Reisemagazin schwarzaufweiss

Kultur in vielen Facetten

Auf Rückerts Spuren nach Schweinfurt und Coburg

Text und Fotos: Rainer Heubeck

Wenn man sich vorstellen will, wie Friedrich Rückert ausgesehen haben mag, dann kann man sich das Rückert-Denkmal auf dem Schweinfurter Marktplatz anschauen. Dort sitzt der Schriftsteller und Orientalist seit dem Jahr 1890 in einem Sessel und sieht grimmig-versonnen auf den Platz hinab.

Schweinfurt - Rückert-Denkmal auf dem Marktplatz

Rückert-Denkmal auf dem Markplatz von Schweinfurt

Oder aber man spricht mit dem Historiker Dr. Rudolf Kreutner, der sich seit Jahrzehnten für die Stadt Schweinfurt und für die Friedrich-Rückert Gesellschaft um das Erbe des vor 150 Jahren verstorbenen Genies kümmert.

Schweinfurt - Historiker Dr. Rudolf Kreutner - Friedrich-Rückert Gesellschaft

Historiker Dr. Rudolf Kreutner

Wenn man hingegen wissen will, was für ein Mensch Rückert war, wieso er sich in Berlin, wo er von 1841 bis 1848 eine Professur innehatte, nie heimisch gefühlt hat und wenn man erkunden will, wo Rückert wirklich aufgeblüht ist, dann muss man Rückerts langjähriges Wohnhaus in Coburg-Neuses besuchen. Friedrichs Ururenkel Klaus Rückert und dessen Frau Christel halten dort bis heute einige Möbel aus dessen Zeit in Ehren und sie haben ihr Haus in eine Art bewohntes Museum verwandelt. Nicht weit davon entfernt finden sich ein Rückert-Park mit Rückert-Büste sowie der Friedhof der Pfarrkirche St. Matthäus – dort wurde Friedrich Rückert vor 150 Jahren begraben. Und wer einen kleinen Spaziergang macht, kann auch Rückerts geliebtes Gartenhaus auf dem Goldberg sehen, das sich heute noch im Besitz von Nachkommen des Dichters befindet.

Rückert-Büste in Coburg-Neuses

Rückert-Büste in Coburg-Neuses

Nach Coburg war Friedrich Rückert im Jahr 1820 gekommen. Ihn lockte die Bibliothek des Herzogs. Direkt gegenüber dieser Bibliothek quartierte er sich in einem Mansardenzimmer ein. Heute befindet sich in diesem Haus ein Puppenmuseum, doch auch an Rückert wird dort gedacht. In Coburg fand Rückert nicht nur geistige Anregung in der Herzogsbibliothek, er traf hier auch die Liebe seines Lebens. Luise Wiethaus, die Stieftochter seines Vermieters. Die beiden heirateten im Jahr 1821 und ein intensiver Briefwechsel bezeugt ein sehr inniges Verhältnis zwischen dem Zwei-Meter-Mann und der nur 1,56 Meter großen Luise. Das Hochgefühl der Liebe hat Rückert auch literarisch festgehalten – in seinem Buch „Liebesfrühling“ finden sich rund 400 recht schwärmerische Gedichte. Ein gut erhaltenes Exemplar des Buches befindet sich heute in den Beständen der Landesbibliothek Coburg. Bibliotheksdirektorin Dr. Silvia Pfister ist zudem stolz drauf, Rückerts handschriftlichen Original-Eintrag in das Leserverzeichnis der Bibliothek vorzeigen zu können.

Coburg - Bibliothek - Schrift

Rückerts handschriftlichen Original-Eintrag

Im Jahr 2016 rechnen Schweinfurt und Coburg mit kulturinteressierten Besuchern, denn da der Dichter vor 150 Jahren verstorben ist, und zwar am 31. Januar 1866, ist das ganze Jahr 2016 zum Rückert-Jahr ausgerufen worden. Im Januar bereits wurde in Coburg ein Rückert-Preis vergeben. Ein Literaturpreis, der sich – aktueller kann ein Thema kaum sein – mit der Literatur der islamischen Welt befasst. Am 8. April wird dann in der Schweinfurter Kunsthalle, die im ehemaligen Sachs-Bad untergebracht ist, eine Rückert-Ausstellung eröffnet, die bis zum 10. Juli andauert und die später auch in Erlangen, wo Rückert ebenfalls längere Zeit eine Professur hatte, und in den Räumen des Coburger Kunstvereins gezeigt werden soll. Sie stellt Rückerts Leben von der Geburt im Jahr 1788 bis zum Tod im Jahr 1866 dar und informiert über sein Schaffen als Dichter, Orientalist und Zeitkritiker – und sieht Rückert letztlich als eine Art Weltpoet.

