleicht eine Art Wellness-Garten. Die verantwortliche Architektin Katharina Schröder fand, dass ein Garten der Zukunft eine klare Formensprache haben müsse, ein Kontrast zu den historischen Gärten. Deshalb ist die Grundstruktur klar rechteckig, die auf der Wasserfläche des Burgsees zu schweben scheint. Wenn der Besucher erst das eckige Kolonnadenportal, das perspektivisch direkt in den Garten-Spa führt, durchschritten hat, gelangt er in eine sanft gewellte Hügellandschaft. Nichts Kantiges, nichts Scharfes, nichts Sperriges stört den Blick. Er bleibt an keinen hohen Bäumen hängen, ergötzt sich an Rasen, Gräsern, Stauden und Blumen, fliegt an zarten Robinien einfach vorbei und bleibt am Ende an der Residenzsilhoette aus der Fürstenzeit haften. Alles gleitet und fließt. Wasser plätschert, umspielt die Ruhetreppen und das ganze Areal – eine schwimmende Wiese.

Schwerin / Markt

Auf den Ruhetreppen kann man die Schuhe ausziehen und die Zehen im Wasser kühlen. Von hier hat man erst die stadtseitige Uferpromenade im Visier, die zur Buga völlig neu gestaltet wurde. Wandert der Blick weiter, sieht man den hohen Turm des Domes. Hat man sich satt gesehen, sichtet man die strahlend weißen Residenzgebäude, die zu Hofarchitekt Demmlers Meisterwerken zählen. Im Schulterschluss folgen das neobarocke Mecklenburgische Staatstheater, das trotz geringer Mittel täglich kleine Wunder auf die Bühne bringt, und das palastartige Staatliche Museum, das für seine Sammlung holländischer und flämischer Maler international bekannt ist und mit Ausstellungen glänzte wie etwa „Sommergäste“ in 2011 mit Werken von Alexej Jawlensky, Marianne Werefkin, Edvard Munch, Lyonel Feininger und Erich Heckel. Spätestens jetzt bemerkt der Betrachter, wie stark Stadt und Wasser miteinander verwoben sind. Nur noch ein paar Zentimeter und das Auge gleitet über die ockerfarbene Brücke zum Märchenschloss. Da will man gar nicht wieder aufstehen. Für die eigene rosige Zukunft ist aber leider jeder selbst verantwortlich. Nicht einmal im Garten des 21. Jahrhunderts blühen Rosen.

Von der Burginsel führt die Schlossbrücke mit eleganten Kandelabern und Schilderhäuschen in die Altstadt. Rund anderthalb Millionen Tagesgäste pro Jahr sehen sich das famose Schloss an, schippern mit der „Weißen Flotte“ über den sechzig Quadratkilometer großen Schweriner See und trinken Kaffee in einem der vielen Cafés. Dann fahren sie wieder und kennen nichts von den Sorgen der Stadt. Keine Industrie, keine Universität, zu wenig Gewerbe und vom Tourismus allein kann Schwerin nicht leben. Der Sparkurs zwingt zu harten Einschnitten.

Schwerin / Pfaffenteich

Pfaffenteich

Am Pfaffenteich, wo Enten, Schwäne und Möwen die Terrassentreppe umrudern und gierig nach zugeworfenen Brotkrumen tauchen, ist dann die leichte Heiterkeit der Bewohner wieder zu spüren. Der Fährmann lenkt seinen „Pfaffenkreuzer“ wie früher auf Zuruf über den See und kassiert pro Tour einen Euro. „Tach schön“, grüßen sich die Leute, die sich unter der doppelreihigen Lindenallee begegnen. Gemütlich klingt das. Am kleinen See stehen stattliche Bürgerhäuser, alle renoviert. An die neue Farbe des Arsenals, die viele Schweriner wurmte, hat man sich inzwischen gewöhnt. Denn die Denkmalschützer konnten nachweisen, dass Hofbaumeister Demmler, auf dessen Zeichenbrett auch das großherzogliche Waffenlager im Tudorstil entstand, nicht weiß, sondern genau dieses Ocker ausgesucht hatte. Es sehe nach Leberwurst aus, spötteln manche immer noch.

Schwerin / Post

Das Vorzeigeviertel ist die Schelfstadt, ein beliebtes Wohnviertel, das mit Läden, Restaurants und Bars heute das „In“-Quartier ist. Der mecklenburgische Herzog Friedrich Wilhelm gemeindete es 1705 ein und förderte systematisch die Ansiedlung von Handwerkern und Händlern, was die große Zahl von Fachwerkhäusern erklärt. Um 1830 machten sich Beamte und Hofbedienstete im schlossnahen Quartier breit, um 1870 entstanden vornehme Mietshäuser. Vom Zweiten Weltkrieg fast vollständig verschont, mischen sich am Schelfmarkt wie in keinem anderen Viertel Barock, Klassizismus, Jugendstil und Gründerzeit.

Viele der alten Plätze und Straßen - die Münz-, die Puschkin- und die Schlossstraße oder der Ziegenmarkt -, sind penibel wiederhergestellt und beliebte Viertel geworden. Im schönen Schein der sanierten Fassaden fühlt man sich da von Gebäuderuinen überrumpelt, die auf ungeklärte Besitzverhältnisse deuten, trist verbarrikadierte Läden und mit Postern überklebte Schaufenster – und das in bester Lage. Offene Wunden aus der DDR-Zeit, die seit einigen Jahren kontinuierlich und aufwändig geschlossen werden.

Schwerin / Dom

Am Markt kommt man Heinrich dem Löwen wieder auf die Spur, was in dieser Stadt fast unausweichlich erscheint. Wenige Meter vor demSäulenhaus, in dem früher einmal Markt abgehalten wurde, ragt die die Löwensäule von Peter Lenk in die Höhe. Der Nürnberger Bildhauer stellt spöttelnd Heinrich als Städtegründer, aber auch –zerstörer, als stolzen Herrscher und apokalyptischen Reiter dar. Die kritische Geschichtspyramide von 1995 war heftig umstritten. Denn Stammvater Niklot hin oder her, in Wahrheit lieben die Schweriner Heinrich den Löwen mehr, weshalb später am Dom eine Gegenstatue vom Löwen aufgestellt wurde.

Unterdessen schaut der altehrwürdige Dom dem Treiben und der Schönheitspflege in seinem Umfeld zu. Für seine eigene Restaurierung sammelt die Gemeinde weiter Spenden. Der 120 Meter hohe Turm bietet den besten Ausblick auf die Stadt und die weite Seenlandschaft. Vor dem Genuss stehen allerdings 220 Stufen. Von oben kann man natürlich auch das Schloss wieder sehen, ausschweifend am See gelegen und irgendwie märchenhaft.

 

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