Mit Gästeführer Klaus Reimann in Schweinfurt

Mit Gästeführer Klaus Reimann in Schweinfurt

Doch auch jenseits der Ausstellung ist es nicht schwer, in den beiden Städten Rückerts Spuren zu folgen. Als Chronist Friedrich Leonhard Enderlein führt Gästeführer Klaus Reimann Besucher durch Schweinfurt. Dabei trägt er einen schwarzen Gehrock, einen Spazierstock und eine Lodenmütze. Er versetzt seine Gäste in die Welt des Jahres 1855. Damals lebte Rückert längst in Neuses bei Coburg, weshalb man ihm bei der Führung auch nicht persönlich begegnen kann. Doch dafür baut der Stadtführer in seine Rundgänge, die in der Nähe von Rückerts Geburtshaus am Schweinfurter Marktplatz beginnen, passende Rückert-Zitate ein. Mit einer Passage belegt er, dass es Friedrich Rückert, der in Schweinfurt das Städtische Gymnasium besucht und mit Prädikat abgeschlossen hatte, viel lieber gewesen wäre, wenn die Stadt Mainfurt oder Weinfurt genannt worden wäre. Die Schweine waren ihm, so scheint es, einen Tick zu ordinär. Die Tourismusvermarkter sehen das heute anders – sie sagen sich „Schweinfurt hat Schwein“ und haben sich direkt vor die Touristeninformation den Touri-Toni aufgestellt, ein ausgesprochen farbenprächtiges Schwein, das beweist, dass nicht nur bunte Hunde für öffentliche Aufmerksamkeit sorgen, sondern auch kunterbunte Schweine. Toni steht nun tagsüber draußen vor der Tür der Touristeninformation, nur wenige Meter von Rückerts Geburtshaus und von der Rückertstraße entfernt.

Rückert-Gedenkstätte in Neuses

Rückert-Gedenkstätte in Neuses

Das Rückert-Denkmal am Schweinfurter Marktplatz, das sich ebenfalls in Sichtweite befindet, macht die verschiedenen Facetten des Dichters deutlich. Es erinnert zum einen an seine „geharnischten Sonette“, an Spottgedichte auf Napoleon, mit denen sich der junge Rückert 1811 unter dem Pseudonym Freimund Reimar für die deutsche Nation und gegen den Franzosenkaiser positionierte. Und es zeigt eine allegorische Figur, die Rückerts Werk „Die Weisheit des Brahmanen“ symbolisiert. Ein Werk, das, wie die gesamte Orientbegeisterung Rückerts, auch aus dem Zeitgeist erklärt werden muss. Der Orient war im 19. Jahrhunderts en vouge, bei Adligen und Kaufleuten ebenso wie bei Malern und Literaten. Goethe veröffentlichte 1819 den West-östlichen Divan, und bald darauf reisten Hunderte von Schöngeistern Richtung Orient. Rückert hingegen war eher ein Elfenbein-Orientalist, er konnte zwar die Hochsprachen und lernte insgesamt 44 Sprachen aus sieben verschiedenen Sprachfamilien. Dennoch hätte er sich mit den Menschen in der arabisch-persisch-indischen Welt nicht verständigen können, und er hatte diese Weltregion auch nie bereist. Was trieb ihn dennoch an, sich so intensiv in so vielfältige Sprachen und Kulturen zu vertiefen? Es war die Suche nach der Ursprache und dem Urmythos der Menschheit, die Suche nach dem Weltgeist.

Kulturlandschaft Schweinfurt und Coburg

Eine Reise ins Frankenland, nach Schweinfurt und Coburg, lohnt nicht nur wegen Friedrich Rückert. Das unterfränkische Schweinfurt, früher eine freie Reichsstadt, später ein Zentrum der Metall- und Kugellagerindustrie, ist eine vergleichsweise wohlhabende Stadt – und verfügt über ein erstaunlich vielfältiges kulturelles Angebot. Die Schweinfurter Kunsthalle konzentriert sich auf Kunst der klassischen Moderne und der Gegenwart, das Museum Georg Schäfer präsentiert die bundesweit bedeutendste Privatsammlung der Kunst des 19. Jahrhunderts, darunter auch mehrere Spitzweg-Originale. Kulinarisch hingegen zeigt sich die Region eher bodenständig, man ist stolz auf deftige Schlachtplatten und kredenzt dazu mainfränkischen Wein.

Schweinfurt - Kunsthalle

In der Kunsthalle in Schweinfurt

Das oberfränkische Coburg hingegen beeindruckt durch herzogliche Traditionen. Die Gründerzeitarchitektur konnte in der Stadt hervorragend erhalten werden, denn obwohl Coburg in der Nazizeit überaus braun war, wurde die Stadt – ganz im Gegensatz zu Schweinfurt – von alliierten Bomben weitgehend verschont. So blieben auch die vier Coburger Schlösser erhalten: die Ehrenburg, Schloss Callenberg, Schloss Rosenau und die Coburger Veste. Die Special Relationship des Herzogsturms mit dem englischen Könighaus, das erst im Jahr 1917 vom „Haus Sachsen-Coburg in Großbritannien“ in „Haus Windsor“ umbenannt worden war, führte dazu, dass Coburg während des zweiten Weltkriegs unter dem Schutz der Queen stand. Auch andere Königshäuser haben enge Beziehung mit Coburg, so wurde der belgische König Leopold I, der von 1831 bis 1865 regierte und der als der „Onkel Europas“ gilt, als Prinz Leopold von Sachsen-Coburg auf der Coburger Ehrenburg geboren. Der bulgarische Zar und Fürst Ferdinand II. hatte ebenfalls Coburger Vorfahren und lebte nach seiner Abdankung noch viele Jahre in Coburg. 1948 wurde er in der Coburger St. Augustin-Kirche beigesetzt. Auch Kronprinzessin Victoria von Schweden entstammt dem Herzogshaus. Ihr Vater König Carl Gustaf ist der Ururenkel von Queen Victoria und dem aus Coburg stammenden Prinz Albert. Auch die spanischen, norwegischen und dänischen Königshäuser stammen zum Teil von den Coburger Herzögen ab, vor allem dank der geschickten Heiratspolitik Queen Victorias.

Coburg - Ehrenburg

Ehrenburg

Rückert-Forscher Dr. Rudolf Kreutner weiß auch, wie das Feuer zwischen Queen Victoria, die ohnehin Coburger Wurzeln hatte, und dem Coburger Prinzen Albert entfacht wurde. Prinz Albert, so berichtet er, habe mit einem Liebesgedicht von Rückert um Victorias Hand angehalten. Im Jahr 1810, als Therese von Hildburghausen am 6. Oktober nach München aufbrach, um den Kronprinzen Ludwig von Bayern zu ehelichen, war Rückert ebenfalls involviert. Unter dem Titel „An eine fürstliche Braut“ verfasste er ein Hochzeits- und Abschiedsgedicht. Nach Therese von Hildburghausen ist bis heute die Münchener Theresienwiese benannt – und erst seit ihrer Hochzeit im Jahr 1810 feiert man in München alljährlich das Oktoberfest.

Stadthaus am Marktplatz in Coburg

Stadthaus am Marktplatz in Coburg

Während Schweinfurt durch seine Museen beeindruckt, lohnt in Coburg ein Besuch des Landestheaters am Schlossplatz, eines Drei-Sparten-Hauses, das aus dem herzoglichen Hoftheater hervorgegangen ist. Vom 8. bis zum 10. Juli 2016 zeigt sich Coburg noch von einer ganz anderen Seite: Dann wird die Innenstadt zum Schauplatz des größten Sambafestivals Europas, einer Veranstaltung, die in diesem Jahr bereits zum 25. Mal in der Herzogsstadt stattfindet. Dass Friedrich Rückert, wäre er noch am Leben, mittanzen würde, ist schwer vorstellbar – vermutlich wäre er eher in seine Bücher vertieft. Oder er würde in dieser Zeit der Stadt Schweinfurt einen Besuch abstatten, ein Kontakt, den er auch zu Lebzeiten gehalten hatte. In der Regel absolvierte er die rund 140 Kilometer lange Strecke zwischen den beiden Städten zu Fuß – und Urlauber, die es ihm nachtun wollen, können dabei einem bestens markierten Wanderweg folgen, der als Rückert-Weg durch die idyllischen Haßberge führt. Geht man auf diesem Weg vom Rückert-Geburtshaus in Schweinfurt nach Coburg-Neuses, kann man dem Dichter und Orientalisten dort an seinem Grab eine letzte Referenz erweisen.

Cobrug-Neuses - Grabstätte von Friedrich Rückert

 

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